Grand Prix: Brünn/CZ (Archivversion)

Bradl hebt ab

Stefan Bradl absolvierte beim Brünn-Grand Prix sein Meisterstück – und fuhr aus der vierten Startreihe zu seinem ersten Sieg.

Nach sechs Runden im ersten Zeittraining von Brünn verbrannte Stefan Bradls Kupplung. Nach einem neunminütigen Boxenstopp reichte es gerade noch für eine fliegende Runde und den 13. Platz. Tags darauf im Abschlusstraining regnete es, und so blieb’s bei dem Platz in der vierten Startreihe.

Doch dann kam jener Sonntag, an dem der Amerikaner Michael Phelps in Peking zu seiner achten olympischen Goldmedaille schwamm. Und auch beim Grand Prix der Tschechischen Republik bahnte sich eine Sensation an. Bereits im morgendlichen Warm-up zeigte Bradl mit Platz sechs, dass er sich in der Qualifikation unter Wert verkauft hatte. Jetzt, zwei Stunden später bei der Startaufstellung, klopfte ihm sein Papa Helmut auf die Schulter und raunte: "Stefan, wenn der Start funktioniert, ist das heute dein erster Grand-Prix-Sieg. Du glaubst es vielleicht selber nicht, doch du hast es wirklich in der Hand."

Wie schon bei Platz zwei auf dem Sachsenring hatte der Vater seinem Sohne zum härtesten verfügbaren Hinterreifen geraten, und wie dort hatte Stefan den Reifen im Warm-up angefahren, um im Rennen sofort voll angreifen zu können. "Außer uns hat nur Simone Corsi diesen harten Reifen gewählt. Aber wir wussten: Unser Reifen hält auf alle Fälle durch", verriet Helmut Bradl, der 1991 den letzten deutschen GP-Sieg in Brünn gefeiert hatte, im Jahr zuvor dagegen mit verschlissenem Hinterreifen "böse eingegangen" war. "Und das wollte ich meinem Jungen ersparen."

Es war nicht die einzige Entscheidung, bei der das Kiefer-Team ins Schwarze traf. Schon für den Deutschland-Grand-Prix hatte Aprilia einen neuen, verbesserten Motor geliefert, doch weil das Team am Sachsenring getestet und bereits ein perfektes Setup für Bradls Motorrad ausgetüftelt hatte, wurde das Debüt des neuen Aggregats vertagt. Jetzt, auf der schnellen Strecke in Brünn, war der richtige Zeitpunkt gekommen. "Wir haben die Devise, immer bei der Logik zu bleiben", meinte Cheftechniker Jürgen Lingg, der sich bei der Abstimmung des neuen Motors auch durch das nasse Wetter nicht aus der Bahn werfen ließ. "Es gibt gewisse Daten, die man ebenso im Regen sieht. Alle anderen sind nur im Kreis gefahren. Für uns aber war das ein wichtiger Test fürs Rennen. Das hat nur niemand mitgekriegt."

Deshalb ahnte kaum jemand, was an diesem Tag tatsächlich in und unter Stefan Bradl steckte. Bis er sein Feuerwerk abbrannte. Von Platz 13 gestartet, bog der 18-jährige Werkspilot schon als Achter in die erste Kurve ein, und als er an sechster Stelle aus der ersten Runde zurückkam, ballte Papa Helmut an der Box die Faust: "Heute ist alles drin."

Tatsächlich ließ der entscheidende Angriff nicht mehr lange auf sich warten: Nach drei Runden hebelte sich Stefan in Führung, gab sie noch einmal kurz ab, fuhr dann aber souverän davon.

KTM-Rookie Jonas Folger war gleich nach dem Start mit defekter Kupplung aus-gerollt, Sandro Cortese holte einen starken siebten Platz, Mike di Meglio baute seine WM-Führung aus – all das ging unter, als Bradl nach der Zieleinfahrt als erster deutscher GP-Sieger seit Steve Jenkner 2003 in Assen auf eine umjubelte, trotzdem merkwürdig verhaltene Auslaufrunde ging. "Ich hab’s einfach nur genossen", meinte er hinterher. "Am Anfang habe ich noch gewartet, dass einer der Streckenposten mit einer Deutschlandflagge auftaucht, doch es kam keiner. Ich bin halt noch kein Valentino Rossi, der die Show auf der Ehrenrunde bereits vorher plant."

Warum auch – die Show im Rennen war unterhaltsam genug. "Der Stefan hat das gut geregelt heute. Perfekt", grinste Teamchef Stefan Kiefer, der das Rennen "relaxed, ohne große Nervosität" verfolgt hatte, weil man "jetzt einfach weiß, dass Stefan Bradl in der Spitze angekommen ist". Mit ihm rieb sich auch Grizzly-Gas-Chef Alfred Gangelberger die Hände. "Alle hatten ihn letztes Jahr schon abgeschrieben. Jetzt ist der Gegenbeweis umso schöner", strahlte er. "Wir bleiben auf jeden Fall zusammen mit Stefan. Wir wollen ihn bis in die MotoGP-Klasse bringen – das ist unser Ziel."

Einen gewaltigen Schritt in die Richtung hat Stefan Bradl in Brünn absolviert. Vater Helmut: "Stefan hat im richtigen Moment angegriffen, ist souverän vorausgefahren und konzentriert geblieben. Dafür bewundere ich ihn. Er hat heute sein Meisterstück abgeliefert."
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Stoner patzt unter Druck (Archivversion)

Die Bridgestone-Piloten waren der Konkurrenz auf Michelin-Reifen klar überlegen, doch Weltmeister Casey Stoner verspielte seine Siegchance – zugunsten von Valentino Rossi.
Dani Pedrosa humpelte und litt immer noch an den Nachwirkungen seines Sachsenring-Crashs, doch was den Repsol-Honda-Star beim Brünn-Grand-Prix am meisten schmerzte, war die indiskutable Performance seiner Michelin-Reifen. "Ich schäme mich schnell – und doch war mir in meiner ganzen Karriere noch nichts so peinlich wie diese Fahrt heute", stöhnte der Spanier nach dem Balanceakt zum 15. Platz, bei dem er nach dem Start kurz mal an sechster Stelle aufgetaucht war, um dann völlig wehrlos nach hinten durchgereicht zu werden. Am Schluss fürchtete der Mann, der die WM im ersten Saisondrittel souverän angeführt hatte, sogar überrundet zu werden.

Mit Andrea Dovizioso als bestem Michelin-Piloten auf Rang neun erlebte der französische Reifenhersteller ein bislang noch nie dagewesenes Fiasko, das sich eher mit Managementfehlern als mit dem Mangel an der nötigen Technologie erklären lässt. Schon für den US-Grand-Prix wurden viel zu harte Gummimischungen eingepackt, obwohl die weitgereisten Michelin-Techniker hätten wissen müssen, wie schnell sich die Streckenbedingungen bei dem vom Pazifik heraufziehenden Nebel ändern können. Für den Brünn-GP räumte Michelin-Renndienstchef Jean-Phillip Weber einen weiteren Regiefehler ein. "Wir haben hier im Juni getestet und Haltbarkeitsprobleme unserer Vorderreifen aufgedeckt, die Tragweite der Situation bei der Auswertung der Daten aber unterschätzt", seufzte er. Viel Kredit hat Michelin bei seinen MotoGP-Teams nicht mehr, Pedrosa fordert unverhohlen "aggressive Entscheidungen", sprich einen Wechsel der Reifenmarke. Selbst Einheitsreifen wurden in Brünn für die Zukunft plötzlich wieder ein Thema.

Angesichts der chancenlosen Michelin-Piloten wurde das Rennen zum Durchmarsch für Bridgestone. Loris Capirossi, der bei Suzuki noch um eine Vertragsverlängerung kämpft, nutzte die Gunst der Stunde und fuhr auf Platz drei. Toni Elias erwischte einen jener seltenen Momente perfekter Motorradabstimmung mit seiner Alice-Ducati und pflügte von Startplatz 14 auf Rang zwei. König der Bridgestone-Piloten war freilich Valentino Rossi, der genau ein Jahr zuvor die Trennung von Michelin beschlossen hatte und jetzt eine weitere Bestätigung seiner Entscheidung erlebte. Der fünfte Saisonsieg war gleichzeitig eine Vorentscheidung im Titelkampf, denn mittlerweile hat Rossi satte 50 Punkte Vorsprung in der WM-Wertung.
Nur ein Bridgestone-Pilot feierte nicht, und das war Rossis Gegner Casey Stoner. Der Weltmeister hatte das Training klar dominiert und die sechste Pole Position hintereinander erbeutet, führte vom Start weg überlegen, spürte aber doch den zweitplatzierten Valentino Rossi im Nacken, der im Abstand von einer Sekunde hinterherfuhr und sich einfach nicht abschütteln lassen wollte. In der zwölften Runde ließ sich Stoner dann ins Verderben hetzen: Ein Sturz übers Vorderrad setzte seinem Rennen und womöglich auch seiner verzweifelten Jagd nach der Titelverteidigung ein jähes Ende. "50 Punkte gegen einen so konstanten Fahrer wie Rossi aufzuholen wird ein hartes Brot", stellte er fest. "Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage – wir kämpfen weiter." fk

Moto-GP: zu gefährlich (Archivversion)

Bei einem Fahrermeeting zur Frage, wie man die ausufernden Kurvengeschwindigkeiten drosseln und den MotoGP-Sport sicherer machen könne, kamen in Brünn einige interessante Vorschläge auf den Tisch, die Carmelo Ezpeleta, Chef der Grand-Prix-Vermarktungsfirma Dorna, nun mit den beteiligten Motorradherstellern diskutieren will: schmalere Reifen, ein um zehn Kilogramm höheres Mindestgewicht, eine Rückkehr von 800 zu 990 cm? Hubraum mit gleichzeitiger elektronischer Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit oder auch ein Verbot der Fly-by-wire-Systeme, um den Piloten die vollständige Kontrolle über das Gas zurückzugeben. Sogar Einheitsreifen wurden gefordert – gegen den erbitterten Widerstand von Bridgestone-Star Casey Stoner. "Stimmt, in den letzten drei Rennen war Bridgestone überlegen. Aber die Leute haben ein kurzes Gedächtnis: Denn bis dahin hat Michelin-Pilot Pedrosa die WM angeführt", argumentierte der Weltmeister. fk

Streit um Werks-Honda (Archivversion)

Seit Nicky Haydens Wechsel von Honda zu Ducati als beschlossene Sache gilt – in Brünn fehlte der Amerikaner wegen einer Motocross-Verletzung –, herrscht bei Honda Amerika Panik. Ein amerikanischer Top-Fahrer im MotoGP-Sport wird dort aus Marketinggründen dringend gebraucht, doch scheiterte Honda USA bei dem Versuch, den bei Suzuki Amerika frei-werdenden Ben Spies als Hayden-Nachfolger ins Repsol-Honda-Team einzuschleusen. Lediglich ein Platz in einem Satellitenteam wäre für Spies zu haben. Dass Andrea Dovizioso tatsächlich Haydens Nachfolger bei Repsol-Honda wird, steht freilich noch keineswegs so fest, wie bisher angenommen. In Brünn erhielt nicht Dovizioso, sondern Shinya Nakano eine echte Werksmaschine, angeblich zur Entwicklungshilfe für die nächste Generation an Leasingmaschinen. Dovizioso war so sauer, dass er demonstrativ mit dem Suzuki-Team zu verhandeln begann. Klar ist indes Marco Melandris Wechsel von Ducati zu Kawasaki, wo er Anthony West verdrängen wird. fk

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