Grand Prix in Barcelona/E (Archivversion)

Wie Katz« und Maus

Von der Papierform her hätten die bärenstarken Werks-Honda auf der Hochgeschwindigkeitspiste in Barcelona überlegen sein müssen. Doch Yamahas Weltmeister Valentino Rossi spielte mit seinen Gegnern.

Nach dem Sturz in Italien hatte Sete Gibernau seine Titelhoffnungen aufgegeben, doch bei seinem Heim-Grand-Prix in Barcelona relativierte er seine
Aussagen. »Es wird sehr, sehr schwer, nochmals an Valentino heranzukommen. Doch ich werfe nicht das Handtuch. Dieses Rennen hier muss zum Wendepunkt
meiner Saison werden«, meinte der Spanier. Dann holte er sich mit seinem Teamkollegen Marco Melandri im Schlepptau die Pole Position und begann tatsächlich, an die Wende zu glauben.
Er lag in Führung, doch der Traum von Gibernau und von über 105000 Fans
auf den Rängen platzte drei Runden vor Schluss des MotoGP-Rennens. Denn da ritt Valentino Rossi seinen Angriff. Der
»Doctor« überholte nicht nur, er fegte seinen Gegner mit einem neuen Rekord von 1.43,195 Minuten, 1,5 Sekunden schneller als der alte Bestwert, von der Piste. »Das zeigt, wie erfolgreich Michelin an der Haltbarkeit der Reifen gearbeitet hat«, staunte Rossi selbst.
Vor allem aber zeigte es wieder einmal, dass der Weltmeister immer dann, wenn
es darauf ankommt, noch ein Ass aus dem Ärmel zaubern kann. »Mein Motorrad wird immer besser. Es ist schnell und agil, lässt sich leicht und präzise in die Kurven einlenken«, hatte er schon im Training erklärt. Den neuen, stärkeren Motor, den Yamaha schon seit zwei Rennen im Gepäck hatte, musste sein Team nicht einmal auspacken – Rossi will mit keiner Neuerung antreten, die er nicht selbst gründlich getestet hat.
Weil es ihm »echten Fahrspaß« bereitet, mit seiner mittlerweile minutiös abgestimmten Yamaha YZR-M1 Gas zu geben, verbreitet er mittlerweile, er wolle sich so frühzeitig wie möglich auf einen neuen Vertrag mit den Japanern einigen. Ein Fabel-Angebot von Marlboro-Ducati mit 30 Millionen Dollar Jahresgage? Bei Ducati müsste
sich Rossi zu sehr dem Stil des Hauses unterordnen, beide Seiten fürchten um die
jeweils eigene Legende. Wahrscheinlich ist, dass er noch vor dem Brünn-Grand-Prix einen neuen Einjahresvertrag bei Yamaha unterschreibt.
Schlechte Aussichten für seine Gegner, denen nach Rossis fünftem Sieg im sechsten Rennen nur noch wenig einfällt. Außer, in der Suppe der eigenen Technik nach Haaren zu suchen. »Zunächst lief alles wunderbar. Ich fühlte mich physisch stark, das Motorrad lief perfekt, und ich habe mir eine halbe Sekunde Vorsprung aufbauen können. Doch etwa acht Runden vor Schluss bekam ich Probleme mit dem Hinterreifen, ich konnte nicht mehr schnell genug in die Linkskurven einbiegen«, erklärte Sete Gibernau. Über das Gefühl, diesen übermächtigen Gegner im Nacken gehabt zu haben, der ihn aussichtslos
in die Enge trieb wie eine Katze im Spiel mit der Maus, sprach er nicht. »Es ist ein Fehler, immer über Rossi nachzudenken. Ich konzentriere mich auf meinen eigenen Rhythmus, plane mein eigenes Rennen. Mehr kann ich ohnehin nicht tun«, hatte
er schon im Training versucht, den Kopf frei zu kriegen.
Da hat es sein Teamkollege leichter. »Ich werde Rossi angreifen«, hatte Marco Melandri nach seiner Bestzeit am ersten Trainingstag angekündigt. Gefordert wird dies von dem Senkrechtstarter der Saison, der sich noch ohne jeden Druck austoben kann, freilich nicht. Wenn Gibernau hinter Rossi Zweiter wird, ist dies eine Niederlage, wenn Melandri wie in Barcelona Platz drei erkämpft, ist das ein Erfolg, auch weil er derzeit Platz zwei in der Punktetabelle behauptet. »Die Weltmeisterschaft? Das ist eine Angelegenheit zwischen Rossi und Valentino«, fügte er sich nach Rennende denn auch gut gelaunt in die herrschenden Kräfteverhältnisse.
Auch Ducati sorgte entgegen aller Hoffnungen, die Loris Capirossis dritter Platz
in Mugello geschürt hatte, für kein Wunder. Grund für die magere Ausbeute mit den Rängen elf und zwölf für Checa und Capirossi waren die Bridgestone-Reifen. Schon bei den Vorsaisontests im März hatte der japanische Hersteller auf der neu asphaltierten Catalunya-Piste Grip- und Haltbarkeitsprobleme registriert, die sich mit neuen, besonders harten Spezialkonstruktionen für die schnellen Kurven und die
340 km/h-Zielgerade ebenfalls nicht lösen ließen. Die Hinterreifen der Ducati drehten durch, die Bridgestone-Piloten Alex Hofmann auf Kawasaki und Suzuki-Star John Hopkins kamen zu einem Reifenwechsel an die Box, weil die Lauffläche aufzureißen begann. Shinya Nakano rettete seine Kawasaki als bester Bridgestone-Pilot gerade so auf Rang neun über die Linie.
Dass Rossi unantastbar ist, haben die spanischen Fans mittlerweile akzeptiert und dem Ausnahmekönner trotz seines harten Angriffs auf Sete Gibernau beim Saisonauftakt in Jerez einen freundlichen Empfang bereitet. Auf vielen Bannern rund um die Strecke war weniger von Sete und der Fehde der beiden Superstars die Rede als von Nachwuchspiloten wie Hector Faubel, Jorge Lorenzo und, natürlich, 250er-Weltmeister Dani Pedrosa. Der steht in der Popularität mit Sete Gibernau mindestens auf einer Stufe und ist seit seiner Unterschrift bei Repsol-Honda für die MotoGP-WM 2006 die neue Zukunftshoffnung für den spanischen Grand-Prix-Sport.
Während Faubel bei den 125ern ausrutschte und Lorenzo bei den 250ern zu Boden ging, rettete Pedrosa denn auch
die Fiesta der spanischen Fans – und fuhr
im hektischen, von zahlreichen Stürzen
gekennzeichneten 250er-Rennen zu einem souveränen Sieg.
Anzeige

Grand Prix Barcelona/E (Archivversion) - Soldat mit stumpfen Waffen

Hondas Hoffnungen lagen zu Beginn der MotoGP-Saison 2005 ganz bei Max Biaggi – er sollte den an Yamaha
verlorenen Titel zurückholen. Doch der Römer tut sich schwer und steuert stramm Richtung Abstellgleis.
Als Max Biaggi nach dem Italien-Grand-Prix in Mugello an die Repsol-Honda-Box zurückkehrte, spendeten die Ingenieure und Manager der Honda Racing Corporation HRC ergriffen Szenenapplaus.
So viel Beifall für einen zweiten Platz war eine eher ungewöhnliche Gemütsregung für ein derart erfolgsverwöhntes Team, das seit 1994 fünf WM-Titel mit Michael Doohan, einen mit Alex Crivillé und drei weitere mit Valentino Rossi erobert
hatte. Doch seit Rossis letztem Honda-Sieg beim Saisonfinale 2003 in Valencia, seit der Superstar abtrünnig wurde und zu Yamaha wechselte, fährt Honda dem Erfolg hinterher. Und bei mittler-
weile 23 Rennen ohne Repsol-Sieg haben auch vergleichsweise kleine Erfolge ihre Bedeutung.
Die Hoffnung, dass sich die Modifikationen an Biaggis Showa-Gabel auszahlen und sich nach dem Mugello-GP alles zum Guten wenden könnte, erfüllte sich allerdings nicht. Biaggi
kämpfte sich mit Mühe auf den vierten Trainingsplatz, verlor vier Zehntelsekunden auf die Bestzeit und meinte: »Die Yamaha sind hier schneller. Sie können besser in die Kurve einbiegen.« Rossi konterte sofort: »Das sagt er bloß, weil er Honda und an der vierten Stelle fährt. Immerhin sind vier Honda unter den ersten fünf.«
Dass die Telefonica-Maschinen von Sete
Gibernau und Marco Melandri das Feld anführten, war ein schwacher Trost für Max Biaggi, der in Barcelona wieder mit bekannten Problemen kämpfte. Beim Einbiegen stempelte seine Maschine entweder übers Vorderrad nach außen, oder sie keilte mit der Hinterhand aus. Ein Problem, das desto schwieriger zu kontrollieren wurde, je stärker die Reifen abgefahren waren.
Teamkoordinator Erv Kanemoto bestätigt
die Fahrwerksprobleme. »Wir glauben Max und
sehen es außerdem am Data Recording. Doch es ist schwierig, die Ursache aufzuspüren. Da gibt’s keine logisch wiederkehrende Abfolge. Wir kommen zu manchen Strecken, und Max hat weniger Schwierigkeiten. Dann reisen wir frohgemut
weiter, und plötzlich ist es wieder da. Bislang ist uns noch nicht gelungen, eine Basis-Einstellung zu finden, die überall leidlich funktioniert und von der aus wir aufbauen können.«
Weil andere, beispielsweise Honda-Neuling Marco Melandri, deutlich unbeschwerter Gas
geben können, wird viel auf Biaggis Fahrstil
geschoben. »Es ist sicher richtig, dass Max seine Maschine anders benutzt als seine Kollegen. Aber dieser Stil hat ihm auch fünf Weltmeister-
titel eingebracht. Unsere Aufgabe ist, ihm die
richtige Maschine für seinen Stil zu bauen«, hält Erv Kanemoto fest.
In diesem Punkt wenigstens herrscht zwischen den Ingenieuren und ihrem Star Einigkeit. »Honda und ich haben die gleichen Hoffungen, den gleichen Traum. Ich bin der Soldat, sie sind die Maschine. Wir müssen nur auf die richtige
Art und Weise zusammenspielen, dann können wir Yamaha besiegen«, erklärt Biaggi und hat den Blick unerschütterlich auf eine gute gemeinsame Zukunft ausgerichtet – zumindest im Interview.
Hinter den Kulissen hat seine Ungeduld schon eine Menge Porzellan zerschlagen, so auch bei den Wintertests in Jerez, wo er sich stocksauer in sein Wohnmobil zurückgezogen hatte und abreisen wollte. Seit dem Le-Mans-GP freilich redet Max, als habe er Kreide gegessen:
Dort nämlich unterschrieb 250er-Weltmeister Dani
Pedrosa für Repsol-Honda – sehr zum Verdruss seines bisherigen Sponsors Telefonica Movistar, der als Konterattacke versucht, Repsol mit einer Jahres-Offerte von geschätzten 18 Millionen Euro als Hauptsponsor bei HRC auszuhebeln.
Mit Pedrosas Verpflichtung zieht sich allmählich die Schlinge zu für die derzeitigen Repsol-Honda-Piloten. Einer von beiden, Hayden oder Biaggi, muss auf jeden Fall gehen. Hayden hat noch einen Vertrag bis 2006 und weist Gerüchte entrüstet von sich, HRC werde ihn im nächsten Jahr in die Superbike-WM stecken.
Bleibt die Frage, ob Max Biaggi bei HRC eine Zukunft hat. Über die ferneren Perspektiven, ob er das Ruder in der WM womöglich doch noch herumreißen kann und was seine weiteren Ziele sind, lässt sich der Star nur wohlgesetzte Phrasen entlocken. »Mein höchstes Ziel ist, ein gutes Rennen zu fahren. Danach konzentriere ich mich auf das nächste. Ich verliere weniger Energie, wenn ich Schritt für Schritt vorgehe. Ich konzentriere mich ganz auf den Augenblick.« fk

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote