Grand Prix in Mugello/I (Archivversion)

Aus Spaß an der Freud’

MotoGP-Weltmeister Valentino Rossi hat seine Formel-1-Pläne ad acta gelegt – und als wäre damit bei ihm ein Knoten geplatzt, lieferte er sich beim Heim-GP in Mugello mit seinem Kumpel Loris Capirossi das Rennen des Jahres. Es endete in einem packenden Duell, an dem Gewinner und Verlierer gleich viel Spaß hatten.

S ie küssten und sie schlugen ihn. Sie rissen am Leder und pochten gegen den Helm. Sie warfen ihn zu Boden und begruben ihn, bis nur noch zwei gelbe Beine zu sehen waren. Die, die in dem dichten Knäuel ekstatischer Fans hinten anstanden, boxten sich durch, um ihren Helden wenigstens einmal berühren zu können, wie einen Heiligen, der Segen bringt. Andere, die dem Allmächtigen nicht ganz so nahe kamen, fielen auf die Knie und küssten den Asphalt der Strecke. Und das war nur die Vorhut. Ausgerüstet mit Fahnen und gelben »46«-Schildern, stürmten die Tifosi wie eine siegreiche Armee über die hohen Zäune der Naturtribünen auf die Mugello-Piste und wälzten sich als riesige Woge in Richtung Zielgerade, wo sie unter dem Podest zu Jubelgesängen anhoben, musikalisch begleitet von einer Armada von Scootern, die minutenlang auf Maximaldrehzahl kreischten.
Grund zu so viel Jubel gab es reichlich beim Italien-Grand-Prix, wo Loris Capirossi mit einem heldenhaft erkämpften zweiten Platz die WM-Führung zurückholte und vor allem Valentino Rossi endlich wieder einen Sieg feiern konnte. Ein Sieg, der in mehrfacher Hinsicht doppelt zählte. Einmal, weil der Heim-GP für die italienischen Stars
a priori doppelt zählt. Zum zweiten, weil der Sieg, so die gute Hoffnung seiner Fans, die Rückkehr zu jenem Glück bedeutet, das den Weltmeister in den letzten Rennen verlassen hatte. Nach dem Ausfall in Le Mans, verursacht durch einen gebrochenen Ventil-Kipphebel, hatte Rossis Cartoon-Hund Guido auf der Sitzbank unter klirrendem Frost von »-43« gelitten, doch jetzt zeigten sich erste Ansätze bevorstehenden Tauwetters: Rossi hat seinen Rückstand in der WM-Tabelle auf 34 Punkte verkürzt und frohlockte in Frühlingsgefühlen. »Seit wir in Le Mans das neue Chassis zur Verfügung haben, fühlt sich meine Yamaha wieder
an wie zu besten Zeiten, als ich ein
Rennen nach dem anderen gewonnen habe. Ich bin überzeugt: Ich kann in jedem der verbleibenden elf Rennen aufs Podest
fahren«, kündigte er kämpferisch an.
Von einer bevorstehenden Siegesserie sprach er nicht. Wohlweislich. Denn gleichzeitig musste der Weltmeister eingestehen, dass er von mehr gefährlichen Gegnern denn je umzingelt wird. So turbulent und spannend, wie der Mugello-GP dank beinharter Führungskämpfe und ständiger Positionswechsel für die Zuschauer war, so schwer musste Rossi für den Erfolg ackern. Das galt fürs Finale gegen Loris Capirossi und Nicky Hayden, in dem Rossi auf seine unnachahmliche Art zu zaubern begann und auf den letzten Kilometern einen Vorsprung von einer halben Sekunde aus dem Ärmel schüttelte. Viel härter noch war die Arbeit, die bereits nach der 15. Runde auf ihn gewartet hatte: Rossi wollte seine Gegner für eine Weile von hinten studieren und machte Platz für das Ducati-Duo Capirossi und Sete Gibernau, worauf sofort auch noch Nicky Hayden und Marco Melandri auf ihren Fünfzylinder-Honda vorbeiflitzten. »Früher sind bei einem solchen Manöver ein, höchstens zwei Gegner in die Lücke gestoßen. Heutzutage kommt gleich ein ganzes Geschwader an. Ich hatte schon Angst, den Anschluss zu verpassen«, schilderte Rossi. »Die MotoGP-Klasse ist so ausgeglichen wie noch nie, es gibt
mindestens fünf Fahrer, die jederzeit für
einen Sieg in Frage kommen.«
Zwei davon sind die Ducati-Piloten, wenn, wie in Mugello, deren Bridgestone-Reifen durchhalten. Schon im Training standen die Zeichen auf Erfolg, wobei Sete
Gibernau die geplante Dramaturgie etwas durcheinander brachte und vor Lokal-
matador Capirossi die Pole Position be-
anspruchte. Im Rennen führte der Spanier drei Runden lang und kämpfte auch
danach hingebungsvoll gegen seinen Erz-
rivalen Rossi weiter, verlor dann aber eine Karbon-Schutzkappe am rechten Stiefel. Gibernau schliff sich den kleinen Zeh blutig, fiel vor Schreck zurück und wurde Fünfter. »Es ist immer ein Vergnügen, Gibernau zu besiegen«, meinte Rossi genüsslich.
Pünktlich mit Setes Problemen übernahm Capirossi den Ducati-Staffelstab. Nach schlechtem Start war der kleine Italiener zunächst an diskreter achter Stelle anzutreffen gewesen. »Ich habe die Kupplung zu lange schleifen lassen. Außerdem musste ich meine Angriffslust in den ersten Kurven zügeln, weil ich harte Reifen drauf hatte«, berichtete Capirossi später. »Doch ich fand bald Vertrauen in den Grip. Als ich Rossi und Gibernau erreichte, sah ich, dass ich mehr drauf hatte als sie, und zog an beiden vorbei.«
Andererseits hatte er bei seiner Auf-
holjagd auch eine Menge Gummi liegen lassen. »Die letzten Runden mit Valentino sind immer ein harter Brocken. Wir haben uns mehrfach gegenseitig überholt, und ich hatte Siegchancen, weil ich im letzten Teilstück schneller war als er. Leider hatte ich schon eingangs der letzten Runde
einen Vorderradrutscher und dachte mir: Was tust du da, geh’ bloß keine unnötigen Risiken ein. Am Ende wurde ich knapp Zweiter, und wenn die Gefechte so spek-
takulär sind, ist das auch ohne Sieg ein schönes Ergebnis«, freute sich Capirossi.
Zumal ihm der Erfolg die Führung in der WM-Tabelle bescherte. »Die Meisterschaft hat für uns gut begonnen und geht gut weiter, wir können ruhig schlafen«, rieb er sich die Hände. »Wir haben zusammen mit Ducati-Corse-Direktor Filippo Preziosi intensiv daran gearbeitet, das Motorrad
zu verbessern, und zwar gegen seinen
Instinkt: Als guter Ingenieur will er stets mehr Pferdestärken, ich habe stattdessen bessere Fahrbarkeit gefordert.«
Punktgleich mit Capirossi an der WM-Spitze steht nun Nicky Hayden. Der 24-jäh-
rige US-Amerikaner spielte nach schlechtem Start mit wachsendem Ehrgeiz vorn mit und holte als Dritter seinen vierten
Podestplatz 2006. Eine realistische Siegchance hatte er im Heimspiel der italie-
nischen Superstars jedoch nicht. Was
ihm blieb, war die Genugtuung als bester
Honda-Pilot: Daniel Pedrosa wurde Vierter, Marco Melandri verspielte alle Chancen mit einem Ausritt in der 18. von 23 Runden – und Casey Stoner leistete sich den
ersten kapitalen Rennsturz der Saison.
Damit war der junge Australier in bes-
ter Gesellschaft von Alex Hofmann, der mit seiner Dunlop-bereiften Ducati ausrutschte. Viel schwerwiegender als das vorzeitige Rennende ist der andauernde Ärger von Teamchef Luis d’Antin über die kaum konkurrenzfähigen Dunlop-Reifen, weshalb der Spanier nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr in einer offiziellen Presseerklärung eine volle Breitseite abschoss. »Trotz aller Meetings mit den Dunlop-Chefingenieuren fehlen uns Problemlösungen, und das gefährdet die sportlichen und ökonomischen Interessen des Teams, der Fahrer und der Sponsoren auf ernsthafte Weise. Diesmal hatte Carlos Checa einen anderen Reifen zur Verfügung als wir, aus unserer Sicht der Dinge eine Verletzung der vertraglichen Vereinbarungen mit Dunlop...
Mir bleibt nichts, als Dunlop dringend zur Erfüllung der vertraglichen Verpflichtungen aufzurufen. Andernfalls sehe ich mich gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten,« drohte er an.
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Grand Prix Italien (Archivversion)

D er angenehmste Teil des Mugello-Grand-Prix fand für mich am Samstagabend statt. In unserer Team-Hospitality stieg eine Party, bei der nicht weniger als sechs Schönheitsköniginnen zu Gast waren – von »Miss Italy« bis zu »Miss Eleganza«. Weniger schön war, was mir im Rennen passierte: Ich sah, dass Carlos Checa, James Ellison und auch Chris Vermeulen nicht so rich-
tig von mir wegfahren konnten, worauf bei mir
die Rennfahrerpferdchen durchgingen und ich
in einer Bergab-Rechtskurve übers Vorderrad gestürzt bin. Bemerkenswerte Resultate hätte freilich auch eine Zielankunft nicht mit sich gebracht. Im Jahr 2003 bin ich auf der damals gewiss nicht konkurrenzfähigen Kawasaki 53 Sekunden nach dem Sieger ins Ziel gekommen, diesmal lief Checa mit 56 Sekunden Rückstand ein – auf der letzt-
jährigen Weltmeister-Yamaha wohlgemerkt. Das spricht für sich und zeigt, wo wir derzeit mit den Dunlop-Reifen stehen.
Ich habe den Rest des Rennens dann als Zuschauer genossen – wie Michael Schumacher auch, der mit zeitweise offenem Mund am Streckenrand stand. Der MotoGP-Lauf war beste Werbung für unseren Sport, und natürlich freut’s mich für Ducati und Loris Capirossi, dass sie so mitspielen und am Ende womöglich auch ein Wörtchen um den Titel mitreden können. Der Motor der Ducati ist über alle Kritik erhaben, nur was das Fahrverhalten angeht, ist die Ducati immer noch ein sehr spezielles Motorrad. Im Vergleich zu anderen erinnerte der Fahrstil von Loris trotz Supergrip in Mugello immer noch an einen Rodeoritt. Wobei es gegen einen wie Rossi natürlich auch schwer ist. Es beeindruckt mich, wie der in den letzten Runden stets noch einen Pfeil im Köcher hat und davonzieht.
Dass Valentino sich entschieden hat, bei Yamaha zu bleiben und der Formel 1 einen Korb zu geben, finde ich gut. Das ist ein unschätzbarer Gewinn für den MotoGP-Sport.

Grand Prix Italien (Archivversion) - Formel 1 – nein danke

Valentino Rossi gab beim Mugello-Grand-Prix offiziell seine Vertrags-
verlängerung mit Yamaha bekannt und erklärte, warum er zu Ferrari und der Formel 1 endgültig »nein danke« sagte.
Y amaha-Teammanager Davide Brivio wirkte erleichtert. »Es hätte schlimmer kommen können. Sagen wir, das Ganze kostet uns
so viel wie im vorigen Jahr«, erklärte er zur Vertragsverlängerung mit dem siebenfachen Champion Valentino Rossi. Zwölf bis 15 Millionen Euro Gage von Yamaha, dazu rund acht Millionen Werbeeinnahmen lauten die aktuellen Schätzungen.
Finanziell also hatte Rossi den Wechsel zur Formel 1 sicher nicht nötig – zum Glück, wie nicht nur die Motorradsportfans, sondern auch seine Konkurrenten sagen. »Wenn er jetzt schon gegangen wäre, hätte ich alles versuchen müssen, ihn
bereits in diesem Jahr zu besiegen. So aber habe ich noch etwas Zeit«, meinte Marco Melandri. »Wir sind hier, um uns mit den Besten zu messen. Und deshalb ist es gut für uns alle, dass Rossi bleibt – eine Entscheidung, die ich im Übrigen nie bezweifelt habe«, ergänzte Loris Capirossi.
Capirossis einfache Logik: Wenn Rossi im Motorradsport mehr Geld verdient als er trotz allem Luxus jemals ausgeben wird – warum sollte er dann etwas tun, was ihm wahrscheinlich weniger Spaß machen wird? »Ich habe die Entscheidung mit dem Herzen getroffen«, bestätigte Rossi selbst. »Ich bin heute noch nicht so weit, dem Motorradsport den Rücken zu kehren.«
An das kurze Formel-1-Abenteuer mit drei Tests in Fiorano, Mugello und Valencia hat Rossi gute Erinnerungen. »Was mich am meisten begeistert hat, war die enorme Bremsverzögerung und die fantastische Kurvengeschwindigkeit. Du fährst so schnell, dass eine Kurve nur
einen Augenaufschlag lang dauert. Du musst dich zwingen, gleich zwei Kurven vorauszudenken«, erzählte er mit leuchtenden Augen.
Trotzdem war die Formel 1 nicht die schöne neue Welt, mit der er sich hätte schnell anfreunden wollen. »Als Motorradrennfahrer setzt du deinen ganzen Körper ein, nicht nur die Hände und Füße. Zudem bist du Herr der Renntaktik. Du entscheidest, wie du dir deine Reifen einteilst, wann und wo du überholst.
In der Formel 1 gibt es Leute, die
dir von außen erklären, was du zu machen hast, und dir den Weg
zu einem guten Resultat ebnen«, versuchte Rossi eine Erklärung, die nicht alle Beobachter überzeugte. »Ein Formel-1-Pilot hat weniger Freiheit als ein Motorradrennfahrer? Wenn ich mir nur vorstelle, dass irgendjemand so etwas glaubt, muss ich schon lachen«, spottete etwa sein arbeitsloser Erzfeind Max
Biaggi aus der Ferne.
Unzweifelhaft ist dagegen, dass Rossi es genießt, in seinem Sport ganz oben angekommen zu sein – und dass der Drang, ständig neue Herausforderungen anzunehmen, mit den Jahren etwas nachgelassen hat. »Die drei Ferrari-F1-Tests haben mir gezeigt, dass ich mithalten kann. In Fiorano war ich nur eine halbe Sekunde hinter dem Rundenrekord. Auch in Mugello war ich sehr schnell. Ich hätte mich mit
den Gegnern messen können – von
Michael Schumacher vielleicht abgesehen«, erläuterte Rossi weiter.
Außerdem wies er die von Renault-Teamchef Flavio Briatore geschürten Gerüchte von sich, er wäre
am Ende womöglich nicht Ferrari-Werksfahrer geworden, sondern hätte sich im von Ferrari-Motoren angetriebenen Red-Bull-Team hochdienen müssen. »Es war eine Entscheidung zwischen Yamaha und Ferrari. Man hat mich dort mit
offenen Armen empfangen, das
Verhältnis mit Teamchef Stefano Domenicali, den Ingenieuren, dem ganzen Team war fantastisch. Ich weiß, dass ich als offizieller Ferrari-Werksfahrer in der Planung war.
Natürlich gab es jemanden, der mich in einem anderen Auto haben wollte«, spielte er auf Briatore an. »Denn dieser jemand ahnte, dass Rossi und Rosso eine magische Formel geworden und für ihn –
zumindest in Italien – nur Brosamen übrig geblieben wären.«
Doch trotz aller Vorschusslorbeeren war Rossi klar, dass der Weg an die Formel-1-Spitze steinig geworden wäre. »Ich hätte mich mit Leib und Seele einsetzen, alles für den Erfolg opfern müssen. Doch mit 20 Jahren denkst du anders als mit 27. Ich
war nicht bereit, mein ganzes Leben für die Formel 1 zu opfern«, seufzte er. Wie eng der Grat zwischen Sekt
und Selters sein kann, hat er in der
laufenden MotoGP-Saison zur Genüge erlebt. Auf diese etwas härtere Weise hat er nach seiner Serie von Rückschlägen die Motivation wieder gefunden, das zu betreiben, was er am allerbesten kann.
Eine rasante Aufholjagd für die Titelverteidigung steht dabei ebenso
auf dem Programm wie die reizvolle Aufgabe, die 800-cm3-Yamaha für die ab 2007 neue MotoGP-Formel zu entwickeln. Abstecher wie die Auto-Rallye, die Rossi fast schon traditionell zum Saisonende bestreitet, werden Ausnahmen bleiben.
Spannend dürften seine Zukunftsentscheidungen trotzdem weiterhin sein, denn auch innerhalb der Welt der Motorräder gibt es für Rossi noch unerfüllte Träume. »Ich würde sehr gern auf einem italienischen Motorrad antreten«, verriet Rossi schon vor Wochen. »Bei Yamaha fühle ich mich ein bisschen wie
in einem italienischen Team, weil
viele Italiener bei uns arbeiten. Doch
natürlich ist und bleibt Yamaha
ein japanisches Werk. Irgendwann in Zukunft auf einem italienischem Motorrad zu fahren und zu gewinnen – das wäre ein Traum.« fk

Grand Prix Italien (Archivversion)

+++ Rossi sagt: »Ich kann in allen elf
verbleibenden Rennen aufs Podest fahren« +++

Grand Prix Italien (Archivversion)

+++ Capirossi weiß: »Die letzten Runden mit
Valentino waren schon immer ein harter Brocken +++

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