Grand Prix in Mugello/I (Archivversion)

Sieg, Folge 46

Valentino Rossis Startnummer war Programm in Mugello: Es ging um seinen 46. Sieg in der Motorradsport-Königsklasse. Ausgerechnet sein Ex-Erzrivale Max Biaggi hätte ihm in die Suppe spucken können...

Fünf Runden lang hielt Sete Gibernau im MotoGP-Rennen an vierter Stelle mit. Dann ging eine Woge der Begeisterung durch die 88000 Zuschauer auf den malerischen grünen Hügeln der Mugello-Piste: Denn der Spanier, Erzrivale des Nationalhelden Valentino Rossi, war übers Vorderrad gestürzt, und mit seiner Telefonica-Honda hatte er auch die vorläufig letzten Hoffnungen be-
erdigt, sich von seinem Fehlstart in die Saison erholen zu können.
»Das ist sicher nicht einfach wegzustecken«, dröhnte der Streckensprecher mitfühlend, während sich Gibernau noch den Staub aus der Kombi klopfte. »Ich suche nicht nach Entschuldigungen. Für mich zählte bei diesem Grand Prix nur der Sieg, und ich bin beim Versuch gestürzt, den Vorderleuten hinterherzufahren. Warum wir nicht die Ernte unserer guten Vorarbeit einfahren konnten, kann ich auch nicht erklären«, meinte der Pechvogel später dumpf.
»Bei Saisonbeginn war ich überzeugt, Sete werde mein schwierigster Gegner sein. Doch es zeigt sich mal
wieder, wie unberechenbar der Rennsport sein kann«, kommentierte Valen-
tino Rossi. Denn Gibernau war nach Rennende auf Platz vier der Wertung abgesackt, mit klar weniger als der Hälfte der Punkte seines großen Gegners. Und Marco Melandri, der sich vom Saisonstart weg beeilt hatte, dem Schatten seines berühmten Teamkollegen Gibernau davonzufahren, ließ auch bei seinem Heimspiel nichts anbrennen. Er wurde Vierter und steht nach wie vor als Rossis dich-
tester Verfolger in der Punktetabelle.
Neben dem Rollentausch im Gresini-Team bedeutete Gibernaus Sturz aber vor allem eines: Freie Fahrt für die italienischen Top-Piloten, die das Rennen der Königsklasse dominierten, wie seit fast vier Jahrzehnten nicht mehr. Vier Italiener beleg-
ten die ersten vier Plätze, ein Triumph, wie es ihn letztmals beim Monza-Grand-Prix 1968 gegeben hatte, als ein italienisches Quintett mit dem damaligen Nationalhelden Giacomo Agostini auf MV Agusta
vor Pasolini (Benelli), Bergamonti (Paton), Pagani (Linto) und Bertarelli (Paton) den Kuchen unter sich aufteilte.
Diesmal war es Rossi vor Biaggi, Capirossi und Melandri, und alle viere konn-
ten ihre jeweiligen Platzierungen als vollen
Erfolg verbuchen. »Ich hörte das Toben der Zuschauer, trotz Helm und Motorenlärm. Rang vier geht voll in Ordnung, immerhin bin ich Seite an Seite mit Capirossi in der letzten Kurve angekommen«, freute sich Melandri, der im Endspurt vier- oder fünfmal mit dem Ducati-Star die Plätze getauscht hatte.
»Unser Duell hat es Rossi und Biaggi
an der Spitze erlaubt, abzuhauen. Doch
ich kann zufrieden sein: Dieser Podest-
platz beweist, dass wir den Wiederaufstieg in die Weltspitze geschafft haben«, strahlte Loris Capirossi. Neben Rossi und Gibernau aus der ersten Reihe gestartet, führte Capirossi das Feld in die erste Kurve, fiel dann aber zunächst auf den fünften Platz zu-
rück, weil sein Hinterreifen noch nicht ge-
nügend Grip aufgebaut hatte. Im Endspurt
des Rennens jedoch erwies sich seine
Reifenwahl als richtig: Weil die harte Lauf-
flächenmischung das Tempo anstandslos
durchhielt, konnte er in der entscheidenden
Phase nochmal alle Register ziehen.
»Nach dem Le Mans-Grand-Prix habe ich meinen Fahrstil umgestellt. Bislang kannte ich bei der Gasgriffstellung nur
auf oder zu, jetzt versuche ich, das
Gas weicher aufzuziehen. Das schont die
Reifen und macht das Set-up einfacher«,
verriet der 32-Jährige. Bridgestone hatte an dem Erfolg einen beachtlichen Anteil: Nachdem die Hinterreifen des japanischen Herstellers im Vorjahr bei knapp 340 km/h Topspeed auf der 1,1 Kilometer langen Zielgeraden noch in Fetzen geflogen waren, funktionierte die neueste Generation der Multiple-Compound-Reifen mit harter, widerstandsfähiger Laufflächenmitte und weicheren, griffigeren Flanken in Mugello perfekt.
Nur die Superstars Rossi und Biaggi waren am Ende für Capirossi außer Reichweite. Vier Runden lang durfte Biaggi
dabei Erster sein. Drei Runden vor Schluss drehte Rossi den Spieß freilich wieder um und holte sich mit drei Zehntelsekunden Vorsprung den vierten Sieg der Saison.
Bei Biaggi überwog trotz der Nieder-
lage die Erleichterung über den Teilerfolg. Nach katastrophalen Ergebnissen zu Saisonbeginn hatte Biaggi in Le Mans ein Vier-Augen-Gespräch mit Suguru Kana-
zawa geführt und dem HRC-Präsidenten klar gemacht, dass Peinlichkeiten wie
der 14. Trainingsplatz in China nichts mit
seinem Fahrkönnen zu tun hatten. »Selbst
mit einem gebrochenen Bein fahre ich
normalerweise besser«, behauptete er. Danach wurde seine Repsol-Honda mit einer neuen Showa-Gabel versehen, außerdem die eklatantesten Probleme mit der Bordelektronik beseitigt.
»Zum ersten Mal in dieser Saison konnte ich meinen Rhythmus fahren. Wenn wir so weiter machen, können wir das
Ruder immer noch herumreißen und um die Meisterschaft mitkämpfen«, legte er sich nach dem Rennen ins Zeug. Ein Teil dieses Tatendrangs hängt freilich auch damit zusammen, dass Biaggi seine Felle bei Honda davonschwimmen sieht. Kanazawa hatte nämlich angedeutet, Dovizioso und Pedrosa seien aussichtsreiche Zukunftskandidaten für die Königsklasse.
Doch vorläufig gibt es keinen, der
gegen Rossi irgendetwas ausrichten kann. Beflügelt vom eigenen Erfolg, zeigte er sich im Training wie im Rennen überlegen und machte den Italien-GP zu genau jener Party, die sich die Fans gewünscht hatten. Mittlerweile ist Rossi derart populär, dass sich die Fans nicht mehr in einer Kurve
zusammenballen, sondern dass die gelben Fahnen mit der Nummer 46 rund um die Strecke flattern. Nachdem er schon alles erreicht hat, Titel, Reichtum und jetzt die Ehrendoktorwürde (siehe Reportage Seite 156), wünschen sie sich eigentlich nur noch eines: Dass er ihnen so lange wie möglich erhalten bleiben möge. Yamaha hat denn auch schon die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung aufgenommen – die Rede ist von 20 Millionen Euro Grundgehalt – und mit etwas Glück unterschreibt Rossi gleich für zwei Jahre.
Ein deutsches Team scheint an der Zusammenarbeit mit seinem Helden weniger Interesse zu haben: Kawasaki-Teamchef Harald Eckl verpflichtete Ersatzfahrer
Olivier Jacque für zwei weitere Rennen, obwohl sich der vorübergehend mit einem Kahnbeinbruch außer Gefecht gesetzte Alex Hofmann wieder fit gemeldet hatte. »Wir haben aus medizinischer Sicht
alle Register für eine schnelle Heilung
gezogen, von intensiver Physiotherapie
über Ultraschallbehandlungen bis hin zu Kalzium-reicher Ernährung. Vor anderthalb Wochen kam der Gips weg, kurz darauf bin ich bereits Motocross und Mountainbike gefahren«, erklärte Hofmann. Testfahrten auf einer Straßenmaschine in Hockenheim eine Woche vor dem Mugello-GP sagte
er auf Empfehlung von Eckl ab, er solle
bis zum Comeback lieber sein gewohntes Training fortsetzen.
Am Montag dann, aus heiterem Himmel, erfuhr er von Jacques Weiterverpflichtung. Hofmann hatte drei Tage lang »eine Wut im Bauch wie noch nie«, erkämpfte sich den Einsatz in Mugello mit dem
Hinweis auf seinen gültigen Vertrag und kam als beachtlicher Zwölfter ins Ziel,
sieben Sekunden hinter seinem zehnt-
platzierten Teamkollegen Shinya Nakano. Olivier Jacque trug derweil statt Lederkombi ein Teamhemd und schaute zu.
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Rossi, Valentino: Analyse seiner Beliebtheit in Italien (Archivversion)

Rossi is good? No, Rossi is god!” In riesigen Buchstaben verkündet das Plakat in der Correntaio-Kehre in Mugello das
aktuelle italienische Credo. Ähnliche Botschaften finden sich rund um die Rennstrecke – die Rossi-Mania scheint überzukochen. Und die grenzenlose Bewunderung für Valentino Rossi hat nicht nur
Motorsportfans, sondern ganz Italien erfasst. »Il fenòmeno” nennen ihn die Zeitungen wegen seines gleichermaßen phänomenalen
Umgangs mit Motorrädern, Medien und Menschen. Der Twen mit dem Lausbubengesicht bezaubert staunende Dreijährige ebenso wie pubertierende Teenager, pastakochende Mamas oder sportbegeisterte Großväter.
Die kollektive Schwärmerei äußert sich auf viele Arten. Rossis Startnummer 46 prangt auf Hemden, T-Shirts und Jacken der Designer-Mode genauso wie auf Rollern, Autos und Ape-Cars in den
Straßen von Bozen bis Palermo. Lifestyle-Zeitschriften hieven den
Rennfahrer auf den Titel, Fach- und Diplomarbeiten beschäftigen
sich mit ihm. Der bekannte Zeichner Milo Manara entwickelte eine
ganze Comic-Serie über Rossi und seinen Hund Guido, die der
italienische »Rolling Stone” ab Juli häppchenweise unters Fanvolk bringt. Und die Universität Urbino verlieh dem 26-Jährigen Ende Mai gar die Ehrendoktorwürde im Fach Kommunikationswissenschaften. Schulabbrecher Rossi meinte, er freue sich sehr, vor
allem, weil nun seine Mama Stefania zufrieden sei – womit er wiederum eine ganze Generation von Müttern zu Tränen rührte.
Der Weltmeister hat diese Ehrung durchaus verdient – »dafür muss-
te ich immerhin sechs WM-Titel holen” –, denn die Rossi-Mania entspringt tatsächlich seinem virtuosen Kommunikationsvermögen. Der Italiener ist originell und schlagfertig, wirkt heiter und vergisst nie seine Fans. So erschien er nach seiner Rekordrunde im Zeittraining von Mugello entspannt vor den Fernsehkameras und meinte: »Das wird bestimmt ein tolles Rennen. Ich hoffe bloß, dass es nicht regnet, denn sonst ist hier den vielen Zuschauern der Spaß doch etwas verdorben.” Im Vergleich zu ihm wirkten die Konkurrenten
Biaggi und Gibernau verbissen, viel zu sehr mit ihren eigenen
Problemen beschäftigt, um noch an andere zu denken.
Mit seinen Fans kommunziert Rossi außerdem über seine Arbeitskleidung. In Mugello etwa trug er einen extra für dieses Rennen entworfenen Helm, hinten mit der Aufschrift »il laureato” (übersetzt etwa: »Der Akademiker”, außerdem der italienische Filmtitel von »Die Reifeprüfung”), vorn mit einer Comic-Figur in Talar und Doktorhut – Aufmerksamkeit und Lacher für solche Aktionen sind ihm
gewiss. Rossis größte Stärke bei der Verständigung mit dem
Publikum liegt jedoch in den Minishows, die er nach jedem ge-
wonnenen WM-Lauf mit Hilfe seiner Freunde veranstaltet, von der Ehrenrunde in der Badehose bis zum Stopp im schnell aufgebauten Toilettenhäuschen. »Man muss überraschen, wenn man erfolgreich kommunizieren will,” sagt der frisch gebackene Doktor weise.
Solche Auftritte sind nur möglich, weil der Megastar auf ein dichtes Netz aus Freunden und Familie zählen kann. Das hat seine Wurzeln in seinem kleinen Heimatort Tavullia in den Marken, rund zehn
Kilometer über den Adria-Stränden um Cattolica und Riccione. Nach Tavullia kommmt Rossi, der seinen Hauptwohnsitz in London hat, wann immer er sich in Italien aufhält, und dort – und nur dort – lebt er wie ein ganz normaler Twen. »Für uns ist er eben Vale,
den wir alle schon ewig kennen”, sagt Flavio Fratesi vom Fanclub. Während sich Rossi ansonsten in Italien wegen der regelrecht erdrückenden Fanmassen nur noch mit Body-Guards bewegen kann, geht er in Tavullia mit seinen Kumpels Pizza essen oder Fußball spielen – und denkt sich mit ihnen neue Gags aus. Seine Freunde schirmen ihn perfekt nach außen ab: »In der nationalen Presse
behandeln sie uns oft wie Trottel, weil wir immer sagen, dass wir nichts über ihn wissen”, erzählt Flavio verschmitzt.
Der MotoGP-Star dankt es ihnen mit dem einzigen autorisierten
Fanclub weltweit, was ein nicht zu unterschätzendes Geschäft mit Fanartikeln bedeutet. Vier Sekretärinnen beschäftigt der Club in-
zwischen, zählt über 6000 eingeschriebene Mitglieder. Eine goldene Nase verdienen sich die Tavullianer an ihrem berühmten Mitbürger allerdings nicht, denn der komplette Gewinn wird gespendet, aktuell an Schulen in Brasilien, die Valentino Rossi aktiv unterstützt, ohne groß darüber zu reden – ein weiterer Sympathie-Pluspunkt.
Doch was macht Rossi nun so einzigartig? »Vor allem hat Valentino begriffen, dass Sport Spaß ist und kein Krieg”, sagt der 84-jährige Dorfpfarrer Don Cesare, der den »ragazzo” von Kindesbeinen an kennt. »Mit seiner Freundlichkeit vermittelt er das auch seinen Fans.” Zu denen selbst Don Cesare zählt, der eine Messe schon mal schneller liest, wenn ein Rennen ansteht. Und bei einem Sieg seines Pfarrkinds die acht schweren Bronzeglocken der Kirche
läutet. Wie am letzten Sonntag. Da schlug das Phänomen wieder
zu – und gewann den 72. WM-Lauf seiner Karriere. Eva Breutel

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