Grand Prix Malaysia in Sepang (Archivversion)

Loren-Show

Jorge Lorenzo ließ sich mit goldenen Boxhand­schuhen und Umhang als der Größte feiern: Beim Malaysia-GP holte er seinen zweiten 250er WM-Titel – und brennt auf den Aufstieg zum Yamaha-MotoGP-Pilot.

Hiroshi Aoyama und Mika Kallio holten sich die ersten beiden Plätze in der Startaufstellung, und KTM-Konstrukteur Harald Bartol stellte zufrieden fest, seine 250er-Aggregate seien thermisch kerngesund, was in der Tropenglut von Malaysia zweifellos von Vorteil war. Prompt gewann der Japaner Aoyama das Rennen, und fast wäre wie am Sachsenring ein KTM-Doppelsieg daraus geworden. Doch Mika Kallio verhedderte sich im Endspurt mit Andrea Dovizioso, rammte das Hinterrad der Honda, machte einen weiten Bogen und wurde so nur noch Vierter.
Pechvogel Dovizioso kam bei der Feindberührung zu Sturz, wobei die Niederlage des italienischen Honda-Stars im Titelkampf der 250er-Klasse auch ohne diesen Zwischenfall besiegelt gewesen wäre. Der spanische WM-Tabellenführer Jorge Lorenzo brauchte auf seiner Werks-Aprilia noch maximal fünf Punkte. Sein dritter Rang wäre selbst bei einem Dovizioso-Sieg mehr als genug gewesen für den Triumphzug zum zweiten WM-Titel hintereinander, den er und sein Team genauso sorgfältig vorbereitet hatten wie die Auftritte mit seiner schwarzen »Lorenzo’s Land«-Konquistadorenflagge oder die Rockband-Zugaben mit Luftgitarre nach früheren Siegen. Diesmal hüllte sich Lorenzo in einen goldenen Umhang, streifte sich goldene Boxhandschuhe über und riss die Fäuste in den Himmel: Lorenzo, der Größte. »Ich habe den Weltmeistergürtel verteidigt, wie es die Boxer tun«, erklärte er. »In schwierigen Zeiten sind die Rocky-Filme meine große Inspiration. Rocky Balboa ist dabei meine Lieblingsfigur, und dies ist meine Hommage an ihn.«
Jetzt gilt es für Jorge Lorenzo, noch das Heimspiel beim WM-Finale in Valencia am 4. November zu gewinnen und sich dann ab 2008 auf die neue Aufgabe in der MotoGP-Königsklasse zu konzentrieren. »Mein Ziel ist, so viel wie möglich von Valentino Rossi zu lernen. Ich denke, das wird eine spannende und unterhaltsame Zeit,« meinte Lorenzo. »Ich habe die Yamaha schon einmal ausprobiert. Sie ist nicht so schwierig zu fahren, wie ich mir vor­gestellt habe, vor allem die Kontrolle des Gasgriffs nicht. Die Reifenfrage wird allerdings sehr wichtig sein. Wenn das Team weiterhin Michelin fährt, werde ich dieser Marke volles Vertrauen schenken.«
Noch immer ist unklar, auf welcher Reifenmarke Rossi selbst 2008 antreten wird. Nach dem überraschenden Vorstoß von MotoGP-Vermarktungsagentur-Chef Carmelo Ezpeleta während des Japan-GP vier Wochen zuvor, als er ab 2008 Einheitsreifen wie in der Formel 1 oder der Superbike-WM einführen wollte, hatte sich mittlerweile herauskristallisiert, dass es bei den Marketing-Interessen des Grand-Prix-Promoters vor allem darum geht, Rossi auf den gleichen Reifen wie den neuen Weltmeister Casey Stoner und dessen Ducati antreten zu lassen. Nicht zuletzt, um den Italiener für eine Revanche im WM-Kampf aufzurüsten. Denn sowohl in Australien als auch in Malaysia war Stoners Überlegenheit in den MotoGP-Rennen bedrückend. Ein gleichwertiger Rossi ist die einzige Chance, dem Schwund an Zuschauerzahlen und Einschaltquoten vorzubeugen.
»Meiner Meinung nach wäre es besser für Yamaha, wenn Einheitsreifen kämen, um sich nicht bei der Weiterentwicklung des Motorrads zu verzetteln«, legte sich Aufsteiger Lorenzo fest. Damit hätte natürlich auch der MotoGP-Rookie gleich auf Anhieb die besten verfügbaren Reifen. Kommt die Einheitsregel nicht, bleibt ab­zuwarten, wie sein Vertrag mit Yamaha am Ende interpretiert werden wird – dort ist dem Vernehmen nach von gleichem Material wie Rossi die Rede, was auch die Reifen einbeziehen würde. »Mein Manager Daniel Amatriain hat den Vertrag aufgesetzt, und er ist der beste Manager, den es gibt«, wiegt sich Lorenzo in Sicherheit, bleibt aber diplomatisch: »Ich verstehe, dass Yamaha Rossi das beste Material geben will, denn er hat nur noch wenige aktive Jahre, und er will gewinnen. Er ist der Beste, und es ist normal, dass Yamaha ihm das Beste gibt.“
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Interview mit Jorge Lorenzo (Archivversion) - »Rossi ist für mich ein Gigant“

250er-Weltmeister Jorge Lorenzo im Gespräch mit MOTORRAD-Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn.
Jorge Lorenzo, Ihre Handschuhe und Ihr Helm sind in Gold getaucht. Haben Sie sich von Rembrandts »Mann mit dem Goldhelm” inspirieren lassen, oder gibt’s andere Gründe für diese Vorliebe?
Die Farbe Gold steht, wie bei den Olympischen Spielen, für den Sieger, für die höchste Ehre. Sie zeigt, dass du der Beste bist. Davon abgesehen, trage ich die Farbe Gold, weil sie kein anderer trägt. Sie ist originell, und sie ist Teil meiner Identifikation. Das Rembrandt-Gemälde kenne ich nicht.

Wie sind Sie auf die Idee mit Ihrer »Lorenzo’s Land”-Konquistadorenfahne gekommen?
In meiner Freizeit, wenn ich nichts anderes zu tun habe und mich sonst langweilen würde, denke ich über Ideen nach, die ich an den Rennstrecken in einen Gag umsetzen kann. Die Idee mit der Fahne stammt zur Hälfte von mir, zur anderen Hälfte von meinem Fitness-Trainer. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist einfach: In einem anderen Land ein Rennen zu gewinnen ist ein wenig so, als ob du dieses Land erobert hättest, und es passt dazu, im Grund und Boden, den du erobert hast, eine Fahne aufzustellen.

Kennen Sie die Geschichte der Konquistadoren vor 500 Jahren?
Nur in groben Zügen.

Diese Geschichte ist ziemlich grausam.
Manchmal muss man grausam sein. Zum Glück nur selten.

Was sind die schönsten Erinnerungen an den Anfang Ihrer eigenen Karriere? Sie haben ja schon mit drei Jahren angefangen, Rennen zu fahren.
Es gibt jede Menge Anekdoten. Ich erinnere mich, dass wir ein Oval zum Fahren hatten, denn mein Vater arbeitete in einem Frei-zeitpark, in dem es auch eine Kart-Piste gab. Dort bauten wir unsere eigenen Strecken auf, mit Schikanen, für Minibikes.

Ist Ihnen damals schon klar gewesen, dass Sie eines Tages die WM gewinnen würden?
Jeder denkt, dass er gewinnen wird. Doch zwischen der Vorstellung und der Wirklichkeit wirst du auf viele harte Proben gestellt, musst du viele Rückschläge, viele Verletzungen, viel Pech wegstecken. Du kannst viel Talent haben, doch wenn du im Kopf nicht klar sortiert bist oder schlicht Pech hast, wirst du dein großes Ziel nie erreichen.

Wann kam der Moment, in dem Sie Ihrer Sache sicher waren?
Sehr spät, ich würde sagen, beim Saisonauftakt 2006 in Jerez.

Wirklich?
Vorher nicht. Ich war schnell, ein Pilot mit Talent, doch ich war im Kopf noch nicht klar genug.

Es ist überraschend, dass ein Fahrer, der in so jungen Jahren schon so viel erreicht hat, von Rückschlägen und Pech redet.
Das Schlimmste sind immer die Verletzungen, wenn du für Monate außer Gefecht gesetzt bist, wenn du in einem Krankenhausbett liegst und denkst: »Wenn ich nur nicht diesen Sturz gebaut hätte.«

Wie konnte das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nach all dem, was Sie gemeinsam erlebt haben, vor einem Jahr in die Brüche gehen?
Das ist eine komplizierte Sache. Ein Vater will immer das Beste für seinen Sohn. Doch manchmal kann ein Vater, wenn er sich zu sehr ins Leben des Sohns einmischt, das Gegenteil bewirken. Manchmal muss man wissen, wo die Trennlinie ist zwischen Privatleben und Beruf und den Experten ihre Arbeit überlassen. Meiner Meinung nach hat mein Vater auf technischem Gebiet Unübertreffliches geleistet, als er mir alles über Motorräder und das Motorradfahren beibrachte. Doch auf GP-Ebene kann ein Außenstehender zum Thema Motoren nicht so viel wissen wie mein Techniker Giovanni Sandi. Oder wie mein Team­-manager Daniel Amatriain zu Verträgen und Sponsoren. Es ist un­-möglich, dass eine Randfigur genauso viel weiß wie die Spezialisten.

Ein Vater sollte also seinem Sohn helfen, den Weg zu finden, aber auch loslassen können, wenn er erwachsen ist?
Ich war zu jener Zeit 17 oder 18 Jahre alt und in der Tat erwachsen. Ich bin meinem Vater sehr dankbar für das, was er getan hat, und habe heute wieder ein gutes Verhältnis zu ihm. Doch in jenem Moment hat er sich meiner Meinung nach geirrt, und ich habe ihn deshalb kritisiert.

Was halten Sie von Ihrem nächsten Teamkollegen Valentino Rossi?
Ich kann nur Gutes über ihn sagen, derzeit ist er der Beste, möglicherweise der Beste aller Zeiten. Für mich ist er ein Gigant.

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