Grand Prix Motegi/J (Archivversion)

Big in Japan

Junior Casey Stoner wurde vorzeitig MotoGP-Weltmeister, Alt-Star Loris Capirossi (65) gewann endlich wieder einen GP, die japanische Ducatisti jubelten – alles klappte für die kleine Firma Ducati beim Auswärtsspiel in Japan. Aber das Imperium arbeitet schon am Gegenschlag.

Mit seinem Sieg in Portugal hatte Valentino Rossi den anstehenden Titelgewinn von Casey Stoner hinausgeschoben. Eine Woche später in Japan zog die Yamaha-Nummer-eins abermals alle Register, um die große Ducati-Party noch weiter zu verzögern. Gemeinsam mit den Honda-Werksfahrern Daniel Pedrosa und Nicky Hayden eroberte er die erste Startreihe, ließ den nervös wirkenden Casey Stoner auf Rang neun zurück, worauf die Rossi-Anhänger auf ein weiteres Wunder hofften. Allerdings hatte Rossis neuer, stärkerer Motor mit Pneumatikventilen am Freitag mit einer mächtigen Ölwolke seine junge Seele ausgehaucht.
Die sportlichen Herausforderungen machten Ducati trotz Stoners schwachem Startplatz kaum Kopfzerbrechen. Schlimmer waren die Spielverderber im Hintergrund, die den WM-Titel für das kleine Werk aus Bologna und den Fahrer aus dem spärlich besiedelten fünften Kontinent als Störfall ansahen.
Zuerst sorgte Masumi Hamane, Präsident der Honda Racing Corporation HRC, für Aufruhr. Denn als am Freitag endlich ein neuer Zwei-Jahres-Vertrag mit Pedrosa bekannt gegeben wurde, ließ er die Katze aus dem Sack. »Wir wollen unseren Fahrern das zur Ver-fügung stellen, was sie sich wünschen. Und Dani und Nicky wünschen sich Bridgestone-Reifen. Also haben wir beim Hersteller angefragt, ob sie uns nächstes Jahr ausrüsten können,« erklärte Hamane unverblümt. Freilich hatte Bridgestone-MotoGP-Manager Hiroshi Yamada den Honda-Leuten schon im August abgesagt.
Am Samstag legte Carmelo Ezpeleta, Chef der GP-Agentur Dorna, nach: »Auf der letzten GP-Kommissionssitzung habe ich für 2008 Einheitsreifen vorgeschlagen. Die Reifen-Regel 2007 war ein Irrtum. Zu oft hingen die Rennen von der Reifenmarke ab. Mit Einheitsreifen sind wir besser bedient.« Statt »vorgeschlagen« hätte Ezpeleta auch »befohlen« sagen können. Nach mehreren reichlich uneinigen Gremien wird der Vorschlag wohl letztinstanzlich im sogenannten »Permanent Bureau« landen, bestehend aus Dorna und Weltmotorradsportverband FIM. »Nachdem dort den Superbike-WM-Einheitsreifen zugestimmt wurde, können sie zu mir nicht nein sagen,« reibt sich Ezpeleta die Hände. Damit scheint klar, dass Einheitsreifen nach der nächsten GP-Kommissions-Tagung am 20. Oktober in Malaysia Gesetz werden.
Das wäre trotz verlorener WM ein Triumph für Honda, Yamaha und deren Top-Piloten Dani Pedrosa und Valentino Rossi. »Mit Einheitsreifen haben wir endlich klare Regeln und starten alle auf einem Niveau,« säuselte Rossi. »Einheitsreifen sind gut für Fahrer, Sport und Show,« zeigte sich auch Pedrosa angetan. »Ich bin gegen Einheitsreifen. Warum nicht gleich auch Einheitsmotorräder?« wehrte sich dagegen Stoner.
Auf den Punkt brachte es Suzuki-Teamchef Paul Denning: »Die Entscheidung zeugt von wenig Respekt gegenüber Bridge-stone, die in den letzten Jahren enorme Summen in diesen Sport gesteckt haben.« Geschätzte 20 Millionen Euro pro Jahr investieren Bridgestone und Michelin jeweils, um in der MotoGP-Serie gegeneinander antreten zu können. »Wir wollen keine Einheitsreifen,« sind sich Bridgestone-Chef Hiroshi Yamada und Michelin-Boss Jean-Philippe Weber einig. »Wird der senil?« schäumte der deutsche Bridgestone-Renndienstleiter Thomas Scholz gar vor Wut über Ezpeletas Vorstoß. »Auf diese Art und Weise wird die WM bewusst zerstört.«
Dass in Motegi am Ende doch wieder drei Bridgestone-Piloten auf dem Podest standen, lag mehr an deren kluger Taktik als am Reifenhersteller. Nach zwei Tagen geradezu tropischer Hitze regnete es nämlich am Renntag von Motegi. Und als es aufhörte, waren Loris Capirossi, Randy de Puniet und Toni Elias die ersten, die an der Box auf ihre mit Slicks ausgerüsteten Ersatzmaschinen kletterten. Bei der Weiterfahrt legten sie Rundenzeiten vor, die teilweise fünf, sechs Sekunden schneller waren als der Rest der Welt. Dies bescherte Capirossi den größten Triumph des Jahres, de Puniet den größten Triumph seiner Karriere und Elias ein strahlendes Comeback nach seinem Beinbruch in Assen. Und Tech 3-Yamaha-Pilot Sylvain Guintoli erstaunte das Publikum mit Rang vier und der schnellsten Runde, dem besten Ergebnis für Dunlop seit Menschengedenken.
Valentino Rossi hatte wenige Fortune. Nach den Boxenstopps war Rossi zwar Zweiter hinter Capirossi, und Stoner lag nach Boxenstopp gefahrlos als Neunter zurück, bevor sich »der Vorderreifen nach Plattfuß anfühlte.« Nach einem zweiten, ergebnislosen Stopp blieb nur Rang 13.
So durften Casey Stoner und Ducati doch noch feiern. Der 21-Jährige wurde Sechster und damit zweitjüngster MotoGP/500er-Weltmeister nach Freddie Spencer 1983. Es war ein »absoluter Traum« für den Australier und auch für Ducati, die den japanischen Werken den Titel nach 33-jähriger Vorherrschaft – 1974 war MV Agusta mit Phil Read Weltmeister – ausgerechnet in der Höhle des Löwen entreißen konnten.
Anzeige

Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³ WM-Stand
Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Fahrer Punkte
1. Mattia Pasini (I) Aprilia 46.29,900 Talmacsi 229
2. Gabor Talmacsi (HUN) Aprilia +2,985 Faubel 220
3. Héctor Faubel (E) Aprilia +22,405 Koyama 156
4. Mike di Meglio (F) Honda +33,751 Pasini 144
5. Joan Olivé (E) Aprilia +37,351 Corsi 142
6. Simone Corsi (I) Aprilia +39,062 Pesek 136
7. Pablo Nieto (E) Aprilia +44,488 Gadea 126
8. Sergio Gadea (E) Aprilia +48,901 Espargaro 99
9. Michael Ranseder (A) Derbi +50,672 Olivé 98
10. Andrea Iannone (I) Aprilia +56,674 Smith 86
11. Dominique Aegerter (CH) Aprilia +1.03,588 Ranseder 70
12. Lukas Pesek (CZ) Derbi +1.10,334 Krummenacher 64
13. Danny Webb (GB) Honda +1.14,579 Cortese 60
14. Tomoyoshi Koyama (J) KTM +1.19,549 de Rosa 56
15. Stefan Bradl (D) Aprilia +1.23,255 Rabat 52
Trainingsbestzeit:
Pasini in 1.57,301 min = 147,344 km/h
Schnellste Rennrunde: Raffaele de Rosa (I/Aprilia) in 2.10,998 min = 131,937 km/h
Schnitt des Siegers: 130,096 km/h



250 cm³ WM-Stand
Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Fahrer Punkte
1. Mika Kallio (FIN) KTM 48.28,585 Lorenzo 262
2. Andrea Dovizioso (I) Honda +4,893 Dovizioso 226
3. Héctor Barberá (E) Aprilia +21,527 de Angelis 208
4. Yuki Takahashi (J) Honda +23,488 Bautista 161
5. Alex de Angelis (RSM) Aprilia +25,378 Barberá 146
6. Julian Simon (E) Honda +42,264 Kallio 119
7. Marco Simoncelli (I) Gilera +48,782 H. Aoyama 116
8. Hiroshi Aoyama (J) KTM +57,782 Lüthi 104
9. Shuhei Aoyama (J) Honda +1.09,049 Simon 93
10. Thomas Lüthi (CH) Aprilia +1.10,837 S. Aoyama 79
11. Jorge Lorenzo (E) Aprilia +1.13,035 Simoncelli 75
12. Seijin Oikawa (J) Yamaha +1.26,371 Takahashi 69
13. Jules Cluzel (F) Aprilia +1.36,236 Lai 49
14. Youichi Ui (J) Yamaha +1.47,098 Locatelli 42
15. Alvaro Bautista (E) Aprilia +1.50,081 Espargaro 35
Trainingsbestzeit:
S. Aoyama in 1.51,327 min = 155,250 km/h
Schnellste Rennrunde:
Dovizioso in 2.04,160 min = 139,204 km/h
Schnitt des Siegers: 136,672 km/h



MotoGP WM-Stand
Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Fahrer Punkte
1. Loris Capirossi (I) Ducati 47.05,484 Stoner 297
2. Randy de Puniet (F) Kawasaki +10,853 Rossi 214
3. Toni Elias (E) Honda +11,526 Pedrosa 188
4. Sylvain Guintoli (F) Yamaha +12,192 Hopkins 156
5. Marco Melandri (I) Honda +28,569 Vermeulen 152
6. Casey Stoner (AUS) Ducati +31,179 Melandri 148
7. Anthony West (AUS) Kawasaki +50,001 Capirossi 130
8. Alex Barros (BRA) Ducati +52,343 Hayden 112
9. Nicky Hayden (USA) Honda +53,629 Edwards 198
10. John Hopkins (USA) Suzuki +59,715 Barros 91
11. Chris Vermeulen (AUS) Suzuki +1.02,804 Elias 87
12. Makoto Tamada (J) Yamaha +1.09,313 de Puniet 78
13. Valentino Rossi (I) Yamaha +1.09,699 Hofmann 65
14. Colin Edwards (USA) Yamaha +1.11.735 Checa 54
15. Shinichi Ito (J) Ducati +1.12,290 West 54
Trainingsbestzeit:
Dani Pedrosa (E/Honda) in 1.45,864 min = 163,262 km/h
Schnellste Rennrunde:
Elias in 1.50,718 min = 156,104 km/h
Schnitt des Siegers: 150,506 km/h

Grand Prix compact - Casey Stoner (Archivversion) - Familienangelegenheit

Casey Stoner ist der jüngste MotoGP-Weltmeister seit 1983 – und daran haben seine Eltern Bronwyn und Colin wie auch seine Frau Adriana großen Anteil.
Scheu und reserviert außerhalb der Ducati-Box, überraschte Casey Stoner auf der Piste weniger durch Kampfgeist und Angriffslust. Die hatte er schon, als er wegen seiner Sturzeskapaden den Spitznamen »Rolling Stoner« bekam. Vielmehr verblüffte Stoner in diesem Jahr durch nahezu unerschütterliche Beständigkeit. Der Grund für die Ruhe und überlegene Lässigkeit, die Stoner ausstrahlt, hat einen klangvollen Namen: Adriana. Als er seine 18-jährige Freundin am Jahresbeginn zur Frau und anschließend mit an die Rennstrecken nahm, änderte sich das Leben des Rennvagabunden von Grund auf. »Früher tat ich mich mit dem Fahrerlagerleben schwer. Es ist schwierig, Freundschaften aufzubauen, denn die meisten Leute haben Zeit, wenn ich keine habe, und umgekehrt. Doch jetzt, mit Adriana an meiner Seite, bin ich glücklich und entspannt,« sagt er über das Mädchen, das er einst in Phillip Island kennenlernte, weil sie ein Autogramm auf den Bauch gemalt haben wollte.
Dass heutzutage nur wenige Menschen so früh heiraten, ficht Stoner nicht an. »Meine Eltern haben jung geheiratet, die von Adriana auch. Ich wollte nur mit Adriana zusammen sein, und deshalb war es nicht schwierig, diese Entscheidung zu treffen,« sagt Stoner. Und außerdem: Was ist schon früh in einer Rennkarriere, die mit vier Jahren begann, ihn erst rund um Australien und dann rund um die Welt führte und in der er zeitig gelernt hat, dass es besser ist, schnelle Entscheidungen zu treffen als gar keine. So wie seine Eltern Colin und Bronwyn, die kurzerhand ihre Farm im Flecken Kurri Kurri verkauften, als Stoner 14 Jahre und alt genug geworden war, in Europa zu den ersten Straßenrennen anzutreten.
Völlig selbstverständlich setzten die Stoners alles auf eine Karte, tauschten den Komfort der Heimat gegen ein Zigeuner-leben in Europa und dachten nie daran, dass die Mission auch schief gehen könnte. »Dass es Casey ganz nach oben schaffen würde, wusste ich schon, als er vier Jahre alt war. Denn in dem Alter hat er schon Jungs besiegt, die doppelt so alt waren,« erklärt Colin, ein gelernter Maler und früherer Hobbyrennfahrer. Eine Anekdote aus der frühen Laufbahn des Supertalents, das bis zum Start seiner Europa-Karriere 41 Dirt- und Long Track-Titel sowie 70 Staats-Titel gewonnen hatte, illustriert den Kampfgeist Caseys: Als Zwölfjähriger fuhr er an einem einzigen Wochenende in fünf verschiedenen Klassen und bestritt dabei alle sieben Rennen jeder Kategorie. Von den 35 Einzelrennen gewann er 32 und holte alle fünf an diesem Wochenende möglichen australischen Meistertitel.
Das gleiche Ungestüm brachte ihn auch in Europa nach vorn, von ersten nationalen Rennen in England und Spanien bis zum ersten GP-Sieg 2003 und der 250er Vizeweltmeisterschaft 2005. Dann begann sein ebenso rasanter MotoGP-Aufstieg, bei dem er die vielen Stürze im Honda-Team seines früheren Managers Lucio Cecchinello hauptsächlich einer stiefmütterlichen Betreuung durch Michelin zuschrieb. Weil Sete Gibernau zuviel Geld verlangte, schaffte er von dort den Absprung ins Marlboro-Ducati-Werksteam – und stürzt zur Verblüffung seiner Konkurrenten seither überhaupt nicht mehr.
Das Geheimnis von Stoner und seiner Familie nennen die Australier »laid back«, extreme Gelassenheit. »Zu sehr auszuflippen braucht man über so einen WM-Titel nicht,« winkte Colin Stoner angesichts des Riesen-Rummels in Motegi ab. Stolz schon, aber auch nicht so, dass alle Hemdknöpfe abplatzen. Man wusste ja, dass es eines Tages so kommen würde.
Und auch für Casey war es trotz aller Freude am Ende ein Arbeitstag wie jeder andere. Ebenso wichtig wie der Titel war ihm, heimzukommen auf jene Farm fünf Autostunden nördlich von Sydney, die er für die Familie nachgekauft hat. »Dort gibt es Hunde, Pferde, Kaninchen, Kängurus. Und jede Menge Platz,« schmunzelt Casey. »Alles, was ich vermisst habe, seit ich mit 14 nach Europa gegangen bin.“

Grand Prix compact - 125er- und 250er-Klasse (Archivversion) - Kein Heimsieg

KTM-Pilot Kallio holte den 250er-Sieg, Pasini siegte für Aprilia im 125er-Rennen.
Toller fünfter Startplatz für Sandro Cortese, ein sen-sationeller sechster Rennrang für Stefan Bradl: Beim Portugal-GP ließen die deutschen Nachwuchspiloten ihr Talent aufblitzen. Allerdings wurde der Sturm und Drang der jugendlichen Helden in Japan wieder eingebremst. Cortese stürzte in beiden Rennen, Bradl im Regen von Mote-gi, wonach er wieder aufsprang und zur Eh-renrettung der schwer gerupften deutschen Fraktion wenigstens einen WM-Punkt rettete. Sonst gab es aus Japan nur Nieten zu vermelden: Hofmann von seinem d‘Antin-Ducati-Team gefeuert, Heidolf nach einer Runde gestürzt. Wenigstens hatte das KTM-Werk Erfolg: Mika Kallio gewann das 250er-Rennen. Der Achtelliter-Sierg ging an den Italiener Mattia Pasini.

Grand Prix compact - Public Viewing (Archivversion) - Wechselbad

Public Viewing auf dem Ducati-Betriebs-gelände in Bologna-Borgo Panigale.
Verschlafen und verfroren drängen sich rund 1000 Ducatisti aus ganz Italien am Sonntagmorgen um sechs vor dem Werk in Bologna. Dort hat der Hersteller eine Riesen-Leinwand für die Direktübertragung aus Japan installiert, offeriert den Fans heißen Kaffee und Gebäck zum Frühstück. Doch die Menge versinkt in eisigem Schweigen, als Rossi deutlich vor Stoner fährt. Aber am Ende wird alles gut: Sieg für Capirossi, Titel für Stoner – und zur Feier des Tages der Triumphmarsch aus »Aida.« Schließlich sind wir in Italien. ebr

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote