Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion)

Das will ich sehen

Ein deutscher WM-Leader bei den 125ern und eine aufwendige Live-Übertragung im Fernsehen: Steve Jenkner und der Kölner Privatsender RTL zeigten den Grand-Prix-Sport in Jerez von seiner besten Seite.

Eigentlich wollte Steve Jenkner viel Speed in die Zielkurve mitnehmen, weit ausholen und den Extra-Schwung dazu nutzen, seinen Gegner auf den letzten Metern auszutricksen. Doch Lucio Cecchinello blockte seinen Herausforderer geschickt ab und rettete einen Vorsprung von 88 Tausendstelsekunden über die Ziellinie.Ein Verlierer war Steve Jenkner beim spanischen Grand Prix in Jerez trotzdem nicht. Eher ein zweiter Sieger, der sich mit einer tollen Aufholjagd an die Tabellenspitze der 125er-WM und in die Herzen der Zuschauer gefahren hat. »Der Stefano Perugini hat mich nach dem Start fünfmal recht unvorsichtig überholt. Das hat mich irritiert«, erklärte der kleine Sachse, warum er nach einer Runde nur an elfter Stelle gelegen hatte. Dann aber ging’s hurtig nach vorn, und nachdem er zu Rennmitte die Spitze des Verfolgerpulks erreicht hatte, konnte er auch den Fünf-Sekunden-Abstand zur vierköpfigen Spitzengruppe wie ein Wirbelwind schließen. Steve Jenkner hatte sich genau zum richtigen Zeitpunkt in Szene gesetzt. Denn beim Jerez-Grand-Prix berichtete RTL erstmals live von der Motorrad-WM, und 880000 Zuschauer konnten den deutschen WM-Helden bewundern. Die Übertragung des Kölner Senders stellte mit dem Aufwand an Technik und dem Angebot an Interviews und Hintergrundfeatures alles in den Schatten, was im deutschen Fernsehen bisher über die Schräglagenprofis zu sehen war. Eine Armee von über 40 Mitarbeitern war vor Ort. Und als der als Gastkommentator eingeladene Toni Mang herausgefunden hatte, dass er am selben Wochenende bereits für ein Fahrertraining in Brünn verpflichtet war, wurde kurzerhand ein eigener Ü-Wagen nach Tschechien geschickt, um den fünfmaligen Weltmeister in die Sendung einblenden zu können.Die aus der Formel 1 bekannten Moderatoren Kai Ebel und Florian König sowie der von der ARD übergewechselte Kommmentator Edgar Mielke freuten sich, wie spontan Star-Piloten wie Valentino Rossi oder Sete Gibernau zu Interviews bereit waren. Gestartet wurde die Sendung mit Live-Bildern vom 125er-Rennen, nachmittags ging die Übertragung mit einer Zusammenfassung des 250er-Grand-Prix weiter, in dem Lokalheld Toni Elias seinen ersten Sieg in dieser Klasse feierte, Christian Gemmel und Dirk Heidolf wie inszeniert um Platz 14 kämpften, Katja Poensgen allerdings wegen Nichtqualifikation fehlte.Als die MotoGP-Piloten dann zur Startaufstellung vorrückten, berichteten Ebel, König und Mielke wieder live aus Jerez, und trotz einer parallel in der ARD laufenden DTM-Übertragung blieben immer noch 820000 Zuschauer im RTL-Programm. Da half es sicher, dass ein in Deutschland ansässiges Werksteam auch mit einem deutschen MotoGP-Starter aufwarten konnte. Kawasaki-Testpilot Alex Hofmann fuhr beim ersten von sechs geplanten Wild-Card-Einsätzen in dieser Saison fröhlich mit seinen Teamkollegen um die Wette. Fast hätte er im Kampf mit Stammfahrer Andrew Pitt sogar den 15. Platz und einen WM-Punkt erbeutet, musste aber wegen technischer Nach-teile zurückstecken: Pitt hatte ein neues Elektroniksystem zur Kontrolle der Motorbremswirkung zur Verfügung.Doch für ein paar andere Haudegen lief es ebenfalls nicht ganz so wie erwartet. Die Ducati-Werkspiloten Loris Capirossi und Troy Bayliss hatten zwar die ersten beiden Startplätze ergattert, rammten sich in der Aufwärmrunde zum Rennen aber versehentlich bei Tempo 250. Bayliss trug ein paar harmlose Schrammen am Bein, Capirossi jedoch eine geschwollene linke Hand, ein verbogenes linkes Lenkerende und eine zerborstene Verkleidungsscheibe davon. Drei Runden lang hielt er sich heroisch an der Spitze, bevor er auf Platz drei zurückfiel und in der 13. Runde schließlich stürzte.Während Teamkollege Bayliss immerhin noch den dritten Platz abräumte, zerstoben die Hoffnungen der spanischen Stars. Carlos Checa blieb mit einem Elektrikdefekt an seiner Yamaha liegen. Welkom-Sieger Sete Gibernau machte zu ehrgeizig auf den führenden Valentino Rossi Jagd und stürzte.Nach hinreißendem Beginn endete der MotoGP-Lauf mit einem überlegeneren Sieg von Valentino Rossi, als es sich die RTL-Regisseure vielleicht gewünscht hätten. Trotzdem war die Bilanz positiv. »Motorrad-Grand-Prix sind eine sehr spannende, telegene Sportart, und wir haben das gut umgesetzt. Die Resonanz der Zuschauer war durchweg positiv«, erklärte RTL-Pressesprecher Matthias Bolhöfer.Die nächsten Rennen werden zusammengefasst, in Assen (28. Juni) und am Sachsenring (27. Juli) ist RTL dann wieder live dabei. »Dort werden wir noch detailversessener arbeiten«, verspricht Bolhöfer. Fahraufnahmen aus der Froschperspektive mit am Motorrad montierten Mini-Kameras gehören ebenso dazu wie die Vogelperspektive vom »Fliegenden Auge«, das, an einem Seil montiert, Kamerafahrten bis 180 Meter Länge und 120 km/h ermöglicht.RTL erreichte mit der Premieren-Sendung aus Jerez doppelt so viele Zuschauer wie der Spartenkanal Eurosport, verfehlte allerdings klar die angepeilte Quote von 1,8 Millionen. Wenn die Fans mitspielen, soll der MotoGP-Sport künftig fester Bestandteil des RTL-Programms werden. »RTL profiliert sich mit Motorsportkompetenz«, erklärt Bolhöfer. »Die Faszination Rallye-WM, der Mythos der 24-Stunden-Rennen, dazu die Formel 1 auf vier und zwei Rädern – eine tolle Mischung!“
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Grand Prix Spanien (Archivversion)

e Erste TestsKiyonarifür KatoAls Nachfolger des tödlich verunglückten Honda-Werkspiloten Daijiro Kato wurde der 20-jährige Ryuichi Kiyonari auserkoren. Kiyonari kommt aus Saitama, derselben Stadt, aus der auch Kato stammte. Er wurde mit sechs Siegen in acht Rennen überlegener japanischer Supersport-Meister 2002 und holte beim Supersport-WM-Lauf in Sugo vor wenigen Wochen den zweiten Platz. In Jerez wurde der Japaner aber nicht sofort ins kalte Wasser geworfen: Er durfte das MotoGP-Geschehen zunächst vom Fahrerlager aus betrachten, bevor er die Telefonica MoviStar-Honda am Montag nach dem Rennen erstmals ausprobierte. Dass das Team keinen Fahrer aus dem Lager der leichtgewichtigen japanischen 250er-Piloten, sondern einen breitschultrigen Athleten mit Viertakterfahrung auswählte, unterstreicht das neue Verständnis der MotoGP-Klasse: Das Bändigen der 220-PS-Biester ist anders als bei den alten 500er-Zweitaktern kein filigranes Fingerspiel.e Harris-WCMWieder Veto Die Harris-WCM, schon in Südafrika vom Weltverband FIM wegen regelwidriger Seriennähe aus dem MotoGP-Startfeld verbannt, wurde in Jerez mangels technischer Modifikationen abermals abgewiesen. Eigene Motorgehäuse, mit denen das Team statt der modifizierten Yamaha-R1-Triebwerke antreten könnte, sind noch längst nicht fertig. Teammanager Peter Clifford ging daraufhin vor das FIM-Schiedsgericht CDI und plant im Notfall, als letzte Instanz das internationale Sportgericht CAS in Lausanne einzuschalten.e Proton V5Debüt geplatztEigentlich sollte die neue Viertakt-Proton V5 in Jerez ihr Debüt erleben. Wegen Problemen mit dem Öldruck und daraus resultierender Pleuelschäden gaben Nobuatsu Aoki und Jeremy McWilliams allerdings abermals mit den alten Zweitakt-Dreizylindern Gas. Die nach dem Jerez-GP geplanten Tests in Spanien wurden ebenfalls abgesagt. »Wir erledigen auch die nächsten Probefahrten in England. Denn dort ist wenigstens unsere Werkstatt in der Nähe«, erklärte Teambesitzer Kenny Roberts.e Zwei ComebacksBayle und MelandriMarco Melandri, dem Ärzte nach seiner schweren Knöchelverletzung im Training von Suzuka eine monatelange Pause vorausgesagt hatten, war durch die Intensivpflege von Grand-Prix-Arzt Claudio Costa in Jerez schon wieder fit genug für eine Rennteilnahme mit der MotoGP-Yamaha. Der Italiener platzierte sich als 17. zwischen den Kawasaki-Teamkollegen Alex Hofmann und Garry McCoy. Außerdem kreuzte Ex-Motocross-Superstar Jean-Michel Bayle als Gast in der Suzuki-Box auf und kündigte an, dem Team als Testfahrer zu helfen. Womöglich tritt er beim nächsten Rennen in Le Mans als Wild-Card-Fahrer an.

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