Grand Prix USA in Laguna Seca (Archivversion)

Australian for Wunderkind

Auch in der kalifornischen Löwengrube Laguna Seca blieb Australiens Jungstar Casey Stoner cool und machte einen weiteren riesengroßen Schritt in Richtung WM-Titel.

Auf Nicky Haydens Helm für den heimischen US-Grand-Prix in Laguna Seca galoppierten Mustangs. Die Freiheitsstatue trug hoch erhoben die Nummer eins, und nach dem vierten Trainingsplatz malte sich der Weltmeister aus, wie schön es wäre, den Colt zu ziehen und die verkorkste Saison mit einem Shootout beim Heim-GP doch noch zum Guten zu wenden.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nach Katapultstart auf Rang zwei verpasste Hayden am Bremspunkt von Turn 2, einer Bergab-Rechts, der ersten ernsthaften Kurve der Laguna-Seca-Piste, die Ideallinie. Als er wieder nach innen zog, hatte sich dort bereits John Hopkins breitgemacht, der sich ebenfalls etwas verbremst hatte. Die beiden Lokalhelden kollidierten. Hopkins stürzte, konnte jedoch weiterfahren und das Rennen nach einem Boxenstopp aussichtslos, aber honorig als 15. zu Ende bringen. Hayden stürzte nicht, doch verlor viel Zeit und die Funktion seiner Vorderbremse. »Eine Bremsleitung war beschä-digt, die Bremsverstellung am Handgriff funktionierte nicht mehr. Die Bremse wurde immer teigiger. Es war unverantwortlich weiterzufahren«, erklärte er, als er kurz vor Schluss in der Box untergetaucht war.
Gewonnen hätte er freilich auch ohne den Unfall nicht. Teamkollege Dani Pedrosa rutschte nach furiosem Start auf Rang fünf ab. Und nur Valentino Rossis außergewöhnlicher Fahrkunst war es zu verdanken, dass dieser den vierten Platz sicherstellen konnte. Denn die Michelin-Piloten, eine Woche zuvor auf dem Sachsenring noch überlegen, gingen diesmal jämmerlich unter. Nicky Hayden hätte da ebenso keine Ausnahme gemacht wie Colin Edwards, der bis auf den niederschmetternden elften Rang durchgereicht wurde.
Dagegen funktionierten die sonst unterlegenen Dunlop-Reifen erwartungsgemäß gut in Laguna Seca, wo Tech-3-Yamaha-Fahrer Makoto Tamada als Achter das bis-lang beste Saison-Resultat einheimste. Vor allem aber wurde der US-GP zum Durchmarsch für Bridgestone. »Auf dem Sachsenring haben sich die linken Reifenflanken wegen der vielen langen Linkskurven und der langen Zeit in voller Schräglage zu sehr aufgeheizt. Die Strecke in Laguna Seca ist ausgewogener, die Temperaturen waren deutlich kuscheliger«, freute sich der deutsche Bridgestone-Renndienstleiter Thomas Scholz.
Und so deklassierte Ducati-Star Casey Stoner die Konkurrenz in den drei freien Trainings, in der Qualifikation und beim Warm-up am Sonntagmorgen. Im Rennen schließlich demütigte er die Rivalen. Sein nächster Verfolger, Chris Vermeulen auf der Suzuki, lag im Ziel fast zehn Sekunden, der erste Michelin-Pilot Rossi gar über eine halbe Minute zurück.
Nun werde er heimfliegen nach Australien, um dort hart zu trainieren und topfit zurückzukehren für den zweiten Saison-Teil, kündigte Stoner an. Der 22-Jährige hatte bei Ducati einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag mit einem Grundgehalt von drei Millionen Euro pro Saison unterschrieben, und wenn er von Sturz- und Verletzungspech verschont bleibt, kann er eigentlich bereits jetzt auf den WM-Titel anstoßen. Denn anders als im vergangenen Jahr ist derzeit nicht absehbar, wie Valentino Rossi das Ruder herumreißen und zur Aufholjagd blasen könnte. Stoner ist schneller, stärker und konstanter, als es Hayden je war.
Außerdem fährt er Bridgestone-Reifen. Wie gut diese in Laguna Seca waren, zeigte nicht nur die tolle Fahrt des Chris Vermeulen, der nach seinem zweiten Platz auf der Suzuki ebenfalls eine Vertragsverlängerung bekannt gab, sondern vor allem der dritte Rang des angeschlagenen Marco Melandri. Nach einem Sturz im Zeittraining ließ er wegen Genickschmerzen und eines dick geschwollenen linken Knöchels das Warm-up aus. Im Rennen wurde er als bester Honda-Pilot Dritter und kam hinterher kaum die Stufen zum Podest hinauf.
Das sprach Bände. »Und jetzt kommen auch noch Strecken wie Brünn oder Motegi, wo Bridgestone schon letzte Saison Vorsprung hatte. »Die Michelin-Leute versuchen alles, um eine Lösung zu finden, kommen aber nicht recht weiter«, stöhnte Rossi, den die durch den Sturz vom Sachsenring verpatzte Chance nun doppelt wurmte, und beschwert sich über die immer weiter wachsende Bedeutung der Gummis in der MotoGP-WM: »Die Reifen sollten ein Arbeitsinstrument sein, nicht der Richter über die WM. Derzeit ist Rennen fahren frustrierend, weil du an einem optimalen Tag mit perfekter Abstimmung trotzdem verlieren kannst.« Dani Pedrosa sah es nicht anders: »Ich brauchte meine ganze Konzentration, um auf zwei Rädern zu bleiben. Am Ende holten mich sogar die Kawa-sakis ein. Das ist doch nicht normal.“
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Alex Hofmann verletzt (Archivversion)

Nach nur sechs Minuten im ersten freien Training verlor Laguna-Seca-Neuling Sylvain Guintoli vor dem berüchtigten »Corkscrew« die Kontrolle über seine Tech-3-Yamaha und torpedierte den deutschen Pramac-d’Antin-Ducati-Fahrer Alex Hofmann von der Piste. Das Vorderrad der Maschine des Franzosen rammte Hofmanns linke Hand gegen die Daumenbremse seiner Duc und hinterließ einen offenen Trümmerbruch des Mittelhandknochens und einen Riss der Gelenkkapsel hinter dem Zeigefinger. Der berühmte Chirurg Dr. Arthur Ting aus San Francisco, offizieller Rennarzt beim US-GP in Laguna Seca, setzte die Bruchstücke in einer über zweistündigen Operation mit einer Titanplatte und 15 Schrauben wieder zusammen. Wann Hofmann wieder fahren kann, steht in den Sternen.
Trotz heftiger Schmerzen kehrte Hofmann am Sonntag ins Fahrerlager zurück, um der »Safety Commission« und Rennleiter Paul Butler die Meinung zu sagen. Denn der Sturz war kein »normaler Rennunfall«, wie es Guintoli gern gesehen hätte, sondern ein Skandal in jeder Hinsicht. Dass Guintoli überaus leichtsinnig auf die wahrscheinlich schwierigste Kurve der Welt zusteuerte und sich »mit mindestens 30 km/h Tempoüberschuss« in Hofmanns Flanke bohrte, blieb jedoch ungesühnt. »Wäre er auch dann ungestraft davongekommen, wenn das Opfer Valentino Rossi oder Casey Stoner geheißen hätte?« fragte sich Hofmann wütend.
Nach dem Unfall musste Hofmann volle 20 Minuten am Streckenrand sitzend warten, bis sich die Rennleitung endlich bequemte, das Training abzu-brechen, und ein Rettungswagen auf die Strecke geschickt werden konnte. Das genau protokollierte Rettungssystem hatte völlig versagt, und einen zur Piste parallelen Rettungsweg, auf europäischen Rennstrecken Standard, gibt es in Laguna Seca nicht. »Wir entschuldigen uns in aller Form. Ich gehe auch gern auf die Knie«, blubberte Rennleiter Butler angesichts des Chaos unangebracht zynisch.
Noch während Hofmann im Helikopter abtransportiert wurde, engagierte Teamchef Luis d’Antin den im Supersport-Rahmenprogramm aktiven Chaz Davies. Dass es im MotoGP-Geschäft keine pietätvollen Wartefristen gibt, konnte »The Hoff« noch verstehen. Dass seine persönliche Lederkombi für Ersatzmann Davies herhalten musste, fand er da-gegen ziemlich geschmacklos.

Ergebnisse (Archivversion) - Laguna Seca

MotoGP WM-Stand
Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Fahrer Punkte
1. Casey Stoner (AUS) Ducati 44.20,325 Stoner 221
2. Chris Vermeulen (AUS) Suzuki +9,865 Rossi 177
3. Marco Melandri (I) Honda +25,641 Pedrosa 155
4. Valentino Rossi (I) Yamaha +30,664 Vermeulen 113
5. Daniel Pedrosa (E) Honda +35,622 Melandri 113
6. Randy de Puniet (F) Kawasaki +38,306 Hopkins 104
7. Anthony West (AUS) Kawasaki +41,422 Edwards 93
8. Makoto Tamada (J) Yamaha +42,355 Capirossi 77
9. Alex Barros (BR) Ducati +43,520 Barros 76
10. Roger L. Hayden (USA) Kawasaki +43,720 N. Hayden 73
11. Colin Edwards (USA) Yamaha +47,376 Hofmann 60
12. Shinya Nakano (J) Honda +52,848 De Puniet 50
13. Sylvain Guintoli (F) Yamaha +58,410 Elias 49
14. Carlos Checa (E) Honda +1.15,366 Tamada 31

Trainingsbestzeit: Stoner in 1.22,292 min = 157,925 km/h
Schnellste Rennrunde: Stoner in 1.22,542 min = 157,447 km/h
Schnitt des Siegers: 156,323 km/h

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