Grand Prix von Rio de Janeiro/BR (Archivversion)

Wisch und weg

Die MotoGP-Konkurrenz kriegt Valentino Rossi nicht zu fassen – weder auf der Rennstrecke noch im Vertragspoker für 2004. Wo der Superstar künftig fährt, ist offen.

Schnell und präzise pfeilte die weiße Honda von Makoto Tamada durch den Schwarm der MotoGP-Piloten. Vom neunten Platz nach dem Start des Rio-Grand-Prix biss sich der Japaner an die dritte Stelle vor, feierte seinen bislang größten Erfolg und sorgte für willkom-mene Abwechslung auf dem Podest. Ein Motor mit spitzerer Leistungscharakte-ristik hatte seiner Pramac-Honda schon im Training den besten Topspeedwert beschert, und seinen Bridgestone-Reifen hatte es Tamada zu verdanken, dass er die aggressiver einsetzende Leistung effektiv auf den Boden bringen konnte.Das waren auch gute Nachrichten für das von Dunlop zu Bridgestone wechselnde Kawasaki-Team, das nach einem vergleichsweise starken 13. Trainingsrang von Garry McCoy im Rennen abermals wenig zu feiern hatte: McCoy fuhr zehn Runden vor Schluss an die Box, weil sein Motor überhitzte – ein aufge-wirbelter Stein hatte den Kühler leck geschlagen. Und Teamkollege Andrew Pitt krebste als Vorletzter hinterher, weil sein Vorderreifen schlapp machte. Die Grünen standen im-merhin nicht mehr wie zwei Wochen zuvor in Portugal mit Negativ-Schlagzeilen im Rampenlicht. Diesmal konzentrierte sich das öffentliche Interesse auf die Kritik von Marco Melandri an seinem Arbeitgeber Yamaha. »Ein Desaster. So macht es mir keinen Spaß mehr, Motorrad zu fahren. Ich habe keinen Grip, weder vorne noch hinten. Selbst mit Qualifikationsreifen ändert sich nichts. Unsere Stars bringen uns auch nicht weiter: Barros behauptet, es liegt am Motor, Checa beschuldigt das Fahrwerk«, schimpfte der Italiener nach seinem 16. Platz im Abschlusstraining.Dabei hatte Melandri gerade erst, als letzter der vier Werkspiloten, die jüngsten Modifikationen der M1 mit überarbeiteten Zylinderköpfen, einer neuen Einspritzelektronik und einer modifizierten Airbox erhalten. Doch der Stein des Weisen war damit noch lange nicht gefunden: zu viele Veränderungen, zu wenig Zeit, die Teile systematisch auszusortieren. »Ich hoffe, dass Valentino Rossi bei Yamaha unterschreibt. Nur dann kann sich was ändern. Dann geben sie die gleiche Summe, die sie in ihn investieren, auch für die Entwicklung des Motorrads aus. Mit dem Brocken, der derzeit in unserer Garage geparkt ist, kann nämlich auch ein Rossi nicht gewinnen«, wetterte Melandri weiter.Die Hoffnung, Valentino werde die Seiten wechseln, gründete sich auf einen neuen Vorstoß von Yamaha im Tauziehen um den Superstar. Immer exzessiver werden die Summen, die für seine Dienste geboten werden. In Rio war von zwölf Millionen Euro Jahresgage plus der Hälfte der Flächen auf dem Motorrad für eigene Sponsoren die Rede, was Yamaha für Rossi springen lassen würde.So fantastisch die Summen, so vergnüglich die Polemik um einen möglichen Wechsel des Wunderkinds. »Rossi ist ein Feigling. Sonst würde er wechseln und beweisen, wozu er auf einem anderen Motorrad imstande ist«, wurde Biaggi in der italienischen Presse zitiert – eine Formulierung, die der Römer sofort dementierte. »Ich habe nie gesagt, dass Rossi die nötige Courage fehlt. Tatsache aber ist, dass es für ihn am bequemsten ist, bei Honda zu bleiben. Honda hat das beste Team und das beste Motorrad. Das ist eine Realität, die jeder sehen kann. Ich bin ihm noch nie mit den gleichen Waffen gegenübergestanden.« Wie zum Beweis musste sich Biaggi im Rennen mit dem vierten Platz zufrieden geben. Rossi schoss natürlich sofort zurück. »Biaggi ist ein gewiefter Taktiker. Er weiß genau, wie er die Presse und das Fern-sehen manipulieren kann, um den Leuten seine Version der Wahrheit aufzutischen. So will er meine Wahl fürs nächste Jahr beeinflussen. Aber ich werde mich bei meiner Entscheidung sicher nicht nach seinen Äußerungen richten«, erklärte Valentino. »Für ihn ist es sowieso am besten, wenn ich Honda-Werksfahrer bleibe, denn dann hat er bei jeder Niederlage sofort die passende Ausrede parat!« Allein der Spanier Sete Gibernau konnte die Rossi-Show im Rennen eine Weile mitgestalten. Acht Runden lang hielt er sich tapfer vor dem Champion, wurde dann aber wie eine lästige Fliege hinweggefegt – schon wenige Kurven nach seinem Überholmanöver war Rossi über alle Berge.Immerhin war Gibernau im Abschluss-training schwer gestürzt, wurde am Renntag erst nach einer langen Therapie des Clinica-Mobile-Teams halbwegs fit für den Start des 24-Runden-Rennens und zeig-te sich angesichts seines schmerzenden Knochengerippes durchaus einverstanden mit seinem zweiten Platz.Nicht einverstanden war er mit Rechen-spielen, der mit 51 Punkten in der Tabelle führende Rossi könne schon beim nächs-ten Rennen in Motegi Weltmeister werden, falls er, Gibernau, das Ziel verpasse. »Wenn ich von jetzt an alle Rennen gewinne und Rossi bei allen Rennen ausfällt, werde ich Weltmeister«, schnappte Sete schlagfertig zurück.Wie schnell Titelhoffnungen in einer Staubwolke untergehen können, zeigte das Rennen der 250-cm3-Klasse. Toni Elias, bis dato nur 14 Punkte hinter dem führenden Manuel Poggiali, lieferte dem Italiener einen gnadenlosen Kampf um jeden Zentimeter, der die 50000 Zuschauer auf den Tribünen mehr begeisterte als das früh entschiedene MotoGP-Rennen. Vor allem eingangs der schnellen Linkskehre am Ende der Gegengeraden packte der Spanier den Stier immer wieder an den Hörnern und ließ sein Motorrad schwungvoller in die Kurve laufen.Erst in der letzten Runde wurde ihm sein Mut an eben jener Stelle zum Verhängnis. Ein letztes Mal mit deutlich zu viel Speed an seinem Rivalen vorbei-gegangen, stemmte sich sein Vorder-reifen nur bis zur Kurvenmitte gegen die Fliehkraft. Dann klappte das Rad beleidigt ein, die blau-weiße Aprilia überschlug sich, und Elias war nur noch Vierter der WM-Wertung. Katja Poensgen hatte sich für den Rio-Grand-Prix qualifiziert, machte sich aber trotzdem schon vor dem 250er-Rennen auf den Heimflug. »Ich habe von meinem Sturz in Portugal ein Hämatom im Rücken. Die Spritze, die mir die Ärzte gestern verpasst haben, machte es nur schlimmer. Ich konnte nicht mehr zurückschalten und kaum mehr vom Motorrad steigen«, berichtete die 26-jährige Blondine. Die Ergebnisse ihrer deutschen Klassen-kameraden: Platz 14 für Dirk Heidolf, Rang 16 für Chris Gemmel.In der 125er-Klasse bescherte der scheinbar unerschöpfliche Pool junger Talente den rennbegeisterten Spaniern doch noch einen Sieger: Derbi-Werks-pilot Jorge Lorenzo, bislang ein krasser Außenseiter, tauchte unverhofft im Führungspulk auf, packte seine Chance in der letzten Runde im Kampf gegen Casey Stoner und Alex de Angelis energisch am Schopf und wurde im Alter von 16 Jahren und 139 Tagen zum jüngsten spanischen und zum zweitjüngsten Grand-Prix-Sieger überhaupt gekürt.Steve Jenkner war im ersten Training »nicht munter« genug und hatte ein schlechtes Gefühl fürs Motorrad, vertat sich am zweiten Tag mit der Abstimmung und fand »nicht raus aus dem Schla-massel«. Vom achten Startplatz fuhr er im Rennen schließlich auf Rang zehn. »Mehr war ums Verrecken nicht drin – ich war das ganze Rennen an der Sturz-grenze«, schilderte er. »Doch wenigstens sah ich nach vier Nullern hintereinander wieder die Zielflagge!“
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Grand Prix Brasilien (Archivversion) - Entwicklungshelfer

Der Grand-Prix-Experte und TV-Kommentator Jürgen Fuchs erklärt, was ein Team an den Strecken über den Rennbetrieb hinaus noch Wichtiges leisten muss.
Es ist praktisch nicht mehr möglich, eine Maschine am Reißbrett zu entwickeln und mit Testfahrern bis zum Siegermotorrad weiter zu verfeinern. Erstens würde ein japanischer Tester seinem Arbeitgeber nie direkt sagen, wenn er Mist gebaut hat. Zweitens sind die Stammfahrer meist schneller, was die Schwächen der Bikes erst aufdeckt. Das heißt, im Wesentlichen muss die Weiterentwicklung von Werksmotorrädern heute an den Rennwochenenden stattfinden. Was nicht bedeutet, dass die Teams vor Ort zum Schweißgerät greifen. Erwartet werden jedoch möglichst detaillierte Vorschläge für die notwendigen Modifikationen. Was sicher leichter gesagt als getan ist, denn ein gutes Motorrad ist unglaublich komplex. Motor, Chassis, Dämpfung, Reifen und Fahrer müssen eine Einheit ergeben. Die Tests von neuen Teilen bringen nur selten ein eindeutiges Ergebnis. Oft stehen sie in Abhängigkeit zu weiteren Komponenten. Daher geht der Schuss der Weiterentwicklung so oft nach hinten los. In der Praxis setzt sich dabei häufig eine gute Mischung durch. Wähle einen Piloten mit Erfahrung und einen, der sich erst noch beweisen muss – das ist die Devise von KTM. Honda setzt junge Ingenieure mit neuen Ideen ihren gestandenen Top-Leuten zur Seite. Andere paaren knallharte Rechner mit rein sportlich orientierten Strategen. Harald Eckl nimmt die Sache quasi selbst in die Hand, lässt eine neue Kawasaki in Europa bauen. Suzuki kündigt eine aggressive Gangart für 2004 an und will damit durch »Himmel oder Hölle«. Yamaha will Rossi. Mal sehen, was da geht.

Grand Prix Brasilien (Archivversion) - Geheimtest in Oschersleben

Kawasaki-Teammanager Harald Eckl ließ ein neues Bike für die MotoGP-WM entwickeln.
Ein neues Motorrad soll Kawasaki bessere Resultate in der MotoGP-WM bringen: Der australische Werkspilot Andrew Pitt ging Anfang September in Oschersleben zu geheimen Testfahrten mit einer radikal modifizierten Kawasaki Ninja ZX-RR auf die Strecke. »Reparaturversuche der jetzigen Maschine bringen uns nicht mehr weiter. Wir brauchen eine Alternative, ein rollendes Versuchslabor”, erkannte Teamchef Harald Eckl. Deutlich kompaktere Dimensionen, eine andere Rahmengeometrie mit niedrigerem Schwerpunkt, eine neu entwickelte Umlenkung für das hintere Federbein zählen zu den technischen Modifikationen.Die mit Impulsen der japanischen Entwicklungsingenieure und den Erfahrungen des Teams auf die Räder gestellte internationale Koproduktion wird bei der Schweizer Firma Suter Racing Technology gefertigt. »Mein Ziel ist es, japanische Hochtechnologie und europäisches Know-how zu verschmelzen und auf diese Weise in der kürzest möglichen Zeit ein schlagkräftiges Motorrad zu entwickeln”, träumt Eckl von Formel-1-ähnlichen Strukturen, bei denen das Werk die Rennmotoren liefert, bei der Konstruktion des Chassis und beim Rennbetrieb aber nur aus der Ferne Regie führt. Erfolg versprechend ist das neue Konzept auf jeden Fall: Bei der Probefahrt schwärmte Pitt bereits von der Handlichkeit und Zielgenauigkeit des Prototyps. Wenn das Kawasaki-Manage-ment grünes Licht gibt, wird das Motorrad im November offiziell eingeweiht.

Grand Prix Brasilien (Archivversion)

Valentino Rossi, in Brünn noch mit flammend roten Haaren in Aktion, ließ sich das Haupt für Rio grün-golden färben. »Eine Hommage an Brasilien, ein Land, das mir überaus gut gefällt«, ließ der Doktor wissen.

Grand Prix Brasilien (Archivversion)

Ducati rüstete für Rio auch das Motorrad von Troy Bayliss mit jenen mächtigen Gabeln mit 50 Millimeter Tauch-rohrdurchmesser aus, die Loris Capirossi bereits in Portugal eingesetzt hatte. Bei Tests in Mugello hat Capirossi außerdem schon die Desmosedici für 2004 ausprobiert.

Grand Prix Brasilien (Archivversion)

Zwei Runden, zwei Stürze: Nicht Kawasaki, nicht WCM, auch nicht das von ständigen Defekten heimgesuchte Proton-Team von Altmeister Kenny Roberts, sondern Yamaha-Werksfahrer Olivier Jacque schaffte den Negativrekord im MotoGP-Abschluss-training beim Grand Prix von Rio. Nach anderthalb Runden zerstörte der ehemalige 250er-Welt-meister aus Frankreich die erste seiner bei-den blauen Gauloises-Yamaha. Flugs kehrte er über eine für Werbetafeln gebaute Leiterbrücke zur Box zurück und schwang sich entnervt auf die Ersatzmaschine – nur um eine halbe Runde später in genau der gleichen Kurve den zweiten kapitalen Sturz zu bauen. »Was kann ich dazu sagen? Am besten gar nichts«, rollte Teamchef Hervé Poncharal die Augen.

Grand Prix Brasilien (Archivversion)

+++ Der Grand Prix im japanischen Suzuka, ursprünglich am 4. April 2004 als Eröffnungsrennen der nächsten Saison auf dem Programm, wurde nach dem tödlichen Unfall von Daijiro Kato in diesem Frühjahr aus Sicherheitsgründen aus dem vorläufigen Kalender gestrichen. Die seit den 60er Jahren kaum modifizierte Hochgeschwindigkeits-Piste wird umgebaut und soll 2005 ihr GP-Comeback erleben. ++++++ KTM sucht Kunden für den neuen MotoGP-V4-Motor, den Konstrukteur Harald Bartol und sein neues Team gebaut haben. Nachdem die Entwicklung eines kompletten MotoGP-Renners Ende Juli aus Kosten-gründen gestoppt worden war, sollen jetzt doch wenigstens die Triebwerke eine Chance erhalten. KTM plant außerdem ein 125er-Juniorteam. Einer der Kandidaten: der 13-jährige Deutsch-Italiener Sandro Cortese, Schützling des ehe-maligen 125er-Weltmeisters Dirk Raudies. ++++++ Mit elf von zwölf möglichen Siegen in der MotoGP-Klasse sicherte sich Honda in Rio vorzeitig die Markenweltmeisterschaft. ++++++ Brasiliens Idol Alex Barros fuhr bei seinem Heim-Grand-Prix auf den tristen zwölften Platz. Schuld war nicht nur seine wenig konkurrenzfähige Yamaha, sondern auch seine rechte Schulter. Nach einem Rempler vom Japaner Kagayama im Warm-up zum England-GP im Juli zeigte sich erst jetzt, dass es sich bei der vermuteten Entzün-dung um eine gerissene Sehne handelt. Barros muss unters Messer, wartet wegen der dreiwöchigen Genesungszeit aber bis zum Saisonende im November. +++

Grand Prix Brasilien (Archivversion)

Makoto Tamada bewies mit der Bridgestone-bereiften Pramac-Honda, dass die japanischen Pneus der europäischen Konkurrenz von Michelin ebenbürtig sind. »Tamadas Traktion beim Herausbeschleunigen ist erstaunlich«, war auch Weltmeister Valentino Rossi aufgefallen.

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