Hits für Kids (Archivversion)

Auf’m Sprung

+++ Keine deutschen Weltmeister? Soll bloß niemand jammern. Denn wer Motorradrennen fahren möchte, hat
genug Gelegenheit – mehr als je zuvor +++

Manuel fädelt mühevoll seinen Motocross-Stiefel zwischen die zierliche Fußraste und den zerbrechlich wirkenden Schalthebel an Marvins Minibike. Der klobige Offroad-Treter will und will nicht zwischen die filigranen Aluteile passen. »Dann wird eben mit der Ferse geschaltet«, gibt der Junge entnervt auf, zieht den Schalthebel mit der Hacke nach oben, und ab geht’s. Manuels allererste Meter auf Asphalt, hier auf der Kartbahn in Walldorf bei Hockenheim. Jan, Marvin und Florian wissen nicht so recht, ob sie grinsen sollen. Denn in ein paar Minuten sind auch sie dran. Selbst schuld, hätten sie die Idee nicht mit ausgeheckt: Partnertausch zum Abschluss sozusagen. Sei’s drum. Eine Stunde später wird jeder der vier mit den Maschinen der neuen Kumpels gefahren sein. Jan, der Trialer, mit Manuels Crosser, Marvin, der Minibiker, mit Florians Supermoto-Maschine, Manuel mit der Trialmaschine, Florian mit dem Minibike und und und. Doch nicht nur wegen dieser Gelegenheit können sich die vier glücklich schätzen. Sondern auch, weil sie das tun, wasviele ihrer Altersgenossen gern tun würden: Motorradrennen fahren. Und das in einem Alter, in dem für andere selbst der Mofa-Führerschein noch ein Thema der ferneren Zukunft darstellt. Jan Schäfer ist elf und bereits einer der besten Nachwuchs-Trialer im süddeutschen Raum. Der zehnjährige Manuel Engel gehört zu den Allerjüngsten im renommierten ADAC-Motocross-Junior-Cup. Florian Kopp, mit zwölf gewissermaßen der Senior der Truppe, balgt sich im Vorderfeld des Supermoto-Youngster-Cup von MZ. Und Marvin Fritz hat’s schon geschafft. Mit zehn Jahren ist er Sieger des ADAC-Mini-Bike-Cup 2003. Dennoch: Ganz allein mit ihrer Passion sind die vier Jungs nicht. Gut 1000 Youngster unter 16 Jahren rollen hier zu Lande Sonntag für Sonntag hinter die Startlinien. Die Anzahl derjenigen, die ohne Wettbewerbsambitionen auf den Trainingsstrecken am Gasgriff drehen, dürfte gut doppelt so hoch sein. Den Löwen-anteil stellen dabei die Motocrosser. Gut drei Viertel der Nachwuchs-Szene debütiert auf Grobstöllern. Aus gutem Grund. Mehrere hundert, quer über Deutschland verteilte Motocross-Pisten legen die Latte für den Einstieg ziemlich niedrig. Ent-sprechend riesig ist das Angebot an Trainingsmöglichkeiten und regionalen Amateur-Rennen. Der Rest muss sich nach der Decke strecken. Ob Straßenrennsport, Supermoto oder Bahnrennen, Glück hat nur derjenige, der in der Nähe von Trainings-Arealen, also Kartpisten oder Bahnovalen wohnt. Die Ausnahme bleibt Trial. Mit den leisen Klettergemsen kann in jedem größeren Hof geübt werden. Glück haben aber auch nur die jungen Menschen, deren Erzeuger was für das jugendliche Faible übrig haben – oder die ihnen die Begeisterung in die Wiege legen. So wie Marvins Papa Wolfgang Fritz, der Anfang der neunziger Jahre sogar bei den Straßen-Grand-Prix antrat. Jans Daddy Siegfried Schäfer war Wettbewerbs-Endurist, Florians Vater Helmut crosst heute noch. Nur Eberhard Engel, Manuels Senior, ist von motorsportlicher Familientradition unbeleckt. »Ich wollte das einfach. Motocross bringt’s«, erklärt Manuel seinen Einstieg lapidar. Den erquengelte er sich bereits mit fünf Jahren. Die Eltern ließen sich überreden und arrangierten sich mit Sohnemanns Sport. Und mit dessen üblichen Folgen. Ein Wohnmobil hat mittlerweile die Familienkarosse abgelöst, deren ehemalige Garage mutierte zur Motorrad-Werkstatt. Motorsport für Jugendliche fordert ein klares Bekenntnis. Der Multifunktionsjob als Chauffeur, Mechaniker, Trainer und Sponsor liegt nicht allen Müttern und Vätern. Offensichtlich jedoch genügend. Nahezu in jeder Disziplin kümmern sich Initiativen begeisterter Eltern, des ADAC oder der Motorsport-Verbände (siehe Tabelle Seite 124) um den Nachwuchs, beraten beim Einstieg, bieten Lehrgänge an und geben Tipps bei der Suche nach Trainingsplätzen. Einmal in diesen Informationszirkel integriert, lichtet sich für Außenstehende schnell der oft schwer durchschaubare Dschungel der Motorsport-Szene. Weil die Jungs und Mädels ruck, zuck aus ihren Rennklamotten herauswachsen und die Motorrädchen nach ein, zwei Jahren zu klein werden, funktioniert ein motorsportlicher Generationen-Vertrag. Durch den Gebrauchtmarkt in den Fahrerlagern lassen sich die Kosten für Bekleidung und Maschinen schnell halbieren.Für Marvins Minibike etwa: Brückenrahmen, Gussräder, 65-cm3-Honda-Motor, 18 PS, 73 Kilo Gesamtgewicht. Neupreis: 4000 Euro. Oder Manuels Crosser: 85er-Yamaha, knapp 30 PS,280 Millimeter Federweg vorn und hinten, 70 Kilo, gleicher Preis. Und Florians Supermoto-Maschine: MZ, 125er-Viertaktmotor, 15 PS, 125 Kilo, 3000 Euro. Genauso wie Jans Trialer: Beta, Brückenrahmen, 80-cm3-Motor, 10 PS, 45 Kilogramm, auch für 3000 Euro. Nach zwei Jahren sind sie allesamt etwa für die Hälfte zu bekommen. Für noch Jüngere gibt’s 50-cm3-Miniaturversionen (siehe Tabelle unten) für Ältere taugen zudem die 125er- oder 200er-Maschinen der Erwachsenen-Klassen. Immerhin: In einem Alter, wo sich manche mit der Fahrradprüfung noch schwer tun, beherrschen Jan und Co. das diffizile Spiel mit Gasgriff, Kupplung, Schalthebel und Bremse im Schlaf. Und wenn der Respekt vor dem Ungewohnten das Quartett beim Rollentausch zunächst noch zurückhielt, lassen es die Jungs auf der eigenen Maschine gewaltig krachen. Marvin winkelt sein Minibike mit schraddelndem Knieschleifer um die Ecken, Manuel fliegt mit seiner Yamaha auf der angrenzenden Crosspiste über 15 Meter lange Table Tops, Florian schleift an der MZ die Fußrasten gleich zentimeterweise ab, und Jan dreht seine Beta auf dem Vorderrad mal locker um 90 Grad. Fähigkeiten, die sich die Jungs in einigen Jahren antrainiert haben. Am intensivsten die Offroad-Abteilung. Knapp 30 Veranstaltungen spulen Familie Engel und Schäfer im Jahr ab. Moderater kann’s die Asphalt-Liga angehen lassen. Etwa acht Supermoto- oder Minibike-Läufe stehen auf dem Programm.Mit drei schwang sich Marvin zum ersten Mal auf eine Yamaha PW 50, für Jan begann alles mit vier, Manuel war – wie erwähnt – fünf, und Florian debütierte mit sechs. Seither fordert die Schrauber-Assistenz beim Herrn Papa, das gelegentliche Jogging, der obligatorische Nachmittag pro Woche auf dem Motorrad und die Wettbewerbe an den Wochenenden Zeit. Zeit, die den Youngstern für ihre Kumpels aus der Klasse fehlt. »Zwei, drei interessieren sich für Motocross. Die kommen dann auch mal zu den Rennen in der Nähe«, erzählt Manuel. Marvin, der bei weit entfernten Veranstaltungen vom Klassenlehrer montags hin und wieder frei bekommt, revanchiert sich auf seine Weise. Zum Minibike-Rennen im nahen Schaafheim lud der Fünftklässler gleich die ganze Klasse samt Lehrerin ein. Nur Jan fand bislang noch größeres Interesse. Bei einem Fest am Gymnasium begeisterte der Sechstklässler mit Trial-Einlagen. Seitdem kennen die Kollegen aus der Unterstufe doppelt so viele Motorrad-Rennfahrer wie vorher: Valentino Rossi und Jan. Und vielleicht auch irgendwann einmal Manuel und Marvin.
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Jugendsport im Überblick: Motorsport für den Nachwuchs (Archivversion) - Die Menge Macht’s

Vernachlässigen wir mal Trial, Bahnsport und Supermoto. Wo’s in Sachen Nachwuchs-Racing abgeht, ist der Straßenrennsport und insbesondere Motocross. Dort tummelt sich der Löwenanteil der Jungrennfahrer. Die Werte in der Tabelle geben die Zahl der Lizenzfahrer der offiziellen Motorsport-Verbände inklusive der Starter bei den jeweiligen Amateur-Organisationen an. Und Konkurrenz belebt auch in der Jugendszene das Geschäft. Wer sich beispielsweise bei den etwa 6000 Jung-Crossern in Frankreich durchsetzen kann, der hat es drauf. Der Beweis: Fünf der letzten sechs Motocross-Weltmeister-Titel in der 250er-Klasse gingen an die Grande Nation. Während die Größe der Youngster-Szene in den verschiedenen Ländern im Offroad-Bereich stark differiert, zeigt die Straßensport-Szene eine überraschende Einheitlichkeit. Der Grund: Ernsthaft betriebener Rennsport ist teuer und wird über-wiegend in geschlossenen Markenpokalen oder teilnehmermäßig limitierten Klassen ausgeübt. Die Dunkelziffer der Begeisterten dürfte aber weit höher liegen. Wie etwa in Spanien. Dort bewarben sich vor drei Jahren für den Telefonica-Movistar-Junior-Cup 3500 Schüler. 50 erhielten einen Startplatz. Einer davon, Daniel Pedrosa, ergatterte 2003 den 125er-WM-Titel.

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