Indoor-Supermoto in München (Archivversion)

Achtzig Grad

Wenn die Stimmung kurz vor dem Siedepunkt ist, fehlt nur noch die passende Schräglage – 80 Grad. Bei der Indoor-Supermoto-Premiere in der Münchener Olympiahalle harmonierte beides.

Die Maschine: Dritter Gang Voll-gas, knapp 100 Stundenkilometer, Gabel und Federbein sind zusammengequetscht. Der Mensch: Für ihn kippt der Horizont. Bei 70, 80 Grad Schräglage verwandelt sich die Horizontale zur Vertikalen. Die Zentrifugalkraft drückt das Blut aus den Augen, lässt für ein paar Zehntelsekunden den Blick verschwimmen. Das Geschehen: Supermoto in der Olympiahalle München, Radrennbahn.In der Tat, es war ein außergewöhnlicher Auftritt an diesem Wochenende kurz vor Weihnachten. Supermoto – gemeinsam mit den Supercrossern in Bayerns Landeshauptstadt. So überschaubar wie noch nie, eine Strecke wie noch nie. Start hinter der Startanlage der Offroader, zwölf Mann in einer Reihe. Dreißig Meter später zwingt die Radrennbahn das Feld auf die Hälfte seiner Breite zusammen. Doch das furiose Dutzend wird trotzdem mit Vollgas auf die Holzplatten donnern und wie Düsenjets blitzartig in noch nie erlebte Schräglagen abtauchen. Gut 50 Grad gibt das hölzerne Oval vor. Die Besten werden noch 30 Grad drauflegen, um möglichst viel Schwung auf die Gerade mitzunehmen. Danach Vollbremsung auf der nächsten Steilwandkurve, Abbiegen zum Sturzflug auf die Erde des Innenfelds. Zwei Kehren später spuckt ein Doppelsprung die Cracks wieder auf die Startgerade aus. Weniger als 20 Sekunden vergingen seit dem Start. Nicht mal vier Minuten später beendet die schwarz-weiß-karrierte Flagge die Halbfinals, den Hoffnungslauf und das Finale. Klingt lächerlich, doch jeder Augenblick zählt doppelt. Denn es wurde hart gekämpft an diesem Freitagabend. Weil fast alle da waren, die Drifter aus der Supermoto-DM. Das KTM-Werksteam mit dem Deutschen Meister Jürgen Künzel sowie den alten und neuen Teamkollegen Klaus Kinigadner, Achim Trinkner und Jens Hainbach. Die Husqvarna-Truppe mit dem blutjungen Europameister Bernd Hiemer sowie Neuzugang Marc-Oliver Nemeth. Die Schweizer Chefeta-ge um Yamaha-Treiber Dani Müller oder Tschechiens Klassenprimus Petr Vorlicek. Ein ganzer Stall voll gieriger Privatpiloten samt Supersport-Crack Markus Barth und Quotenfrau Jessica Baruth. Wenigstens ein einziges Mal in ihrer Karriere waren sie alle gleich. Zumin-dest vor dem Training. Denn kaum einer wusste, worauf er sich einließ. Keiner hatte nach Jahren auf den dicken 600-cm3-Brummern in den internationalen Meisterschaften große Erfahrung mit der in der Halle vorgeschriebenen 450er-Maschine oder wusste, welche Reifen für das fremde Terrain taugen. Nur die wenigsten ahnten, wie schnell der infernalische Rhythmus die Unterarmmuskeln in betonhart verkrampfte, kaum mehr der Kontrolle über die Maschine fähige Körperteile verwandeln sollte. Denn nur einer dieser Supermoto-Jungs wäre alt genug gewesen, um sich noch an die Vorläufer dieser Premiere, die guten alten Hallencross auf Holzboden in den achtziger Jahren, zu erinnern: Harald Ott. Doch der amtierende deutsche Supermoto-Vizemeister, der auf genau diesen Brettern – damals freilich ohne Offroad-Teil – als vierfacher Hallenkönig genauso berühmt wie berüchtigt war, hatte zwei Jahrzehnte später beim Deal um das Antrittsgeld zu hoch gepokert und musste zuschauen.Vielleicht war es aber doch die Erfahrung, die das Rennen vor 5000 Fans eine ganz ungeahnte Wendung nehmen ließ. Weil der 20-jährige Hiemer sowie Evergreen Kinigadner regelmäßig im Offroad-Teil strauchelten und Hainbach, Müller und Trinkner sich gelegentlich auf die Hartfaserplatten packten, dominierte ausgerechnet der, der den Rennsport schon längst von der anderen Seite der Absperrungen verfolgt: Kurt Nicoll. Nach vier Motocross-Vizeweltmeistertiteln steuert der 39-jährige Brite seit geraumer Zeit als KTM-Sportchef die orangefarbene Truppe – um sich des Öfteren selbst ins Getümmel der Enduros, Hillclimbings oder Supermotos dieser Welt zu stür-zen. In München reichte die Kraft des zweiten Frühlings und ein Sturz des im Finale zunächst führenden Jürgen Künzel jedenfalls aus, um in die Supermoto-Geschichte einzugehen – als Siegers der deutschen Indoor-Premiere dieser Disziplin. Der, nach den Reaktionen der Fans zu schließen, in absehbarer Zukunft noch einige folgen dürften.
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Indoor-Super Moto in München: Reportage (Archivversion) - ERGEBNISSE

1. Kurt Nicoll (GB), KTM 2. Petr Vorlicek (CZ), KTM 3. Jürgen Künzel, KTM 4. Wilfried Reiter (A), KTM 5. Beat Gautschi (CH), Husqvarna 6. Marc-Oliver Nemeth, Husqvarna 7. Bernd Hiemer, Husqvarna 8. Manolito Welink, Honda 9. Dirk Spaniol, Suzuki 10. Klaus Kinigadner (A), KTMWährend in München die Indoor-Supermoto-Premiere in Deutschland gelang, dürfen sich die österreichischen Supermoto-Fans schon seit drei Jahren über die Drifts unterm Hallendach freuen. Am 14./15. Februar ist’s in der Wiener Stadthalle wieder so weit. Im Vergleich zu München sogar mit einem international noch besser bestücktem Starterfeld. Weltmeister Eddy Seel und Supermoto-Rückkehrer Thierry van den Bosch führen eine ganze Armada Hochkaräter an. Karten zwischen 23 und 35 Euro gibt’s beim ÖAMTC, Telefon 0043/1/7999979; www.stadthalle.com

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