MotoGP-Auftakt in Jerez/Spanien (Archivversion)

Jugend forsch

Jugendliche Angreifer wie Daniel Pedrosa und Toni Elias drängen mit großem Elan, aber noch mit mehr oder weniger Erfolg in die MotoGP-Spitzenränge. Mit dem ewig jungen Loris Capirossi konnte wenigstens einer aus dem Establishment erfolgreich dagegenhalten.

Sete Gibernau strahlte nach dem Abschlusstraining: ýÿIch bin glücklichýÿ. Der Spanier hatte sich für sein Heimspiel, den MotoGP-Saisonauftakt in Jerez, hinter seinem Ducati-Teamkollegen Loris Capirossi als Zweiter qualifiziert. Die mit futuristischer Elektronik vollgepackten Desmosedici-Maschinen, deren Mikrochip-gesteuerte Rutschkupplung fürs Hinterrad bei den Vorsaison-Tests noch verrückt gespielt hatte, funktionierten nun perfekt wie Digitaluhren. Viel Grip auf dem körnigen Belag der Strecke bedeutete auch Traumbedingungen für Reifenhersteller Bridgestone, der sich ebenso wie Michelin neue Konturen mit größerer Auflagefläche bei maximaler Schräglage hatte einfallen lassen. Mit dem relativ flexiblen Ducati-Gitterrohr-Chassis von den Chattering-Problemen vieler Konkurrenten verschont, katapultierten sich Capirossi und Gibernau mit enormer Traktion aus den Kurven, und die einzige Sorge, die Sete noch hatte, war die lange Renndistanz. ýÿDas
Fahren mit der Ducati kostet viel Kraft. Ob ich diesen Kampf bis zum Ende in vollem Tempo durchstehe, ist nicht sicher.ýÿ
Zur Bewährungsprobe seiner physischen und psychischen Kondition kam es allerdings gar nicht ýÿ Setes Glück war vorbei, bevor das Rennen überhaupt richtig angefangen hatte. Während Capirossi vorn überlegen davonzog, rollte Gibernau in der zweiten Runde mit Elektronikschaden aus. Ein Sensor am Getriebe spielte verrückt ýÿ womit ihm jenes Pech treu blieb, das ihn schon im
Vorjahr von Siegen abgehalten hatte.
Seinem Erzrivalen ging es nicht viel besser. Valentino Rossi, bei den letzten offiziellen Vorsaison-Tests in Jerez zwei Wochen vor dem Grand Prix von hartnäckigem Fahrwerksrattern aufgehalten, drehte sich auch am Rennwochenende mit der Abstimmung im Kreis. Die Michelin-Reifen schieden als Störenfried aus, denn das Chattering zeigte sich genauso mit Reifentypen, die Rossi im Vorjahr eingesetzt hatte; außerdem klagte Yamaha-Kollege Carlos Checa, auf Dunlop-Reifen unterwegs, über das gleiche Phänomen. Der Wurm steckte irgendwo in der neuen M1, weshalb die
in Alarmstimmung versetzten Yamaha-Ingenieure per Luftfracht Fahrwerksteile wie etwa die Hinterradschwinge für Modifikationen ins Werk und wieder zurück nach Europa schicken ließen. Am Ende steckte Rossi in einer Zwickmühle: Er wies seine Techniker an, etwas an Traktion zu opfern und so das Chattering zu unter-
drücken und den Rest seinen Fahrkünsten zu überlassen. Die
vielen Slides gingen natürlich zu Lasten der Reifenhaltbarkeit.
Ob Rossi wie schon so oft für das Rennen selbst ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert hätte, werden wir nie erfahren. Bereits in der ersten Kurve war seine Aufholjagd von Startplatz neun aus
der dritten Reihe beendet ýÿ Honda-Junior Toni Elias wich Shinya Nakanos Kawasaki aus, kreuzte dabei Rossis Spur und hebelte das Hinterrad der Weltmeister-Yamaha aus. Doktor h.c. Rossi musste zu Boden, boxte danach erst mal wütend in die Luft, betrachtete seine Maschine dann eine Weile unschlüssig und rang sich schließlich doch zu einer einsamen Verfolgungsjagd durch. Am Ende vernaschte er immerhin noch seinen Markenkollegen
James Ellison sowie Alex Hofmann auf der dýÿAntin-Ducati und
belegte mit demoliertem Bremshebel Rang 14. Vervollständigt
wurde das versöhnliche Ende, als Toni Elias, der im Kampf gegen Honda-Werksfahrer Nicky Lee Hayden nur ganz knapp das Podest verpasste, sich in der Auslaufrunde händeringend bei seinem weltmeisterlichen Opfer entschuldigte.
Ohne Rossi und Gibernau war an der Spitze der Weg für die Jugend fast frei. Fünf Honda-Piloten stürmten hinter dem alten Meister Capirossi auf die Plätze, und noch beeindruckender als das Debüt von Casey Stoner, der wegen einer Sturzverletzung neun Test-Tage verpasst hatte und trotzdem Sechster wurde, war das erste MotoGP-Rennen von Daniel Pedrosa. Das spanische Wunderkind hatte einen schlechten Start, steuerte aber unbeschadet um das Chaos in der ersten Kurve herum. Dann machte er seinen Teamkollegen Nicky Hayden dingfest und blies zur Jagd auf Loris Capirossi. Meter um Meter feilte er von seinem Rückstand weg und erreichte unter wahren Stürmen der Begeisterung der 131000 Zuschauer fünf Runden vor Schluss
sogar das Hinterrad des Italieners.
Unterschiedlicher freilich hätte der Auftritt der beiden gar nicht sein können. Capirossi peitschte seine Ducati Desmo-
sedici vorwärts, wobei seine Maschine ein wildes Eigenleben entwickelte. Sie schlingerte, bäumte sich auf, verwand sich und keilte immer wieder eigensinnig mit dem Heck aus ýÿ der typische, verwegene Rodeostil des kleinen Italieners. Ganz
anders der 250er-Weltmeister: Weich, rund, unspektakulär, wie mit Samthandschuhen dirigierte er seine RC 211 V um die Kurven, und als am Schluss seine Reifen nachließen und heftigere Rutscher drohten, war er klug genug, es bei seinem zweiten Platz bewenden zu lassen. ýÿIch bin mehr als zufrieden mit
diesem Resultat. Ich habe nie wirklich vom Sieg geträumt, denn mir war klar, dass Capirossi nur seine Reifen schonte und am Schluss noch etwas in Reserve hatteýÿ, schilderte Pedrosa. ýÿIch dagegen war müde; mein Vorderreifen fing an, in den
Kurven wegzurubbeln, und ich hatte keine Lust zu stürzen.ýÿ
Die Leistung des 22-Jährigen, dessen neue Maschine dreimal so schwer ist wie er selbst, war auch deshalb bemerkenswert, weil im Honda-Lager verbreitet Fahrwerksprobleme herrschten. Um die Handlingsvorteile der Yamaha auszubügeln, hatte Honda den Aufhängungspunkt des Motors erhöht. Jetzt fiel die Maschine leichter in die Kurve, hatte dafür aber weniger Traktion beim Beschleunigen. Vor allem WM-Favorit Marco Melandri kam mit der neuen Ausgabe der RC 211 V
völlig außer Tritt und erst wieder in Schwung, als ihm Honda das alte Fahrwerk aushändigte.
Im Training wurde die Honda-Armada dabei nicht nur von Ducati, sondern auch von Kawasaki geschlagen. Passend zum 50. Geburtstag von Teamchef Harald Eckl erbeutete Shinya Nakano einen sauberen dritten Startplatz. Am Rennsonntag drehte sich indes der Wind: Nakano wurde im Gemenge der ersten Kurve aufgehalten, fand danach nicht den nötigen Reifengrip und wurde Siebter. Teamkollege Randy de Puniet hatte sich schon bei einem Sturz am Vormittag an der rechten Hand verletzt und warf nach einem Ausritt das Handtuch.
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Puig, Alberto: Interview (Archivversion)

Repsol-Honda-Teamdirektor Alberto Puig (r.) über
seinen kometenhaften Schützling Daniel Pedrosa
Daniel Pedrosa hat ein fantastisches Debüt in der MotoGP-Klasse hingelegt. Ist er das größte Talent dieser Epoche?
Dazu nur eines: Drei Weltmeister-Titel in so jungen Jahren, das hat vor ihm noch keiner erreicht. Es spricht für sich selbst.
Dem Honda-Team fehlte seit dem Weggang von Valentino Rossi eine Führungspersönlichkeit. Wird er diese Rolle schon bald übernehmen?
Wir tasten uns langsam vor, wie wir es schon immer gemacht haben: Schritt für Schritt. MotoGP ist eine sehr schwierige Klasse mit sehr vielen guten, erfahrenen Fahrern. Und obwohl Dani nach den Ausfällen von Rossi und Gibernau ein gutes Resultat gelang: Die Lernprozesse sind längst noch nicht beendet.
Als Rossi in die 500er- Klasse wechselte, stürzte er ziemlich oft. Wie entdeckt Dani das Limit der MotoGP-Klasse?
Hm ýÿ er ist noch dabei, es zu entdecken. Er stürzte bei den Tests in Phillip Island, er stürzte erneut in Montmeló. Natürlich ist es das Ziel, immer ein bisschen unter dem Limit zu bleiben, um es dann ein
wenig hinauszuschieben. Doch das ist leichter gesagt als
getan. Diese Motorräder sind schnell und schwierig zu beherrschen, man muss enorm aufpassen.
Es heißt, Dani habe ein Spezialmotorrad?
Es unterscheidet sich von den anderen nur in der Sitzposition, dem Sitz, dem Tank, dem Lenker, der Silhouette sozusagen. Doch das Motorrad an sich ist das Gleiche wie das von Elias, Melandri, Tamada und Stoner. Wer behauptet, Dani habe ein anderes Chassis, erzählt Märchen.
Versuchen Sie, das Motorrad an ihn oder seinen Fahrstil ans Motorrad anzupassen?
Den Fahrstil von Dani muss man nicht ändern, denn er ist gut. Man muss alles nur ein bisschen zusammenführen, sich gegenseitig kennen lernen sozusagen. Zunächst ist es wichtig, dass sich Dani beim Fahren wohl fühlt, weshalb wir das Motorrad auch an seine geringe Körpergröße von 1,58 Meter angepasst haben. Anschließend geht es darum, das Motorrad an seinen Fahrstil anzupassen. Manche Fahrer gehen sehr hart mit ihrer Maschine um, Dani dagegen fährt weich, gefühlvoll, und dafür suchen wir das passende Set-up. Wir dürfen es uns nicht zu kompliziert machen.
Zum Rennende hin ließen Danis Reifen nach. Auch seine Kräfte?
Dani ist ein kleiner Kerl und muss sich gewal-
tig anstrengen auf dieser Maschine. Und er wird sehr müde. Er hat nicht viel Gewicht, das er hin und her
bewegen und in die Waagschale werfen kann, und deshalb muss er umso mehr zupacken, das ist klar. Ich denke, physisch ist er noch nicht in der optimalen Form für diese Klasse.
Wie ist Ihr persön-
liches Verhältnis zu Dani: Vater-
figur, Mentor, Lehrer, Freund?
Alles zusammen. Wir haben das halbe Leben miteinander verbracht, sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen, seit er mit 14 Jahren angefangen hat. Das hat unser Verhältnis ge-
prägt. Wir kennen und vertrauen einander.
Im Gespräch mit seinen Technikern wirkt Dani entspannt, in der Öffentlichkeit dagegen manchmal wie versteinert.
Dani ist etwas scheu und introvertiert, konzentriert sich vollständig auf seine Aufgabe am Rennwochen-
ende und weicht dem großen Rummel aus. Was mir gefällt: Er hat drei Welt-
meister-Titel gewonnen und ist trotzdem als Person sehr bescheiden geblieben. Du wirst ihn nie mit einem Super-Sportwagen sehen, und du wirst ihn auch nie bei
einer Fiesta mit riesigen Menschenmassen sehen. Er zieht eben die Privatsphäre vor, mit sich, seinen Freunden und seiner Familie.

Das Interview führte MOTORRAD-Sportreporter Friedemann Kirn.

Puig, Alberto: Interview (Archivversion)

Der einzige deutsche MotoGP-Held Alex Hofmann
erlebte im d¿Antin-Ducati-Team eine turbulente
Saisonpremiere 2006 mit versöhnlichem Abschluss.
Wir haben über Winter fleißig mit Dunlop und mit unserer Ducati gearbeitet, doch im Training von Jerez sind wir wegen allerlei Kleinigkeiten kaum zum Fahren gekommen. Und
wir wären sicher nicht im Rampenlicht gestanden ýÿ wenn es zu Beginn des Abschlusstrainings nicht zum Drama gekommen wäre. Wegen eines defek-
ten Clips, eines Drei-Euro-Teilchens, rutschte der Ölschlauch vom Überdruckkanister an der rechten Motorseite und führte zum Super-GAU: Ein Schwall von Öl ergoss sich auf mein Hinterrad und auf die Strecke, worauf ich im Supermotard-Stil böse schlingernd ins Kiesbett ratterte. Weil die Strecken-
posten nicht sofort reagierten, sprang ich auf die Reifenstapel und versuchte, die nachfolgenden Piloten zu warnen ýÿ vergebens: Ich musste hilflos mit
ansehen, wie nicht weniger als fünf meiner Kollegen auf meinem Ölfleck
ins Verderben rutschten.
Tags darauf ging ich mit repariertem Motorrad, aber quasi ohne Set-up
ins Rennen. Dafür gingýÿs nicht schlecht.
Ich erwischte einen guten Start, wurde später durch einen gestürzten Kollegen aufgehalten, holte am Ende aber
immerhin den ersten WM-Punkt des
Jahres. Außerdem hatte ich für ein
paar Runden das Vergnügen, mit
Weltmeister Valentino Rossi um die Wette zu fahren ýÿ und das passiert schließlich nicht alle Tage.

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