MotoGP in Misano/Italien (Archivversion)

Der Durchbruch

Das hätte MotoGP-Titelverteidiger Casey Stoner nicht passieren dürfen: Der dritte Rennsturz in Folge für ihn, gleichzeitig der dritte Sieg für WM-Rivale Valentino Rossi – jetzt hat der italienische Yamaha-Werksfahrer den WM-Sieg schon fast in der Tasche.

Casey Stoner griff unter seine Lederkombi, zupfte den Rückenprotektor zurecht und spürte einen Stich im linken Handgelenk. Im zweiten Training zum San-Marino-Grand-Prix in Misano nahmen die Schmerzen weiter zu, woraufhin Rennarzt Dr. Claudio Costa ein Röntgenbild anfertigte und zu einer verblüffenden Diagnose kam: Der Bruchspalt eines fünf Jahre alten Kahnbeinbruchs hatte sich wieder geöffnet.

Stoner versuchte, die Verletzung zu ignorieren, glühte mit einer Stützmanschette am Handgelenk auf die Pole Position und fuhr auch im MotoGP-Rennen sofort mit bis zu 3,5 Sekunden Vorsprung davon. Doch in der achten Runde war das Strohfeuer abgebrannt. Ob das demolierte Kahnbein eine Mitschuld hatte oder nicht: Stoner baute den dritten Rennsturz im dritten Rennen hintereinander, womit auch die allerletzten realistischen Chancen verspielt waren, seinen WM-Titel noch zu verteidigen. „Der Vorderreifen hat sich vom Start weg anders angefühlt als im Training. Ich war gerade dabei, etwas Vertrauen zum Grip aufzubauen, als ich urplötzlich ausrutschte“, lenkte er von den wahren Problemen ab: von den Schmerzen im Handgelenk, die ihn bis zum Saisonende begleiten werden. Und von dem ebenso höllischen Druck Valentino Rossis, der nach zwei Runden Platz zwei übernommen und genüsslich Meter um Meter von Stoners Vorsprung wegzuraspeln begonnen hatte.


Der analysierte die Stoner-Stürze von ihrer physikalischen Seite. „Im letzten Jahr hatte es Stoner leicht, seine Rennführung abzusichern. Im Kampf gegen, sagen wir, Chris Vermeulen konnte er schlagartig drei, vier Zehntelsekunden pro Runde zulegen und seinen Gegner damit auf Distanz halten“, erklärte Rossi. „Das hat sich geändert: Wenn du heute im Kampf gegen Valentino Rossi und Yamaha nach drei, vier Zehntelsekunden suchst, ist das womöglich vergeblich – und endet am Boden.“

Rossi hätte Stoner lieber im direkten Duell besiegt, genoss es aber auch im Solo, den düsteren Erinnerungen ans Vorjahr davonzufahren. Damals, im Sommer 2007, hatte er schlaflose Nächte wegen der italienischen Steuerfahndung gehabt, und der traurige Höhepunkt einer verpatzten Saison bestand darin, dass er in Misano nach nur drei Runden mit geplatztem Motor stehenblieb.

Jetzt kehrte der verlorene Sohn als braver Steuerzahler in sein nur neun Kilometer von Misano entfernt liegendes Heimatdörfchen Tavullia zurück, was er durch ein neues Helm-Design feierte: Sein Freund Aldo Drudi hatte ein idyllisches italienisches Häuschen samt Baum-bestand und Hütte für Valentinos Hund Guido auf den Kopfschutz gemalt. Auf seiner Haus-strecke feierte er ein strahlendes Comeback als Beinahe-Weltmeister. Und als Multi-Sieger zog er passend zum Heim-Grand-Prix mit Giacomo Agostinis magischer Zahl von 68 Siegen in der Königsklasse gleich. „Erst schien es, als sei ihm das überhaupt nicht recht. Aber dann hat Ago mir doch gratuliert“, grinste Rossi, dem auch Fußballlegende Diego Armando Maradona begeistert seine Aufwartung machte.


Stefan Bradl hätte ebenfalls gern gewonnen, holte wie immer emsig auf und lag im Rennen der 125er-Klasse bereits auf Podestkurs, als er plötzlich mit totem Motor ins Abseits rollte. Im Warm-up hatte seine Werks-Aprilia nur 13000/min gedreht, weshalb Techniker Jürgen Lingg eine neue Zündbox einbaute. Leider war dort eine Schaltung deaktiviert, die dem Powerjet-System bei Detonationen befiehlt, das Gemisch anzureichern und so den Zylinderkopf zu kühlen. Stattdessen diagnostizierte die Elektronik einen überhitzenden Motor und knipste sicherheits-halber das gesamte Zündsystem aus.

Der Schwabe Sandro Cortese, der im nächsten Jahr beim Schweizer Teamchef Daniel Epp unter Vertrag bleibt, aber in ein anderes 125er-Team gesteckt werden soll, weil Epp mit Hauptsponsor Caffè Latte nur noch bei den 250ern starten will, holte wie in Brünn Rang sieben. Jonas Folger, der 15-jährige Rookie aus der spanischen MotoGP-Academy, fuhr von Startplatz 27 zu seinem ersten WM-Punkt und darf deshalb auch bei den kommenden Übersee-Rennen Gas geben.
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MotoGP-Reifenkrieg (Archivversion) - Misstrauensvotum

Das gab‘s noch nie: Für Dani Pedrosa wechselt das Honda-Werksteam mitten in der Saison den Reifenlieferanten.
Yamaha-Werksfahrer Valentino Rossi mit Bridgestone-Reifen auf Platz eins, Teamkollege Jorge Lorenzo mit Michelin-Gummi auf Rang zwei – beim Misano-GP feierte nicht nur Lorenzo ein Comeback in der Weltspitze, sondern auch der zuletzt gebeutelte französische Reifenproduzent. Fünf Michelin-Piloten fuhren in die Top Ten des MotoGP-Rennens.

Um so verblüffter waren die Journalisten, als Kosuke Yasutake, Direktor der Honda-Rennab-teilung HRC, und Repsol-Manager Arturo Sus nach dem Rennen den sofortigen Wechsel von Dani Pedrosa zu Bridgestone ankündigten. „Nicht wegen der Performance der Reifen, sondern weil Dani und Michelin nicht zueinanderpassen. Hauptsponsor Repsol hat uns nahegelegt, ihm einen schnellen Wechsel zu ermöglichen“, erklärte Yasutake mit vorsichtigen Worten. „Dani hatte kein Vertrauen in sein Material, deshalb haben wir alle Register gezogen, das zu beenden“, bestätigte Sus. Pedrosa war aus der Schusslinie und konnte ohne zu lügen behaupten, den Wechsel nie selbst gefordert zu haben.

Freilich hatte der kleine Spanier bereits so viel Porzellan zerschlagen, dass an eine vernünftige Zusammenarbeit mit Michelin nicht mehr zu denken war. Nachdem er die WM bis zur Saisonmitte angeführt und seine Titelchancen dann mit dem Sturz auf dem Sachsenring weggeworfen hatte, reichten zwei verkorkste Rennen, um das Klima zwischen Dani und Michelin ein für allemal zu vergiften. Pedrosa übte lautstarke öffentliche Kritik, warf Michelin vor, Fehler nicht zugeben zu können. So kam es, dass Honda die Zusammenarbeit mit den Franzosen nach 24 Jahren und 14 WM-Titeln mitten in der laufenden Saison teilweise beendete und sich Fragen nach Moral und Ehre gefallen lassen musste.

Während Teamkollege Hayden bei Michelin bleibt, fuhr Pedrosa bei ersten Bridgestone-Tests am Montag nach dem Misano-GP gleich zur Tagesbestzeit. Abstimmungsprobleme hatte er kaum, denn von Kollege Nakano lagen Daten vor: Rein zufällig hatte Honda den japanischen Bridgestone-Piloten schon in Brünn mit einer Replika von Pedrosas Maschine ausgestattet.

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