Superbike-WM auf dem Eurospeedway Lausitz (Archivversion)

Jugend-Wahn

Die Superbike-WM-Saison 2006 strahlte lange Zeit im Glanze großer alter Namen wie Troy Corser oder Noriyuki Haga. Aber kurz vor der Zielgeraden wollen Jungspunde wie Chris Vermeulen, Lorenzo Lanzi oder Max Neukirchner dies kräftig umbiegen. Und der schon fast gekrönte Champion Corser wird nervös.

Nach dem ersten Superbike-WM-Rennen auf dem Eurospeedway Lausitz war Francis C. Batta, der Besitzer des Alstare-Corona-Extra-Suzuki-Werksteams, noch bester Dinge. »Ich bin mit dem dritten Rang einverstanden«, zog der Belgier Zwischenbilanz, »natürlich wäre
es besser gewesen zu gewinnen und die
vorzeitige WM-Entscheidung zu beschleunigen, doch in Troy Corsers Kopf geht
derzeit so viel herum. Er muss halt einfach ruhig bleiben und so sicher wie bisher weiterfahren, dann holen wir den Titel.«
In der Nachbarbox war die Stimmung dagegen sehr angriffslustig. Ten-Kate-Honda-Spitzenfahrer Chris Vermeulen hatte das Rennen vor dem Yamaha-Helden
Noriyuki Haga sowie Corser gewonnen, womit er den schon bei seinem Dop-
pelsieg im niederländischen Assen eine Woche zuvor zusammengeschmolzenen Rückstand auf Corser um weitere neun auf – immer noch stattliche – 77 Punkte reduzierte. »Selbstverständlich sind wir noch ziemlich weit weg«, kommentierte Vermeulens Teammanager Ronald ten Kate, »aber nur mit solchen Superleistungen von Chris können wir Corser unter Druck halten und auf Fehler hoffen.«
Der Fehler passierte im zweiten Rennen. Troy Corser hatte seine Strategie
geändert und zog mit einem Blitzstart an dem italienischen Jungspund Lorenzo Lanzi vorbei, der den verletzten Ducati-Werksfahrer Régis Laconi nicht nur auf der Pole Position glänzend vertrat. Corser ging in Führung und schien auf dem Weg zu
einem unangefochtenen Sieg zu sein. Zu Beginn der zweiten Runde hatte der Australier bereits eine deutlich sichtbare Lücke vor dem von Noriyuki Haga angeführten Feld herausgefahren, als seine blau-gelbe Suzuki mit der Startnummer elf plötzlich in die Wiese rutschte.
Corser hob seine Maschine wieder auf und jagte als 28. und Allerletzter mit fast 40 Sekunden Rückstand dem Feld hinterher. Am Ende reichte es noch für Rang
13 und drei WM-Pünktchen, die vielleicht noch sehr wichtig werden könnten. »Ohne Vorwarnung rutsche das Motorrad über beide Räder weg«, zeigte sich Corser, 1996 schon einmal Superbike-Weltmeister, überrascht. »Als ich die Maschine wieder aufgehoben hatte, sah ich, dass der linke Lenkerstummel verbogen war, so dass ich die Kupplung nicht mehr benutzen konnte. Der Schalthebel war auch krumm. So habe ich halt geschaut, dass ich noch in die Punkteränge fahren konnte.« Der dennoch zerknirschte WM-Favorit wurde im Parc fermé vom Konkurrenten Pierfrancesco Chili aufgemuntert, der mit einem kapitalen Motorschaden und Rang zehn ebenfalls nicht gerade ein paradiesisches Wochenende erlebt hatte.
An der Spitze hatte wie bereits eine
Woche zuvor in Assen eine Jugend-
gang das Kommando übernommen. Chris Vermeulen, wie Troy Corser Australier,
mit 23 aber zehn Jahre jünger, hetzte
nach dem Sieg im ersten Rennen seine Ten-Kate-Honda-Fireblade zusammen mit Ducati-Aushilfswerksfahrer Lorenzo Lanzi um den Eurospeedway, dass es die am Renntag gut 20000 Zuschauer zu wahren Begeisterungsstürmen trieb. Der ebenfalls 23-jährige Lanzi sah in der vorläufig einmaligen Beförderung ins Werksteam – für die beiden restlichen WM-Rennen wird wohl Stammfahrer Régis Laconi wieder fit sein – eine Riesenchance und nutzte sie.
Sieben Einzelrennen lang war das zu Saisonmitte erstarkte Ducati-Werksteam schon wieder sieglos, bis jetzt dieser völlig unbekümmerte Lanzi kam, sich respekt-
los in die Superbike-Elite einmischte, mit Chris Vermeulen ausgerechnet jenen Mann niederrang, der immer lauter WM-Titelansprüche gegen Troy Corser anmeldet.
Im Ziel war Lanzi ganz vorn, erzählte bewegt, wie traumhaft alles war in der
Lausitz, und bescherte Ducati-Teammanager Davide Tardozzi mitten in der jubelnden Glückseligkeit allerdings weniger angenehme Fragen. Denn das Ducati-Superbike-Werksteam 2006 stellt sich nach der Glanzvorstellung des Juniors fast von selber
auf: Der im Camel-Honda-MotoGP-Team unglückliche, bei den Ducatisti jedoch
nach wie vor höchst angesehene Superbike-Weltmeister von 2001, Troy Bayliss, und Jungheld Lanzi. Genaues will Tardozzi erst zum Heimrennen in Imola enthüllen, aber das Duo Bayliss/Lanzi dürfte bei
Wettbüros sicherlich keine Überraschungsquoten mehr erzielen.
Die beiden derzeitigen Werksfahrer
Laconi und Noch-Weltmeister James Toseland müssen sich wohl neue Arbeitsplätze suchen – und stehen sich bei Alstare Corona Suzuki schon wieder gegenseitig im Weg. Dort wird neben einem eventuellen Weltmeister Corser ein zweiter Spitzenfahrer gesucht, der den wohl ins Suzuki-MotoGP-Testteam versetzten Yukio Kagayama ersetzt.
Der deutsche Jungstar Max Neukirchner stöhnte beim Heimspiel-Wochenende zwar ein wenig über die weiter massiv
ansteigende Popularität – »hier will wirklich jeder ständig was von mir« –, doch trotz des wenig konzentrationsfördenden Trubels gelang ihm mit zwei unspektakulär, aber sauber herausgefahrenen siebten Plätzen sein zweitbestes Saisonergebnis.
Andere, mit Wild Cards angetretene deutsche Fahrer waren leider weniger erfolgreich. Das Alpha-Technik-Honda-Duo aus der IDM, Michael Schulten und Ralf Waldmann, konnte beide Rennen nicht
beenden. Während Schulten mit verschiedenen Problemen an der CBR 1000 RR haderte, traf es Waldi persönlicher: Sturz im ersten Rennen, dreifacher Bruch des rechten Handmittelknochens – aus, leider auch für das nächste IDM-Rennen auf dem Sachsenring am 18. September.
Das Supersport-WM-Rennen wurde pünktlich zum Heimspiel endlich zur Erfolgsgeschichte für Yamaha Deutschland. Im ersten Teil des wegen leichten Regens kurz vor Halbzeit abgebrochenen Rennens holten sich Kevin Curtain und Broc Parkes so viel Vorsprung, dass es am Schluss zum Doppelsieg vor Honda-Fahrer Fabien Foret reichte. Der bereits feststehende Weltmeister Sébastien Charpentier stürzte von seiner Ten-Kate-Honda.
Das sollte sein Superbike-Teamkollege Vermeulen tunlichst vermeiden, wenn er bei den letzten WM-Auftritten in Imola
(2. Oktober) und Magny Cours (9. Oktober) das fast Unmögliche schaffen will und den seit Assen von 110 auf jetzt 60 Punkte
geschrumpften Vorsprung von Troy Corser noch komplett abtragen will.
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Superbike-WM Eurospeedway Lausitz/D: Reportage (Archivversion)

Yamaha-Deutschland-Sportchef Theo Hoffmann (im Foto mit Kenan
Sofuoglu) über die Pläne für 2006.
Theo Hoffmann, Yamaha Deutschland ist mit eigenen Teams in der Supersport-WM, dem Superstock-1000-FIM-Cup und der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft sowie dem R6-Cup aktiv. Wie sehen Ihre Pläne für die Saison 2006 aus?
Die Supersport-WM bestreiten wir im Auftrag des Yamaha-Werks als einziges offizielles Team, dieses Engagement wird mit Kevin Curtain fortgesetzt. Mit dem zweiten Fahrer Broc Parkes soll bis zum Rennen in Imola alles klar sein.
Ihr türkischer Fahrer Kenan Sofuoglu steht kurz davor, den Superstock-1000-FIM-Cup zu gewinnen. Wie könnte seine
Zukunft aussehen?
Kenan und sein Teamkamerad Didier Vankeymeulen fahren jetzt im zweiten Jahr diese Serie und sind erfolgreich. Kenan würde am liebsten mit uns in die Superbike-WM aufsteigen.
Werden Sie ihm diese Möglichkeit bieten?
Wir, das heißt Yamaha Deutschland, müssten so etwas aus eigener Kraft auf die Beine stellen. Natürlich könnten wir die vorhandene Team-Infrastruktur nutzen, dennoch können wir eine WM-Kampagne keinesfalls
finanzieren.
Sie benötigen also Sponsoren. Wird die Idee weiter verfolgt?
Ja, eine Reihe branchenfremder Unternehmen aus der Türkei sind stark an Kenan interessiert. Die Chance, dass wir zu einem positiven Ergebnis kommen, stehen derzeit 50 zu 50.
Ihr IDM-Fahrer Stefan Nebel hat beste Aussichten, dieses Jahr zum dritten Mal Deutscher Meister zu werden. Könnte er Kenans Kollege im neuen Superbike-WM-Team sein?
Da gilt dasselbe: Wenn er Sponsoren mitbringt, die das finanzieren, können wir über alles reden.
Das heißt, Philipp Hafeneger könnte im IDM-Team 2006 einen neuen Kollegen bekommen?
Was in der IDM – und auch beim R6-Cup – passieren wird, ist noch nicht entschieden. Yamaha Deutschland hat mit Naoki Hayashi kürzlich einen neuen japanischen
Geschäftsführer bekommen, mit dem
wir diese Themen noch diskutieren müssen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir in der IDM und mit dem Cup im gewohnten Umfang weitermachen können.

Das Gespräch führte
MOTORRAD-Redakteur Andreas Schulz

Superbike-WM Eurospeedway Lausitz/D: Reportage (Archivversion) - Kenan im Gras

Nicht zum ersten Mal in dieser Saison dominierte Kenan Sofuoglu auf seiner Yamaha YZF-R1 des Yamaha-Deutschland-Teams
das Rennen zum Superstock-1000-FIM-Cup nach Belieben. Aber wie in Assen eine Woche zuvor kam auch auf dem Eurospeedway Lausitz in der letzten Runde eine Kleinigkeit dazwischen. Musste der junge Türke in Assen nach einem hitzigen Gefecht um den Sieg mit dem australischen Suzuki-Fahrer Craig Coxhell in der Zielschikane weit über die Wiese ausweichen, was Podestplatz drei hinter dem Italiener Alessandro Polita und Didier Vankeymeulen, seinem belgischen Teamkollegen bedeutete, war der gute Kenan in der Lausitz allein auf weiter Flur. Das Rennen war eigentlich gewonnen, als Sofuoglu in einer Links-Kurve die Linie verlor und erst in der folgenden Rechts des Kurvengeschlängels wieder auf den Asphalt kam. Der Vorsprung auf den zweitplatzier-
ten Vankeymeulen war dahin, der erste Platz gerade noch gerettet. Bis zur Ziellinie konnte sich Sofuoglu an der Spitze halten – und hatte
dennoch verloren.
Seine Eskapade wurde als Abkürzen gewertet, was es, nimmt man die reine Wegstrecke, ja auch war. Auf so ein Vergehen steht im Normal-
fall die Strafe in Form einer langsamen Boxendurchfahrt. Da dies nach der letzten Runde nicht mehr möglich ist, gibt es ersatzweise 20 Strafsekunden. Damit war der todtraurige Kenan auf Rang sechs zurückgesetzt, Vankeymeulen hatte zwar gewonnen, der komplette Triumph von Yamaha Deutschland mit zwei Doppelsiegen jedoch leider dahin.
Ein sofortiger Protest des Teams mit dem Argument, Sofuoglu hätte sich nicht willentlich einen Vorteil verschafft, sondern im Gegenteil sogar Zeit eingebüßt, wurde nicht zugelassen, weil Ride-through-Strafen unumstößliche Tatsachenentscheidungen sind, ähnlich denen von Fuß-
ball-Schiedsrichtern. In der Superstock-Meisterschaft führt Sofuoglu allerdings weiterhin mit 137 Punkten vor seinem Teamkollegen Vankeymeulen (127) und Coxhell (109).

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