Superbike-WM in Laguna Seca/USA (Archivversion)

Im gelobten Land

Die Superbike-WM wird von einer Krise geschüttelt, die amerikanische Superbike-Meisterschaft von den
Herstellern hoch gelobt. In Laguna Seca trafen die beiden Welten aufeinander. Ein Vergleich der Systeme.

Der offizielle Titel war Programm beim Superbike-WM-Auftritt auf der einzigartigen Berg-und-Tal-Bahn Laguna Seca, hoch in den nordkalifornischen
Dünen oberhalb der Monterey Bay. Honda Classics war überdeutlich auf sämtlichen Plakaten und Spannbändern zu lesen. Und Honda war in der Tat der große Gewinner dieses Rennwochenendes, das die Superbike-WM im Doppelpack mit der wohl stärksten nationalen Superbike-Meisterschaft, der amerikanischen Superbike-Championship, präsentierte.
Zunächst entzauberte Chris Vermeulen auf seiner Ten-Kate-Honda CBR 1000 RR den Laguna-Seca-Mythos. Denn Neulinge haben auf dem verschlungenen Weg um die legendäre Corkscrew, dieser wohl
unglaublichsten Kurvenkombination aller Rennstrecken, eigentlich nichts zu melden. Doch der junge Australier ließ sich nicht beeindrucken, stellte die gelbe Fireblade auf den dritten Startplatz und fuhr zweimal unwiderstehlich zum Sieg. Ganz offensichtlich beflügelt von Vermeulens Premierenshow war Laguna-Seca-Intimus Ben Bostrom. Auf einer reinrassigen Werks-Honda-Fireblade holte der Kalifornier
den Sieg im wegen eines Unfalls abgebrochenen und neu gestarteten Rennen
in dem von der American Motoryclist
Association (AMA), der amerikanischen Motorradsportföderation, ausgeschriebenen Championat. Dort treffen edelste Werksmaschinen von Ducati, Honda und Suzuki aufeinander.
Bostroms American-Honda-Team zum Beispiel liefert rund eine Million Dollar
Leasinggebühr bei der Honda Racing
Corporation HRC ab, um in den Genuss der feinen Renner zu kommen, während Honda-Händler ten Kate beabsichtigt, demnächst Replikas von Vermeulens
Siegerbike für weniger als 70000 Euro zu
verkaufen. Doch dies ist beileibe nicht
das einzige Beispiel, wie krass sich Weltmeisterschaft und US-Szene unterscheiden. Denn in der WM-Boxengasse kann neben dem Ducati-Werksteam – mit James Toseland sowie Régis Laconi unangefochten an der WM-Tabellenspitze – höchstens noch das mäßig erfolgreiche Foggy-Petronas-Team als echte Werksmannschaft
bezeichnet werden. So legt das junge
Siegerteam ten Kate Wert darauf, dass »wir bei unserem Superbike keinerlei Unterstützung von HRC haben«, wie Teamchef Gerrit ten Kate unmissverständlich klarstellt. Und auch für den Rest der
aktuellen Superbike-WM-Szene ist die Bezeichnung »Privatteam« kein Schimpfwort.
Eine Reihe hinter den WM-Boxen-
garagen, in den Zelten der AMA-Superbike-Teams, glänzt dagegen Hightech. Honda tritt mit drei der sündhaft teuren Werks-Fireblade für Ben Bostrom, den
kanadischen Altmeister Miguel Duhamel und Jungstar Jake Zemke an.
Yoshimura-Suzuki-Teamchef Peter Doyle verfügt für seine beiden Fahrer, AMA-Titelverteidiger Mat Mladin und
Aaron Yates, über die einzigen Werks-GSX-R 1000 außerhalb Japans. Und auch Ducatis US-Auftritt beeindruckt stark.
»Wir treten hier in den USA mit einem
vollwertigen Werks-Team an, das sich
vom Aufwand her in nichts vom WM-Team unterscheidet«, erklärt etwa Paolo Ciabatti, bei den Bolognesern für alle Superbike-Rennaktivitäten weltweit verantwortlich.
Das Geheimnis dieses Alarmangriffs gleich mehrerer renommierter Hersteller auf den nationalen US-Superbike-Titel ist allerdings schnell gelüftet. »Der US-Motorradmarkt ist mit Abstand der größte
der Welt, und wir haben in diesem Jahr
Zuwachsraten um 13 Prozent«, freut sich Michael Lock, stellvertretender Geschäftsführer von Ducati North America, »da
ist es logisch und notwendig, dass wir
uns im Rennsport ernsthaft engagieren müssen.« Dagegen steht in der Weltmeisterschaft nach wie vor die »Anti-Flammini«-Erklärung der MSMA, dem Verband der
im internationalen Rennsport aktiven Hersteller. Pikant nur, dass mit dem unerwartet erfolgreichen Privatengagement von ten Kate ausgerechnet Honda, einer der vehementesten Befürworter des Superbike-Ausstiegs, profitiert.
An echten Werksmaschinen dürfen sich nur die Fans in den USA und in England erfreuen. Mit Folgen für die Superbike-WM: rapide sinkende Zuschauerzahlen und deutlich schwächere TV-Präsenz. Aber das gleißende Licht der US-Werksteams wirft durchaus auch Schatten. »Wir haben zwar an der Spitze ein besseres Starterfeld als die WM«, schildert Peter Doyle, »aber hinter den Werksfahrern bricht die Leistungsdichte schlagartig ab. Und außerdem«, überrascht der gebürtige Australier, »ist die Organisationsqualität der WM unserer AMA-Szene bei weitem überlegen. Obendrein ist das Reglement
in den letzten Jahren nie konstant geblieben, was nur Unruhe in die Szene bringt und die ganze Geschichte unnötig verteuert.« Interessanterweise hat genau
dieser Vorwurf wesentlich zum MSMA-Ausstieg aus der WM beigetragen, nicht ohne den Hinweis auf die wunderbaren
Zustände in den USA im Übrigen.
Tatsächlich wurden die US-Regeln für 2004 neu gefasst und unterscheiden sich, zumindest was die Vierzylinder-Maschinen angeht, in einigen Punkten vom WM-
Reglement. So müssen US-Superbikes
mit serienmäßigen Lufteinlässen und Einspritzgehäusen ausgestattet bleiben. Dazu kommen Einschränkungen bei Nockenwellen und Ventilen. »Insgesamt«, so Doyle, »dürfte ein AMA-Superbike rund zehn
PS weniger haben als eine vergleichbare
WM-Maschine.« Was die Attraktivität der US-Liga nicht stört. Im Gegenteil. Größerer technischer Spielraum und freie Reifenwahl machen die US-Superbikes um
gut zwei Sekunden pro Runde schneller als ihre internationale Konkurrenz (siehe Kasten Seite 133).
In Sachen TV-Präsenz profitiert die
US-Meisterschaft von der schieren Größe des Landes. AMA-Superbike-Rennen werden zwar nur auf dem Pay-TV-Sender Speed, einem reinen Motorsport-Kanal, übertragen. »Aber wir haben in den gesamten USA 63 Millionen Abonnenten«,
erklärt der Australier Leigh Diffey, Produktionskoordinator bei Speed. »Wir übertragen die meisten Rennen live. Und
dazu kommen regelmäßige Magazin-Sendungen.« Dennoch rangiert die nationale Meisterschaft in den USA damit nicht
vor der WM. Denn Speed überträgt auch die Superbike-WM-Rennen sowie die
MotoGP. »Und unsere Zuschauer-Quoten«, so Diffey, »spielen sich in vergleichbaren Bereichen ab. Auch wenn die US-Fans hauptsächlich ihre eigenen Helden sehen wollen, interessieren sich die Leute dafür, was sich auf den Rennstrecken draußen in der Welt abspielt.«
Dieser Eindruck des Fernsehmannes bestätigt sich auch beim Blick in den
Zuschauerbereich von Laguna Seca. Die knapp 70000 Fans, Saisonrekord für die Superbike-WM, kamen sicherlich nicht ausschließlich, vielleicht noch nicht einmal hauptsächlich wegen der beiden WM-
Rennen. Bei den Autogrammstunden der Stars jedoch in den jeweiligen Herstellerausstellungsständen im Zuschauerbereich – jede Marke präsentierte in Laguna Seca recht aufwendig ihr komplettes Motorradprogramm – konnten die WM-Stars, allen
voran natürlich Frankie Chili, durchaus
mithalten, wenn es um die Länge der Schlangen vor ihren Schreibpulten ging.
Insgesamt also kommt die Superbike-WM trotz ihrer existenziellen Krise im
direkten Vergleich mit der AMA-Superbike-Meisterschaft mit einem blauen Auge
davon. Denn hinter der glänzenden Fassade der perfekt auftretenden Werksmannschaften von Honda, Suzuki und Ducati
in der US-Meisterschaft verstecken sich ein in der Breite schwaches Fahrerfeld
sowie Rennstrecken, die in Sachen Sicherheit und Infrastruktur von internationalen Standards weit entfernt sind.
Und gerade die Starfahrer, die beide Serien aus eigener Erfahrung kennen, würden im Zweifel lieber in der WM fahren. »Die WM ist insgesamt schon eine größere Nummer als unsere Rennen. Um dort vorn zu fahren, musst du wirklich sehr vielseitig sein. Die amerikanischen Strecken sind alle sehr ähnlich, meist recht eng und winklig«, resümmiert Ben Bostrom.
Dieses Lob wird Superbike-WM-Promoter Paolo Flammini liebend gern hören. Allerdings bringt es ihm leider nicht das Engagement der Hersteller in die Superbike-WM zurück. Immerhin hat sich aber Ten-Kate-Honda sehr schnell vom Neuling zum Top-Favoriten emporgeschwungen und damit möglicherweise auch entscheidende Kreise in den Europa-Zentralen von Kawasaki, Suzuki und Yamaha für ähnliche Taten 2005 inspiriert.
Anzeige

Superbike-WM Laguna Seca/USA (Archivversion)

Superbike 1. Lauf Superbike 2. Lauf Stand
Pos. Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Pos. Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min.) Punkte
1. Chris Vermeulen (AUS) Honda 41.03,371
2. Pierfrancesco Chili (I) Ducati 998 - 4,127
3. Steve Martin (AUS) Ducati 999 - 5,707
4. James Toseland (GB) Ducati 999 - 8,347
5. Régis Laconi (F) Ducati 999 - 8,390
6. Noriyuki Haga (J) Ducati 999 - 18,560
7. Garry McCoy (AUS) Ducati 999 - 21,290
8. Mauro Sanchini (I) Kawasaki - 31,795
9. Leon Haslam (GB) Ducati 999 - 34,166
10. Troy Corser (AUS) FoggyFP1 - 38,175
11. Marco Borciani (I) Ducati 999 - 43,554
12. Lucio Pedercini (I) Ducati 998 - 57,948

Superbike-WM Laguna Seca/USA (Archivversion)

US-Meisterschaft Weltmeisterschaft
Motorrad Fahrer Zeit (Min) Fahrer Zeit (Min)
Ducati 999 R Eric Bostrom 1.27,986 Steve Martin 1.26,912*
Honda CBR 1000 RR Ben Bostrom 1.24,906* Chris Vermeulen 1.26,987
Kawasaki ZX-10R Joshua Kurt Hayes 1.26,433 Ivan Clementi 1.28,150
Suzuki GSX-R 1000 Mathew Mladin 1.25,222 Piergiorgio Bontempi 1.28,320
Yamaha YZF-R1 Larry Pegram 1.29,117 Alessio Velini 1.28,344

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote