Supermoto der Nationen (Archivversion)

Tour-Schatten

Drei Wochen nach der Tour de France erklomm der Supermoto-Zirkus die Skistation von L’Alpe d’Huez. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Disziplin stritten die Quertreiber um die Team-Weltmeisterschaft.

Die Straße windet sich scheinbar endlos nach oben. Serpentine um Serpentine, eingemeiselt in diesen steinernen Koloss. Zehn, zwölf, fünfzehn Prozent steil, 13 Kilometer lang. Jeder einzelne Meter davon das Kapitel einer Legende. Der Legende L’Alpe d’Huez. Eddy Merckx, Miguel Indurain, Marco Pantani, Jan Ullrich, Lance Armstrong – die Tour de France machte sie an die-sem Berg zu Göttern des Radsports. Ihre Namen, alljährlich niedergeschrieben von Hundertausenden von Fans. In übergroßen weißen Lettern auf den schwarzen Asphalt gepinselt. Je näher die 1800 Meter hoch gelegene Skistation rückt, desto dichter flicht sich der Graffititeppich dieser Heldenverehrung.Drei Wochen nach dem Auftritt der diesjährigen Tour ist der Mythos des Leidens verflogen. Die Sommertouristen in diesem Trabanten-Bergdorf in den französischen Alpen, das sich in der Ferienzeit von 1800 Einwohnern auf das Zehnfache vergrößert, halten wenig von Askese. Gelobt wird, was Spaß macht. Mountainbike-Downhill statt Bergwandern, Hardcore-Trialtouren statt Kräutersammeln. Ibiza statt Bad Gastein.Vielleicht passt Supermoto, das sich die lärmigen und lässigen Auftritte längst zum Programm gemacht hat, deswegen so perfekt in dieses Umfeld. Die spezielle Premiere dieser Disziplin tat’s auf alle Fälle: das Supermoto der Nationen, ausgetragen auf einer um zwei Offroad-Teile erweiterten Kartpiste mitten im Ort. In allen Offroad-Disziplinen bilden die Auftritte unterm Nationalbanner längst das Highlight der Saison. Nationencross, Enduro-Sixdays, Trial der Nationen oder die Team-Weltmeisterschaft im Bahnsport: Wenn einmal im Jahr das Ich zum Wir und das Gegen- zum Miteinander wird, horchen die Fans auf.Erst recht, wenn sie sich mit dem zunächst kompliziert scheinenden, vom Nationen-Cross fürs Supermoto übernommenen Reglement anfreunden müssen. Pro Team starten drei Fahrer. Je einer in der 450er- sowie der 650er-Kategorie und einer in der so genannten Open-Klasse, in der wahlweise eine 450er- oder 650er-Maschine eingesetzt werden kann. Im ersten Lauf starten die 450er gegen die Open-Klasse, im zweiten Heat die 650er gegen die Open-Liga und im dritten Durchgang die 450er gegen die 650er. Die fünf besten der insgesamt sechs Resultate pro Nation zählen. Wer am Ende die geringste Punktzahl hat, gewinnt.15 Länderteams waren in L’Alpe d’Huez am Start. Darunter Nationen, die sich als lupenreine Amateure in diesem Sport versuchen, und andere, deren Profis sich in dieser noch jungen Disziplin bereits die Reife zum Leitwolf erkämpft haben. Frankreich mit dem winzigen, aber umso spektakulärer fahrenden Routinier Boris Chambon auf der 600er-KTM, Italien mit dem erst 21-jährigen RohdiamantenIvan Lazzarini auf der 650er-Husaberg, Belgien mit Ex-Europameister Eddy Seel auf der 600er-Husqvarna oder die Schweiz mit EM-Leader Dani Müller auf der 450er-Yamaha.Und auch die schwarz-rot-goldene Equipe war mit jenen angetreten, die in der hiesigen Szene Rang und Namen haben. Der amtierende Deutsche Meister, Jürgen Künzel in der 450er-Klasse, Routinier und Ex-Champion Harald Ott in der 650er-Kategorie und der erst 20-jährige Bernd Hiemer in der so genannten Open-Klasse. Wer fehlte? Der italienische Star Max Manzo, der nach einem handgreiflichen Disput mit einem Fahrerkollegen von der italienischen Föderation für ein paar Wochen gesperrt wurde. Und? Klaus Kinigadner. Dem Evergreen aus dem Zillertal ist die Lust auf Rennsport nach dem schlimmen Unfall seines Neffen zunächst gründlich vergangen. Der erst 21-jährige Hannes, Sohn seines Bruders Heinz Kinigadner, war eine Woche vor dem Nationen-Meeting bei einem Benefiz-Motocross gestürzt und liegt seitdem mit Verdacht auf Querschnittlähmung in einer Salzburger Klinik.Während die meisten Nationen nur einen oder zwei Erstligisten aufweisen konnten, zeigte das deutsche Trio Erfolg versprechende Homogenität. Jürgen Künzel, vor zwei Jahren erster deutscher Vollprofi dieser Disziplin, hatte sich erst kurz zuvor ganz offiziell die persönliche Top-Form attestieren lassen. Bei einem von seinem Arbeitgeber KTM angeordneten Konditionstest schlug der 28-Jährige bis auf den vierfachen Motocross-Weltmeister Joël Smets sämtliche Top-Crosser um Längen. Und auch für Bernd Hiemer avisierte die Formkurve nur Bestes. In seiner zweiten internationalen Saison spielt der Allgäuer bereits mit den ganz großen Buben und hofft nun auf einen weiteren Schub. Verständlich, seit vier Wochen firmiert der gelernte Elektriker im Team des deutschen Husqvarna-Importeurs Zupin Moto Sport ebenfalls als Supermoto-Profi. Und Harald Ott? Der gilt mit Erfolgen im Hallencross, Motocross, Straßenrennsport und vier Meistertiteln im Supermoto sowie entsprechend gigantischem Erfahrungsschatz ohnehin als unverrückbarer Fels in der aufgewühlten Brandung des Rennsports. Und in der Tat schien die Rechnung aufzugehen. Bereits im ersten Lauf schlug sich das germanische Duo bravourös. Platz drei für Bernd Hiemer und – nach einem Sturz in der ersten Runde vom letzten Platz kommend – ein vierter Rang für Jürgen Künzel. Den Sieg holte Signore Lazzarini, dessen Kollege landete jedoch nur auf Position 14. Die Zwischenwertung gerät zur Sensation: Platz eins für Deutschland. Lauf zwei. Bernd Hiemer kollidiert in der letzten Runde mit einem Konkurrenten, wird Fünfter. Harald Ott sichert sich Platz sechs. Lazzarini gewinnt wieder. Aber: Auch Frankreich hat mit einem dritten Platz von Boris Chambon aufgeholt. Und: Weil das schlechteste Resultat gestrichen werden kann, bleibt Deutschlands immer noch bestehende Führung eher virtuell. Netto liegen Italien, Frankreich und Deutschland mit zwölf Zählern vor dem letzten Lauf gleichauf. Die vielen Tausend Fans um die in einem Kessel liegende Piste spüren: Es geht um alles. Jürgen Künzel und Harald Ott wissen, dass sie unbedingt vor den Italienern und Franzosen ins Ziel kommen müssen, soll der Traum vom Sieg Realität werden. Der Belgier Seel gewinnt. Egal. Der Schweizer Götz wird Zweiter. Auch egal. Boris Chambon wird Dritter. Noch akzeptabel, der Mann ist immerhin aktueller WM-Leader. Doch Gesamtrang eins ist damit weg. Bleibt Italien. Massimo Beltrami, sonst eher verhalten unterwegs, wachsen nach der Steilvorlage von Lazzarini Flügel. Der Husky-Pilot holt Platz vier. Jürgen und Harald landen auf den Rängen sechs und neun. Bleibt mit Gesamtrang drei immerhin ein Platz auf dem Siegerpodest – und die Gewissheit, dass in L’Alpe d’Huez auch die zu Helden werden, die auf dem Weg zu ihrem Ziel zwar alles gegeben, ganz oben im Ziel aber doch nicht gewonnen haben.
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Land 450 cm3 650 cm3 Open Punkte 1. Frankreich Blot (2/5) Chambon (3/3) Thiébault (10/3) 20 2. Italien Verderosa (14/7) Beltrami (10/4) Lazzarini (1/1) 23 3. Deutschland Künzel (4/6) Ott (6/9) Hiemer (3/5) 24 4. Schweiz Müller (5/8) Götz (4/2) Hirschi (12/8) 27 5. Belgien Gaillard (8/12) Seel (2/1) Godfroid (9/11) 31

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