Produkttest: Stiefel

Tourenstiefel bis 100 Euro

Wo drückt denn der Schuh? Etwa am Preis? Daran soll's nicht liegen. MOTORRAD hat sieben Tourenstiefel bis 100 Euro unter die Lupe genommen. Wie schlagen sich die Billigtreter im Alltagseinsatz auf dem Bike und beim Nässetest im Labor?

Foto: MRD
Wo drückt denn der Schuh? Etwa am Preis? Daran soll’s nicht liegen. MOTORRAD hat sieben Tourenstiefel bis 100 Euro unter die Lupe genommen.
Wo drückt denn der Schuh? Etwa am Preis? Daran soll’s nicht liegen. MOTORRAD hat sieben Tourenstiefel bis 100 Euro unter die Lupe genommen.
Ein großer grüner Schein muss es schon sein, wenn man sich ein anständiges Paar Stiefel fürs Motorradfahren zulegen will. Zwar bieten bisweilen einige Filialketten allroundtaugliche Biker-Boots zum Aktionspreis für 50 Euro an. Doch wer aus einem reichhaltigeren Sortiment wählen will, muss in der Regel das Doppelte ausgeben. Allroundtauglich heißt vor allem: Das Einsatzspektrum der Stiefel soll möglichst breit sein. Und dafür ist eine wasserdichte Ausstattung Voraussetzung. Diese erfüllen die sieben Testpaare in Papierform: 100 Prozent wasserdicht steht in allen Artikelbeschreibungen.

Papier ist geduldig, der MOTORRAD-Nässetest erbarmungslos. Und hier scheint man die Achillesferse bei den Low-budget-Tretern erwischt zu haben. Nur ein einziger Testkandidat erfüllt tatsächlich die 100 Prozent im Messprotokoll. Bei allen anderen sind Ausfälle, teilweise sogar eklatante, zu verzeichnen. Das darf eigentlich nicht sein. Denn der Wasserschaden am Stiefel hat keine konstruktive Ursache, da die Membran selbst dicht ist, sondern ist ein Zeichen schlampiger Verarbeitung.
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Bei zigfachen nassen Füßen kann das Endergebnis nur sehr mau ausfallen. Vier Pärchen schneiden nur befriedigend oder ausreichend ab. Zum Vergleich: Schon in der nächsthöheren Preisklasse bis 150 Euro haben elf getestete Paar Stiefel durchweg gute bis sehr gute Noten eingefahren (siehe MOTORRAD 8/2008). Vor allem, weil sie im Nässetest deutlich besser abgeschnitten haben. Ein Signal also an die Qualitätssicherung im Billigsegment: Hier herrscht dringender Handlungsbedarf. Und für die Kundschaft heißt das: Wer sichergehen will, dass er auf der ersten Tour im Regen nicht mit nassen Füßen dasteht, sollte sofort nach dem Kauf die wasserdichte Ausrüstung checken. Also rein in die Schuhe und dann ab zur Kneippkur der etwas anderen Art in einem knöchelhoch gefüllten Wasserbad. In der Regel erweist sich schon nach wenigen Minuten, ob man seine Gewährleistungsansprüche beim Händler schnellstmöglich anmelden sollte.

In puncto Passform lassen sich nach dem Kauf nur schlecht etwaige Umtauschrechte geltend machen. Deshalb für die Anprobe genügend Zeit nehmen und bei einem ausgiebigen Spaziergang durch den Laden Druckstellen aufspüren. Im Idealfall parkt die eigene Maschine vor der Tür. So lässt sich die Bequemlichkeit in der bevorzugten Rastenhaltung besonders gut beurteilen. Natürlich gilt auch bei Motorradstiefeln eine gewisse Eintragzeit. Doch Verstärkungen aus Hartplastik, die unangenehm an den Füßen oder Waden drücken, werden im Lauf der Zeit nicht weicher. Auch dort zeigt manches Testpärchen starke Defizite. Und bevor man sich auf einen unbequemen Kompromiss einigt, sollte man vielleicht doch einen weiteren Schein locker machen. Auch wenns zunächst wieder drückt.

So testet MOTORRAD

Foto: Sdun
Wasserdicht? Die Schwächen zeigen sich im Fülltest.
Wasserdicht? Die Schwächen zeigen sich im Fülltest.
Praxis Fahren (30 Punkte): eine entscheidende Kategorie. Stimmt der Halt auf der Raste, sind Gang- und Bremshebel schnell erreichbar, wie komfortabel lässt sich der Stiefel auf dem Motorrad tragen?

Nässetest (30 Punkte): Viele Punkte, die aber nur vergeben werden, wenn zwei Stiefelpaare im Fülltest (Dauer acht Stunden) und Tauchbad (zehn Minuten Walkbewegungen unter Wasser) wirklich dichthalten. Je Versager werden 7,5 Punkte abgezogen.

Sicherheit (15 Punkte): Bewertet wurden die Beschaffenheit von Verstärkungen und Reflektoren sowie der abstreifsichere Halt am Fuß.

Praxis Gehen (10 Punkte): Wo drückt der Stiefel, wenn man mal per pedes unterwegs ist?

Handhabung (10 Punkte): Volle Punkte nur, wenn Einstieg und Verschluss überzeugen.

Verarbeitung (5 Punkte): Wie ist es um die Qualität bestellt? Ein Blick auf die Schusterleistung im Günstigsegment.

Fazit

Immerhin reicht esin einem Fall zum „Sehr gut“, zwei weitere Stiefelpaare können mit „Gut“ benotet werden. Ein großes Manko in dieser Preisklasse ist das große Versagen im Nässetest. Fast alle Modelle lassen hier Federn, nur der Testsieger von Richa streicht alle zu vergebenden Punkte ein. Einen guten Mix aus sämtlichen Testkriterien bietet der Probiker.

Sockenkunde - Der richtige Strick

Foto: Sdun
Bequemer Sparstrumpf von Louis. Deutliches Komfortplus, nur bei der Passform hapert's.
Bequemer Sparstrumpf von Louis. Deutliches Komfortplus, nur bei der Passform hapert's.
Zu Vergleichszwecken hat MOTORRAD in diesem Test spezielle Funktionssocken für Biker ausprobiert. Zum Einsatz kamen die Modelle von Probiker (9,95 Euro/Paar, bei Louis) sowie die Moto Touring-Socken von X-Socks in der langen Ausführung (23,95 Euro/Paar, ebenfalls Louis). Klar ist: Auch mit den Highend-Funktionssocken von X-Socks, die allein ein Viertel von dem kosten, was für ein Paar Stiefel aus diesem Test verlangt wird, lassen sich Defizite beim Tragen nicht ausbügeln. Schlecht sitzende Stiefel bleiben auch mit diesen Socken unkomfortabel. Trotzdem sind diese eine weit bessere Wahl als ein schlichter Baumwoll-Strick für 1,50 Euro unterm Stiefel. Das liegt zum einen daran, dass sie durch ihren gepolsterten Aufbau vor allem zwischen Stiefelschaft und Unterschenkel störende Reibungspunkte und Druckstellen eliminieren. Gleiches gilt für den Fußrücken (Rist), der durch Brems- und Schaltvorgänge ständig in Bewegung ist. In puncto Passform gefallen die auf ein kleineres Größenspektrum abgestimmten und sehr straff anliegenden X-Socks besser. Bei den Probiker stört der etwas zu weit geschnittene, leicht ausgestellte Zehenbereich.

Das können Highend-Stiefel - Warum ist teuer besser?

Mit einem Preis von 225,95 Euro spielt der Daytona Spirit XCR in einer ganz anderen Liga. Heißt doppelt so teuer auch doppelt so gut? Schon bei der Anprobe im Laden lässt sich der Mehrwert eines solchen Stiefels spüren. Denn bereits beim ersten Reinschlüpfen sitzt der Spirit XCR selbst im direkten Vergleich mit den in puncto Passform und Tragekomfort besten Exemplaren des vorliegenden Tests spürbar besser. Zum berühmten Turnschuheffekt fehlt kaum noch was. Dazu trägt auch viel das verwendete Leder bei, das deutlich geschmeidiger ist als das, welches im Preissegment bis 100 Euro verwendet wird. Folglich passt sich das Schuhwerk viel besser sämtlichen Bewegungsabläufen auf dem Bike an – und das bis hoch zum Schaft. In puncto Wetterschutz vertraut die deutsche Traditionsmarke auf die bekannte Gore-Tex-Membrane, im Falle des Spirit auf die XCR-Version, die besonders auf den Einsatz bei höheren Temperaturen ausgelegt ist. Für einen schnellen Feuchtigkeitstransport ist der Stiefel deshalb großflächig perforiert. Was nicht heißt, dass man an kühlen Tagen fröstelt. Schließlich ist die Gore-Membrane nicht nur wasser-, sondern auch winddicht. So viel Komfort sucht man im Niedrigpreissektor vergebens. Insgesamt also klare Vorteile für die teuren Treter. Übrigens: Bei guter Pflege macht die Membrane, das haben die Erfahrungen in der Redaktion gezeigt, selbst bei intensiver Nutzung nicht schlapp und garantiert auch nach vielen Jahren noch trockene Füße.

Bullson Cycko III

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Anbieter: Hein Gericke, Telefon 0180/5229522, www.hein-gericke.de
Preis: 99,95 Euro
Grössen: 36 bis 47

Plus
Dank großer Einstiegsöffnung sehr schnell anzuziehen, sehr guter Halt auf den Rasten.

Minus
Stets präsente Druckstellen im Knöchelbereich; Ferse lässt sich nicht fixieren, Fußbett bietet insgesamt wenig Rückhalt; drei von vier Teststiefeln undicht; keine Reflektoren; insgesamt nur schwach verstärkt; Klettverschluss am Spann mit nur mäßiger Haftung.

Fazit
In puncto Anziehen ein sehr bequemer Tourenstiefel. Beim Tragen dagegen mangelt es gehörig an Komfort. Unterm Strich finden die Füße keinen anständigen Halt in den Stiefeln. Und die Ausfallquote beim Nässetest war hoch.

MOTORRAD-Urteil: Ausreichend

Drive Discovery 2

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Anbieter: Polo Expressversand, Telefon 0180/5225785, www.polo-motorrad.de
Preis: 89,95 Euro
Grössen: 37 bis 47

Plus
Toller Halt auf den Rasten.

Minus
Sehr enger Einstieg; keine Reflektoren; viele Druckstellen; Ferse nicht ordentlich fixiert; Fußspitze sehr eingeengt; wenig Komfort beim Gehen.


Fazit
Schon beim Überstreifen mangelt es aufgrund des engen Einstiegs an Bequemlichkeit. Auch während der Fahrt und beim Gehen bleibt ein unkomfortables Gefühl. Dazu gesellen sich Schwächen in der Ausstattung und beim Nässetest. Unterm Strich ein durchwachsenes Angebot.

MOTORRAD-Urteil: Befriedigend

IXS Attack

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Anbieter: Hostettler, Telefon 07631/18040, www.ixs.de
Preis: 99,95 Euro
Grössen: 35 bis 48

Plus
Komfortabler Einstieg, gute Passform durch sauber ausgeformtes Fußbett, toller Halt auf Raste, guter Abrollkomfort beim Gehen, gut sichtbare Reflektoren, gute Passform.

Minus
Kleinere Druckstellen im Spannbereich; Schaft steht zu weit ab.

Fazit
Guter Einsteigerstiefel von Ixs, der unterm Strich für ein angenehmes Fahrgefühl sorgt. Die Verarbeitung kann sich ebenfalls sehen lassen. Kleine Schwächen: störende Druckstellen sowie ein nicht wasserdichtes Exemplar.

MOTORRAD-Urteil: Gut

Kochmann Monaco

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Anbieter: Karl Kochmann, Telefon 02241/39420, www.kochmann.de
Preis: 99,95 EuroGrößen: 38 bis 47

Plus
Sehr sicherer Halt auf den Rasten; Reflektoren vorhanden; bequemer Einstieg, gut zu verschließen; umfangreiche Sicherheitsausstattung.

Minus
Fuß findet keinen Halt, rutscht ständig hin und her; insgesamt sehr steif aufgebaut, Beweglichkeit stark eingeschränkt; alle Teststiefel undicht im Nässetest.

Fazit
Rein äußerlich fällt bei den Kochmann-Stiefeln die starke Ähnlichkeit zum Tourenstiefel-Aufbau der bekannten Marke Daytona auf. In Sachen Passform, Tragekomfort und Verarbeitungsqualität können sie aber nicht mithalten. Besonders ärgerlich: der Komplettausfall im Nässetest.

MOTORRAD-Urteil: Ausreichend

Modeka Most

Foto: Sdun
Anbieter: Beckumer Leder-Bekleidungswerk, Telefon 02521/850322, www.modeka.de
Preis: 99,90 Euro
Grössen: 37 bis 46

Plus
Sehr leicht an- und auszuziehen, sitzt fest am Fuß; toller Halt auf den Rasten; ordentliche Sicherheitsausstattung mit gut sichtbaren Reflektoren.

Minus
Zwei von vier Exemplaren undicht im Nässetest; leichte Druckstellen im Knöchelbereich; kleinere Mängel in der Verarbeitung.

Fazit
In puncto Passform ein ordentliches Stiefelpaar, dessen Komfort aber durch Druckstellen geschmälert wird, die besonders beim Schalten oder Bremsen zu spüren sind. Weitere Negativpunkte beim Modeka-Stiefel: die teils nachlässige Verarbeitung sowie das nur mäßige Abschneiden im Nässetest.

MOTORRAD-Urteil: Befriedigend

Probiker Touring II

Foto: Sdun
Anbieter: Detlev Louis, Telefon 040/73419360, www.louis.de
Preis: 89,95 Euro
Grössen:$)4 37 bis 47

$(text:b:Plus

Bequemer Einstieg, schnell zu verschließen; sehr gut anliegend, keine Druckstellen, bequem zu tragen; Wadenweite anpassbar, toller Halt auf den Rasten; hoch beweglich; ordentliches Sicherheitspaket mit gut sichtbaren Reflektoren.

Minus
Einer von vier Teststiefeln nicht wasserdicht.

Fazit
Toller Allroundstiefel mit überzeugender Passform und gutem Tragekomfort. Auch abseits des Motorrads ist man mit dem Probiker gut zu Fuß. Nur aufgrund einer leichten Schwäche im Nässetest schrappt der Touring II knapp am „Sehr gut“ vorbei. Unterm Strich sehr ausgewogen und deshalb ein Kauftipp.

MOTORRAD-Urteil: Gut

Richa Imola

Foto: Sdun
MOTORRAD-Testsieger!
MOTORRAD-Testsieger!
Anbieter: Grand Canyon, Telefon 05931/886163, www.grandcanyonbike.eu
Preis: 99 EuroGrößen: 36 bis 48

Plus
Einwandfreier Halt auf den Rasten, super Tragekomfort; ordentlich verstärkt; hoch beweglich; absolut wasserdicht.

Minus
Sehr enger Einstieg, Reißverschluss nur mühsam zu verschließen; keine Reflektoren.

Fazit
Bis auf das beschwerliche Anziehen ein rundum gelungener Motorradstiefel in der 100-Euro-Klasse. Passform und Tragekomfort sind klasse, dazu kommt das glänzende Ergebnis im Nässetest: Der Richa-Boot meistert diese Kategorie ohne Ausfälle. Das hat kein anderer Testkandidat geschafft.

MOTORRAD-Urteil: Sehr gut

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