Aluminiumkoffer-Vergleich (Archivversion) Boxenstopp

Aluminium-Koffer wurden bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich von Wüstenfahrern eingesetzt. Mittlerweile schrauben sich auch Nicht-Fernreisende die silbrigen Boxen ans Motorrad. Ein Vergleich von sieben Koffersystemen für Hondas Africa Twin.

Eins vorneweg: Ganz so schnell wie das Aufmacherfoto vermuten läßt, gehen Kofferwechsel nicht vonstatten. Ein Vergleich dieser Art ist daher mit einer ganzen Menge Arbeit verbunden. Schließlich geht es nicht nur darum, Koffer vorzustellen, sondern sie samt zugehörigem Träger anzubauen und im Fahrbetrieb auszuprobieren. Beim Anbau der Träger und Koffer an das Testfahrzeug, eine Honda Africa Twin, mußten bereits zwei hoffnungsvolle Testkandidaten die Segel streichen (siehe Kasten »Schade drum«). Von den ursprünglich neun ausgewählten Aluminium-Koffersystemen blieben somit sieben Paarungen übrig. Und die mußten eine ganze Reihe von Tests über sich ergehen lassen, deren Ergebnisse sich in den Datenkästen wiederfinden.Das Bewertungskriterium »Verarbeitung« umfaßt neben Wandstärke und Verarbeitungsqualität auch die Wasserdichtigkeit der Koffer. Denn nichts ist ärgerlicher, als nach einer Regenfahrt am Reiseziel anzukommen und festzustellen, daß das Gepäck naß geworden ist. Doch genau das kann bei fast allen Alu-Koffern passieren. Nur die Modelle von RMS und Neumüller halten ihren Inhalt trocken. Bei allen anderen gibt es irgendwo Schwachstellen, durch die Regen mehr oder weniger stark eindringen kann. Was nützt die beste Deckeldichtung, wenn an der Kofferhalterung oder dem Bodenfalz das Wasser in Strömen hereinläuft? Mit Dichtleisten, Silikon, Gummiunterlagscheiben und anderen Tricks wird es zwar in den meisten Fällen gelingen, die Koffer dicht zu kriegen, doch eigentlich ist dies die Aufgabe der Hersteller.Die Note für »Praxis« ergibt sich unter anderem aus den Punkten Schließmechanismus des Deckels, Handhabung (Tragegriffe), Sitzkomfort für Fahrer und Beifahrer, Packvolumen, Gesamtbreite und als wichtigste Kriterien Verbindung mit dem Träger und Beladen der Koffer. Bei letzten Punkt bleibt festzuhalten, daß sich nur in einem einzigen der 14 getesteten Modelle ein Integralhelm verstauen läßt - und zwar in dem in Fahrtrichtung links angebrachten Koffer von RMS. Dies wurde in der Bewertung jedoch nicht berücksichtigt, sondern nur das Packvolumen, das exakt ausgelitert wurde. Die meisten getesteten Modelle gibt es noch in anderen Größen, wodurch sich nur das Volumen, sondern auch Baubreite teilweise deutlich ändert. Letzteres ist bei einigen Kandidaten auch nötig, um die nach StVZO zulässige, maximale Baubreite für Einspurfahrzeuge nicht zu überschreiten. Die beträgt nämlich nur einen Meter, und diesen Wert überschreiten vier der getesteten Systeme. Während eine um wenige Zentimeter zu große Baubreite wohl unter die Toleranzgrenze fällt, könnte man mit der Paarung von Polo durchaus Anstoß erregen - im wahrsten Sinne des Wortes. 116,5 Zentimeter Breite sind gewaltig und führen bei größeren Schräglagen sogar zu ungewolltem Fahrbahnkontakt.Doch zurück zum Thema Bepacken. Ragen die Verbindungsschrauben in den Innenraum der Koffer, können diese logischerweise erst beladen werden, nachdem sie mit dem Träger verschraubt wurden. Praktisch sind in diesem Fall passende Innentaschen, die beispielsweise Hepco & Becker und Touratech anbieten. Diese schützen gleichzeitig vor dem lästigen Aluminium-Abrieb der Koffer. Denn sämtliche Gepäckstücke, die mit der Kofferwand in Berührung kommen, sind ziemlich schnell mit einer dunkelgrauen Schicht überzogen. Nur bei den mit Styropor ausgekleideten Exklusiv-Koffern von Hepco & Becker und bei den beidseitig pulverbeschichteten Koffern der Firma Neumüller bleibt einem dieses Phänomen erspart. Wer seine Aluminium-Koffer nachträglich mit Klebefolien auskleidet, hat ebenfalls Ruhe vor der unliebsamen Erscheinung.An dieser Stelle hätte der Koffertest bereits enden können, doch MOTORRAD gab sich mit dem Anbau der Koffer und Trägersysteme sowie deren Vermessungen nicht zufrieden. Bei Fahrtests auf Landstraße und Autobahn wurde der Einfluß auf das Fahrverhalten ermittelt. Und auf der Rüttelstrecke von Mercedes-Benz in Stuttgart-Untertürkheim wurde schließlich noch die Stabilität der einzelnen Systeme untersucht.Die Fahrversuche auf öffentlichen Straßen wurden im unbeladenen Zustand durchgeführt und ergaben nur geringfügige Unterschiede zwischen den Testteilnehmern. Lediglich die sehr breit bauenden Polo-Koffer am Five Star-Träger führten im Bereich der Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h zu ganz leichten Pendelbewegungen. Von einer ernsthaften, womöglich gefährlichen Beeinflussung des Fahrverhaltens kann aber nicht die Rede sein. Im beladenen Zustand sollte man sich unbedingt an die vom Hersteller empfohlene Richtgeschwindigkeit von 130 km/h halten, die generell für Fahrten mit Koffersystemen gilt, da der Einfluß auf das Fahrverhalten mit Gepäck deutlich größer wird. Allgemein gilt: Je weiter hinten und höher die beladenen Koffer angebracht werden, desto größer sind die Auswirkungen auf den Fahrbetrieb.Dies zeigte sich auch beim Belastungstest auf der 450 Meter langen Rüttelstrecke von Mercedes-Benz. Bei beladenen Koffern verschlechterte sich die Fahrstabilität drastisch. Während die Fahrgeschwindigkeit für Erprobungsfahrten der Firma Mercedes-Benz auf 40 km/h festgesetzt ist, fuhr MOTORRAD mit 70 km/h über die Rüttelstrecke. Mit jeder Kofferpaarung wurden jeweils drei Durchgänge in unbeladenem und in beladenem Zustand gefahren. Da sich Fernreisende selten an die von den Herstellern erlaubten maximal zehn Kilogramm Beladung pro Koffer halten, wurde in jede Alu-Box ein Normgewicht von 18,75 Kilogramm gepackt, um den Extremfall zu proben.Trotz der immensen Belastung und teilweise haarsträubenden Schwingungen der Koffersysteme während der Testfahrt überstanden alle Kandidaten die Prozedur unbeschadet. Den stabilsten Eindruck hinterließen die Systeme von RMS und Touratech. Als weniger solide erwiesen sich die Systeme von Neumüller und vor allem Polo. Im Mittelfeld tummelten sich die an den Hepco & Becker-Träger montierten Koffer, die ebenfalls relativ große Schwingbewegungen vollführten.Doch glücklicherweise will nicht jeder Käufer von Aluminium-Koffern gleich in die Wüste und Wellblechpisten befahren. Für den normalen Straßenbetrieb sind praktisch alle Testteilnehmer geeignet, die Polo-Koffer sollten jedoch an einen schmaleren Träger angebaut werden. Wer auf Komfort steht, ist mit den Systemen von Götz, Hepco & Becker und Neumüller, die sich auch vollgepackt schnell und einfach am Träger befestigen lassen, gut beraten. Wer größeren Wert auf Stabilität legt, sollte sich für die Systeme von RMS oder Touratech entscheiden, die bei Betrachtung sämtlicher Testkriterien am besten abschneiden.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote