Ausprobiert: neues Motorrad-Computerspiel (Archivversion) Fahr doch

Elektronik-Riese Sony mischt mit dem neuen Race-Game Tourist Trophy für Playstation 2 die virtuelle Motorradszene auf. Auf der Rennstrecke im spanischen Valencia präsentierten die Japaner ihren neuesten Wurf. Ein nicht ganz unfallfreier Fahrbericht.

Volltrottel! Erst wie bescheuert die Start-Ziel-Gerade mit weit über
200 Sachen langbrezeln, dann bremsen, bremsen, bremsen, bis der Tacho fast null
zeigt und... plumps. Beinahe im Stand umgefallen. Weil vor lauter Bremsen das Einlenken und erneute Gasgeben verpeilt. Idiot, Schwachmat, Anfänger! Meine Güte, so schwer kann es doch nicht sein, eine sturzfreie Runde auf dem Kurs in Valencia hinzulegen. Nur eine, eine einzige! Stattdessen: drei Runden, sechs Mal auf die Fresse gepackt. Welch armselige Bilanz.
Locker machen. Alles nur ein Spiel. Sturz schnell wegstecken und Blick nach vorn: auf den Bildschirm. Denn das neue Computerspiel Tourist Trophy für Playstation 2 ist ein Knaller. Nie zuvor gab es so etwas in der virtuellen Biker-Szene – selbst abgebrühte Gamefreaks finden hier einen enorm vielfältigen Spielplatz zum Austoben. Die Spieler können aus rund 150
verschiedenen Motorrädern auswählen, von gemächlichen Cruisern über giftige Zweitakter bis hin zu aktuellen Brachial-Supersportlern vom Kaliber einer Honda Fire-blade. Fahreigenschaften wie Handling, Beschleunigung und Topspeed sowie eine detailgetreue Cockpitsicht und der
jeweilige Motorsound sind sehr realistisch nachgebildet. Und eben auch die Stürze und heftige Abflüge.
Im Unterschied zum wirklichen Leben geht’s bei Tourist Trophy aber fix weiter, obwohl es einen derbe reingeschlagen hat. Das wäre mit einer realen Maschine auf dem echten Kurs in Valencia mit echt
hartem Asphalt sicherlich schmerzvoller. Außerdem dürfte man mit Fahrtwind im Gesicht und einem einigermaßen sensitiven Popometer ein derartiges Fahrdesaster – selbst ohne Rennstreckenerfahrung – wohl nicht produzieren. »The Real Riding Simulator« – gut, dass in diesem Zu-
sammenhang der Untertitel des Spiels nur
bedingt für bare Münze zu nehmen ist.
Tourist Trophy, der Name leitet Motorradenthusiasten ohnehin etwas fehl. Denn der Kurs des legendären Rennens auf der Isle of Man ist beim neuen Game nicht
verfügbar. Die Macher greifen allerdings auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs zurück: Rennen mit Serienmaschinen. Vom Autorennspiel-Bestseller Gran Turismo (über 50 Millionen Stück weltweit verkauft) abgeleitet, bringt Sony nun ein würdiges Pendant für die Zweirad-Fraktion.
35 Strecken stehen zur Verfügung, darunter einige Stadtkurse, Grand-Prix-Strecken wie Valencia oder Laguna Seca. Ein Highlight von Tourist Trophy ist zweifelsohne die Nürburgring-Nordschleife. Um diese möglichst gut zu simulieren, schickte Sony ein Team von rund 15 Mitarbeitern für mehrere Wochen in die Eifel, das die Einzelheiten der Strecke und der Landschaft für die spätere Programmierung
dokumentierte. Kenner der Nordschleife finden dementsprechend viele Details wieder, die den über 20 Kilometer langen Kurs zum einzigartigen Fahrerlebnis machen – auch am Bildschirm.
Um Motorrad- und Spiele-Anfänger nicht zu überfordern – ungestüme Neu-
linge neigen dazu, bei Vollgas auch mit vollem Krafteinsatz auf den Controller
der Spielkonsole zu drücken, so, als gelte es, Granitbrocken in Feinsand zu zer-
bröseln –, ist im Spiel eine Art Führerschein eingebaut. Man kann sich etwa bei einem Pylonen-Slalom auf die Fahrphysik des jeweiligen Einspurfahrzeugs sowie auf die unverkrampfte Bedienung des Joysticks einschießen.
Fortgeschrittene stimmen das Fahrwerk ihres Motorrads auf den gewählten Kurs ab, können sogar Feintuning etwa
an Zug- und Druckstufe betreiben. Außerdem lässt sich in mehr als 20 Rennver-
anstaltungen mit diversen Maschinen als Prämie ein individueller Fuhrpark erstellen. Spezifische Körperhaltungen werden nach Belieben eingestellt, eine Vielzahl von Fahrerausstattungen steht ebenfalls zur Verfügung, damit die Style-Polizei nichts zu meckern hat. Für Narzissten ist ein Foto-Modus vorgesehen – der Spieler kann
sich in unterschiedlichen Fahrsituationen und Perspektiven per Screenshot auf täuschend echt wirkenden Digitalfotos ablichten lassen. Lediglich eine Spielerei, aber in diesem Kontext ein sehr nettes Feature.
Die erstaunlich realitätsnahe Darstellung bei Tourist Trophy ist auf die Detailversessenheit der Programmierer zurückzuführen. In Asien, wo es professionelle, äußerst populäre Ligen und Turniere für Konsolen-Spieler gibt, werden Profi-Gamer und Entwickler wie der japanische Tourist-Trophy-Macher Takamasa Shichisawa als Stars und Künstler gefeiert. Der 32-jährige Shichisawa, aktiver Motorradfahrer und Besitzer von drei (realen) Maschinen, gibt sich jedoch bescheiden und benennt
lieber seine eigenen Vorbilder: die bekannten Grand-Prix-Profis Valentino Rossi und Tetsuya Harada. Bis vor einiger Zeit nahm er mit einer Race-125er auch selbst an Rennen teil, bis es ihn böse bei einem Unfall erwischte und er zahlreiche Knochenbrüche davontrug.
Diese Misere kann ihm und jedem
anderen Bildschirm-Heizer beim Play-
Station-Spiel zwar kaum widerfahren. Aber trotz der genialen virtuellen Motorradwelt mit beinahe unbegrenzten Möglichkeiten, auf Zeitenjagd und Vollgasorgien zu gehen, ist Shichisawa der Meinung: Motorrad-
fahren im »Echt-Modus« kann durch nichts ersetzt werden.

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