Ausrüstungen fürs Motorrad-Camping Großes Camping-Extra

Sturm und Regen – natürliche Feinde von Motorradfahrern und Campern gleichermaßen. MOTORRAD wollte wissen, welche Outdoor-Ausrüstungen den Unbilden der Natur am besten standhalten und zog hinaus in die freie Wildbahn. Ein Erlebnisbericht.

Foto: Dentges
Frankreich, draußen. Eine lauschige Wiese, ein plätschernder Bach irgendwo in den wildromantischen Vogesen. Es schüttet wie aus Gießkannen, ach was, wie aus Badewannen, es ist kühl. Ein Hahn kräht, und Markus schimpft wie ein Rohrspatz: "Schlimmer als damals auf verpeilter Italientour, als ich erst morgens merkte, dass mein bei völliger Dunkelheit wahllos ausgesuchter Wildcampingplatz erstens bei Seveso und zweitens direkt neben der Giftdeponie lag!" Markus friert, er hat bis zum Morgengrauen kein Auge zugetan, sein Rücken schmerzt. Die Nerven liegen blank.

Camping-Test von MOTORRAD, Tag zwei – der Auftrag ist, passende Ausrüstungen für Lonely Rider, Paar-Cruiser sowie Gruppen mit eigenem Begleitfahrzeug von billig bis teuer zu prüfen. Nacht eins geriet für Reiseredakteur Markus gleich mal zum Fiasko. Wegen zweier Dinge: Der auf den ersten Blick äußerst attraktive Sommerschlafsack, zusammengerollt so klein wie eine Bierdose, machte schon oberhalb des angegebenen Temperatur-Komfortbereichs von mini-mal 13 Grad schlapp. Genau wie die Luftmatratze, die im weiteren Verlauf der Nacht an Schwindsucht litt. Als Isolierung eignen sich vermutlich selbst über den Boden verstreute Kartoffelschalen besser.Mich packt das schlechte Gewissen. Schließlich habe ich Markus zum Campen überredet und ihm dann auch noch die windigen Schlafsachen aufgedrängt. Nur rund 50 Euro kosten beide Teile zusam-men, toll, oder? Markus will jetzt allerdings lieber für "egal was das kostet!!!" in einen Gasthof umziehen, als eine weitere Horrornacht zu durchleben. Ich selbst habe in der Stoffhütte gleichfalls unter einem Hauch von Zudecke und auf einer Minimalisten-Isomatte zugebracht. Allerdings mit dem (ähem, heimlich verschwiegenen) Unterschied, dass meine kleine, feine Ausrüstung so viel wie ein erstklassiges Wellness-Wochenende kostet. Entsprechend erholt fühle ich mich. Genau wie Kati und Sebastian, die ausgeschlafen ins Freie krabbeln und an ihrem Schlaf-Equipment nichts zu meckern haben.

Die Sonne scheint nach der ätzenden Regennacht nun also in drei entspannte Gesichter und eines, das aussieht wie ein Putzlappen, mit dem morgens der Festsaal gewischt wurde (Entschuldigung, Markus, ich dachte nach der schon vor längerer Zeit kolportierten Seveso-Story, du wärst mein Mann für die etwas "schwierigeren" Testkandidaten!).
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Foto: Dentges

Zwischenbilanz

Was das Sparschwein freut, macht clevere Campingfüchse leider nur selten glücklich. Das gilt insbesondere, wenn es rund um den Schlaf geht. Denn auf Zelt, Schlafsack und -matte muss Verlass sein, sonst ist von längeren Campingaktivitäten in wetterwechselnden Gebieten dringend abzuraten. Einfache Formel: Wenn ein Funktionsteil in freier Wildbahn nicht funktioniert, ist jeder Cent verschwendet. Im Umkehrschluss: Ermöglichen hauchdünne Gewebe aus Polyester und Nylon, nur wenige hundert Gramm Daunen oder Mikro-Hohlraum-Kunstfasern sowie reiß- und abriebfeste Materialien sanfte Träume wie in den vier Wänden daheim, dann sind sie Gold wert. Material und Verarbeitung sollten somit einwandfrei sein. Teure Zelte etwa werden langsamer genäht, um das Synthetik-Gewebe zu schonen. Bei Daunenschlafsäcken entscheidet die Güte der Daunen über hopp oder top. Ente oder Gans? Alter, Futter und Klima, in dem das Tier gelebt hat? Details, die ein Laie kaum eigenständig beurteilen kann, die jedoch bei vordergründig gleich aussehenden Artikeln einen Preisunterschied von mehreren hundert Euro ausmachen. Der Käufer muss dem (Fach-)Verkäufer respektive dem Hersteller und seinen Angaben somit voll vertrauen können.

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Ein gutes Zeichen ist, wenn ein Artikel schon seit Jahren nahezu unverändert angeboten wird, denn das bedeutet, dass er sich bewährt hat. Soweit die Theorie für einen guten Draußen-Schlaf. Praktisch drückt im Moment ein anderes Problem: Hunger! Ich besorge aus der nächsten Boulangerie frische Baguettes und Schoko-Croissants, setze mit Blick auf Markus reumütig auf dem Gaskocher Wasser auf und brühe in Minutenschnelle erst einmal einen Kaffee auf, um den verknautschten Kollegen beim Frühstück unter freiem Himmel moralisch wieder aufzubauen. Soviel ist sicher: Für die nächste Nacht bekommt Markus eine feste Buchung auf eine eigene Schlafkabine im Luxus-Gruppenzelt, einen Top-Komfort-Daunenschlafsack sowie eine 1a wärmende, gemütliche Schlafmatte. Die ihm ans Herz gelegte Ausrüstung kostet rund 1000 Euro; wer sich damit über mangelnden Komfort beschwert, der ist tatsächlich ein hoffnungsloser Fall – und sollte sich lieber im Hotelführer umtun. Markus bleibt skeptisch. So wie alle, die unter dem Trauma einer vielleicht schon lange zurückliegenden Camping-Aktion leiden (eisiges Pfadfinder-Osterlager, Bundeswehr, komplett durchnässtes Zelt...). Draußen-Verweigerer (geht das überhaupt als Motorradfahrer?) verpassen allerdings einiges, denn moderne, klug gewählte Ausrüstungen machen den Outdoor-Trip zum Traumurlaub (erste Strandreihe, einsam gelegener See, einmaliges Bergpanorama). Abenteuer-Freaks, Wüstendurchquerer oder Karpaten-Crosser wissen schon lange: Weniger Luxus ist oft mehr Reise. Markus als Reiseprofi weiß das auch, seine Flüche über die verpatzte Nacht sind längst verklungen, die schlechte Laune ist im duftenden Kaffee ertränkt, und in taufrischer Morgenluft unter blauem Himmel kann die Seele wieder entspannt baumeln. Zeit, neben der Planung für die Tagestour über kurvige Bergstrecken auch erste Eindrücke zum Test-Campingequipment auszutauschen.
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Erste Wahl

Kati findet das "Quick Erect" super (nein, es handelt sich weder um ein neues Produkt des Pharmakonzerns Pfizer noch um einen Artikel aus dem Erotik-Versandhandel, sondern um ein Zelt von Motorradausrüster Louis): "Mir kann es nie schnell genug gehen. Ich bin und werde wohl nie ein echter Camping-Fan, aber dieses Zelt fände ich klasse, wenn es mal auf ein Motorradtreffen geht." Außerdem sind sich alle einig, dass das drei Meter hohe, neue Louis-Riesenzelt "Nordkap Tipi" für so einen Anlass ebenfalls erste Wahl wäre. Wegen des offenen Raums ohne einzelne Schlafbereiche allerdings in erster Linie als Abhängzone und Liegesaal nach der Reiseparty. Einfach genial: Aufgrund der simplen Konstruktion mit nur einer zentralen Stange steht die Gruppenherberge binnen weniger Minuten und hielt zumindest im heftigst verregneten MOTORRAD-Campingtest dicht.

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Die Highend-Variante dieses für kleine Motorradgruppen absolut empfehlenswerten Zelttyps kommt vom norwegischen Outdoor-Spezialisten Bergans. Das Lavvo gibt es schon seit einigen Jahren und ist laut Hersteller in Skandinavien ein echter Verkaufshit. Mit 3000 mm/cm2 Wasser-säule (Louis: 1500 mm/cm2) deutlich regenresistenter, mit 5,5 Kilogramm erstaunlich leicht und im Vergleich das bessere Zelt, ab rund 450 Euro aber auch dreimal so teuer wie das Louis Tipi. Als gemeinsame Anschaffung für einen Motorrad-Stammtisch mit acht Personen, die ins Zelt passen, relativiert sich die Kostenfrage allerdings. Und es lässt sich so klein verpacken, dass es auf einer normalen Tourenmaschine im Gepäck locker Platz findet. Bei aufwendigeren Zeltkonstruk-tionen wie dem Badawi Long von Vaude indes müssen wie bei den alten Römern fürs Feldlager die Stangen und Zeltplanen auf mehrere Reisende aufgeteilt werden, sonst sprengt der seesackgroße Vierzigpfünder das Gepäckkontingent für ein Motorrad. Chauffiert allerdings ein Begleitfahrzeug die gesamte Campingausrüstung direkt zum Ziel (Biker-Festival, Marken- und Clubtreffen etc.), empfehlen sich auch solche Mammutzelte fürs Motorrad-Camping.

Das Vaude-Badawi findet jedenfalls schnell seine Fans. Platz für sechs bis acht Erwachsene, getrennte, opulente Schlafkammern, praktisches Ordnungssystem für Küchen- und Badsachen, eine Grundfläche, die schon fast einem kleinen Ferienhaus gleichkommt. Beim Auf- und Abbau (zirka 30 Minuten) hat Kati allerdings nur zugeschaut und sich mit einer ganz faulen Ausrede in den Komfort-Sessel "Banane Luxus" mit Fußstütze von Anbieter Polo gefläzt: "Ich muss jetzt die verschiedenen Sitzgelegenheiten testen, okay?" Komisch nur, dass der spartanische Mini-Klapphocker abends noch originalverpackt in der Ecke steht...Überhaupt sind es die vielen kleinen Dinge, die Zelten erst so richtig angenehm machen. Wie schon erwähnt, den Komfort eines Sternehotels bietet keine Ausrüstung, aber inmitten der Natur unterm Sternenhimmel bequem zu sitzen, mit einer Stirnlampe beim Rauschen des Waldes und Rufen des Käuzchens einen dicken Wälzer statt aufgedrehte Fernsehshows ins Programm zu nehmen, das sind unvergessliche Erlebnisse. Ein aufblasbares Reisekissen, ein kleiner Falttisch, kompaktes Kochgeschirr – Dinge, die einem das Leben draußen vereinfachen.
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Was bieten Ausrüster?

Louis und Polo sind die einzigen Motorradausrüster, die mit einer umfassenden Palette an Outdoor-Produkten dienen können. Campingzubehör ist bei ihnen in den letzten Jahren ein fester Bestandteil geworden. Aber auch spezialisierte Outdoor-Firmen wie Carinthia, Salewa oder Marmot erkennen bei Motorradfahrern die Lust am Campen und empfehlen bestimmte Produkte für Motorradtouren. Bis auf die hier schon geschilderte Situation einer Gruppentour bieten sich für Motorradurlaube wegen des begrenzten Stauraums auf der Maschine leichte und kompakte Artikel an, ähnlich wie für Trekking- und Radreisen. Motorradfahrer benötigen im Zelt jedoch zusätzlichen Platz für Helm, Stiefel und Kombi, unter Umständen auch für sperrige Koffer. Selbst Minimalisten sollten deshalb nicht zu knapp planen und lieber mit Platz für eine weitere virtuelle Person losfahren. Die Wahl des Zelttyps bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen (siehe auch Zelt-Empfehlungen): Tunnel bieten bei gleichem Packmaß und Gewicht in der Regel mehr Platz, Kuppel- und andere Konstruktionen mit überkreuzten Bögen stehen im direkten Vergleich stabiler und müssen teilweise nicht einmal mit Heringen abgespannt werden. Beim Gestänge ist hochwertiges, biegsames Aluminium besser als bruchgefährdete Fiberglas-Stangen. Im Zweifel lieber im Fachgeschäft beraten lassen, als sinnbildlich die Katze im Sack zu erwerben – auch wenn billige Internet-Angebote dazu verleiten. Doch bevor man Geld in die Hand nimmt, sollte man für sich selbst zunächst an eine Bedarfsermittlung machen. Für Camping-Tester Sebastian keine Frage: "Motorradfahren ist für mich Purismus, deshalb kommen für mich keine Koffer an die Maschine. Mir reicht eine Packrolle plus Tankrucksack mit Zelt, Schlafsack, Isomatte, dann vielleicht noch ein Esbit-Kocher und eine extra Unterhose." Den Mini-Grill im Zauberstab-Format findet Sebastian dann aber doch so gut, dass er ihn auch noch einpacken würde. Und den Faltsitz. Die flauschige, wasserdichte Picknickdecke nimmt ebenfalls kaum Platz weg.

Markus und ich hingegen haben nichts gegen geräumige Koffer, Topcases und Packtaschen. Dann passen wenigstens große, gemütliche Liegematten und Komfort-Schlafsäcke (Tipp: Deckenschlafsäcke) ins Gepäck. Und Sitzmöbel, die einem bei knapp 1,90 Meter Körpergröße ermöglichen, halbwegs menschenwürdig zu sitzen, statt nur am Boden herumzuhängen. Der solide Falthocker "Walkstool" (von Relags) mit 65 Zentimeter Sitzhöhe kommt da gerade recht. Der ineinandersteckbare Kaffeezubereiter inklusive Iso-Trinkbecher erhöht ebenfalls die Urlaubsqualität. Und wenn Kumpels on Tour sind, muss eine kompakte LED-Laterne, die Licht für die Skatrunde spendet, mit. Für die einen sind das notwendige Ausrüstungsgegenstände, für andere nur nette Spielereien oder kuriose Geburtstagsgeschenke, die bei Anbietern wie Louis, Polo oder dem Spezialisten Relags jedoch dauerhaft gefragt sind – auch, weil die nützlichen Utensilien meist preislich überschaubar sind und zum spontanen Zugriff reizen. Billige Zelte, Schlafsäcke und -matten tun das auch, aber hier sollte man, wie eingangs erwähnt, genau abwägen, ob das Geld nicht am falschen Ende gespart wird. Andererseits sind für Himalaja-Expeditionen gedachte Ausrüstungen – in der Summe so teuer wie eine gute Gebrauchtmaschine – fürs Motorrad-Camping eine glatte Überdosis. Wenn es mit dem Zweirad auf Tour geht, braucht kein Mensch sündteure Schlafsäcke, die bei minus 30 Grad noch warmhalten, nicht einmal fürs Elefantentreffen im tiefverschneiten Bayern. In den Vogesen hat mittlerweile die Sonne den Boden geküsst und lädt zum Vin-Rouge-Aperitif bei Blauer Stunde, Markus’ Umzugspläne ins Hotel verpuffen endgültig, während auf dem Holzfeuer-Grill landestypische Merguez-Würstchen vor sich hinbrutzeln. Wir sind draußen, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Zurück zur Natur – das ist es, was Camping so besonders macht. Und Markus hat eine neue Reisestory: "Wachtraum in den Vogesen" statt "Gift-Campen in Seveso".

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