Bremsbeläge im Praxistest Siegen und Kaufen?

Was taugt rennerprobte Ware im Alltag? Ein Konzeptvergleich von unterschiedlichen Belagmischungen für Landstraße und Rennstrecke.

Carlos de la Fuente vom spanischen Schwesternblatt Motociclismo ist außer sich. Wild gestikulierend steht er vor Bruno Lonati und Fabrizio Motta. Die beiden Entwickler des italienischen Bremsenriesen Brembo versuchen den Redeschwall des Spaniers in schnelle Aufzeichnungen auf ihren Stenoblöcken zu bändigen. Dass Carlos sein Statement ausschließlich in seiner Muttersprache abgibt, ist egal. Dem Spanier ist allein durch ausladende Gebärden und theatralische Mimik gut zu folgen. Auf den Meter genau »fährt« er die Rennstrecke ab. Gerade biegt er nach der trickreich ange-legten Schikane wieder auf die Start-Ziel-Gerade des »Auto-dromo di Franciacorta« nahe Mailand ein und lässt sich dann erschöpft in einen Klappstuhl fallen: »Muy bien« – sehr gut.
Wir befinden uns inmitten eines Experiments: Was können straßenzugelassene Sinterbeläge, wie fahren sich im Vergleich dazu die Rennbeläge? Als Basis dient eine Honda CBR 600 RR, die nach etlichen Einfahrrunden mit den serienmäßigen Bremsen mit ver­schiedenen Belägen von Brembo ausgerüstet wird. Als Erstes werden die Originalbeläge in den radial verschraubten Brems­sätteln der CBR durch die Brembomischung »SA« ersetzt. Der straßenzugelassene Sinterbelag harmoniert gut mit der Brems­anlage der Honda. Der Druckpunkt ist exakt und stabil, kalt ­wie warm lässt sich die Anlage gut dosieren und kontrollieren.
Es folgt Typ »SC«, ein straßenzugelassener Sinterbelag in Rennmischung, der – so das Entwicklungsziel von Brembo – sowohl auf Landstraßen wie Rennstrecken gefahren werden kann. Diese Mischung erweist sich auf der Rennstrecke als sehr standfest. Sie verleiht der CBR-Bremse zwar deutlich mehr Biss, verlangt vom Fahrer aber auch deutlich mehr Aufmerksam-keit und Sensibilität beim Dosieren der Bremse. Selbst nach etlichen Runden bremst man mit ihnen nicht so souverän, wie es mit dem SA-Belag auf Anhieb möglich war.
Folgt als Letztes die Rennmischung »RC«, aufgebaut auf Kohlenstoff-keramischen Werkstoffen. Wer nun meint, die CBR-Stopper mutieren damit zum brutalen Wurfanker, hat sich geirrt. Extrem harmonisch lässt sich die Honda in Kurven hineinbremsen, der Bereich guter Dosierbarkeit erstreckt sich über eine gewaltige Strecke. Nahezu jeder Millimeter Hebel-weg ist in tatsächlicher Verzögerung zu spüren.
Doch der Umgang mit den RC-Belägen ist nicht einfach: Straßenfahrer werden den harten Druckpunkt, den sie von ihren Standardbelägen kennen, vermissen. Zudem brauchen die Rennbeläge hohe Temperaturen, um stabil zu arbeiten. Also nichts für den Alltag, wo auch bei einer Schreckbremsung mit kalter Bremse auf Anhieb ausreichend Wirkung zur Verfügung stehen muss.

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