Bremsen-Tuning (Archivversion) Ach du liebes Bißchen

Was tun, wenn der Bremse der rechte Biß fehlt? MOTORRAD zeigt, welchen Zahnersatz der Zubehörmarkt anbietet und wie sich die Beißorgane einer TL 1000 S verbessern lassen.

Schlecht ist die Bremse der Suzuki TL 1000 S gewiß nicht. Aber sportliche Fahrer mit hohen Ansprüchen finden doch einige Kritikpunkte. Die für starke Verzögerung nötige Handkraft dürfte etwas niedriger sein. Es fehlt zudem an Rückmeldung, die Dosierung im Grenzbereich der Reifenhaftung fällt schwer. Daß die Wirkung temperaturabhängig ist, erleichtert kritische Bremsmanöver auch nicht gerade. Um solche Schwächen auzumerzen, bietet der Markt reichhaltiges Zubehör. Das fängt bei preiswerten Belägen an und reicht bis zum Tausch der kompletten Bremsanlage gegen sündhaft teure Komponenten aus dem Rennsport. Wieviel Geld ist nötig, um aus durchschnittlichen Stoppern gute zu machen? MOTORRAD probierte an der Suzi gezielt einige Produkte aus. Arbeiten an der Bremse sollten nur von erfahrenen Schraubern ausgeführt werden, jeder Fehler, jede Nachlässigkeit können üble Konsequenzen nach sich ziehen. Erster Schritt: Austausch-Beläge. Den enormen Einfluß von Belägen auf die Funktion einer Bremse zeigte bereits der Vergleichstest in MOTORRAD 10/1998 mit der Yamaha YZF 1000. Einen sehr guten Eindruck hinterließen in diesem Test die Carbone Lorraine-Beläge. Dies bestätigte sich an der TL-Suzuki. Die Handkraft sinkt im Vergleich zu den Serienbelägen deutlich spürbar, in gleichem Maß verbessert sich das Gefühl für die Dosierung. Also für wenig Geld (180 Mark/Satz) ein großer Schritt nach vorn. Außerdem probierte MOTORRAD die im Vergleichstest weniger überzeugenden, organischen Ferodo-Beläge (90 Mark/Satz). Diese benötigen eine außerordentlich lange Einfahrzeit, in der ihre Wirkung stark schwankt. Danach können sie durchaus zufriedenstellen, wenn sie in puncto Handkraft und Dosierung auch nicht ganz an die Sinterbeläge von Carbone Lorraine herankommen.Zweiter Schritt: Verstärkte Leitungen. Der Druckpunkt ist bei der TL 1000 nicht besonders gut definiert, bringen Stahlflex-Leitungen als Ersatz für die Gummileitungen Vorteile? In der Tat, der Druckpunkt wird exakter, die Dosierung und die Rückmeldung verbessern sich. Angesichts des moderaten Preises eine lohnende Investition. Ob Kevlar- oder Stahlflex-Leitungen spielt in der Wirkung keine Rolle.Dritter Schritt: Tausch der Pumpe. Unter Rennfahrern ist die Radialpumpe Standard, aber kann sie auch bei Großserien-Bremsen etwas bringen? Sie kann. Verblüffend ist das direkte Wirkung, man hat das Gefühl, die Zangen unmittelbar mit dem Hebel zu betätigen. Dies gilt sowohl für die Brembo-Pumpe wie auch für die von Spiegler und PVM. Bei letzterer läßt sich sogar die Übersetzung variieren. Vierter Schritt: Austausch-Scheiben. MOTORRAD testete Gußscheiben von Spiegler sowie Stahlscheiben von Braking, jeweils mit den dazugehörigen Belägen. Die Gußscheiben konnten ihre theoretischen Vorteile nur bedingt ausspielen. Zwar sind sie im Extremfall etwas standfester, aber in der Dosierbarkeit und Bremsleistung bringen die Spiegler-Scheiben mit den Ferodo-Belägen keine Verbesserung. Im Gegenteil verblüfften Braking-Edelstahlscheiben mit kräftigen Biß und guter Rückmeldung, allerdings erst nach einer langen Einfahrphase. Zur Optimierung lohnt sich die Investition in Zubehörscheiben nicht. Falls die Originalscheiben verschlissen oder verzogen sind, sind Austauschscheiben ein heißer Tip, zumal sie preiswerter sind als die Serienscheiben.Fünfter Schritt: Tausch der kompletten Bremsanlage. Für den Straßenbetrieb reicht die TL-Bremse allemal, nur unter extremen Belastung zum Beispiel auf der Rennstrecke stößt selbst die getunte Anlage an Grenzen. Die Sechskolben-Zangen von Nissin sind eine nicht allzu teure Alternative (zwei Zangen 1000 Mark), die zwar etwas mehr Standfestigkeit, in puncto Wirkung aber praktisch keine Verbesserung bringt. Echte Fortschritte bringt extreme Aufrüstung: Mit brutaler Verzögerung bei Einfinger-Betätigung verwöhnten die Achtkolben-Zangen von Spiegler in Verbindung mit Gußscheiben und 20er Radialpumpe. Solch ein Umbau schlägt dann aber auch mit einigen Tausendern zu Buche.Fazit: Rennfans ohne finanzielles Limit bekommen im Zubehörhandel bissigen Zahnersatz vom Allerfeinsten. Aber auch Kassenpatienten mit hundertprozentiger Eigenbeteiligung können sich mit wenig Mitteln mehr Biß für den alltäglichen Gebrauch verschaffen.

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