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Produkttest Energydrinks Red Bull und Co von MOTORRAD getestet

Natürlich: Klavierbauer Peter Krüger trennt sich für 1500 Euro zeitweise von seinen Schätzen. Red Bull und Co sind deutlich günstiger, doch ob die süßen Muntermacher das Flügel-Versprechen einlösen, ist nicht so sicher.

Natürlich ist es nicht die vorrangigste Aufgabe einer Motorradzeitschrift, sich in tagelanger Beschaffungs-, Analyse- und Verkostungsarbeit meist zuckersüßen Erfrischungsgetränken zu widmen. Andererseits: Gerade in unserer Szene und in vielen uns interessierenden Sportarten sind die Anbieter von Energydrinks unglaublich präsent. MotoGP, Motocross, Formel 1, Fußball, Eishockey - überall wird massiv für die vermeintlichen Muntermacher geworben, viele Fahrer, Teams und Veranstalter hängen am Sponsorentropf der Getränkeanbieter. Spätes-tens an der nächstbesten Tankstelle kommt niemand mehr an dem Angebot der preislich oft sehr ambitionierten Produkte vorbei. Auf langer Tour mal eben einen Energydrink reinschmeißen, damit die restlichen Kilometer noch halbwegs munter abgerissen werden können? Warum nicht, das ist durchaus gängige Praxis. Auch bei gestandenen Motorradfahrern, die nicht unbedingt mehr zur hippen Zielgruppe der jugendlichen Partygänger gehören.

Die Sache mit dem Muntermachen funktioniert tatsächlich. Was allerdings weniger mit geheimnisvollen Rezepturen und exotischen Zutaten zu tun hat, sondern mit der recht simplen Tatsache, dass praktisch alle unter dem Oberbegriff Energydrink laufenden Produkte unter anderem zwei Bestandteile zu bieten haben, die zumindest kurzfristig die Leistungsfähigkeit erhöhen können: Koffein und Zucker. Die anregende Wirkung von Koffein ist unbestritten, und auch über die Funktion von -Zucker als schnellem Energiespender gibt es keine zwei Meinungen. Beide Bestandteile -haben zudem den gewaltigen Vorteil, sehr günstig zu sein. Koffein ist in reiner Form ein weißes Pulver, das im Einzelverkauf als 25-Gramm-Gebinde um 20 Euro gehandelt wird. Die Mehrzahl der Energydrinks hat um die 32 mg Koffein pro 100 ml Flüssigkeit zu bieten. Besagte 25 Gramm würden also für 78 Liter beziehungsweise 312 Stück der gängigen 250-ml-Dosen reichen. Das macht pro Dose um die 6,4 Cent Koffein-Kosten. Da aber zum Beispiel Marktführer Red Bull nicht nur 312, sondern über 4,6 Milliarden (!) Dosen pro Jahr unters Volk bringt, dürfte der Koffein-Einkauf deutlich günstiger erfolgen. Wer zirka ein Cent Koffein-Materialeinsatz pro Dose ansetzt, liegt vermutlich nicht ganz verkehrt.

Das Koffein steckt bei Energydrinks nicht nur in den Dosen und Flaschen, es steht auch immer drauf, denn ab 15 mg pro 100 ml muss bei Getränken die zugesetzte Menge zusammen mit der Formulierung „erhöhter Koffeingehalt“ angegeben werden. Eine Koffein-Höchstmenge gibt es nur dann, wenn das Produkt als Energydrink oder (Erfrischungs-)Getränk in den Handel kommen soll - das sind dann die besagten 32 mg/ 100 ml. Wenn das Gebräu aber einfach nur als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel vermarktet wird - und zum Beispiel den hübschen Namen Energy Shot trägt -, ist es dem Gesetzgeber herzlich egal, wie viel Koffein drin-steckt. Das in Sachen Koffein höchstdosierte Produkt in unserem Test brachte es so ganz legal auf versprochene 69,9 und gemessene 65,2 mg/100 ml.

Doch vor dem Messen stand die Beschaffung. Der schnellste und teuerste Weg, um an die Muntermacher zu kommen, ist die Fahrt zur Tankstelle. Und genau den scheute MOTORRAD so weit wie möglich, um all zu große Preisverzerrungen zu vermeiden, was mit einer Ausnahme (Flying- Horse) auch perfekt klappte. Mittlerweile haben praktisch alle Lebensmittel- und Verbrauchermärkte und auch die einschlägigen Discounter Energydrinks und artverwandte Produkte im Programm. Die Preisunterschiede sind immens. Der Literpreis schwankt von unter einem Euro bis zu deutlich über fünf Euro. Das Angebot ist selbst innerhalb einer Marke oft recht verwirrend. PET-Flasche oder Alu-Dose? Oft eine Glaubensfrage, die Hardcore-Fans schwören auf die Dose, was mehr mit psychologischen Gründen - die Dose fühlt sich kühler an - und weniger mit echten Geschmacksargumenten zu tun haben dürfte.

Die Gebindegröße ist die nächste schwere Entscheidung vorm Supermarktregal. Die 250-ml-Dose ist zwar der Klassiker, doch mittlerweile sind auch 485-, 500- und 1000-ml-Formate -erhältlich. Alles neben der beliebten 330-ml-Größe. So ab dem halben Liter ist das Thema Wiederverschließbarkeit nicht ganz uninteressant, denn um sich eine solche Menge gezuckerter Flüssigkeit nonstop in den Hals zu schütten, muss man schon mächtig Durst haben. Oder völlig schmerzfrei sein. Vorteil also für die PET-Flaschen. Und für die Relentless-Dose, die mit einem Hightech-Verschluss die Themen Dose und Wiederverschließbarkeit zusammenbringt. Kleine Anmerkung am Rande: Im Moment, als diese Zeilen geschrieben werden, steht die angebrochene Relentless-Dose schon seit über einer Woche auf dem Schreibtisch des Redakteurs - und sie hat immer noch ordentlich Kohlensäure. Genial!

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Foto: MPS-Fotostudio
Red Bull:

Das Original, dem die meisten Wettbewerber nacheifern - und für weniger Geld teilweise schon sehr nahekommen. Marken-Gläubige wird’s nicht kratzen. Wer Red Bull kauft, macht das bewusst. 

MOTORRAD-Urteil: gut.
Red Bull: Das Original, dem die meisten Wettbewerber nacheifern - und für weniger Geld teilweise schon sehr nahekommen. Marken-Gläubige wird’s nicht kratzen. Wer Red Bull kauft, macht das bewusst. MOTORRAD-Urteil: gut.

Wer glaubt, mit der Qual der Testmusterwahl hätte es jetzt ein Ende, irrt; denn nun muss noch die passende Geschmacksrichtung gewählt werden. MOTORRAD entschied sich so weit wie möglich für die Originalversion, und auch die Frage „Zucker oder zuckerfrei?“ harrt einer Beantwortung. Wer alle Optionen aus-reizt, kommt locker auf eine dreistellige Zahl unterschiedlicher Energydrinks. MOTORRAD beließ es bei 21 Produkten, von denen je ein Exemplar im Labor der Firma Kärcher landete. Bei den Labortests wurden die Herstellerangaben zum Koffein- und Zuckergehalt überprüft und zusätzlich der pH-Wert ermittelt. Diese Werte gingen nicht in die Beurteilung ein, ermöglichen dem interessierten Leser aber eine etwas genauere Produkteinordnung. Im Kärcher-Labor lief ein weiteres, hier nicht gezeigtes Produkt außer Konkurrenz mit. Oder besser gesagt: zuerst einmal aus dem Automaten; denn was gibt es zwischen den Testreihen Schöneres, als eine frisch gebrühte Tasse Kaffee? Eben. Doch bevor das schwarze, gar nicht mal übermäßig hoch dosierte Gebräu seiner Bestimmung zugeführt wurde, drehte es noch eine kleine Testrunde im Labor. Mit einem für manchen vielleicht doch recht überraschenden Ergebnis: Koffeingehalt 71,5 mg/100 ml. Kein Espresso, kein Mokka - ein stinknormaler Kaffee liefert mehr als doppelt so viel Koffein wie die meisten Energydrinks und liegt auch überm vermeintlich hoch dosierten Pure Cofain. Wer keinen Kaffee mag, kann alternativ auch Grün- oder Schwarztee trinken, denn der Anteil des darin enthaltenen Koffeins (das dann meist Te-in genannt wird) liegt nur unwesentlich unter dem der gängigen Energydrinks. „Koffein allein zählt aber nicht“, argumentieren die Energydrink-Anbieter. „In unseren Produkten stecken ja noch ganz viele andere Stoffe.“ Stimmt. Neben Wasser, -Zucker, Farb- und Konservierungsstoffen sind das ein paar Vitamine (meist B6 und B12), die jeder sich halbwegs normal ernährende Mensch in ausreichender Menge -bereits über die Nahrung aufnimmt, und vor allem der „Wunderstoff“ Taurin. Taurin ist ein Stoffwechselbeschleuniger und hat selbst keine stimulierende Wirkung. Zum Thema Taurin hat die gemeinnützige Deutsche Gesellschaft für Ernährung bereits 2001 klare Worte gefunden: „Die Werbung suggeriert, Taurin als Bestandteil von Energydrinks fördere beim Menschen sowohl die körperliche als auch die geistige Leistungsfähigkeit. Es sind jedoch bisher keine gut kontrollierten Studien bekannt, die eine positive Wirkung von Taurin-Supplementen (Anm. d. Red.: Supplement = Nahrungsergänzungsmittel) auf die körperliche Leistungsfähigkeit oder das Konzentrations-vermögen bei Gesunden und Patienten zeigen. (…) Die oftmals subjektiv verspürten positiven Effekte sind auf Placeboeffekte oder auf die anderen Inhaltsstoffe der Energydrinks (z. B. Koffein) zurückzuführen.“

Man kann es drehen und wenden wie man will: Am Ende fokussiert sich in Sachen Energydrink-Wirkung fast alles auf die Kombination aus Koffein und Zucker. Der besagte ganz normale Kaffee mag das Thema Muntermachen zwar noch offensiver angehen, doch nicht jeder trinkt gern Kaffee. Oder Tee. Und gar nicht so wenige, vor allem junge Leute, mögen nun mal Energydrinks - oder zumindest den damit implizierten Lifestyle. Es hilft also wenig, mit sachlichen Argumenten die Kalorienbomben zu verteufeln, sie sind eine - wirtschaftlich extrem erfolgreiche - Tatsache.

Inwieweit sie Flügel verleihen, kann nur jeder für sich selbst beurteilen. Wer allerdings meint, in Kombination mit Alkohol besonders hoch fliegen zu können, sollte eine ziemlich hinterhältige Eigenschaft der Energydrinks berücksichtigen: Sie verschleiern die Alkoholwirkung und vermitteln das trügerische Gefühl, noch alles im Griff zu haben. Davor warnen die Anbieter zwar auf ihren Flaschen und Dosen, aber wer liest schon beim Fliegen?

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Foto: Herder

So testet MOTORRAD

Never change a winning Labor-Team: Der alte Tester-spruch hat immer noch Gültigkeit, und so ging’s mal wieder ins Kärcher-Labor nach Winnenden. Laborleiter Frank Ritscher ist Motorradfahrer, MOTORRAD-Abonnent - und vor allem studierter Lebensmittelchemiker! Zusammen mit seinem Kollegen analysierte er einen Teil der von MOTORRAD im Lebensmittelhandel und an einer Tankstelle gekauften Testmuster. Mithilfe eines Hochleistungs-Flüssigkeitschromatografen (HPLC) bestimmte das Kärcher-Team den Koffeingehalt. Mit einem Refraktometer ermittelten sie über den Lichtbrechungsindex den Zuckergehalt. Ein elektronisches pH-Meter zeigte den - Überraschung - pH-Wert. Die Messwerte gingen nicht in die Urteile ein. Die basieren auf der Verkostung und den dabei verteilten Schulnoten, die von sechs Redakteuren und dem Chemiker des Vertrauens in vier Kategorien vergeben wurden, sowie dem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: Volk

Interview mit dem Fitness-Experten

? In den meisten Energydrinks ist eine Menge Koffein enthalten. Ist das völlig unbedenklich?

! Ab etwa 500 Milligramm, oder in Kombination mit anderen stimulierenden Substanzen kann es zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen kommen. Etwa zehn Gramm Koffein wirken bei Erwachsenen tödlich.

? Könnte man sich also mit Energydrinks umbringen?

! Nein, ausgeschlossen. Dazu müssten Sie etwa 125 Dosen trinken, oder die gleiche Menge schwarzen Kaffee. Herzrhythmusstörungen oder Übererregungszustände können aber bereits nach einem Gramm Koffein auftreten.

? Wie viel darf man also trinken?

! Laut Bundesamt für Verbraucherschutz sind zwei Dosen, also etwa 160 Milligramm Koffein, unbedenklich. Absolute Obergrenze sind fünf bis sechs kleine 250-Milliliter-Dosen. Aber bitte nur in Ausnahmefällen.

? Oft wird zudem Taurin beigemischt. Was ist davon zu halten?

! Laut Herstellern soll Taurin die Weiterleitung von Nervensignalen verbessern und leistungssteigernd wirken. Für den Menschen und speziell bei Zufuhr über die Nahrung sind diese Eigenschaften allerdings nicht nachgewiesen.

? Also ist Taurin ein harmloser Zusatzstoff?

! Schwer zu sagen. Bei Menschen wurden Nebenwirkungen wissenschaftlich noch nicht untersucht, bei Tieren aber schon - die leiden bei einer Überdosierung etwa unter Atemstörungen.

? Bis auf die Light-Produkte -strotzen die getesteten Energydrinks vor Zucker. Was bringt das?

! Eine Dose enthält im Schnitt zirka 25 Gramm Zucker, also etwa ein Viertel des empfohlenen Tagesbedarfs. Eine derart hohe Menge kurzkettiger Kohlenhydrate, wie sie in einer Dose enthalten sind, sollten Sie nur zu sich nehmen, wenn Sie intensiven Ausdauersport treiben, also etwa einen schnellen Halbmarathon laufen oder Ihr schweres Mopped eine Stunde lang den Berg hochschieben.

? Wie sinnvoll sind also Energydrinks?

! Der Effekt von Energydrinks ist vor allem auf die Kombination von Zucker und Koffein zurückzuführen - beides wirkt erwiesenermaßen. Ein starker Kaffee mit zweieinhalb Esslöffeln Zucker oder eine kleine Cola erfüllen die gleiche Funktion wie ein Energydrink. Einschlägige Getränkekonzerne und Kariesbakterien profitieren am meisten von den teuren und süßen Energydrinks.

? Was machen Sie bei Müdigkeit auf der Autobahn?

! Rechts auf den Parkplatz ranfahren und im Idealfall 15 Minuten ein Nickerchen halten.
Es hilft aber auch, frischen Sauerstoff in die Muskeln zu pumpen. Dafür sind etwa 15 Liegestütze, 15 Kniebeugen und 15 Hampelmänner eine exzellente Wahl.

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