Intervie Michael Knaak (Shell) "Jährliche Ölwechsel aus gutem Grund"

Michael Knaak wollte mal Motorräder entwerfen, landete aber vor 28 Jahren bei Shell. Im Hamburger Labor verantwortet er die Entwicklung spezieller Motorenöle und betreut als Projektmanager Schmierstoffe die Zusammenarbeit von Shell mit der Rennabteilung von Ducati.

Foto: Künstle
Warum kostet gutes Öl so viel gutes Geld?
Üblicherweise dauert die Entwicklung mehrere Jahre, in denen ein ganzer Stab von Chemikern, Technikern und Ingenieuren zusammenarbeitet, von ersten Schritten im Labor über Tests mit Teilmotoren und ganzen Motoren. Dazu kommen Feld und Rollenprüfstandstests. So können die Entwicklungskosten mehrere Millionen Euro betragen. Günstiger hingegen ist es, lediglich ein fertiges Additivpaket von einem Zusatz­hersteller zu kaufen und in ein vorge­gebenes Grundöl ein­zumischen.

Könnte ich nicht genauso gut ein preisgünstiges Öl fahren?
Ein billiges Öl muss nicht unbedingt schlecht sein, wie ein teures nicht unbedingt gut sein muss. Sollte das Öl aber ungeeignet sein, weil etwa die Viskosität stark von der im Handbuch angegebenen abweicht, kann das schon bei geringen Belastungen später Ablagerungen, Schlammbildung, Ölverbrauch, Verschleiß nach sich ziehen.

Welche Besonderheiten muss ein Motorradöl aufweisen?
Motorradöle sind besonders hohen thermischen Belastungen ausgesetzt. In der ersten Kolbenringnut sind durchaus Temperaturen von über 300 Grad möglich, in einer Nasskupplung kann es noch heißer werden, und sogar im Sumpf können Öle luftgekühlter Motoren um die 150 Grad erreichen. Öle sollten also eine gute Verdampfungsstabilität aufweisen und nicht zu dünnflüssig ausgelegt sein, auch weil das Getriebe normalerweise vom Motoröl mitgeschmiert wird. Mit zu dünnen Ölen kann es zu Pitting an den Zahnflanken kommen. Darüber hinaus treten wegen des integrierten Getriebes deutlich höhere Scherkräfte auf als im Pkw-Motor mit separatem Getriebe. Außerdem sind die Drehzahlen im Motorradmotor vergleichsweise hoch. Da die meisten Maschinen mit Nasskupplung ausgestattet sind, muss das Öl auch mit der Kupplung verträglich sein. Zu erkennen ist das an der JASO MA-Kennzeichnung (Anmerkung der Red.: die einzige Spezifikation speziell für Viertakt-Motorradöle).

Die Jahresfahrleistung der meisten Motorradfahrer geht zurück, liegt bei teils nur 3000 Kilometern. Da könnte ich ein Öl doch drei, vier Jahre fahren?
Kaltstarts und Kurzstreckenbetrieb belasten Motorenöle wie den Motor selbst überproportional. Das heißt, dass auch Öle mit geringer Laufleistung bereits am Ende ihrer Leistungsreserven stehen können. Jährliche Ölwechsel werden von einigen Herstellern aus gutem Grund vorgeschrieben.

Welches sind die schlimmsten Verunreinigungen im Öl?
Saure Verbrennungsprodukte. Sie entstehen vorwiegend beim Kaltstart. Öl ist so konzipiert, dass sie neutralisiert werden, aber irgendwann sind diese sogenannten alkalischen Reserven erschöpft.

Wie lange braucht ein Öl, um im letzten Motorwinkel anzukommen?
Wir haben in der Kältekammer in einem Automotor mit dickem Öl Zeiten von über 30 Sekunden gemessen, bis das Öl den Ventiltrieb erreicht hatte. Auch unter besseren Bedingungen kann bis dahin lange Zeit vergehen.

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