Investoren übernehmen Motorrad-Zubehör-Ketten Hein Gericke, Polo und Louis

Hein Gericke wurde bereits mehrfach an ausländische Investoren verkauft. Auch Polo war schon an der Reihe. Vor kurzem hat der Verkauf von Louis an US-Tycoon Warren Buffett Schlagzeilen gemacht. Wer sind die Käufer? Was wollen sie mit den Zubehör-Ketten?

Foto: Louis

Auch wenn sie dieses Image pflegen und nicht selten in größter Not auftauchen: Investoren sind keine Samariter. Mit den Betrieben, die sie übernehmen, wollen sie Geld verdienen. Das gilt auch für US-Multimilliardär Warren Buffett, dessen Holding Berkshire Hathaway am 20. Februar überraschend die kerngesunde Detlev Louis GmbH gekauft hat. Unter den 1500 Louis-Mitarbeitern löste die Nachricht zunächst heftige Irritationen aus. War doch – unter dem Vorzeichen der Insolvenz – ein Jahr zuvor Konkurrent Hein Ge­ricke aufgekauft und mit LS2 unter chinesische Führung gestellt worden. Und auch Polo hatte sich 2012 aus der Insolvenz in die Hände eines Investors begeben müssen.

Was also war los bei Louis? Noch dazu in der wirtschaftlich hervorragenden Situa­tion als deutscher Marktführer beim Motorrad-Zubehör? Das hässliche Wort „Zerschlagung“ machte die Runde, die Mitarbeiter hatten Angst um ihre Jobs. So entschloss sich die Hamburger Geschäftsführung zu einem spontanen Schritt. Kurzfristig wurden alle Louis-Angestellten bundesweit an vier Standorten zusammengezogen und bekamen Informationen aus erster Hand.

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„Deutschland ist ein großartiger Markt“

Die Botschaft der alten Geschäftsleitung lautete, dass sie auch die neue bleiben wird. Und dass sich auch sonst nichts ändern werde (siehe Interview). Inhaberin Ute Louis hatte das Lebenswerk ihres im Herbst 2012 verstorbenen Mannes Detlev in die Hände von US-Investorenlegende Warren Buffett gelegt. Das war alles. Von dem Deal wussten im Vorfeld nur wenige Menschen. Zum Beispiel die drei Hamburger Louis-Geschäftsführer, die ein knappes Vierteljahr vorher davon erfahren hatten. Laut der global agierenden Wirtschaftskanzlei Beiten Burkhardt war es Ute Louis, die mit der Offerte an Buffetts Holding Berkshire Hathaway herangetreten war.

Dort hatte sie offene Türen eingerannt, denn Buffett und sein Manager planten gerade eine Einkaufstour in Europa – und hier speziell in Deutsch­land. „Deutschland ist ein großartiger Markt,“ sagte Buffett dem „Handelsblatt“. Gegenüber der „Financial Times“ konkretisierte er: „Dieses Investment ist kleiner als unsere sonstigen, aber ein Türöffner. Wir haben damit den Code für Deutschland geknackt.“

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Warren Buffett ist derzeit der drittreichste Mann der Welt

Buffetts Holding Berkshire Hathaway geht zurück auf eine US-Textilfirma, die ihr mittlerweile 84-jähriger Eigner 1965 aufgekauft hatte. In der Holding-Familie befindet sich die Detlev Louis Motorradvertriebs GmbH jetzt in einer sehr exklusiven und illustren Runde: Berkshire gehören ganz oder teilweise Schwergewichte wie American Express, Coca-Cola, Batterienhersteller Duracell, Ketchup-Hersteller Heinz, IBM, die weltweit agierende Münchener Rückversicherung, Fruit of the Loom, die „Washington Post“ und eine Fülle von Unternehmen, Versicherungen und Banken, die in erster Linie in den USA aktiv sind. 2014 machte die Holding einen Jahresumsatz von 194 Milliarden US-Dollar (ca. 180 Mrd. Euro). Da machen sich die 452 Mil­lionen, die laut „Financial Times“ für den Louis-Kauf geflossen sind, kaum bemerkbar. Ebenso wenig in Buffetts persönlichem Vermögen, welches das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf aktuell fast 73 Milliarden Dollar beziffert. Damit ist er laut Forbes-Liste der derzeit drittreichste Mann der Welt. Nur Bill Gates und der mexikanische Telekommunikations-Mogul Carlos Slim Helu haben ihm noch ein paar Milliarden voraus.

Berühmt wurde Warren Buffett mit seiner Empfehlung an Anleger, nur in Branchen zu investieren, von denen sie auch etwas verstünden. Da das für ihn selbst sicher am meisten gilt, scheint er an die Motorradbranche zu glauben: 2009 hatte er Harley-Davidson mit 303 Millionen Dollar ausgeholfen, als die Marke wirtschaftlich stark angeschlagen war. Das Investment hat sich gelohnt. 2014 zahlte Harley seine Schulden zurück – mit jährlich 15 Prozent verzinst.

Seit 2007 leitet Paul Liao die LS2-Zentrale

Ein paar Ligen tiefer bespielen die Hein Gericke-Investoren um den chinesischen Geschäftsmann Paul Rutian Liao das weite Feld des globalen Zubehörmarktes: Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften war Paul Liao in die chinesische Helmfirma Jiangmen Pengcheng Helmets seines Bruders Arthur Liao eingestiegen. Das Unternehmen wuchs und wurde von den beiden Brüdern mit der Marke LS2 (steht für Liao’s Systems) weltweit aufgestellt. Seit 2007 leitet Paul Liao mit seiner Firma Tech Design Team die in Barcelona angesiedelte LS2-Zentrale. Die Marke setzt weltweit jährlich über eine Million Helme ab – Tendenz steigend – und unterhält Sponsoren-Verträge mit MotoGP-Fahrern und den mehrfachen Dakar-Siegern Marc Coma und Cyril Despres. Mit der Übernahme und dem schrittweisen Wiederauf- und Weiterausbau der insolventen Gericke-Kette Anfang 2014 hat sich LS2 nicht nur ein zweites Standbein, sondern auch einen zusätzlichen Vertriebsweg für seine eigenen Produkte geschaffen.

Kurz vor Louis hatte auch Konkurrent Polo einen neuen Inhaber bekommen: Equistone Partners Europe hat die Zube­hör-Kette mit Firmensitz in Jüchen am 30. Januar gekauft. Nach der Insolvenz 2011 war Polo in Händen einer Münchner Beteiligungsgesellschaft gewesen. Über die jeweiligen Kaufpreise war Still­schweigen vereinbart worden. Der neue Polo-Investor Equistone geht zurück auf die britische Barcleys Bank. Auf seiner Website gibt Equistone Einblick, welchen Einfluss die Gesellschaft auf die Abläufe in den zu ihr gehörenden Unternehmen nimmt: Wir „optimieren (…) betriebswirtschaftlich, führen variable Kostenstrukturen ein und erhöhen durch Controlling- und Risikomanagementsysteme die Transparenz innerhalb der Unternehmen.“ Nach Samaritern klingt das nicht. Und auch Buffett und Liao wollen mit ihrem Investment Kohle machen. Dass sie das auf dem deutschen Motorradmarkt versuchen, ist ein gutes Zeichen – und zwar für die ganze Branche.

Foto: jkuenstle.de

Fragen an Detlev Louis-Geschäftsführer Joachim Grube-Nagel

Welche Veränderungen erwarten Sie aufgrund der neuen Besitzverhältnisse beziehungsweise vom neuen Investor?
Warren Buffett erwirbt wohlüberlegt ausschließlich Unternehmen, die schon lange Zeit profitabel arbeiten, finanziell gesund sind und über ein bewährtes Management verfügen. Unternehmen also, in denen keine Veränderung notwendig ist.
Rechnen Sie mit unterschiedlichen Strategien und Zielen für das künftige Inlands- und Auslandsgeschäft von Detlev Louis?
Nein. Der bewährte Weg soll fortgesetzt werden.
Ihr Wettbewerber Hein Gericke hat erklärt, über den deutschsprachigen Raum hinaus zu expandieren. Gibt es bei Ihnen entsprechende Pläne?
Im letzten Jahr ging unser französischer Online-Shop louis-moto.fr an den Start, kurzfristig folgen Filialen in der Schweiz.

Welchen Trend erwarten Sie bei der Personalentwicklung im Unternehmen? Schließen Sie mittelfristig Stellenabbau aus?
Wir erwarten weder einen Trend noch einen Stellenabbau. Unser Unternehmen wächst, und wir werden weiterhin die Mitarbeiter einstellen, die wir benötigen. Zurzeit haben wir über 100 Stellen zu besetzen.
Im Gegensatz zu Warren Buffett bei Ihrem Unternehmen kommt der Hein Gericke-Investor Liao aus der Motorradbranche. Ist das für Sie nicht ein Kompetenz-Nachteil?
Unser Unternehmen hat sich über mehr als ein Dreivierteljahrhundert Motorrad-Kompetenz erarbeitet. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den der neue Eigentümer zu schätzen weiß und sich letztendlich auch deshalb sehr bewusst für unser Unternehmen entschieden hat.
Man findet häufig in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ihnen Filialen Ihrer Mitbewerber. Welche Gründe sprechen dafür, in Ihren Shop zu gehen? Andersherum gefragt: Was sehen Sie als Alleinstellungsmerkmal von Detlev Louis an?
Überdurchschnittlich viel und hervorragend geschultes, kundenorientiertes Personal ist unser größter Trumpf. Hinzu kommen unsere große Sortimentsbreite und -tiefe sowie eine hohe Warenverfügbarkeit – die Regale in unseren Läden sind voll. Und letztendlich spielen sehr faire Preise auch eine Rolle.

Foto: Polo

Fragen an Polo-Geschäftsführer Michael Kern

Welche Veränderungen erwarten Sie aufgrund der neuen Besitzverhältnisse beziehungsweise von den neuen Investoren?
Veränderungen werden sich voraussichtlich aus dem zu erwartenden beschleunigten Wachstumstempo ergeben und weniger im operativen Kontext. Equistone Partners Europe wird den vom POLO-Management eingeschlagenen Erfolgskurs unterstützen und diesen mit dem derzeitigen Management-Team fortsetzen.
Rechnen Sie mit unterschiedlichen Stra­tegien und Zielen für das Inlands- und Auslands­geschäft?
Unsere bisherige, profitable Wachstumsstrategie werden wir unverändert umsetzen und weiter forcieren. Diese orientiert sich an den jeweiligen Marktanforderungen, die international unterschiedlich sein können. Unabhängig vom Land, unsere erste Priorität hat immer die Ausrichtung unserer Leistungen an den Kundenbedürfnissen und den Geschäftspartnern am Zielmarkt.
Ihr Wettbewerber Hein Gericke hat erklärt, über den deutschsprachigen Raum hinaus zu expandieren. Gibt es bei Ihnen entsprechende Pläne?
Wir befinden uns längst in der entsprechenden Expansionsphase. Dabei geht es uns jedoch nicht um schnelles, sondern um nachhaltiges Wachstum.

Welchen Trend erwarten Sie bei der Per­sonalentwicklung im Unternehmen? Schließen Sie mittelfristig Stellenabbau aus?
In einer beratungsintensiven Branche bilden unsere Mitarbeiter das Fundament zum langfristigen Unternehmenserfolg. Expansion erfordert Investition, und das gilt insbesondere für die konsequente POLO-Mitarbeiterentwicklung und -förderung. Unsere Mitarbeiter werden regelmäßig geschult: Verkaufs- und Führungsqualifizierungen, Produkt- und Warenkenntnisse, Anwendung von EDV-Systemen, Abläufe und Prozesse – um nur einige wichtige Stichwörter zu nennen.
Im Gegensatz zu Ihrem Unternehmen kommt der Hein Gericke-Investor Liao aus der Motorradbranche. Ist das für Sie nicht ein Kom­petenz-Nachteil?
Die DNA eines Unternehmens sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weniger der Investor. „Polo … weil ich Motorrad fahre“ – das steht für Kompetenz in einer der leidenschaftlichsten Branchen Deutschlands. Fast 90 Prozent aller POLO-Kollegen fahren aktiv Motorrad und sind seit Jahren im Unternehmen. Mehr Branchenkompetenz ist schwer zu erreichen. Die Leistungsfähigkeit von Equistone Partners Europe wird auf der Expansionserfahrung im Filialgeschäft liegen.
Man findet häufig in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ihnen Filialen Ihrer Mitbewerber. Welche Gründe sprechen dafür, zu Polo zu gehen?
Es geht uns weniger darum, uns auf Krampf von der Konkurrenz abzuheben, als darum, uns konsequent auf die Bedürfnisse unserer Kunden hin auszurichten. Als Biker kaufe ich dort ein, wo ich mich am besten aufgehoben fühle. Entscheidend ist Sortimentsvielfalt und Warenverfüg­bar­keit, ein optimales Preis-Leistungs-Ver­hältnis und eine hohe Fachkompetenz unserer Mitarbeiter.

Foto: Hertler

Fragen an Hein Gericke-Geschäftsführer Paul Liao

Vor einem Jahr hat Paul Liao, Mitinhaber des chinesischen Helmherstellers LS2, im MOTORRAD-Interview seine Strategie zur Gericke-Restrukturierung skizziert (9/2014). Wo steht das 2013 insolvente Unternehmen jetzt?

Sie haben viel frischen Wind und Geld in die Restrukturierung von Hein Gericke gesteckt. Trägt das schon Früchte?
Ja, selbstverständlich: Sowohl unsere internen Prozesse als auch die Sortimentsauswahl wurden optimiert. In sehr vielen Stores haben wir renoviert und Modernisierungen durchgeführt. In Pfaffenhofen und Grave in den Niederlanden haben wir neue Hein Gericke Stores eröffnet. Mannheim und Minden wurden sehr umfangreich renoviert. In Minden ist zudem die Verkaufsfläche deutlich gewachsen.
Vor einem Jahr gaben Sie die Parole aus, wieder Nummer eins in Deutschland werden zu wollen. Wo stehen Sie jetzt?
Derzeit befinden wir uns auf Platz drei. Wir arbeiten weiter an unserer Zielsetzung, konzentrieren uns dabei aber keineswegs nur auf Deutschland. Wir haben viel mehr Europa im Blick und denken prinzipiell langfristig auch immer global.
Ist die von Ihnen beabsichtigte Sortimentsbereinigung bereits vollzogen?
Nein, dieser Vorgang benötigt naturgemäß viel Zeit und ist noch nicht komplett abgeschlossen. Selbstverständlich arbeiten wir stetig daran, unseren Kunden eine optimale Produktauswahl zu bieten.

Wie sieht der neue Produktmix jetzt aus?
Neben unseren bekannten und bewährten Eigenmarken, die wir stetig weiterentwickeln, haben wir einige zusätzliche bekannte Marken in unser Programm aufgenommen. Exemplarisch möchte ich zum Beispiel Arai, Richa oder Macna nennen. Auch hinsichtlich unserer Techniklieferanten haben wir uns breiter aufgestellt.
Wie ist die von Ihnen vor einem Jahr an­gekündigte Expansion über den deutschsprachigen Raum hinaus bisher vorangekommen?
Am 1. März wurde unser neuer Store in Grave in den Niederlanden eröffnet. Am 1. April feiern wir Neueröffnung in Glasgow, zudem sind weitere Stores in Großbritannien für 2015 geplant.
Verfolgen Sie unterschiedliche Strategien und Ziele für das Inlands- und Auslandsgeschäft?
Nein, grundlegende Unterschiede gibt es dabei nicht. Natürlich stimmen wir das Sortiment jeweils auf die lokalen Besonderheiten ab. Zudem arbeiten wir in der Warenversorgung gerne mit lokalen Partnern, um effektiv und effizient zu agieren.
Man findet häufig in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ihnen Filialen Ihrer Mitbewerber. Welche Gründe sprechen dafür, zu Hein Gericke zu gehen?
In erster Linie unser Sortiment, ge­paart mit dem außergewöhnlichen Kundenservice. Nahezu alle Hein Gericke-Mit­arbeiter sind selbst Motorradfahrer und kennen sich somit mit der Materie bestens aus. Das bemerken unsere Kunden sehr schnell – und sie schätzen es, dass sie gut beraten werden. Zudem möchte ich hier auch unser Serviceangebot erwähnen. Was wir nicht im Store gelagert haben, können wir bestellen. Und zwar von fast allen namhaften Markenherstellern auf dem Markt. Dies gilt übrigens nicht nur für bei uns geführte Marken, sondern auch für Produkte und Marken unserer Großhandelspartner wie Paaschburg & Wunderlich, Cypac und viele andere mehr. Ebenso können alle namhaften Auspuffmarken problemlos bei Hein Gericke geordert werden.

Foto: MOTORRAD, Hersteller

Über Louis, Polo und Hein Gericke

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