Messe-Schnäppchen (Archivversion) 30 Prozent auf Rom

Dem Schild zufolge, das über der Textiljacke Rom hängt, ist das ein »total verrückter Schnäppchen-Preis«. Und neben gucken, träumen, informieren geht es auf einer Messe wie Dortmund doch vor allem um Hochprozentiges. Um hochprozentige Rabatte nämlich.

Er strahlt. Denn soeben hat der große Mann es bewerkstelligt, seinen Körper in einer viel zu kleinen Umkleide in einen roten Einteiler zu verstauen. Und das, obwohl auch der viel zu klein ist. »Und?« fragt er, hinter dem Vorhang hervortretend, dann leicht gekrümmt dastehend. »Schon eng«, befindet seine Begleiterin. Daraufhin er: »Ja, aber 289 statt 599.« Die Freundin sagt »hm«, und der große Mann rudert noch ein paar Mal mit den Armen, geht in die Knie, betrachtet sich im Spiegel. Nach einer Weile verschwindet er wieder in der Umkleide. Und kauft anschließend das Leder, das ihn eben noch bespannte.
Ein Stück den Gang runter stapeln sich, »jedes Teil 19 Euro«, Handschuhe und Nierengurte in großen, grauen Plastikboxen. »Was ich noch unbedingt bräuchte«, sagt einer, dessen Kumpel gerade die Teile für 19 Euro umgräbt, »wäre ein Helm.« Die zwei sind speziell eines Helms wegen von Köln gekommen, aber, erklären sie, »wenn wir sonst noch was finden, kön-
nen wir das eigentlich gar nicht liegen lassen bei den Preisen hier.« Er hat den Satz kaum zu Ende gesprochen, als er auf einem gelben Pappzettel den unheimlich einfallsreichen Appell entdeckt: »Rettet die Sparschweine, kauft den Sparhelm«. Das ist ein Integraler von HJC. Interessant für alle, die zwar über wenig Zaster, doch dafür über einen Kopf vom Ausmaß einer Wassermelone verfügen. Denn für 25 Euro ist der »Sparhelm« allein in Größe XXXL noch zu haben.
In einem Umfeld solcher Preise liest es sich beinahe wie ein Witz, wenn am Handballfeld-großen Stand von Polo ein Aushang informiert, es gebe bei Bestellung auf der Messe einen Rabatt von »zehn Prozent auf alle Technikartikel«. Dass die Registrierkasse dennoch pausenlos krächzt, liege hauptsächlich daran, dass »das Kleinzeug geht«, wie einer der Verkäufer sagt. »Da hast du am Abend zwar eine Menge Bons in der Kasse, aber kein Geld.«
Fast klingt das, als gehörten Händler und Kunden in Wahrheit zu ein und derselben Leidensgemeinschaft. Denn der Verkäufer erklärt außerdem, dass die Leute oft nur noch zum Gucken kämen, weil sie ja kein Geld mehr hätten. Und wer noch Geld habe, konzentriere sich vor allem darauf, es zusammenzuhalten, auch oder gerade, wenn es ums Hobby gehe.
Die Schnäppchenmentalität habe es auf Messen immer schon gegeben, sagt Georg, ein anderer Aussteller, doch die Leute würden immer verbissener. Das Verhalten auf der Messe sei ein Beispiel dafür, wie es draußen aussehe. »Verbissen«, wiederholt er, »verbissen.« Halt an seinem drei Meter hohen Helmregal suchend, räsoniert er weiter: »Die den Drive machen, die einfach Spaß daran haben zu fahren, werden immer weniger. Die meisten gucken nur noch darauf, was alles kostet. Die sehen gar nicht mehr, was für einen Spaß sie für ihr Geld bekommen.«
Wenn tatsächlich die meisten zuallererst auf den Preis achten, könnte das allerdings auch daran liegen, dass sie auf einer Messe wie in Dortmund regelrecht darauf konditioniert werden. Kaum ein Stand, wo nicht Zettel, Aufkleber, Schilder an Jacken, Kombis, Hosen oder Helmen pappen und in Signalfarben von »Preissturz, Schnäppchen, Messehit, Messepreis, Messerabatt, Spezialpreis« künden. Fritten, Würste und Bier am Imbiss sind mithin das Einzige, was nicht in irgendeiner Weise als Sonderangebot tituliert über den Tresen geht.
Ein Mann in cognacfarbenem Wildlederblouson hat sich im Durchgang zwischen den Hallen niedergelassen, Käsebrot, Banane und Apfelschorle auf einem Helmkarton arrangiert. Neben ihm lehnt eine Tüte an der Wand. Sein Essen,
nuschelt er, das Käsebrot anbeißend, habe er mitgebracht, »weil sonst wirst du hier ja arm«. Aber Helm und Klamotte habe er doch günstig bekommen? Da passe er nur drauf auf, die seien vom Kumpel, denn »das ist hier ja der Kram aus dem letzten oder vorletzten Jahr. Das krisse hier fürn Appel unnen Ei nachgeschmissen, so isses doch, un das brauch ich nich können«. Sagt er. Und hat Recht damit. Teilweise.
Der Verantwortliche am Stand eines Bekleidungsherstellers, er möchte ebenfalls nicht, dass sein oder der Herstellername fällt, räumt nämlich ein: »Natürlich haben wir viel Altware, die raus muss, und so eine Messe ist dafür der ideale Kanal. Die Leute kaufen hier nix, was nicht runtergesetzt ist, die wollen einen durchgestrichenen Preis sehen.« Außerdem gäbe es viele Händler, die eigens für das Messegeschäft spezielle Ware in großen Chargen einkauften. Die könne man dann zu günstigen Konditionen anbieten. »Günstiger
als auf der Messe«, ergänzt dazu ein an-derer Verkäufer, Schnauzer, Goldrandbrille, dickes goldenes Rolex-Imitat am Arm, »kannst du nicht kaufen. Das liegt an
der Konkurrenz. Wenn einer runtersetzt,
müssen die anderen mitziehen.« Den Umsatz könne man nur noch über die schiere Masse machen.
Was allerdings auch nicht mehr so richtig funktioniert. »Dieses Jahr ist schlecht«, hatte Georg, der mit der Verbissenheit, noch gesagt. »Vor drei Jahren hätte ich dir noch das ganze Regal an einem Tag leer verkauft. Heute bin ich«,
er zählt im Geiste nach, »gerade mal
18 Helme losgeworden.«
Daran, dass insgesamt weniger Leute die Messe besucht hätten, liegt das nicht. An den fünf Tagen vom 2. bis zum 6. März kamen lediglich ein paar Tausend weniger als in den Vorjahren, 118000.
Rabatte allein reißen es offenbar nicht mehr raus. Und an Discountpreise sind
die Kunden ohnehin gewöhnt, weil die großen Ketten diese das ganze Jahr über bieten. Man müsse sich halt mehr einfallen lassen, glaubt der mit der Rolex-Replik erkannt zu haben. »Magst du vielleicht ein Glas Sekt?« fragt er eine junge Blonde, als die gerade in der Umkleide verschwinden will, um sich einer Lederhose wieder zu entwinden. »Ohne Knienaht, alle Farben, 99 statt 129 Euro. Messepreis.“

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