Öllangzeittest (Archivversion) Ölkontrolle

Ob und wie sich unterschiedliche Ölqualitäten auf Leistung, Verschleiß und Ölverbrauch auswirken, untersuchte MOTORRAD in einem aufwendigen Langzeittest mit fünf fabrikneuen Motorrädern.

Gäbe es eine Hitliste der am häufigsten gestellten Leser-Fragen, würde die nach dem Unterschied von synthetischem und Mineralöl ganz weit oben rangieren. In erster Linie interessiert, ob der Verschleiß bei einem billigen Mineralöl aus dem Kaufhaus höher ist als bei einem vollsynthetischen Markenöl. Sportfahrer bewegt darüber hinaus die Möglichkeit der Leistungssteigerung, und ökonomisch veranlagte Motorradfahrer möchten gern wissen, ob der Ölverbrauch je nach Sorte schwankt. Die Antworten sind leider weit komplizierter und aufwendiger, als man oder frau sich das gemeinhin so vorstellt. Um zuverlässige Aussagen zu erhalten, gibt es nur eine Möglichkeit – den Praxistest mit identischen Motorrädern im Neuzustand im direkten Fahrvergleich. Das heißt, die Maschinen mit den unterschiedlichen Ölen müssen auf derselben Strecke im Konvoi über tausende von Kilometern synchron mit turnusmäßigem Fahrerwechsel bewegt werden. Zu diesem Zweck kam der alljährliche große Reifentest gelegen. MOTORRAD kaufte fünf nagelneue Suzuki GSF 1200 S Bandit, Modell 2002, befüllte sie nach der vorgeschriebenen Einfahrzeit mit unterschiedlichen Motorölen und begab sich auf große Tour. Entscheidend beim Schmierstoff sind die vom Hersteller vorgeschriebenen Spezifikationen, die sich im Handbuch nachschlagen lassen. MOTORRAD wählte fünf Kandidaten, die sämtliche Qualitäts- und Preisklassen (von 1,32 bis 10,68 Euro pro Liter) abdecken: das vollsynthetische RS4T von Castrol, das teilsynthetische Liqui Moly Racing sowie drei mineralische, einmal Typ 3000 von Motul, eines von Hein Gericke und ein sehr preisgünstiges aus dem Baumarkt, das High Tech Star. Alle Öle erfüllen mit der API-Spezifikation SG oder SF die Anforderungen von Suzuki für die GSF 1200.Die Teststrecke führte von Stuttgart über die Alpen nach Italien. Über Autobahnen und Landstraßen fuhr der Konvoi bis nach Reggio di Calabria. Mehrmals täglich kontrollierten die Fahrer penibelst den Ölstand und füllten gegebenenfalls aus den mitgeführten Kanistern nach. Nach 6150 Kilometern landeten die fünf Bandit wieder wohlbehalten in der Redaktions-Tiefgarage. Die abgelassenen Öle wanderten zusammen mit Proben frischen Öls in das Labor für Umwelt- und Produktanalytik der Dekra. Zuvor war, wie bereits zu Testbeginn, die Leistung auf dem Prüfstand ermittelt worden. Von keinerlei PS-Zunahme (High Tech Star) bis zu drei zusätzlichen PS (Motul) reichte das Prüfstandsergebnis. Hierfür sind zum Teil unterschiedliche Messbedingungen (Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit) am Anfang und Ende des Tests sowie der Einlaufprozess sämtlicher bewegter Teile im Motor verantwortlich. Dass ausgerechnet das Motorrad mit dem billigsten Öl (High Tech Star) auf gleichem Niveau verharrt, lässt Raum für Spekulationen. Rückschlüsse auf die Ölqualität zu ziehen wäre jedoch reine Mutmaßung. Auf den ersten Blick überrascht der über die Gesamtdistanz gemessene Ölverbrauch. Hier liegt das billige High Tech Star mit 2,05 Litern (entspricht 0,33 Liter auf 1000 Kilometer) ebenfalls an letzter Stelle. Das mit vollsynthetischem Castrol befüllte Testfahrzeug benötigte nur 1,15 Liter (0,19 Liter/1000 km). Diese Auffälligkeit lässt sich jedoch mit der unterschiedlichen Qualität der Schmiermittel erklären, da höherwertige oder synthetische Öle eine geringere Neigung zum Verdampfen aufweisen.Und was sagen die Laboruntersuchungen? Hier sieht die Sache ganz anders aus, in fast allen verschleiß- und alterungsrelevanten Kriterien weichen die Messergebnisse nur geringfügig von einander ab. Keinen der untersuchten Werte sehen die Dekra-Experten im kritischen Bereich. Die Dauerbelastung innerhalb des vorgeschriebenen Ölwechselintervalls (6000 Kilometer) haben alle Probanden ohne Probleme überstanden.Und dennoch erkennen Ölspezialisten feine Unterschiede. Beispielsweise lässt die Zunahme der Calcium-Werte Interpretationen zu. Sie kann auf längere Sicht zu Ablagerungen im Motor und somit zu erhöhtem Verschleiß führen. Alles in allem verlor das teure, vollsynthetische Castrol am wenigsten von seinen Eigenschaften, wobei es seine sicherlich vorhandenen Leistungsreserven im Test nicht einmal ausspielen musste. Hätte der Vergleich auf einer Rennstrecke stattgefunden, wären die Unterschiede zwischen den einzelnen Ölen vermutlich prägnanter ausgefallen. Für den normalen Landstraßenbetrieb lässt der Test jedoch den wichtigen Schluss zu: Bei gängigen Wechselintervallen reichen handelsübliche mineralische Öle nach vorgeschriebener API-Spezifikation völlig aus. Selbst der höhere Verbrauch des billigsten Schmiermittels rechtfertigt das teure Öl nicht, kann der Fahrer von den ersparten 43 Euro pro Ölwechsel nicht nur den Mehrverbrauch ausgleichen, sondern auch noch Sprit für eine Extratour tanken.

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