Produkttest Verkleidungsscheiben

Für Honda CBF 1000 und Suzuki GSX-R 1000 (K7/K8)

Egal, ob Sportler oder Tourenbike, ein guter Windschutz spart Kraft, senkt das Geräuschniveau und erhöht die Konzentration beim Fahren. MOTORRAD hat Alternativen für die wenig überzeugenden Serien-Scheiben von Honda CBF 1000 und Suzuki GSX-R 1000 ausprobiert.

Foto: Hertneck
Im Windkanal wurden die Kandidaten ordentlich angeblasen. Schuberth-Mitarbeiter Sebastian Reitebuch kontrollierte vor jedem Testlauf die Position der Messpuppe.
Im Windkanal wurden die Kandidaten ordentlich angeblasen. Schuberth-Mitarbeiter Sebastian Reitebuch kontrollierte vor jedem Testlauf die Position der Messpuppe.
Mit der 2006 vorgestellten CBF 1000 ist Honda ein großer Wurf gelungen. Der zuverlässige Allrounder ist Einkaufsvehikel, Reisemobil, Zweipersonen-Transporter und Funbike in einem. Eklatante Schwächen sind der Japanerin fremd. Einzig die Verkleidungsscheibe empfindet vor allem die Fernreisefraktion als Schwachpunkt. Lästige Verwirbelungen, hohes Geräuschniveau und trotz Höhenverstellung nicht wirklich guter Windschutz lautet die Kritik. Anlass genug für MOTORRAD, sieben Nachrüstscheiben gegen das Serienmodell antreten zu lassen.

Zu den Teilnehmern zählen Ermax, Five Stars, Givi, MRA (mit zwei Modellen), Powerbronze und die in Deutschland bisher wenig bekannte Marke Bullster. Deren Scheibe ist brandneu und besaß bis Redaktionsschluss noch keine ABE. Im Focus des Tests steht der Windschutz. Wie gut sich die Kandidaten dabei präsentieren, untersuchte MOTORRAD bei Fahrversuchen auf der Autobahn bei Fahrgeschwindigkeiten von 150 und 200 km/h sowie im Windkanal des Magdeburger Helmherstellers Schuberth. Zu den weiteren Prüfpunkten zählten Montagefreundlichkeit, Passgenauigkeit und Verarbeitung. Der Anbau der Scheiben ist selbst für Laien ein Kinderspiel.

Als Werkzeug genügt ein passender Kreuzschlitzschraubendreher, um die vier Halteschrauben zu lösen beziehungsweise festzuziehen. Die für die rechte und linke Scheibenseite unterschiedlich geformten (und entsprechend gekennzeichneten) Abdeckgummis lassen sich ohne Werkzeug demontieren, allerdings nicht bei allen Kandidaten problemlos wieder anbauen. Beispielsweise liegt die Five-Stars-Scheibe an der Cockpitverkleidung an, so dass einige Gumminippel nicht in die vorgesehenen Bohrungen flutschen: Die Abdeckgummis stehen an diesen Stellen etwas ab. Zurück zum Kriterium Windschutz: In diesem Punkt sind alle Nachrüstscheiben besser als das Original, zum Teil sogar erheblich. Was die Verwirbelungen und das Geräuschniveau beim Fahren anbelangt, kann dagegen nur die MRA Touren mit ihrem flachen Scheibenwinkel einigermaßen überzeugen. Durch extreme Geräuschentwicklung fallen die Modelle von Bullster und Givi auf, die dafür im Gegenzug mit exzellentem Windschutz aufwarten. Hinter diesen beiden sehr hohen Scheiben wird es bereits ab 50 km/h unangenehm laut – Ohrenstöpsel sind (nicht nur bei ihnen) sehr zu empfehlen.

Fazit: Es gibt sie, die empfehlenswerten Alternativen für die CBF-Serienscheibe. Unter Berücksichtigung der vorliegenden Prüfpunkte hat ganz klar das Modell von Givi die Nase vorn – vor allem, weil es am besten den Wind fängt und den Fahrer nahezu perfekt schützt. Nicht bewertet hat MOTORRAD das Design – das bleibt den CBF-Fahrern vorbehalten.
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Foto: Sdun
Windfänger: MOTORRAD testete sieben Nachrüstscheiben für die Suzuki GSX-R 1000.
Windfänger: MOTORRAD testete sieben Nachrüstscheiben für die Suzuki GSX-R 1000.

Verkleidungsscheiben für Suzuki GSX-R 1000 (K7/K8)

Ein echtes Supersportmotorrad benötigt keinen perfekten Windschutz. Oder vielleicht doch? Zumindest all jene, die ihren Untersatz nicht nur auf der Rennstrecke kreiseln lassen, sondern auch längere Strecken fahren, freuen sich über eine Entlastung vom Fahrtwind. Und die kann die Serienscheibe der Suzuki GSX-R 1000 (K7/K8) definitiv nicht bieten. MOTORRAD hat sieben Zubehörmodelle einem Vergleich unterzogen, sie zigmal montiert und wieder demontiert, Passgenauigkeit, Montagefreundlichkeit und Verarbeitungsqualität überprüft und sie darüber hinaus ausgiebig im Windkanal der Firma Schuberth bei Windgeschwindigkeiten von 160 km/h getestet. Hinzu kamen Testfahrten auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten von 150 km/h (sitzend) und 250 km/h (lang liegend), um die Windkanaltests mit Ergebnissen aus der Praxis zu untermauern. Und siehe da: Mit einigen von ihnen lassen sich selbst längere, schnelle Etappen einigermaßen entspannt überstehen, ohne sich klein auf dem Tank zusammenfalten zu müssen.

Honda Original

Foto: Honda
Anbieter: Honda Motor Europe (North), Telefon 069/83090, www.honda.de
Preis: 147,67 Euro (klar)
Länge/Höhe/Breite: 40,5/25,5/33 cm
Gewicht: 592 g

Plus
Hervorragend verarbeitet; sehr einfache Montage; perfekte Passform

Minus
Schlechtester Windschutz im Vergleich, sowohl im Windkanal als auch bei den Testfahrten; auffällige Verwirbelungen, mäßiges Geräuschniveau

Fazit
Die kompakte Serienscheibe der CBF 1000 bietet nicht nur den schlechtesten Windschutz im Vergleich, sie kostet auch am meisten. Also kein Grund, eine zerstörte Scheibe gegen ein Originalteil zu tauschen. Immerhin glänzt die Honda-Scheibe mit perfekter Passform und Verarbeitung.

Urteil: befriedigend

Bullster High Protection

Foto: Honda
Anbieter: Trophy bv, Telefon 0031/(0)164-616666, www.trophymotorsport.nl
Preis: 105 Euro (dunkel getönt, klar, leicht getönt)
Länge/Höhe/Breite*: 59,3/40/35 cm
Gewicht: 970 g

Plus
Sehr einfache Montage, gute Passform; hervorragender Windschutz in Praxis und Windkanal.

Minus
Kein Kantenschutz; Bohrungen für Abdeckgummis nicht angefast und minimal zu klein; einzige Scheibe im Vergleich ohne stufenlose Höhenverstellung; noch keine ABE (laut Hersteller in Vorbereitung); spürbare Verwirbelungen, extrem hohes Geräuschniveau bereits ab 50 km/h

Fazit
Hinter der rießigen Bullster-Scheibe lassen such auch lange Autobahnetappen mit hoher GEschwindigkeit kräfteschonend zurücklegen - ihr Windschutz ist ausgezeichnet. Wer über Land oder in der Stadt unterwegs ist, hat aufgrund der zwischen 50 und 100km/h extremen Geräuschentwicklung weniger Freude.
Urteil: gut

Ermax Windabweiser

Foto: Honda
Anbieter: Fechter Drive Motorsport, Telefon 07023/95230, www.fechter.de
Preis: 89 Euro (leicht getönt)
Länge/Höhe/Breite*: 54/36,7/36 cm
Gewicht: 801 g

Plus
Kantenschutz vormontiert; einfache Montage; sehr guter Windschutz in Praxis und Windkanal

Minus
Enden des vormontierten Kantenschutzes unterschiedlich hoch, Kantenschutz löst sich; Bohrungen minimal schief: Stege der Abdeckgummis liegen an Schrauben an; spürbare Verwirbelungen, hohes Geräuschniveau

Fazit
Abgesehen von einigen konstruktiven Detailmängeln überzeugt die Ermax vor allem durch ihre im Vergleich zur Serie sehr guten aerodynamischen Eigenschaften. Zwar bietet sie nicht den Windschutz des Testsiegers von Givi, dafür ist es hinter ihr nicht ganz so laut.

Urteil: gut

Five Stars Powerblade Spoiler

Foto: Honda
Anbieter: JF Motorsport, Telefon 06002/910391, www.jfmotorsport.de
Preis: 29,99 Euro (getönt); 39,99 Euro (Iridium, Silber)
Länge/Höhe/Breite*: 41/28,7/33,5 cm
Gewicht: 517 g

Plus
Bis auf den Kantenschutz einfache Montage

Minus
Einfach und zum Teil unsauber verarbeitet; Kantenschutz muss selbst montiert werden; nicht alle Nipple der Abdeckgummis können montiert werden, da Scheibe an Verkleidung anliegt; nur mäßiger Windschutz in Praxis und Windkanal; auffällige Verwirbelungen, mäßiges Geräuschniveau.

Fazit
Wer einen preisgünstigen Windschutz sucht, kommt an der Five-Stars-Scheibe nicht vorbei. Ihr Preis ist konkurrenzlos niedrig. Der Fahrtwind wird allerdings nur unwesentlich besser umgeleitet als beim Serien-Teil, außerdem stören einige konstruktive Mängel.
Urteil: befriedigend

Givi D303ST

Foto: Honda
Anbieter: Givi Deutschland,
Telefon 0911/955100, www.givi.de
Preis: 93,70 Euro (klar)
Länge/Höhe/Breite*: 54,1/38,6/38,5 cm
Gewicht: 890 g

Plus
Sehr gut verarbeitet; Kantenschutz perfekt vormontiert; sehr einfache Montage; sehr gute Passform; hervorragender Windschutz in Praxis und Windkanal

Minus
Spürbare Verwirbelungen, sehr
hohes Geräuschniveau ab 50 km/h

Fazit
Die ideale Scheibe für kräfteschonenden Langstreckeneinsatz. Hinter der riesigen D303ST lässt es sich selbst bei 200 km/h noch entspannt touren. Einziges Manko des Testsiegers: sehr starke Geräuschentwicklungen zwischen 50 und 100 km/h.
Urteil: sehr gut

MRA Tourenscheibe

Foto: Honda
Anbieter: MRA, Telefon 07663/93890, www.mra.de
Preis: 79,90 Euro (dunkel getönt,
klar, leicht getönt)
Länge/Höhe/Breite*: 45,8/28,4/34,5 cm
Gewicht: 601 g

Plus
Sehr saubere Bohrungen; bis auf Kantenschutz sehr einfache Montage; gute Passform; vergleichsweise niedriges Geräuschniveau und wenig Verwirbelungen

Minus
Schlitze für stufenlose Höhenverstellung nicht symmetrisch;
Kantenschutz muss selbst montiert werden; nur mäßiger Windschutz in Praxis und Windkanal

Fazit
Wer’s gern ruhig mag, wird mit der MRA-Tourenscheibe glücklich. Durch ihren flachen Scheibenwinkel glänzt sie mit den geringsten Verwirbelungen und Geräuschentwicklungen im Vergleich. Ihr Windschutz dagegen ist nur minimal besser als bei der Serie.
Urteil: befriedigend

MRA Vario touringscreen

Foto: Honda
Anbieter: MRA, Telefon 07663/93890, www.mra.de
Preis: 119,90 Euro
(klar, leicht getönt)
Länge/Höhe/Breite*:
43,5/32,7/34 cm
Gewicht: 746 g

Plus
Sehr saubere Bohrungen; sehr einfache Montage; gute Passform; guter
Windschutz in Praxis und Windkanal

Minus
Schlitze für stufenlose Höhenverstellung nicht symmetrisch; kein Kantenschutz; auffällige Verwirbelungen,mäßiges Geräuschniveau

Fazit
Je nach Einsatzbereich und persönlichem Bedarf kann der
Zusatzspoiler steiler oder flacher gestellt werden. Dadurch
ändern sich Windschutz und Geräuschniveau. In beiden Kriterien ist die teuerste Nachrüstscheibe im Vergleich zwar nicht ganz vorn dabei, doch bietet sie einen guten Kompromiss.
Urteil: gut

Powerbronze Tourenscheibe

Foto: Honda
Anbieter: Team Métisse,
Telefon 05373/9240780,
www.metisse.de
Preis: 101,55 Euro (blau getönt,
leicht getönt)
Länge/Höhe/Breite*:
48,5/33/33,5 cm
Gewicht: 618 g

Plus
Bis auf Kantenschutz sehr einfache Montage; sehr guter Windschutz in
Praxis und Windkanal

Minus
Einfach und zum Teil unsauber verarbeitet; Kantenschutz muss
selbst montiert und KBA-Aufkleber selbst angebracht werden;
Ausfräsungen für obere Halteschrauben etwas zu eng geraten;
spürbare Verwirbelungen, hohes Geräuschniveau

Fazit
Bis auf einige kleine Verarbeitungsmängel und das für große Scheiben typisch hohe Geräuschniveau überzeugt die zu den teureren Nachrüstmodellen gehörende Powerbronze vor allem durch den sehr guten Windschutz.
Urteil: gut

Messergebnisse Honda CBF 1000

Bei aufrechter Sitzhaltung landet die Serienscheibe gleich in vier von fünf Kriterien mit den höchsten gemessenen Kräften auf dem letzten Platz. Weit weniger eklatant sind die Werte bei vorgebeugter Sitzhaltung. Hier schneidet die für eine Nachrüstscheibe erstaunlich klein ausfallende Five Stars insgesamt schlechter ab als das Original. Die für beide Fahrhaltungen geringsten Kräfte im Kopf-/Halsbereich zeichnet die Messpuppe bei den ausladenden Modellen von Bullster und insbesondere von Givi auf. Mit den geringsten Rüttelkräften überzeugt die MRA Touren.

Endwertung Verkleidungsscheiben Honda CBF 1000 - Fazit

Der klare Testsieger kommt von Givi aus Italien. Exzellenter Windschutz, saubere Verarbeitung, einfache Montage – hier passt fast alles. Lediglich das hohe Geräuschniveau beschert einen kräftigen Punktabzug. Wer’s gern ruhig mag, findet in der MRA Touren einen geeigneten Begleiter – aber nur geringfügig besseren Windschutz als beim Honda-Original. Im Test-Mittelfeld tummeln sich weitere durchaus interessante Alternativen, die den serienmäßigen Windschutz locker überbieten und auch preislich überzeugen. Günstiger als die Five-Stars-Scheibe geht’s nicht – dafür hapert es bei anderen Kriterien.

Einflussgrößen auf die Aerodynamik - Gründe für Verwirbelungen und Geräuschentwicklung

Fahrgeschwindigkeit
Generell gilt, dass es mit zunehmen-der Fahrgeschwindigkeit ungemütlicher und lauter wird beim Motorradfahren. So geht es beispielsweise bei Schrittgeschwindigkeit lang nicht so turbulent zu wie mit 120 km/h auf der Autobahn. Und doch kann es passieren, dass das Geräuschniveau bei steigender Fahrgeschwindigkeit vorüber-gehend wieder abnimmt, weil aufgebaute Resonanzschwingungen plötzlich wieder verschwinden.


Motorradtyp/-modell
Bei unverkleideten Motorrädern kommt es weit seltener zu lästigen Verwirbelungen, da der Fahrtwind nicht von sperrigen Verkleidungsteilen umgelenkt wird. Der Windschutz für den Fahrer geht allerdings gegen null, und das Geräuschniveau liegt meist über dem verkleideter Maschinen.

Scheibengröße
In der Regel gilt: Je größer die Scheibe, desto besser die Schutzwirkung. S

Scheibenneigung und -position
e steiler und weiter vom Fahrer entfernt die Scheibe montiert ist, desto stärker sind die Verwirbelungen. Beste Beispiele dafür sind Reise-Enduros à la BMW R 1200 GS, Honda Varadero oder Yamaha XT 660 Z Ténéré (Foto).

Fahrhaltung
Aufrecht sitzend, leicht vorgebeugt oder gar lang liegend – je nach Haltung verändern sich die aerodynamischen Verhältnisse und somit auch deren Auswirkungen auf den Fahrer.

Kopfhaltung
Der Einfluss dieser Größe lässt sich ganz einfach in einem Selbstversuch ermitteln. Je nach Kopfhaltung kann sich das Geräuschniveau von nervig laut bis angenehm leise verändern.

Helm
Dass es in einem luftigen Cross- oder Jethelm deutlich lauter zugeht als in einem geschlossenen Klapp- oder Integralhelm, ist unbestritten. Außer Frage steht auch, dass pfiffige Detaillösungen Helme leiser machen. Dazu gehören beispiels-weise: Windabweiser am Kinn, ein zum Hals eng abschließender unterer Helmrand, in die Außenschale eingelassene Visiere, keine hervorstehenden Kanten oder sperrige Belüftungstasten an der Außenschale und vieles mehr. Eine ausgiebige Probefahrt vor dem Helmkauf kann viel Ärger ersparen.


Bekleidung
Eng anliegende Lederkombi oder leger geschnittener Textilanzug mit hohem Kragen? Halstuch und Schal anziehen oder besser doch nicht? Dass wild flatternde Schals nicht nur für ein Würgegefühl sorgen, sondern auch das Geräuschniveau heben, lässt sich leicht in der Praxis feststellen. Ein flatterfrei umgelegtes Halstuch, das den Helm nach unten hin sauber abschließt, schont hingegen lärmempfindliche Ohren.

Zulassungsverwirrung - National oder international?

Foto: Harley-Davidson
Nachrüstscheiben mit ABE dürfen lange nicht so hoch sein wie zum zum Beispiel das Serienmodell Harley-Davidson Heritage Softail Classic.
Nachrüstscheiben mit ABE dürfen lange nicht so hoch sein wie zum zum Beispiel das Serienmodell Harley-Davidson Heritage Softail Classic.
Für Verkleidungsscheiben gibt es unterschiedliche Zulassungsvoraussetzungen. Je nachdem, welches Recht greift, fällt die Ausführung der Scheibe aus. Aktuelle Motorräder werden nach EG-Recht für den Verkehr zu­gelassen. Serienmäßige Anbauteile sind in der Typgenehmigung des Fahrzeugs enthalten. Verkleidungsscheiben werden nach EG-Recht allerdings nicht auf das Kriterium Sichtfeld geprüft. Theoretisch könnte ein OEM-Windschild (eine Serienscheibe) also 150 Zenti­meter hoch oder gar noch höher ausfallen. Das ist bei Zubehör-Nachrüstscheiben, die ein Teilegutachten oder eine Teile-ABE benötigen, nicht möglich. Denn für diese Scheiben gilt das nationale Recht mit den Vorschriften aus der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO). Beispielsweise verlangt der §19 StVZO für Nachrüstscheiben unter anderem ein vorgegebenes Sichtfeld. Dazu wird eine normierte Messpuppe auf das Fahrzeug gesetzt. Die Verbindungslinie zwischen deren Augenpunkt und der Scheibenoberkante muss die Fahrbahn spätestens zwölf Meter vor dem Motorrad kreuzen.

Ist dies nicht der Fall, gibt‘s keine ABE. Alle anderen Prüfkriterien gelten für beide rechtlichen Vorschriften. So muss der Anbau der Scheibe stabil und sicher ausfallen. Alle Hebel müssen bedienbar bleiben, die Sicht auf die Instrumente muss gewährleistet sein, und der Lenkeinschlag darf nicht eingeschränkt werden. Auch ein Fahrversuch, bei dem die Festigkeit der Halterungen, das Fahrzeug-Handling und die Hochgeschwindigkeitsstabilität auf dem Testprogramm stehen, gehören dazu. Weitere Prüfpunkte sind die Außenkanten der Scheibe, für die ein vorgeschriebener Kantenradius (nach StVZO mindestens 3,5 Millimeter) gilt, sowie die ebenfalls zur Verringerung der Verletzungsgefahr vorgeschriebene Splittersicherheit. Wer also gesetzeskonform ein ultrahohes Windschild fahren möchte, muss sich ein Motorrad mit serienmäßiger „Monsterscheibe“ zulegen – legal nachrüstbar sind die Teile nicht. So sieht es der Gesetzgeber in Deutschland nun mal vor.

Im Windkanal - Sturmwarnung

Foto: Sdun
Im Windkanal wurden die Kandidaten ordentlich angeblasen.
Im Windkanal wurden die Kandidaten ordentlich angeblasen.
Zur Ergänzung der Testfahrten untersuchte MOTORRAD mit freundlicher Unterstützung des Magdeburger Helmherstellers Schuberth alle Kandidaten in dessen Windkanal bei Windgeschwindigkeiten von 160 km/h. Für objektiv vergleichbare Werte sorgte eine in Motorradmontur eingekleidete Messpuppe mit hochsensibler Kraftmessdose im Hals. Diese registriert in zehn ver­schiedenen Kopf-Positionen, die vollautomatisch während eines Messzyklus angefahren werden, die auftretenden Kräfte und leitet sie an den Rechner weiter. Aus den für die drei Raumachsen ermittelten Werten für Auftrieb, Seitenkraft und Widerstand ­berechnet sich die für die Beurteilung besonders wichtige Gesamtkraft. Die unter dem Begriff Rütteln aufgeführten sehr kleinen Kräfte sind ein Maß für die im Kopfbereich auftretenden Turbulenzen.

Für eine möglichst aussagekräftige Laborbewertung wurde die Messpuppe in zwei verschiedenen Körperhaltungen auf das Testmotorrad gesetzt: in touristisch aufrechter Fahrhaltung einerseits und sportlich vorgebeugter Fahrhaltung andererseits. Um identische Messbedingungen zu gewährleisten, wurde die Position der Messpuppe erst verändert, nachdem alle Testscheiben in einer Haltung nacheinander montiert und geprüft waren.

Messergebnisse Windkanal - Gegen den Strom

Foto: Sdun
Mit konstant 160 km/h prallt der Fahrtwind gegen die GSX-R-Front.
Mit konstant 160 km/h prallt der Fahrtwind gegen die GSX-R-Front.
Analog zum Testprocedere bei der Honda CBF 1000 verliefen die Windkanal-Untersuchungen mit der Suzuki GSX-R 1000. Die Messpuppe mit der im Halsbereich integrierten Kraftmessdose kam bei jeder der acht Verkleidungsscheiben in den Positionen touristisch aufrecht und sportlich vorgebeugt zum Einsatz. Der mit 160 km/h aus der Windkanal-Röhre heranbrausende Fahrtwind verursacht dabei Reaktionen und Kräfte wie z.B. Widerstand, Auftrieb, Querkraft und Rütteln. In neun von zehn Kriterien landet die Serienscheibe bei den Windkanal-Untersuchungen auf dem letzten Platz. Auch wenn die Unterschiede zum Rest des Felds teilweise nur gering sind, die Nachrüstscheiben bieten ausnahmslos den besseren Windschutz.

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