Report Mini- und Pocketbikes (Archivversion)

Aufstand im Zwergenland

Schwere Unfälle, mangelhafte Billigware – bei den Minibikern rumort es. Doch die Szene hat mehr zu bieten, als Negativschlagzeilen in Boulevard-Magazinen vermuten lassen.

Aus den Boxen dröhnen wilde Gitarrenriffs, auf dem Bildschirm verschwindet eine Landstraße schnurgerade in Richtung Horizont. In der Ferne taucht ein kleines Licht auf und kommt näher. Bald ist schemenhaft ein Motorrad mit Fahrer zu erkennen. Doch die Dimensionen passen nicht wirklich. Das Bike ist kaum größer als ein Terrier, der Fahrer, luftig-leicht mit Sneakers, Jeans und T-Shirt
bekleidet, hat hingegen Gulliver-Ausmaße. Zahlen springen über den Bildschirm: 3,7 PS, 40 Kilometer pro Tankfüllung, 120 Kilogramm Zuladung. Die Kamera folgt dem Hünen auf der Matchbox-Maschine bei seiner flotten Hatz durch Wohngebiete
und Vorstadtverkehr, dann folgen Stoppies und Burnouts auf feuchtem Asphalt. Die Botschaft des Internet-Filmchens, das Werbung für ein Fan-Forum darstellt, ist unmissverständlich: Pocketbikes sind geil.
Makaber ist allerdings die Schluss-
Sequenz, in der der Fahrer grinsend unter einer Parkplatzschranke durchfährt. Es ist anderthalb Jahre her, als so etwas einen anderen Ausgang nahm. In Nordhorn kollidierte ein jugendlicher Pocketbike-Fahrer auf einem Parkplatz mit einer ähnlichen Absperrung und starb an den Verletzungen. Das Medienecho war gewaltig. Boulevardmagazine aller Couleur stürzten sich plötzlich auf die Mini-Szene, der Fingerzeig zum Schluss: Pocketbikes sind böse.
Gut, schlecht, schwarz, weiß. Damit scheinen die Grenzen abgesteckt, aber
die Vielschichtigkeit der Minibike-Szene ist
damit nicht erfasst. Denn neben den aus-
gewachsenen Kerlen, die sich auf die
rasenden Motorradminiaturen hocken, gibt es viele, die sich dem Thema sehr professionell nähern. Marlene Ochs vom Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) betont die Notwendigkeit dieser Fahrzeuggattung für das Renngeschehen: »Pocket- und
Minibikes sind der klassische Weg, um
in den Straßenrennsport einzusteigen.« Valentino Rossi hat sich damit genauso seine ersten Sporen verdient wie das deutsche Nachwuchstalent Sandro Cortese, seit 2005 in der 125er-WM unterwegs.
Zwischen sechs und 15 Jahre alt sind die Fahrer, die im DMSB-Nachwuchs-
cup oder den Schülermeisterschaften erste Rennstreckenbekanntschaft machen können. Und auch für Ältere wird gesorgt.
Ab 16 kann man die Minibikes durch die offene Klasse steuern. Nach oben gibt es keine Altersgrenze: »Über Jahre ist einer mitgefahren, bis er 56 war«, weiß Ochs.
Auf Erwachsene üben die kleinen
Motorräder ohnehin eine faszinierende
Anziehungskraft aus. Gemäß dem Motto »Will der Nachwuchs nicht, fahre ich
eben selbst« treffen sich zahllose Interes-
senten im World Wide Web, tauschen sich über Technik aus oder verabreden sich
zu einem Rennwochenende auf Übungsplätzen. Matthias Rust, Administrator von zwei Internetforen für Pocketbike-Fans, kann sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. »Im Sommer«, so der 35-Jährige, »trifft man sich fast schon jedes Wochenende auf einer Kartbahn.« Zwischen zehn und 30 Leute tummeln sich dann
im Fahrerlager, die jüngsten sind fünf, die
ältesten 50. Das Ambiente ist sehr familiär. Im Gegensatz zu den DMSB-Veranstal-tungen überwiegt der Hobbycharakter, der allerdings auch ins Geld geht: »Mit Verschleißteilen, Benzinkosten und Streckengebühren kommt man im Monat auf 100 bis 150 Euro«, rechnet Rust zusammen. Hinzu kommen die Kosten für das Bike.
Auch die vermeintlich günstige Chinaware reißt tiefe Löcher ins Budget. Rust selbst hat mit einem 300-Euro-Bike aus Fernost angefangen: »Irgendwann habe ich mal aufgeschrieben, was ich an Teilen in das Motorrad gesteckt habe, und bin auf über 1500 Euro gekommen.« Frust gab es dann immer noch: »Nach zwei Stunden Fahren war wieder zwei Stunden Schrauben angesagt.« Mittlerweile sitzt Rust wie etliche Rookies in den DMSB-Rennklassen auf einem hochwertigen Minirenner von Blata. Wer dort starten will, darf es mit »Made in China« ohnehin nicht probieren. »Das Reglement,« so DMSB-Beauftragte Ochs, »schreibt vor, dass die Bikes in
Europa hergestellt sein müssen«. Und mit der richtigen Hardware, das sind sich alle einig, macht’s auch richtig Spaß.
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Mini- oder Midibikes? (Archivversion) - Was ist was?

Das Angebot ist breit gefächert. Neben
reinrassigen Rennbikes oder Cross-Maschinen im Westentaschenformat gibt es mittlerweile auch etliche Nachbauten der legendären Honda Monkey. Vorteil dieser Midibike-Kategorie: Sie können ganz normal zugelassen und somit auf der Straße gefahren werden. Dagegen sind Minibikes für sportliches
Vergnügen abseits des öffentlichen Straßenverkehrs gedacht und nicht zulassungsfähig. Kinder und Jugendliche können spielerisch erste Motorraderfahrungen sammeln. Das komplette Angebot aller Anbieter ist im MOTORRAD-Katalog 2007 gelistet, als Einstieg finden
Sie hier eine erste Auswahl.

Wo kaufen? (Archivversion) - Fachhändler oder Internet?

Im Internetauktionshaus Ebay
fällt mehrmals pro Stunde der Hammer. Pocketbikes aus China werden zum Teil deutlich unter 50 Euro verramscht. In der Sofortkauf-Option kosten sie bisweilen keine 100 Euro. Allerdings wollen Verkäufer über die in ihre Tasche fließenden Versandgebühren (60 bis 90 Euro) die Dumpingpreise wieder wettmachen. In der
Regel drohen bei diesen Bikes bereits nach kurzem Einsatz größere Reparaturen bis hin zum Austausch des Motors, der Verschleiß ist extrem hoch. Die Folgekosten liegen deutlich über dem eigentlichen Kaufpreis. Wer sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, sollte einen Fachhändler von Markenbikes aufsuchen. Neben der
Beratung ist dort vor allem auch die Ersatzteilversorgung gesichert. Ein Tipp für Einsteiger: In den Fanforen im Internet (Adressen siehe Recht und Rat) gibt es neben einer Teilebörse auch
etliche Angebote gebrauchter Markenbikes.

Wo fahren? (Archivversion) - Piste oder Parkplatz?

Für Mini- und Pocketbikes ist der
öffentliche Straßenverkehr absolut tabu. Auch ein leerer Parkplatz stellt keine Alternative dar. Ist
dieser nicht gesondert abgesperrt (Schranke, komplett umzäunt), zählt er ebenfalls zum öffentlichen Verkehrsraum und darf nicht genutzt werden. Die Polizei geht rigoros gegen Verstöße vor. Im Wiederholungsfall droht sogar die Beschlagnahme des Motorrads. Hintergrund: Mini- und Pocketbikes gelten nicht als schnelles Spielzeug, sondern als zulassungspflichtige Leichtkrafträder, die steuer- und
versicherungspflichtig sind. Praktisch sind sie aus technischer Sicht (Bremsen, Beleuchtung, Geräusche) aber nicht zulassungsfähig. Deshalb dürfen sie definitiv nur auf abgesperrten Strecken fahren. Beim DMSB kann man sich informieren,
welche Motorsportclubs in der Nähe des Heimatorts Übungsmöglichkeiten für Klein und Groß anbieten. Eine Alternative sind Internetforen, wo sich Gleichgesinnte verabreden und
gemeinsam für ein Wochenende eine Kartbahn anmieten und die Kosten teilen.

Lesererfahrungen (Archivversion) - Wer macht's?

Vor einiger Zeit erstand ich bei Ebay einen China-kracher. Bei der Endmontage wurde offensichtlich, warum die Teile so billig angeboten werden:
Material, Schweißnähte, Schrauben und Bremsen –
alles unterste Schublade! Fahren konnte ich
das Teil mit meinen 1,95 Meter ohnehin nicht.
Achim Wagensonner, Mengkofen

Als Kfz-Sachverständiger musste ich zwei Mini-
bikes untersuchen. Schon kleinere Instabilitäten führten zu Pendelbewegungen, die Schräglagenfreiheit war gleich null. Einen gewissen Funfaktor konnte man den Bikes aber nicht absprechen.
Andreas Jagusch, per E-Mail

Für meinen neunjährigen Neffen habe ich ein Mini mit 125 cm3-Honda-Lizenzmotor gekauft. Anfangs waren alle Schrauben locker, aber nach gründlichem Service fuhr es die ganze Saison 2006
völlig problemlos. Mein Tipp: wegen der Motorenhaltbarkeit regelmäßige Ölwechsel machen.
Markus »Air-Marky« Berger, per E-Mail
Bei einem Pocketbike-Training passierte es: Mein Vordermann machte einen Schlenker, ich konnte mangels Bremsleistung nicht ausweichen und stürzte. Trotz Protektoren-
jacke hatte sich mein Schlüsselbein in Wohlgefallen
aufgelöst. Ich fahre lieber weiter Motorrad, denn da ist
mir noch nie etwas passiert.
Peter Herter, Sinzig

Wir fahren in der DMSB-Meisterschaft und sind die
besten weiblichen Fahrer unserer Klassen. Zuerst hatten wir »Chinabikes« und sind dann schnell auf Blata und
GRC gewechselt. Es ist immer lustig, wenn man an der Kartbahn von den Kartfahrern müde ausgelacht wird
und dann mit den kleinen Dingern deren Rundenzeiten knackt... Autsch!
Anna und Katharina Böhmert, Bad Rappenau

Wir hatten eine Maschine gedrosselt, um Dirk
(vier Jahre) nicht zu
gefährden. Die Strecke kannte er aus vielen
geschobenen Runden.
Er fuhr raus und kam
nach einer Runde wieder an die Box. Sein Vater
wollte wissen, was los
ist. Er klappte sein Helm-visier hoch und sagte:
»Zu langsam!«
Wolfgang Hester, Leimen

Recht und Rat (Archivversion) - Wer hilft?

Der Deutsche Motor Sport Bund: eine gute Adresse für alle Sportinteressierten. Neben Rennklassen für sechs- bis 15-Jährige gibt es auch eine offene Klasse für alle ab 16.
Darüber hinaus informiert der DMSB über Trainingsorte und die technischen Anforderungen an die Bikes. Telefon 069/6330070, www.dmsb.de.
Die Internet-Foren: Geeignet für
alle, die in das Thema Minibike hineinschnuppern wollen. Zum Stöbern eignen sich Teile- und Gebraucht-
maschinenbörsen. Gute Anlaufpunkte im Web sind die Seiten www.mini-
racer.de und www.minibike-club.de.
Die Versicherung: hilft in der Regel nicht! Spezielle Fahrzeugversicherungen gibt es nicht. Somit ist klar, warum Pocketbikes nichts auf der Straße zu suchen haben. Auch die Privathaftpflicht scheidet im Schadenfall aus, da motorisierte Fahrzeuge ab fünf km/h in der Regel aus dem Versicherungsschutz ausgeschlossen sind.
Der Führerschein: Theoretisch braucht man zum Führen eines Minibikes eine gültige Fahrerlaubnis fürs Zweirad
(M oder A). Doch selbst die hilft nicht, wenn man mit einem nicht zulassungsfähigen Pocketbike auf der Straße erwischt wird. Ein Bußgeld ist die Folge – ohne Führerschein wird gar eine Straftat daraus. Für das Privatvergnügen auf der Kartbahn oder der Rennstrecke gilt das natürlich nicht.

Minibikes im Crashtest (Archivversion)

Mit 40 km/h rast das Minibike auf den Golf zu. Es kracht und splittert, dann liegen Fahrer und Motorrad neben der eingedrückten Autotür. Im realen Leben hätte der Pilot schwere Verletzungen davongetragen, in diesem Fall wurde nur der Dummy der Dekra in Mitleidenschaft gezogen. Mit diesem Crashversuch wollte die Sachverständigen-
organisation 2006 auf die Gefahren von Minibikes für deren Fahrer hinweisen.

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