SERVICE SPEZIAL BREMSEN (Archivversion)

VERGLEICHSTEST BREMSBELÄGE

Sechs Zubehörbremsbeläge für die Honda CBR 600 F treten auf Landstraße und Rennstrecke gegen die Originalstopper an.

Beschleunigen ist Silber, Bremsen ist Gold – frei nach diesem Motto geht es im Rennsport zur Sache. Die entscheidenden Zehntelsekunden gewinnen Spitzenpiloten meist auf der Bremse. Wer noch später, noch härter und noch brachialer bremst, gewinnt – zumindest Zeit gegenüber der Konkurrenz. Auch auf öffentlichen Straßen können manchmal Zehntelsekunden entscheidend sein – wer rechtzeitig zum Stehen kommt, kann einen Unfall verhindern. Spätestens bei der ersten längeren Passabfahrt, bei der einem ein Langholztransporter in die Quere kommt, wird das jedem klar.Nach dem letzten großen Bremsbelagtest für die Yamaha YZF 1000 R (MOTORRAD 10/1998) ist nun der Bestseller Honda CBR 600 F an der Reihe. Ein Fahrzeug, das Touren- und Sportfahrer gleichermaßen lieben – die gestellten Anforderungen an das Bremsvermögen dürften dementsprechend unterschiedlich ausfallen.Zubehörbremsbeläge von AP-Racing, Brembo, Carbone Lorraine, EBC, Ferodo und Lucas stellen sich den Honda-Originalbelägen von Nissin. Die Hersteller sollten aus ihrem Angebot die besten Allround-Stopper mit Allgemeiner Betriebserlaubnis ins Rennen schicken. Deshalb entschieden sich sechs der sieben Hersteller für Sinterbeläge, die in der Regel zwar etwas teurer, aber leistungsfähiger sind als organische Beläge. Lediglich Ferodo setzte auf letztere.Und nicht nur in diesem Punkt fällt Ferodo aus dem Rahmen, sondern auch bei der Anfangsbelagstärke von stolzen 6,7 Millimetern. Das bringt zwar einen Vorteil beim Verschleiß gegenüber der Konkurrenz, aber auch Nachteile. Nur mit viel Mühe und bei ganz zurückgeschobenen Bremskolben passen die Beläge in die Bremszangen. Wer von verschlissenen Belägen auf die dicken Ferodo wechselt, sollte deshalb den Deckel des Hauptbremszylinders öffnen und reichlich Flüssigkeit absaugen (siehe auch Praxis Bremsenwartung auf Seite 198).Generell empfiehlt es sich, vor dem Einbau der neuen Beläge die Bremskolben penibel zu reinigen und auf Leichtgängigkeit zu prüfen. Außerdem sollten Selbstschrauber nach dem Einbau unbedingt kontrollieren, ob das Rad leicht läuft oder klemmt. Auf den ersten Kilometern könnten sonst die Scheiben blau anlaufen oder gar das Rad blockieren. Geht’s gar zu eng zu, müssen die Ferodo-Beläge etwas abgezogen werden – was bei den Testbelägen glücklicherweise nicht nötig war. Relativ schwer lassen sich außerdem die 6,1 Millimeter starken Carbone Lorraine einbauen. Alle anderen Teilnehmer flutschen einwandfrei in die Bremszangen. Doch nun zum eigentlichen Test. Dieser fand mit zwei baugleichen Honda CBR 600 F vom Typ PC 35 statt. Eines der Testfahrzeuge wurde mit Data Recording ausgestattet (siehe Kasten auf Seite 189) und zwei Tage lang um die Rennstrecke in Ledenon/Frankreich gejagt. Die zweite CBR absolvierte eine ganze Reihe von Funktionstests auf der Landstraße. Alle neuen Bremsbeläge wurden streng nach Herstellervorschrift auf öffentlichen Straßen eingefahren, wobei die organischen Ferodos die längste Einfahrzeit benötigen.Für die Data Recording-Aufzeichnungen auf der Rennstrecke drehte der Testfahrer zunächst etliche Runden, um sich an die Beläge zu gewöhnen. Anschließend aktivierte der Fahrer das Messsystem und zeichnete einige konstant schnelle Runden auf. Nach dem Übertragen des Datensatzes auf einen Laptop wiederholte sich das Procedere mit den anderen Belägen. Zusätzlich zu den Datenaufzeichnungen wurden die subjektiven Eindrücke des Fahrers protokolliert, die sich fast ausnahmslos mit den Messergebnissen decken.Beim Funktionstest auf der Landstraße nahmen mehrere Tester folgende Kriterien unter die Lupe: 1. Ansprechverhalten. Wie spontan und wie hart reagiert der Belag auf Bremsbefehle? 2. Dosierung. Eine sehr gleichmäßig und steil ansteigende Bremsleistung (die Bremsverzögerung steigt proportional zur Handkraft) wäre ideal; bei höherer Handkraft progressiv zubeißende Beläge können leicht zum Überbremsen führen. 3. Handkraft. Wie viel Kraft muss der Fahrer am Bremshebel aufbringen? 4. Bremswirkung kalt und heiß. Wie hoch ist die maximale Verzögerung bei kalter beziehungsweise warmer Bremse? 5. Fadingverhalten. Wie gut verkraftet der Belag mehrere Vollbremsungen in kurzer Folge? 6. Ansprechverhalten und Bremswirkung bei Nässe.Bleiben wir zunächst beim Nässetest. Um für alle Beläge gleichbleibende Bedingungen zu gewährleisten, wurden die Bremsscheiben und -beläge über Leitungen direkt bewässert. Ein Wasserkanister im Tankrucksack lieferte den erforderlichen Flüssigkeitsnachschub. Vorteil dieser Methode: Die Vollbremsungen finden auf trockener, haftfähiger Straße statt. Alle Kandidaten absolvierten die Nässetests trotz geringer Unterschiede mit Bravour. Kein Teilnehmer reagierte mit gefährlicher Verzögerung im Ansprechverhalten bei nassen Belägen. Auch bei den Funktionstests im trockenen Zustand fällt lediglich der Ferodo-Belag etwas ab und erschreckte die Tester bei den ersten Vollbremsungen nach der Einfahrphase mit heftigem Fading. Der Bremshebel ließ sich fast bis an den Griff ziehen, ohne dass die Honda merklich langsamer wurde. Trotz der längsten Einfahrzeit aller Teilnehmer trat diese unangenehme Eigenart bereits bei der zweiten von vier Vollbremsungen auf. Nach Abkühlung und neuem Anlauf verbesserte sich das Fadingverhalten deutlich, kam aber nicht an die Konkurrenten heran, die teilweise noch bei der vierten Vollbremsung völlig unbeeindruckt schwarze Striche auf den Asphalt malten.Insgesamt betrachtet fällt das Testergebnis recht positiv aus. Immerhin vier Teilnehmer erhalten das MOTORRAD-Urteil sehr empfehlenswert. Darunter auch die Serienbeläge, die die Messlatte für die Zubehörbeläge sehr hoch legen. Für die Beläge von EBC reicht’s aufgrund der nicht so guten Dosierbarkeit »nur« für ein empfehlenswert. Die Lucas-Stopper haben in diesem Punkt ebenfalls eine leichte Schwäche. Die rote Laterne geht klar an die Ferodo-Beläge.
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Spezial: Bremsen (Archivversion) - Honda

Typ: 06455-MBW-006 (Sintermetall-Belag)Preis: 135 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 3,9 MillimeterVerschleiß: mittelFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: sehr gutHandkraft: geringBremswirkung kalt: sehr gut bis gutBremswirkung heiß: gutFadingverhalten: sehr gutFunktion nassAnsprechverhalten: gut bis sehr gutBremswirkung: gut bis sehr gutFazit: Der Original-Belag muss sich vor den besten Zubehörbelägen keineswegs verstecken. Er glänzt mit durchweg guten Funktionswerten und einem sehr guten Fadingverhalten. Die gleichmäßig ansteigende Bremsleistung ermöglicht exaktes Dosieren. Wer keine Lust hat zu experimentieren, liegt mit den Honda-Belägen richtigMOTORRAD-Urteilsehr empfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - AP-Racing

Typ: LMP334 SF (Sintermetall-Belag)Preis: 118 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 3,4 MillimeterVerschleiß: geringFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: sehr gutHandkraft: sehr geringBremswirkung kalt: sehr gutBremswirkung heiß: sehr gutFadingverhalten: sehr gutFunktion nassAnsprechverhalten: gut bis sehr gutBremswirkung: gut bis sehr gutFazit: Absoluter Spitzenbelag mit tollen Funktionswerten und sehr gutem Fadingverhalten. Außerdem positiv: die sehr gleichmäßig und steil ansteigende Bremsleistung. Darüber hinaus sind die AP-Beläge relativ preisgünstig, die Belagstärke fällt allerdings relativ dünn aus MOTORRAD-Urteilsehr empfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - Brembo

Typ: 07.HO45.SA (Sintermetall-Belag)Preis: 130,70 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 3,4 MillimeterVerschleiß: geringFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: sehr gutHandkraft: geringBremswirkung kalt: sehr gutBremswirkung heiß: sehr gutFadingverhalten: sehr gutFunktion nassAnsprechverhalten: gutBremswirkung: gutFazit: Sehr guter Zubehörbelag mit tollen Funktionswerten und sehr gutem Fadingverhalten. Die Brembo-Beläge lassen sich ebenso exakt Dosieren wie die Honda-Pendants, sind in ihrer Wirkung aber einen Tick besser als das Original. Dafür weisen sie geringe Anfagsbelagstärken aufMOTORRAD-Urteilsehr empfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - Carbone Lorraine

Typ: 2711 SBK3 (Sintermetall-Belag)Preis: 179,80 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 6,1 MillimeterVerschleiß: geringFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: sehr gutHandkraft: geringBremswirkung kalt: sehr gutBremswirkung heiß: sehr gutFadingverhalten: sehr gutFunktion nassAnsprechverhalten: gutBremswirkung: gut bis sehr gutFazit: Absoluter Spitzenbelag mit tollen Funktionswerten und sehr gutem Fadingverhalten. Die gleichmäßig ansteigende Bremsleistung ermöglicht exaktes Dosieren. Teuerster Belag im Vergleich mit sehr großer Anfangsbelagstärke. Deshalb müssen die Bremskolben extrem weit zurückgeschoben werden. Die neuen Beläge passen gerade in die Bremszangen. Tipp: vor dem Einbau Beläge ein wenig abziehen und Kolben reinigenMOTORRAD-Urteilsehr empfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - EBC

Typ: FA 296 HH (Sintermetall-Belag)Preis: 130,44 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 3,7 MillimeterVerschleiß: sehr geringFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: befriedigendHandkraft: geringBremswirkung kalt: sehr gutBremswirkung heiß: sehr gutFadingverhalten: sehr gutFunktion nassAnsprechverhalten: gut bis sehr gutBremswirkung: gut bis sehr gutFazit: Sehr guter Zubehörbelag mit tollen Funktionswerten und sehr gutem Fadingverhalten. Durch ihre progressiv ansteigende Bremsleistung vor allem für weniger Geübte schwierig zu dosieren. Sportfahrer dürften mit der giftigen Wirkung weniger Probleme haben. Die Schwäche in der Dosierung führt zu Abwertung der ansonsten sehr guten BelägeMOTORRAD-Urteilempfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - Ferodo

Typ: FDB2079 (organischer Belag)Preis: 126 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 6,7 MillimeterVerschleiß: mittelFunktion trockenAnsprechverhalten: gut bis befriedigendDosierbarkeit: gutHandkraft: mittelBremswirkung kalt: gut bis befriedigendBremswirkung heiß: gutFadingverhalten: befriedigendFunktion nassAnsprechverhalten: gutBremswirkung: gutFazit: Der einzige organische Belag im Testfeld kann in den Funktionswerten und im Fadingverhalten nicht mithalten und benötigt außerdem die längste Einfahrzeit. Bei den ersten Vollbremsungen trat starkes Fading auf - später immer noch spürbares Fading. Durch die extreme Anfangsdicke passen die Beläge nur mit viel Mühe in die Bremszangen. Tipp: Die Beläge vor dem Einbau etwas abziehenMOTORRAD-Urteilnoch empfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - Lucas

Typ: MCB 703 SV (Sintermetall-Belag)Preis: 115,76 Mark (vier Beläge)Belagstärke: 3,4 MillimeterVerschleiß: mittelFunktion trockenAnsprechverhalten: sehr gutDosierbarkeit: gut bis befriedigendHandkraft: geringBremswirkung kalt: sehr gutBremswirkung heiß: gutFadingverhalten: gutFunktion nassAnsprechverhalten: gutBremswirkung: gut bis sehr gutFazit: Guter bis sehr guter Zubehörbelag mit guten Funktionswerten und gutem Fadingverhalten, der durch das progressive Ansteigen der Bremsleistung für Ungeübte schwierig zu dosieren ist. Preisgünstige Beläge mit geringer Anfangsbelagstärke MOTORRAD-Urteilempfehlenswert

Spezial: Bremsen (Archivversion) - DATA RECORDING

Zahlreiche Sensoren decken die Stärken und Schwächen der Bremsbeläge gnadenlos auf.
In Zusammenarbeit mit den Data Recording-Spezialisten 2D-Messsysteme präparierte MOTORRAD die Test-Honda CBR 600 F mit verschiedenen Sensoren und Messfühlern. Neben der obligatorischen Geschwindigkeitsmessung über Sensoren am Vorderrad und einem linearen Potentiometer zur Aufnahme des Gabelfederwegs wurde im Fahrzeugheck ein sogenannter Gyro eingesetzt, der die Beschleunigung beziehungsweise Verzögerung des Fahrzeugs aufzeichnet. Außerdem nimmt ein in das hydraulische Bremssystem eingebauter Drucksensor die Bremsdrücke auf. Anhand dieser Daten lassen sich Aussagen bezüglich Dosierbarkeit, Wirkung und erforderlicher Handkraft treffen.Sämtliche Sensoren übertragen ihre Messwerte in den Datenlogger, von dem sie per Datenverbindung in einen Laptop gelangen. Anschließend lassen sich die Aufzeichnungen mit der auch im Grand-Prix-Zirkus verwendeten Auswertungsoftware Race von 2D anschauen, vermessen, vergleichen und ausdrucken. Kleinste Unregelmäßigkeiten können lokalisiert sowie die subjektiven Fahreindrücke des Testers belegt werden.Das abgebildete Diagramm zeigt einen von ungefähr 500 aufgezeichneten Bremsvorgängen. Die nahezu ideal verlaufende Bremsung fand mit einem der Testsieger-Beläge statt. Beim betrachteten Rennstreckenabschnitt in Ledenon handelt es sich um ein Bremsmanöver vor einer 180-Grad-Linkskurve. Die farbigen Linien stehen für folgende Messwerte: Rot - Geschwindigkeit in km/h, Blau - hydraulischer Druck im Bremssystem in bar, Grün - Verzögerung in m/s², Violett - Gabelfederweg in mm. Die untere Koordinate steht für die zurückgelegte Fahrzeit in Sekunden.Im Beispiel beginnt der Fahrer nach 50,5 Sekunden der Datenaufzeichnung, Bremsdruck aufzubauen. Dies geschieht sehr linear und steil – ein Zeichen für gute Dosierbarkeit. Nahezu parallel zum Bremsdruck steigen die Werte für die momentane Verzögerung und den Einfederweg. Knapp zwei Sekunden lang hält der Tester den Bremsdruck konstant hoch auf etwa 7,5 bar. Dies hat eine ebenfalls konstante Verzögerung von 7,5 m/s² zur Folge. Auch die Gabel bleibt während dieses Vorgangs voll eingefedert, während die Fahrgeschwindigkeit kontinuierlich abnimmt. Beim Einlenken in die Kurve (nach zirka 52,5 Sekunden) verringert der Fahrer den Bremsdruck nach und nach und löst die Bremse schließlich ganz. Die Verzögerung nimmt ab, und die Gabel federt wieder aus. Aufgrund der bei Kurvenfahrt herrschenden Fliehkraft federt die Gabel jedoch nicht völlig aus.

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