SERVICE SPEZIAL BREMSEN (Archivversion) TECHNIK BREMSSCHEIBEN

Bremsscheiben aus Keramik sind der neueste Hit. MOTORRAD hatte Gelegenheit, solche auszuprobieren.

Das Anforderungsprofil an Motorrad-Bremsscheiben ist hoch: geringes Gewicht, hoher Reibwert, absolute Formbeständigkeit und Festigkeit bis in Temperaturbereiche von mehreren hundert Grad Celsius und gute Korrosionseigenschaften. Die meisten Kriterien erfüllen die aktuellen Anlagen. Allerdings schlagen zwei 298 Millimeter große Scheiben eines Supersportlers allein im Vorderrad mit zirka drei Kilogramm zu Buche. Im Rennsport wurde deshalb schon vor einiger Zeit mit dem Einsatz des High-Tech-Werkstoffs Kohlefaser begonnen. Der exklusive Karbonmix reduziert das Gewicht im Vergleich zu Stahlscheiben auf weniger als ein Viertel. Doch nicht nur der exorbitante Preis sorgt für eine Außenseiterrolle. Kohlefaser benötigt zum Aufbau eines ordentlichen Reibwerts Temperaturen von 200 bis 300 Grad Celsius. Daher kommt das »schwarze Gold« allenfalls für Rennmotorräder in Frage. Bei Straßenbikes sind die großen Reibwertschwankungen indiskutabel.Konkurrenz erwächst derzeit in einem neuen Werkstoff: Keramik heißt die Zauberformel. Bremsscheiben aus diesem Material gehen bei exklusiven Autos von Mercedes und Porsche demnächst sogar in Kleinserie. Auch die Firma Spiegler, Hersteller von Bremsenkomponenten für Motorräder, erprobt gerade Bremsscheiben aus einem faserverstärkten Silizium-Verbundwerkstoff. Vorteile: Ein der Kohlefaser vergleichbares Gewicht reduziert nicht nur die rotierenden, sondern auch die ungefederten Massen. In Verbindung mit Belägen aus identischem Werkstoff soll ein hoher Reibwert für geringe Handkräfte und eine von der Temperatur weitgehend unabhängige Verzögerung sorgen. Die extrem harte Keramik dürfte zudem Vorteile im Verschleißverhalten bieten.An einer Yamaha XJR 1300 montiert, hatte MOTORRAD erste Gelegenheit, die Spiegler-Anlage auszuprobieren. Zwar sind die beiden Keramik-Scheiben des Vorderrads gegenüber den 5,5 Millimeter starken Serienpendants aus Stahl um drei Millimeter dicker, trotzdem aber zusammen satte 1,6 Kilogramm leichter.Und auch der erste Fahreindruck fällt vorwiegend positiv aus. Die Bremse ist bei geringeren Handkräften besser dosierbar. Auf einen höheren Reibwert lässt diese Tatsache jedoch nicht schließen, da aufgrund einer Radialhandpumpe und Vierkolbenbremssätteln aus der Produktion von Spiegler ein anderes hydraulisches Übersetzungsverhältnis vorliegt. In puncto Fading zeigt sich die Bremsanlage zumindest im normalen Straßeneinsatz von ihrer besten Seite. Selbst aus hohen Geschwindigkeiten lässt die Wirkung nicht nach, im Gegenteil: Mit steigender Erwärmung legt die Verzögerung bei konstanter Handkraft sogar leicht, aber gut kontrollierbar zu. Einziger Wermutstropfen: Offensichtlich gibt es mit der Reibpaarung Probleme. Es wurden zwei verschiedene Sätze von Bremsscheiben montiert und sie zeigten beide starkes Rubbeln, das vermutlich aus Reibwertschwankungen zwischen Belag und Scheibe resultiert. Hier muss das Entwicklungsteam von Spiegler dringend nachbessern. Zudem steht der Verbreitung dieser Technologie der im Vergleich zu Stahlscheiben hohe Preis im Weg. Pro Keramik-Scheibe sind momentan zirka 2300 Mark kalkuliert. Trotzdem könnte dieser Werkstoff bei entsprechender Weiterentwicklung zumindest für Sportmotorräder eine interessante Alternative werden.

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