Test: Koffersysteme (Archivversion) Viel Spaß

Es galt, acht verschiedene Koffersysteme zu montieren. Ein Unterfangen, das schweres Gerät und starke Männer erforderte.

Fast alle modernen Motorräder sind langweilig. Es geht kaum noch etwas kaputt, die Wartungs-Intervalle werden immer länger - kurz gesagt, Hobby-Schrauber sind hiermit meist schon nicht mehr ausgelastet. Aber schließlich gibt es ja noch Gepäckträger. Übles Gerücht oder bittere Wahrheit? Und wie sieht es mit der Praxistauglichkeit der Kunststoff-Bottiche aus?Um diese Fragen zu klären, bestellte MOTORRAD für eine Yamaha XJ 600 N, Modelljahr 1995, acht Koffersysteme - jeweils bestehend aus dem Träger, einem Paar Koffer (möglichst mit einem Volumen zwischen 35 und 40 Litern) und einem Topcase. Eine Ausnahme bildete das System von Yamaha, denn hier ist kein Topcase lieferbar. Bei den Systemen von Bottelin & Doumelin, Givi, Krauser und Schuh können die Koffer auch als Topcase genutzt werden. Vorteil: Wer nicht vorhat, mit drei Behältern gleichzeitig unterwegs zu sein, braucht sich nur zwei Koffer zu kaufen und hat trotzdem die Möglichkeit, ab und an ein Topcase zu nutzen.Auch bei den Anbauanleitungen gab es deutliche Unterschiede: Die Bandbreite reichte von der handschriftlichen Anleitung in Französisch (Bottelin & Doumelin) bis hin zum sehr anschaulichen, abgeschlossenen Fotoroman (Nonfango).An der Vollständigkeit der Anbausätze war nichts auszusetzen, dafür aber durchaus an der Paßgenauigkeit. Die Schlußlichter bildeten diesbezüglich die Systeme von Bottelin & Doumelin und Kappa: Beide Träger ließen sich zunächst nicht montieren und wurden daher neu bestellt. Das französische Fabrikat verweigerte sich auch im zweiten Versuch, während es immerhin gelang, den Kappa-Träger mit viel Gewalt anzuschrauben. Tip also: Wenn ein Träger partout nicht passen will, gar nicht erst lange rumärgern, sondern lieber beim Händler reklamieren. Die Fertigungstoleranzen mancher Anbieter sind offensichtlich recht groß. Für den Schuh-Träger spricht zwar, daß er sich bereits im ersten Versuch montieren ließ, doch das Anbringen erforderte auch hier große Kräfte und starke Nerven.Vergleichsweise leicht ließen sich die restlichen fünf Träger anbringen, wobei es aber auch nicht immer ganz gewaltfrei abging. Am besten gefielen noch die Systeme von Givi und Yamaha. Grundsätzlich gilt: Wer überhaupt keine Schraubererfahrung vorweisen kann, sollte sich bei der Montage lieber von einem halbwegs versierten Bastler helfen lassen. Wobei hier eine Hilfe generell nicht schadet.Ist die Träger-Montage erst einmal geschafft, kann der Kofferspaß beginnen - sollte man meinen. Aber schon beim Anbringen der Koffer an die Träger gab es die nächsten Schwierigkeiten. So mußten die Haltelaschen am Kappa-Träger verbogen werden, um den Koffern einen spielfreien Sitz zu ermöglichen. Und die Behälter von Schuh ließen sich nur mit nachdrücklichen Schlägen zum Einrasten bewegen. Wenig Lust einzurasten hatt auch das Topcase von Hepco & Becker, das sich dann auch noch weigerte auszurasten. Nur rohe Gewalt half wieder weiter. Das aufwendigste und umständlichste System haben die Yamaha-Koffer mit ihrer verdrehbaren Halteplatte, die sich hinter den Träger schiebt.Besonders positiv fielen dagegen die Produkte von Givi und Krauser auf: narrensicheres Ansetzen, sicheres und leichtes Verriegeln und ebenso leichtes Abnehmen machen den Umgang mit diesen Systemen angenehm. Mit der im Gegensatz zu allen anderen Systemen »schwingend« ausgeführten Befestigung der Krauser-Koffer pendelte die Yamaha im Vergleich zu den starren Systemen bei höheren Geschwindigkeiten deutlich weniger. Dafür entwickelten die Krauser-Koffer bei nierigem Tempo mehr Eigenleben.Mitentscheidend für den Bedienungskomfort sind auch vermeintliche Kleinigkeiten. So ist es zum Beispiel auf Dauer ziemlich nervig, wenn der Deckel des zum Beladen flachgelegten Koffers von allein zufällt (Hepco & Becker, Krauser, Schuh). Ebenfalls ärgerlich ist es, wenn der vollbepackte Koffer sich schlecht tragen läßt. Oder wenn man zum Abschließen und Verriegeln des Koffers nicht nur ein, sondern gleich drei Schlösser bedienen muß (Bottelin & Doumelin, Hepco & Becker, Yamaha). Im Idealfall braucht man für sämtliche Funktionen (und für alle drei Behältnisse) lediglich einen Schlüssel, außerdem sollte das Verriegeln am Träger ohne Schlüssel möglich sein. Diese beiden Anforderungen erfüllen nur die getesteten Produkte von Givi, Krauser und Nonfango.Lackierte Oberflächen der Deckel sind zwar im Neuzustand schön anzusehen, aber wegen ihrer Kratzempfindlichkeit auf Dauer nicht besonders praxisgerecht. Die strukturierte Oberfläche der Koffer von Hepco & Becker ist da wesentlich strapazierfähiger.Besonders ärgerlich ist es, wenn das Gepäck in Koffer und Topcase zusätzlich in Plastiktüten verstaut werden muß, damit es bei Regenfahrten trocken bleibt. Bei der MOTORRAD-Dichtigkeitsprüfung schaffte es nur die Hälfte der Probanden (Givi, Hepco & Becker, Kappa und Krauser), dem Wasserstrahl erfolgreich zu trotzen. Besonders die Koffer von Bottelin & Doumelin taten sich mit starkem Wassereinbruch unrühmlich hervor.Egal, für was für ein System man sich letztlich entscheidet, das Fahrverhalten wird maßgeblich durch die richtige Beladung beeinflußt. Wenn schon schwere Sachen auf dem Motorrad transportiert werden müssen, dann gehören sie in die Seitenkoffer - und zwar ganz nach unten. Die Beladung des Topcase verschiebt den Gesamtschwerpunkt merklich nach oben und macht die Maschine deutlich kippliger.Was den wenigsten bewußt sein dürfte: Bereits das leere Gepäcksystem kann ein erhebliches Eigengewicht besitzen. Die getesten Exemplare wogen einschließlich Topcase zwischen 12,4 (Bottelin & Doumelin) und 18,8 Kilogramm (Schuh). Und wer sich häufig, allerdings verbotenerweise zwischen Autoschlangen durchmogelt, sollte einen Blick auf die Gesamtbreite mit montierten Koffern werfen: Im Ernstfall entscheidende 14 Zentimeter liegen zwischen dem schmalsten (Nonfango, 90 Zentimeter) und dem breitesten System (Schuh, 104 Zentimeter) - ohne Koffer mißt die Yamaha übrigens an ihrer breitesten Stelle (Rückspiegel) 85 Zentimeter.Wieviel Spaß darf der Motorradfahrer denn nun für sein Geld erwarten? Wenn er bereit ist, mindestens 1200 Mark auszugeben, bekommt er bei Givi, Hepco & Becker oder Krauser Systeme, die den MOTORRAD-Test mit »sehr empfehlenswert« bestanden haben und auf großer Tour Freude bereiten werden. Einen »Haken« haben diese Top-systeme aber: Ihre Montage ist ziemlich langweilig.

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