Test Motorrad-Schlösser Bombensicher

...sind fast alle Schlösser für Motorräder. Rabiate Aufbruchmethoden scheitern meist an hochwertigen Werkstoffen, und die Schließsysteme werden immer ausgeklügelter. Ausreißer gibt es dennoch.

Foto: Künstle
Wie testet man Schlösser am besten? Marktführer Abus hat ein eigenes Labor mit speziellen Anlagen eingerichtet, wo ein Schloss etwa seine Zugfestigkeit unter Beweis stellen muss. Schön und gut, wenn das Material erst nach soundsoviel Tonnen Zugkraft in die Knie geht. Was aber, wenn der Dieb den Schließmechanismus einfach überlisten kann? Ein realistischer, allerdings absurder Sicherheits-Check wäre es, zwei Dutzend attraktive Motorräder an einem der Redaktion leidlich bekannten Diebstahl-Brennpunkt in Südfrankreich abzustellen und mit den
zu testenden Schlössern zu sichern – um dann nach ein paar Tagen zu schauen,
was noch dort steht. Besser und ebenso
realitätsnah ist es, seriösen Experten (siehe
Kasten auf Seite 75) das Schlösserknacken zu überlassen. Dabei muss jedes Produkt unter Beweis stellen, wie sicher es tatsächlich vor Langfingern schützt.
Eine meterlange, armdicke Kette mit einem Schuhkarton-großen Bügelschloss bietet ohne Zweifel riesengroße Sicherheit. Doch welcher Motorradfahrer wird so einen Diebstahlschutz mit sich führen wollen? Neben der Sicherheit spielen Hand-
habung, Ausstattungsmerkmale wie Trans-
porttasche, Ersatzschlüssel, Schlüsselanhänger oder Aufkleber in Signalfarben, die den Fahrer davor warnen, mit angehängtem Schloss loszufahren und nicht zuletzt der Preis beim Kauf eine entscheidende Rolle. Und passen sollte das Teil auch noch
– bei Bremsscheibenschlössern deshalb unbedingt vorher ausprobieren, ob sie sich überhaupt am eigenen Motorrad anbringen lassen. Ebenso muss man beim Anket-
ten die richtige Kettenlänge für seinen persönlichen Einsatzzweck auswählen.
Bei dem großen Angebot auf dem Markt kann man allerdings schnell den Überblick verlieren. Allein auf den Katalogseiten von Polo stehen über 20 Schlösser zur Wahl, vom billigen Bremsscheibenschloss der Hausmarke bis zum hochwertigen und teuren Diebstahlschutz aus Edelstahl. »Dort, wo die Kriminalitätsraten höher sind, verkaufen sich die höherwertigen Schlösser besser, dennoch ist auch für unsere günstigen Alternativen durchaus ein Markt vorhanden. Da geht eben doch viel über den Preis. Motorradfahrer investieren anscheinend gerne in ihr Motorrad, aber weniger in die Sicherung desselben«, erläutert Polo seine Erfahrungen. Hier zu Lande reicht es vielen, das Motorrad lediglich mit dem Zündschloss zu sichern. Doch auch wenn die Teilkasko den monetären Verlust ausgleicht, ist manch geklaute Maschine für den gefoppten Besitzer nicht ohne Wehmut zu ersetzen.
Wem seine Maschine also etwas wert ist, der sollte am Schloss nicht sparen. Die Testkandidaten wiesen erfreulicherweise überwiegend eine sehr hohe Qualität auf, und zwar nicht nur die teuren Spitzenprodukte. Von absoluten Billigangeboten wie den Bremsscheibenschlössern von Polo oder Louis für knapp zehn Euro kann man indes nur abraten, denn sie sind mit einfachen Methoden und ohne jegliches Fachwissen zu knacken. Schlösser wie das Trelock MS 650 oder das Xena XE-15 sind trotz ihrer ansonsten guten Qualität nicht empfehlenswert, da sich deren Schließmechanismus mit der für Kenner simplen Pick-Methode öffnen lassen. Gauner würden diese Sicherheitslücke sofort ausmachen und auch nutzen. Zumin-
dest Xena hat zugesichert, das XE-15 in
Zukunft mit einem wesentlich sichereren Mechanismus auszurüsten.
Während Tubular-Systeme in der Regel vergleichsweise einfach überlistet werden können, besitzen manche Schlösser wie das Xena XN-18 ein sehr seltenes System – das passende Spezialwerkzeug zum Knacken ist ebenfalls selten, schwer erhältlich und entsprechend teuer. Für gängige Tubular-Systeme sind Werkzeuge dagegen problemlos zu bekommen und gehören zur Grundausstattung des ambitionierten Motorrad-Diebs. Der US-Hersteller Kryptonite kam vergangenes Jahr durch eine Rückrufaktion von Schließzylindern mit Tubular-System in die Schlagzeilen. Laut Kryptonite arbeitet man gerade an einem neuen Schließsystem und kann deshalb nicht am aktuellen MOTORRAD-Test teilnehmen. Abus stattet seine hochwertigen Schlösser mittlerweile nur noch mit Scheibenzuhaltung aus, Tubular-Systeme sind aufgrund der Ergebnisse des letzten MOTORRAD-Schlössertests komplett aus dem Programm geflogen.
Insgesamt hat sich viel Positives getan seit dem letzten Test vor fünf Jahren. So stellt Aufsperrexperte Stefan Unterbuchberger fest: »Wir hatten’s mit den meisten Schlössern wirklich schwer. Und fairerweise muss man sagen, dass nur wenige Experten alle Spezialwerkzeuge und Fähigkeiten mitbringen, die Schlösser zu knacken. Es ist wie mit einem Klavier: Kaufen kann es jeder, um damit umzugehen, braucht es Übung.« Die Profi-Diebe leider haben.

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