Vergleichstest Lenkungsdämpfer für Honda CBR 900 RR (Archivversion)

Stabilitäts-Pakt

Einige der leichgewichtigen Supersportler erschrecken zuweilen mit heftigem Lenkerschlagen. Sieben Lenkungsdämpfer mussten an einer Honda CBR 900 RR zeigen, ob sie für stabilere Verhältnisse sorgen können.

Sechster Gang, Tacho 270. Testpilot Karsten Schwers macht sich noch etwas kleiner. Die Digitalanzeige wandert weiter, der Lenker beginnt leicht zu tänzeln. Karsten greift die Lenkerstummel noch fester und drückt die Oberschenkel an den Tank. Er ahnt, was ihm gleich bevorsteht: Ein kurzer Ruck, dann keilt der Lenker fast ansatzlos zwei-, dreimal von Anschlag zu Anschlag, bevor sich die Fuhre wieder beruhigt. Einmal mehr reagiert ein leichtgewichtiger Supersportler auf den tückischen Querrillen und Absätzen der A 81 mit heftigem Lenkerschlagen.Die Ursachen für dieses im Fachjargon Kickback genannte Phänomen sind vielfältig (siehe Seite 138). Als einzig wahres Beruhigungsmittel gelten Lenkungsdämpfer. Sieben Exemplare, bis auf den Bitubo, der eine Einzelabnahme erfordert, alle mit ABE, mussten an einer Honda CBR 900 RR in ausführlichen Fahrversuchen abseits der Rennstrecke zeigen, ob sie ihrem Ruf gerecht werden. Zusätzlich ermittelte die Fachhochschule Esslingen in einem aufwendigen Labortest ihre Kennlinien. Für die Wirksamkeit eines solchen Bauteils spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zuerst natürlich die geometrischen Anbauverhältnisse, die bei Lenkbewegungen den Weg des Dämpferkolbens im Gehäuse bestimmen. So legen die Kolben der universellen Nachrüstdämpfer an der Honda bei einem maximalen Lenkwinkel von 45 Grad zwischen 40 und 92 Millimeter zurück. Dieser Weg wiederum hat einen entscheidenden Einfluss auf die Kolbengeschwindigkeit und somit auf die Dämpferkennlinie, die den Zusammenhang von Kolbengeschwindigkeit und Kraft herstellt und damit das Dämpfungsverhalten im Ernstfall diktiert. Dann nämlich, wenn der Lenker der CBR 900 RR mit einer Eigenfrequenz von ziemlich genau vier Hertz (Schwingungen pro Sekunde) vollständig von links nach rechts ausschlägt. Bei derartigen Vollausschlägen würden die Kolben in den Dämpfern Geschwindigkeiten von 320 bis 740 Millimetern/Sekunde erreichen. Damit es in der Realität niemals so weit kommt, müssen ausreichende Dämpferkräfte bereits bei weit geringeren Geschwindigkeiten Lenkerschlagen im Ansatz unterbinden. Andererseits dürfen bei Lenkbewegungen des Fahrers keinerlei Einflüsse stören. Dieser Spagat gelingt am besten mit einer über die Geschwindigkeit progressiv ansteigenden Kraft. Ein weiteres Kriterium ist der Einstellbereich. In dem für das jeweilige Motorrad kritischen Bereich sollten die Kennlinien dicht beieinander liegen, um die optimale Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse von Motorrad und Fahrer zu gewährleisten. Gerade in diesem Punkt überzeugen einige Universaldämpfer aus dem Zubehör jedoch überhaupt nicht: Völlig unsinnig, ja sogar gefährlich ist beispielsweise ein unnötig breiter Einstellbereich, bei dem der Lenkungsdämpfer in den letzten Stufen nahezu blockiert und so bei unbeabsichtigten Manipulationen zum Sturz führt. MOTORRAD wertete daher Dämpfer mit einer solchen Charakteristik ab, selbst wenn sie in ihrer eigentlichen Funktion, dem Eliminieren des Lenkerschlagens, gut abschneiden. Die Gefahr eines blockierenden Lenkers sollte man bereits beim Anbau ausschließen, indem man den Lenkungsdämpfer so montiert, dass er nirgendwo anstößt, genügend Abstand zum Lenker hat und - ganz wichtig – auch an den jeweiligen Lenkanschlägen noch einige Millimeter Restweg aufweist. Über solche Dinge macht sich Karsten übrigens keine Gedanken, wenn er mit einem aktuellen Suzuki-GSX-R-Modell unterwegs ist - das hat nämlich einen gut funktionierenden Lenkungsdämpfer bereits serienmäßig.
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Bitubo (Archivversion)

Anbieter: Alpha-Technik, Telefon 08036/300720
Preis: 589 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 445 Gramm
Hub: 60 Millimeter
Eintragung: kein TÜV-Gutachten, Einzelabnahme
Einstellbereich: 20 Klicks
Ansprechkraft: 17,5* Newton
Dämpfungsverhalten: lineare Dämpferkennlinien mit deutlichen Differenzen Zug-/Druckstufendämpfung in den höheren Stellungen; sehr großer Einstellbereich, aber zu große Spreizung; sehr stark ansteigende Dämpfung ab Klick 15 bis zum Blockieren bei zugedrehter Dämpfung; feinerer Einstellbereich mit progressiveren Kennlinien wünschenswert
Fahrverhalten: auf der Landstraße zwölf Klicks notwendig; dabei macht sich ein leichter Widerstand in der Lenkung bemerkbar. Auf der Autobahn sorgt Klick 13 für Ruhe; ab Klick 14 ist die Fahrbarkeit beeinträchtigt
MOTORRAD-Urteil: bedingt empfehlenswert((Fußnote))* bei geöffnetem Ventil

Hyperpro (Archivversion)

Anbieter: Wilbers Products, Telefon 05921/6057
Preis: 818 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 450 Gramm (komplett)
Hub: 64 Millimeter
Eintragung: TÜV-Teilegutachten
Einstellbereich: elf Klicks
Ansprechkraft: 24 Newton*
Dämpfungsverhalten: Dämpfer mit nahezu linearen Kennlinien und weitem Verstellbereich auf einem insgesamt etwas zu hohen Niveau; nicht besonders ausgewogener Verlauf der Dämpferkraft zwischen den einzelnen Stufen; feinere Spreizung sowie stärkere Progression wünschenswert
Fahrverhalten: Gefahr des Lenkerschlagens wird auf Stufe neun sowohl auf Landstraßen als auch bei hohem Tempo deutlich gemindert. Ab Klick zehn nimmt die Dämpfkraft stark zu und beeinträchtigt das Fahrverhalten, bei zugedrehter Einstellung (Klick elf) besteht Sturzgefahr
MOTORRAD-Urteil: noch empfehlenswert

LSL/Showa (Archivversion)

Anbieter: LSL Motorradtechnik, Telefon 02151/555915
Preis: 699 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 650 Gramm
Hub: 100 Millimeter
Eintragung: TÜV-Teilegutachten
Einstellbereich: 16 Klicks
Ansprechkraft: 19 Newton*
Dämpfungsverhalten: linearer Kennlinienverlauf; viele überflüssige Einstellungen, da der Verstellbereich der Dämpfung deutlich zu niedrig angesiedelt ist und in der Spreizung zu eng beieinander liegt; kein Blockieren der Lenkung bei vollständig geschlossener Dämpfung
Fahrverhalten: auf der Landstraße auch bei komplett geschlossener Dämpfung (Klick 16) noch spürbare Unruhe auf Bodenwellen; besitzt keine Dämpfungsreserven und vermittelt daher auch bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn kein besonders sicheres Gefühl
MOTORRAD-Urteil: bedingt empfehlenswert

LSL Titan (Archivversion)

Anbieter: LSL Motorradtechnik, Telefon 02151/555915
Preis: 459 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 595 Gramm
Hub: 100 Millimeter
Eintragung: TÜV-Teilegutachten
Einstellbereich: sieben Klicks
Ansprechkraft: 15 Newton*
Dämpfungsverhalten: lineare Dämpferkennlinien; ausreichende Spreizung; Verstellbereich insgesamt etwas zu knapp; in geschlossener Stellung begrenzte Dämpfungskräfte; stärkere Progression wünschenswert
Fahrverhalten: auf der Landstraße mit Klick sechs sehr sicheres Gefühl bei noch akzeptabler Beeinträchtigung des Lenkverhaltens; hohes Autobahntempo erfordert allerdings maximale Dämpfung (Klick sieben) für ein sehr sicheres Fahrgefühl ohne Lenkerzappeln; keine Sturzgefahr durch übermäßig ansteigende Lenkkräfte bei höchster Dämpfer-Einstellung
MOTORRAD-Urteil: sehr empfehlenswert

Toby (Archivversion)

Anbieter: GL Motorradtechnik, Telefon 07432/14141
Preis: 649 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 415 Gramm
Hub: 48 Millimeter
Eintragung: TÜV-Gutachten in Vorbereitung
Einstellbereich: 20 Klicks
Ansprechkraft: 14 Newton*
Dämpfungsverhalten: Dämpfer mit linearen Kennlinien und verhältnismäßig feiner Spreizung, jedoch insgesamt deutlich zu großem Verstellbereich mit vielen überflüssigen Stellungen; ab Klick 16 starkes Anwachsen der Dämpferkräfte bis zum Blockieren in der letzten Stellung (Klick 20)
Fahrverhalten: Auf der Landstraße reicht Klick zehn aus, um Lenkerschlagen abzustellen; auf der Autobahn muss die Dämpfung für ein sicheres Gefühl um einen bis zwei Klicks erhöht werden. Ab Klick 15 herrscht Sturzgefahr wegen zu hoher Lenkkräfte
MOTORRAD-Urteil: bedingt empfehlenswert

White Power Gasdruck (Archivversion)

Anbieter: Stamsnijder–Olde Juninck Suspension, Telefon 05941/920780
Preis: 798 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 588 Gramm
Hub: 90 Millimeter
Eintragung: TÜV-Teilegutachten
Einstellbereich: 27 Klicks
Ansprechkraft: 6 Newton*
Dämpfungsverhalten: Kennlinien mit degressivem Verlauf; Verstellbereich viel zu gering, Spreizung viel zu fein; zu geringe Dämpferkräfte in geschlossener Stellung
Fahrverhalten: selbst bei vollständig geschlossener Dämpfung (Klick 27) kann der Gasdruck-Dämpfer von White Power Lenkerschlagen nicht verhindern, weder auf der Landstraße noch bei hohem Autobahntempo
MOTORRAD-Urteil: bedingt empfehlenswert

White Power Standard (Archivversion)

Anbieter: Stamsnijder–Olde Juninck Suspension, Telefon 05941/920780
Preis: 688 Mark (einschließlich Anbaukit)
Gewicht: 570 Gramm
Hub: 60 Millimeter
Eintragung: TÜV-Teilegutachten
Einstellbereich: 16 Klicks
Ansprechkraft: 14,5 Newton*
Dämpfungsverhalten: Dämpfer mit progressiven Kennlinien; Verstellbereich etwas grob, ebenso die Spreizung der einzelnen Dämpferstufen, die besonders in den höheren Stellungen feiner sein sollte
Fahrverhalten: Mit Klick zwölf hält sich die Beeinträchtigung der Fahrbarkeit in akzeptablen Grenzen, allerdings zappelt der Lenker bei Landstraßentempo gelegentlich. Bei Topspeed muss die Dämpfung komplett geschlossen werden, was das Lenkverhalten zwar etwas beeinträchtigt, aber nur noch leichte Unruhen zulässt
MOTORRAD-Urteil: empfehlenswert

Auslöser und Ursache für Kickback (Archivversion)

Speziell bei leistungsstarken Sportmotorrädern tritt Kickback meist bei hohem Tempo auf welligen Strecken oder bei Fahrbahnabsätzen auf. Dabei verhalten sich Motorräder mit starkem Auftrieb noch sensibler, da die stabilisierende Rückstellkraft des Nachlaufs durch die geringere Vorderachslast nachlässt. Reifen mit steifer Karkasse erhöhen die Tendenz zum Lenkerschlagen, weshalb oft spezielle Pneus mit hoher Eigendämpfung montiert werden. Bei steifen, schlecht ansprechenden Gabeln werden die Stöße in das Lenksystem eingeleitet und können Kickback auslösen. Ursache ist mitunter auch eine schlechte Stoßabsorbtion der Hinterradaufhängung sein, die beim Überfahren von Fahrbahnkanten Unruhe auf die Lenkung überträgt. Je handlicher die Lenkgeometrie ausgelegt ist, desto anfälliger wird ein Motorrad für das Phänomen. Reinrassige, leichte und superhandliche Rennmaschinen sind ohne Lenkungsdämpfer nicht zu bändigen. Zu viel Spiel im Lenkkopflager kann ebenfalls Kickback auslösen. Einige Hersteller schreiben sogar leicht vorgespannte Lager vor, um mit erhöhter Reibung im Lenksystem das Kickback zu mildern. Starker Spurversatz von Vorder- zu Hinterrad verstärkt die Anfälligkeit, da die Lenkung bereits bei Geradeausfahrt leicht eingeschlagen ist und bei Störimpulsen der Fahrbahn schnell mit Kickback reagiert. Vorbeugend kann der Fahrer auf welligen Passagen durch eine starke Gewichtsverlagerung nach vorn Kickback entgegenwirken. Bei hohem Tempo sollte er an Brückenabsätzen und Flickstellen das Gas schließen, um das Vorderrad stärker zu belasten. Beim harten Beschleunigen auf welligem Belag genügt ein leichter Impuls, etwa beim Schalten oder beim Überholvorgang durch den Richtungswechsel, um Kickback auszulösen.

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