Vergleichstest Ohrstöpsel (Archivversion)

Volles Ohr

Laut ist out. Auch unter dem Motorradhelm. Denn die hohen Lärmpegel des Fahrtwinds können das Hörvermögen schädigen. Und das will niemand. Ohrstöpsel können schützen, aber welche taugen zum Motorradfahren?

Ein Ohr läßt sich nicht einfach verschließen. Nicht wie das Auge, Lider zu, Licht aus. Das Ohr ist immer offen. Eine sinnvolle Einrichtung zu jener Zeit, in der die Feinde vorzugsweise zu Schlafenszeit anpirschten. Damals sollte das kleinste Geräusch Alarm auslösen.Der Mensch in einer hochzivilisierten Welt hat andere Probleme. Ständiger Lärm bereitet nicht nur Streß, ein anhaltender, konstanter Pegel läßt die im Ohr liegenden Sinneszellen abstumpfen. Motorradfahren produziert Geräusche. Vor allem der Fahrtwind umtost den Helm, und schon bei moderaten Geschwindigkeiten um die 100 km/h prallen Schalldruck-Summenpegel von über 90 Dezibel auf das Trommelfell. Konsequenz nach langer Fahrt: ein unangenehmes Pfeifen und Rauschen im Ohr.Am nächsten Tag sind diese Symptome zwar meist verschwunden, eine bleibende Schädigung ist jedoch nicht auszuschließen. HNO-Ärzte haben bei langjährigen Motorradfahrern Frequenzlöcher im sogenannten Audiogramm gefunden. Kein Wunder, legt der Arbeitsschutz für eine achtstündige Dauerbelastung 85 dB(A) als Grenzwert für eine gesundheitliche Schädigung des Gehörs fest. Einige Helmhersteller wie beispielsweise Baehr oder BMW haben deshalb ihre Kopfschützer - hauptsächlich durch Verbesserungen in der Aerodynamik - leiser gemacht und konnten eine Schallpegelreduzierung von bis zu 15 Dezibel erreichen. Doch für viele Motorradfahrer ist das nicht leise genug, deshalb greifen sie zu Ohrstöpseln. Diese sind zwar laut Straßenverkehrsordnung nicht erlaubt, denn »der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, daß (...) das Gehör nicht durch (...) Geräte beeinträchtigt« wird (§ 23 StVO). Sondergenehmigungen gibt es für Berufsfahrer, und zugelassen werden nur die Ohrstöpsel, die laut Berufsgenossenschaftlichen Institut für Arbeitsschutz eine gute Signalhörbarkeit von Hupen und Martinshörner gewährleisten. Alle Freizeit-Biker müssen bei einer Verkehrskontrolle mit einem Bußgeld von 20 Mark rechnen.StVO hin oder her, bei langen Autobahnfahrten tragen Ohrstöpsel zur aktiven Sicherheit bei, da die Konzentration nicht durch einen dröhnenden Schädel vom Fahren abgelenkt wird. Und, das haben Tests von BMW ergeben, die Signalhörbarkeit steigt mit sinkendem Lärmpegel im Helm.Deshalb hat MOTORRAD exemplarisch zehn Ohrschutzstöpsel getestet, die entweder im technischen Handel wie Baumärkten oder Werkzeugläden oder über die Motorradketten wie Louis vertrieben werden. Generell sind zwei Arten zu unterscheiden. Ohrstöpsel aus Schaum lassen sich zum besseren Einführen in den Ohrkanal mit den Fingern verformen. Dann quellen sie wieder auf und dichten ab. Sie verrutschen selten, wenn der Helm aufgesetzt wird, und drücken kaum nach längerer Fahrt. Außerdem lassen sich die Schaumstöpsel leicht reinigen, ein bißchen Spülmittel oder Feinwaschmittel genügt, um den Ohrschmalz zu entfernen. Und sie sind billig.Vorgeformte Stöpsel, die wie Tannenbäumchen oder Pilze aussehen, haben den großen Vorteil, ein fast unendliche Haltbarkeit zu besitzen. Ihr großer Nachteil liegt aber in ihrer geringen Flexibilität. Sie verrutschen meist beim Helmaufziehen oder drücken.Um reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen, bekam ein Dummy im BMW-Akustik-Windkanal (siehe Kasten Seite 138) die Stöpsel in seine mikrophonbestückten Ohren. Denn das menschliche Gehirn besitzt für Geräusche ein Erinnerungsvermögen von gerademal 80 Sekunden, das macht eine subjektive Beurteilung extrem schwer. Bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h wurde der Schalldruckpegel in Abhängigkeit von der Frequenz ermittelt (siehe jeweilige Graphik). Dabei bewiesen fünf Ohrstöpsel, daß sie über einen weiten Frequenzbereich dämpfen und deshalb für Motorradfahrer geeignet sind. Ein zweiter Testzyklus auf der Autobahn sollte zeigen, inwieweit die Ergebnisse des Akustik-Windkanals mit der subjektiv erfahrenen Realität übereinstimmen. Auch ob der restliche Straßenverkehr noch hörbar bleibt, war ein Kriterium der Testfahrten. Dabei stellte sich heraus, daß einige Ohrtöpsel wie der Hansaplast Lärmstopp Soft eher dafür gedacht sind, eine ruhige Nacht neben einer verkehrsreichen Straße zu verbringen. Sie dämpfen die anderen Verkehrsteilnehmer weg, lassen aber den Fahrtwind durch.
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Ohrenstöpsel: Vergleichstest (Archivversion) - So wurde getestet

Im Akustik-Windkanal
Um objektive Testergebnisse zu erzielen, konnte MOTORRAD den Akustik-Windkanal von BMW nutzen. Wind, ohne störende Nebengeräusche der Turbine, umtost einen mit einem Shoei XR-800 Jag behelmten Kunstkopf der Firma Cortex. In dessen dem menschlichen Ohr nachgebauten Öffnungen nehmen Mikrophone die Geräusche auf, die unverkleidete BMW R 850 R garantiert geringe Verwirbelungen.Bei der gemessenen Lärmbelastung ist weniger der Summenpegel aussagekräftig - dieser kann mit Ohrstöpsel sogar leicht höher ausfallen. Wichtig ist eine Dämpfung über einen größeren Frequenzbereich.

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