Vergleichstest Zubehör-Schalldämpfer (Archivversion) Der Ton macht die Musik

Wenn ein Motorrad serienmäßig so blechern tönt wie die Yamaha TDM 850, freut sich die Zubehörindustrie - das Geschäft mit den Nachrüst-Blechinstrumenten blüht. MOTORRAD testete zehn Anlagen.

»Schmeiß mich weg«, scheint die serienmäßige Zwei-in-zwei-Auspuffanlage der Yamaha TDM 850 nach dem ersten Blick und Höreindruck zu flehen. Der Anblick der klobigen Töpfe und der grausam blecherne Klang treffen den darauf unvorbereiteten Biker ziemlich hart. Was soll’s, Auswahl an Nachrüstteilen gibt’s genug - MOTORRAD wurde bei zehn Zubehör-Anbietern fündig. Um Manipulationen vorzubeugen, wurden die getesteten Anlagen inkognito im Handel eingekauft: sechs Zwei-in-zwei- (BSM, Giannelli, Laser, L & W, Motad, Supertrapp) und vier Zwei-in-eins-Anlagen (Devil, Remus, Sebring, Shark). Alle Anlagen sind mit einer EWG-Betriebserlaubnis versehen, erkennbar an dem eingeprägten »e« im Kreis, hier ist also weder die Eintragung noch das Herumschleppen irgendeiner Betriebserlaubnis nötig - anbauen und losfahren.Vorher muß natürlich erst einmal kräftig gezahlt werden: Die Preisspanne reichte von rund 750 Mark (Giannelli und L & W) bis rund 1400 Mark (Supertrapp) - das Vorurteil, daß Nachrüstanlagen billiger seien als die Originalteile, stimmt also nicht immer. Schließlich kostet die Serien-Anlage in der Version mit matter Oberfläche rund 1060 und in der verchromten Variante, seit 1993 verbaut, rund 1340 Mark. Letztere Zahl markiert übrigens einen echten Fortschritt, denn für den TDM-Gebrauchtkauf (Heft 3/1996) gab der deutsche Importeur noch über 2000 Mark für das Chromteil an, versprach aber gleichzeitig, die Kalkulation noch einmal zu überdenken - Versprechen eingehalten.Vorurteil Nummer zwei: Nachrüst-Anlagen sind nicht paßgenau. Stimmte hier nicht. Bei der Montage gab es keine üblen Ausreißer - alle Anlagen ließen sich unerwartet leicht und schnell montieren. Lästig ist nur, daß für die Montage der Anlagen von Devil und Supertrapp die zirka 20 Mark teure Yamaha-Auspuffdichtung benötigt wird, aber nicht zum Lieferumfang gehört. Und aus dem Serienauspuff läßt sie sich meist nicht mehr herauspulen, da sie dort hoffnungslos festgebacken ist.Ein weiteres Vorurteil: Nachrüst-Anlagen bringen kräftig Mehrleistung. Weit gefehlt. Keine einzige der getesteten Anlagen konnte auf dem Bosch-Rollenprüfstand die Leistungskurve knacken, die die Referenz-TDM (Typ 3VD, Erstzulassung 1993, Kilometerstand zirka 62 000) mit der Serien-Anlage vorlegte - schließlich galt es, stramme 79 PS bei 7600/min zu schlagen. Am saftlosesten erwies sich die TDM mit den Anlagen von Remus (72 PS) und Shark (73 PS).Wichtiger noch als die Höchstleistung dürfte den meisten Fahrern aber der Drehmomentverlauf sein, denn die TDM läßt sich bekanntermaßen recht schaltfaul fahren. Doch hier trumpfte die Serien-An lage mit 82 Nm bei 3500/min uneinholbar auf. Die maximalen Drehmomente, die mit den Nachrüst-Anlagen erzielt wurden, lagen sämtlich niedriger und dummerweise auch noch bei deutlich höheren Drehzahlen an - besonders die Anlagen von Remus und Sebring kosteten deutlich Kraft aus dem Keller. Und gerade im gern genutzten Drehzahlbereich zwischen 3000 und 4000/min zeigten alle Anlagen Defizite - ein Zugeständnis an das geringere Volumen der Nachrüst-Anlagen, die meist mit einer schlankeren Linie glänzen wollen.Kleineres Volumen heißt geringeres Gewicht, und hier wird in den meisten Fällen tatsächlich satt eingespart. Die leichteste Anlage mit 4,6 Kilogramm kam von Shark, gegenüber der Serienanlage mit einem Gewicht von 10,1 Kilogramm immerhin eine Einsparung von 5,5 Kilogramm. Doch es geht auch anders, denn die Anlagen von Giannelli und Supertrapp waren tatsächlich noch schwerer als das Serienteil (11 und 12,4 Kilogramm).Kommen wir jetzt aber zum eigentlichen Knackpunkt, dem Sound. Fatalerweise ist bei der Giannelli-Anlage überhaupt kein Unterschied zur Serienanlage herauszuhören, und auch die Anlagen von Motad und Sebring weichen nur marginal ab. Mit der Supertrapp-Anlage grollt die TDM dagegen wie ein BoT-Rennmotorrad, mit der L & W-Anlage verwandelt sie sich soundmäßig in so etwas ähnliches wie einen BMW-Boxer und mit der Shark-Anlage - in einen knatternden Krawallbruder. Es erscheint vollkommen unverständlich, wie diese Anlage die EWG-Betriebserlaubnis erhalten konnte.Ein kurzer Exkurs zur Geräuschmessung: Ein Nachrüstdämpfer darf maximal die Geräuschwerte erreichen, die im Brief und Fahrzeugschein des betreffenden Fahrzeugs eingetragen sind. Im Fall der Yamaha TDM 850 vom Typ 3VD bedeutet das: 90 dB(A) Standgeräusch und 80 dB(A) Fahrgeräusch. Da es aber bei den Fahrzeugen herstellungsbedingt Streuungen gibt, darf das für die Messung verwendete Motorrad beim Standgeräusch drei und beim Fahrgeräusch ein dB(A) lauter sein. Die von MOTORRAD verwendete Referenzmaschine aus dem ACTION-TEAM-Fuhrpark blieb mit 88 dB(A) im Stand locker und mit 81 dB(A) Fahrgeräusch gerade noch innerhalb dieses Toleranzbereichs. Wer’s genau wissen will: Das Standgeräusch wird nach der EWG-Vorschrift 78/1015 bei halber Nenndrehzahl (bei der TDM 850 also mit rund 3800/min) in einem halben Meter Abstand und einem Winkel von 45 Grad hinter der Auspuffmündung gemessen. Das Fahrgeräusch wird dagegen innerhalb einer 20 Meter langen Teststrecke ermittelt, Meßabstand 7,5 Meter, Fachterminus: »beschleunigte Vorbeifahrt.« Das Motorrad wird hier aus 50 km/h voll beschleunigt, zweimal im zweiten und zweimal im dritten Gang, jeweils zweimal von links und von rechts kommend, insgesamt also achtmal. Theoretisch hätten hier alle zehn Nachrüstanlagen bestehen müssen - schließlich haben ja auch alle das »e«-Zeichen, doch oh Wunder: Nur die Anlagen von Giannelli, L & W, Motad, Remus und Sebring hielten die geforderten Geräusch-Grenzwerte ein.Um sich ein noch umfassenderes Bild des Geräuschverhaltens der Auspuffanlagen machen zu können, testete MOTORRAD auch die Lautstärke bei Leerlaufdrehzahl, also das Minimalgeräusch, und außerdem das maximale Geräusch, das bei beschleunigter Vorbeifahrt im zweiten Gang bei Nenndrehzahl entwickelt wird.»Schmeiß mich weg«, fleht die Original-Anlage? Man muß diesem Ruf nicht zwingend folgen.

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