Werkzeug-Report (Archivversion)

Stahl-Kunst-Werk

Metall und Kohlenstoff – Zutaten für gutes Werkzeug. Die damit arbeiten, schwitzen manchmal Blut und Wasser. Ein Report über nützliche Eisenwaren, die für passionierte Schrauber zu Kunstgegenständen werden können.

Manche Dinge bezaubern mit Schönheit. Sind aber nutzlos. Schmuck zum Beispiel. Andere nützen
einem, sind jedoch schmucklos. Werkzeug zum Beispiel. Nutzwert und Ästhetik wollen sich, so scheint es, nicht gerne paaren. Herr T. sieht das ganz anders. Für ihn sind nur wenige Dinge schöner als sein Werkzeug. Herr T. möchte übrigens lieber anonym bleiben, denn wenn seine Nachbarn wüssten, welcher Wert
in Form von eigentlich unscheinbarem Metallgedöns bei ihm daheim in der Garage lagert – sie würden ihn für verrückt erklären. Auf einige zigtausend Euros beziffert er den Inhalt seines wohl geordneten Werkzeugwagens. Nein, mit Vernunft habe das wenig zu tun, gibt Herr T. zu. Doch er habe jahrelang an alten Motor-rädern und Autos herumgeschraubt.
Narben als Resultate von abgerutschtem Werkzeug bekunden diese im wahrsten Sinne des Wortes einschlägigen Erfahrungen. Damals schwor sich Herr T.: Irgendwann will ich nur noch mit dem
besten und teuersten Werkzeug arbeiten. Snap-on, das war sein Traum. Snap-on, so heißt ein sündhaft teures Werk-
zeug aus den USA, mit dem Herr T. nun
tat- und hauptsächlich seine Schrauber-Heimstatt bestückt hat.
Hans Kriegel ist der Snap-on-Dealer, der Herrn T. seine geliebte Ware geliefert hat. »Dealer« nennt der US-amerikanische Hersteller seine mobilen Handelsvertreter, von denen allein in Deutschland rund 50 auf Tour sind. Eine Bezeichung, die Kriegel gar nicht mag. Der bodenständige Außendienstler aus Zell verkauft seit über 20 Jahren Snap-on-Tools. Privatkunden wie Herr T. seien jedoch die Ausnahme, betont er. »Harley-Davidson-Fahrer habe ich einige, weil die nach Werkzeug
für Zollschrauben suchen.
Außerdem geben diese Leute schon viel Geld
für die Maschine aus und sparen auch nicht am Werkzeug.« Ein herkömmlicher Ring-Maulschlüssel kostet bereits rund 30 Euro. Dafür gibt es auch 30 Jahre Garantie. »Eigentlich sogar lebenslang, aber eine lebenslange Garantie erlaubt das deutsche Gesetz nicht. Vor einiger Zeit kam einer mit einem kaputten Schraubendreher, den er aus seiner Kriegsgefangenschaft in Amerika mitgebracht hatte. Ist anstandslos ersetzt worden«, erklärt Hans Kriegel nicht ohne Stolz und steigt in seinen alten Transporter, der
nur einen Bruchteil von den Eisenwaren im Wageninnern wert ist.
Edle Werkzeuge wie die von Snap-on oder vom europäischen Marktführer Facom aus Frankreich, der zum Beispiel das Ferrari-Formel-1-Team beliefert, sind teuer. Hobbyschrauber, die auf Schraub-Utensilien der Kategorie »Bleib-mir-bloß-weg-mit-deinem-schmutzigen-Motorrad-von-meinem-Werkzeug« verzichten können, marschieren eher in den nächsten Baumarkt und suchen dort Beratung. Käufer: »Welches Schrauberwerkzeug empfehlen Sie?« Verkäufer: »Alles im Gang 30.« Käufer hin zu Gang 30, Auswahl eines Komplettsortiments, zurück zum Verkäufer. »Und, taugt das was?« »Ja, klar. Immer.« »Schrauben Sie selbst damit?« Verkäufer: »Nein.« Pause. Dann, entschuldigend: »Ja nun, was soll ich sagen? Ist hier schließlich mein Arbeitgeber.« Zugegeben, dieses real erlebte Verkaufsgespräch sollte nicht als Maßstab gewertet werden. Aber wer im Zehn-
Meter-Sprint vor der Kasse noch schnell
einen Werkzeugkasten im Sonderangebot abgreift, den kann das später teuer
zu stehen kommen. Stimmt die Maßhaltigkeit des Werkzeugs etwa nicht, können abgerundete Schraubenköpfe und ähnliche Do-it-yourself-Desaster das Ergebnis der Arbeit sein. Rainer Langelüddecke, Geschäftsführer vom Fachverband Werkzeugindustrie (FWI) in Remscheid, warnt dringend vor Billigwerkzeug: »Auf den ers-
ten Blick günstig, auf den zweiten schlecht, im Gebrauch sogar gefährlich.« Lange-
lüddecke kann den Endverbraucher, der seine Taler beim Kauf zusammenhält,
jedoch verstehen. Die Preisunterschiede zwischen No-Name-Produkten und Werkzeugen von Markenherstellern seien schließlich auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen, schon gar nicht, wenn Augenwischerei betrieben wird.
Ist etwa »designed in Germany« angegeben, so zeige das lediglich, dass die Schraubenschlüsselform in Deutschland gezeichnet wurde, die eigentliche Produktion könne jedoch im hintersten China laufen, klärt der FWI-Vorsitzende auf.
Preisunterschiede ergeben sich aus der Stahl-
qualität, dem Herstellungsverfahren und den Arbeitskosten. Werkzeug »made in Germany« ist meist teurer als Fernostware, weil es bestimmte Richtlinien und strenge Umweltauflagen erfüllen muss. Gerade beim Verchromen oder bei Schleifprozessen fallen viele umweltbelastende Stoffe an, deren Entsorgung hier zu Lande scharf überwacht wird. »Die Gift-
brühen, in denen die Schraubenschlüssel baden, werden in manchen asiatischen Produktionsländern einfach in den nächsten Fluss gespült. Wie bei uns vor Jahrzehnten auch,
wir waren ja nicht viel besser«, sagt Werkstoffkundler Dr. Helmut Huber aus Remscheid. Der Fortschritt in Sachen Umweltschutz schlägt sich nun im Preis für jeden einzelnen Schraubenschlüssel nieder, ebenso wie die hohen Arbeitslöhne und Betriebskosten in Deutschland, ergänzt Langelüddecke vom FWI. Damit die
Produktion künftig nicht ausgelagert
werden muss, solle der Endverbraucher nur hiesiges Markenwerkzeug kaufen.
Dieser tut sich indes schwer, politische Korrektheit als Kaufargument zu
sehen und sucht nach preiswerten Angeboten. Wie sie beispielsweise der Hersteller Lux bietet. Der lässt den Großteil seiner Werkzeuge in Deutschland produzieren, stellt sich den gängigen Qualitätsnormen und beliefert hauptsächlich große Baumärkte wie Obi. Die sorgen für massenhaften Absatz, was wiederum günstige Preise ermöglicht.
Für die Kunden zählt sowieso meist nur das, was draufsteht: »Chrom-Vanadium«, das klingt gut. »Immerhin ein nachvollziehbares Qualitätsmerkmal«, erläutert Experte Huber. Bezeichnungen wie »Spezialstahl« oder »Werkzeugstahl«, wie sie auf vielen Billigprodukten prangern, seien dagegen wenig aussagekräftig. Bei Chrom-Vanadium ist hingegen sichergestellt, dass es sich um eine in der Werkzeugherstellung übliche Stahllegierung handelt. Bei dieser beträgt der Eisenanteil im Durchschnitt mindestens 98 Prozent, der Anteil der namensgebenden Metalle Chrom und Vanadium nur ein beziehungsweise 0,1 Prozent. Um den mechanischen Belastungen standzuhalten, wird der Stahl mit
etwas Kohlenstoff (unter ein Prozent) angereichert und
dadurch gehärtet. Gleichzeitig sind diese Stahllegierungen besonders biegsam. Minderwertigere Stähle hingegen sind spröde und brechen unvermittelt. Eine Verformung dagegen dient als Vorwarnung, dass das Werkzeug an seine Grenzen gerät und somit der Sicherheit des Benutzers. Neben Chrom-Vanadium eignen sich auch Legierungen von Chrom, Nickel und Molybdän, wie sie zum Beispiel Snap-on verwendet.
Von den Produktionsweisen der heute global agierenden Unternehmen konnten die ersten deutschen Werkzeughersteller nur träumen. Sie
kamen aus dem Bergischen Land nahe Wuppertal und Remscheid. »Viel Wasser, tiefe, dunkle Täler, wenig zu
beißen, dafür aber Eisenerz. Das waren die Bedingungen, unter denen die Menschen in dieser Zeit lebten«, zeichnet Dr. Urs Diederichs, Leiter des Deutschen Werkzeugmuseums in Remscheid, den historischen Hintergrund für die erste Werkzeugproduktion größeren Ausmaßes. Die Menschen stauten Bäche auf, betrieben damit über Wasserräder die Hämmer zum Schmieden von Eisenwerkzeug. Zwei Konzentrationen gab es in Deutschland: neben dem Bergischen Land den Thüringer Wald bei Schmalkalden, wo ähnliche Bedingungen herrschten. Schmalkalden war später Zentrum der DDR-Werkzeugindustrie, das Gebiet der Wupper-Zuflüsse bei Remscheid
und dem heutigen Stadtteil Wuppertal-Cronenberg ist noch heute als das
Werkzeug-Valley Deutschlands anzusehen, weil hier ein Großteil der Hersteller sitzt. Die Firmengründer der deutschen Spitzenhersteller wie Hazet (Familie
Zerver) oder Gedore (Gebrüder Dowidat) in Remscheid waren schon Mitte des
vorletzten Jahrhunderts als Schmiede oder Werkzeughändler tätig. Mit fast der gleichen Tradition werden in Schrauberkreisen die Vorlieben für bestimmte
Marken an nachfolgende Generationen weitergegeben. Auf »Stahlwille«, setzt vielleicht der Schwiegervater. »Belzer«
bevorzugt der Onkel. Einig sind sich alle: Qualitätswerkzeug muss es sein.
Das empfiehlt auch Stefan Use von der Eisenwarenhandlung Lüdemann in Hamburg seinen Kunden: »Ein Handwerker weiß, dass sein Qualitätswerkzeug nicht kaputt, sondern eher verloren geht.« Lüdemann ist die erste Adresse für Motorradschrauber in der Hansestadt. Im unscheinbaren Sieb-
ziger-Jahre-Bau finden diese alles zu ihrem Glück: einzelne Schrauben, ganze Werkzeugsortimente und jede Menge gute Infos und Tipps. Einsteigern und Sparfüchsen rät Use zu weniger traditionsreichen Marken wie Proxxon oder KS tools, die er wegen ihrer Qualität und des stimmigen Preis-Leistungs-Verhältnisses mit gutem Gewissen empfehlen kann. Und anders als bei namenlosen Waren aus dem Supermarkt können Einzelteile nachgekauft werden. Gutes Werkzeug, gute Arbeit, so das Motto bei Lüdemann.
»Allein das Werkzeug repariert noch kein Motorrad«, setzt Berthold Wagner, Werkstattleiter bei Auto-Staiger in Stuttgart, dem entgegen. »Beim Stoppie ist
ja schließlich nicht der Bremshebel, sondern der Fahrer entscheidend.« Auf Qualität will er dennoch nicht verzichten, da bei dem hohen Verschleiß in einer Profiwerkstatt seiner Meinung nach Billigwerkzeug kaum ein paar Wochen durchhalten
würde. »Jeder Markenhersteller hat Stärken und Schwächen. Wir arbeiten nur
mit dem Besten von jedem«, unterstreicht er. Das brauche ein Hobbyschrauber jedoch nicht. Dieser sollte sich lieber um passendes Werkzeug für das Motorrad kümmern. Gerade einige japanische
Modelle benötigten zum Beispiel große Inbusschlüssel, die selten in einem gewöhnlichen Sortiment zu finden sind. Außerdem rät Berthold Wagner: »Erst
putzen, dann schrauben. Nur wenn alles hell und sauber ist, lässt sich wirklich gut arbeiten.« Zeigt dann aber grinsend auf den unaufgeräumten Werkstattwagen eines Gesellen. »Na ja, wer das Chaos beherrscht, auch gut. Mein
bester Mann.«
Werkzeug ist schön. Und nützlich. Gut so. Werkzeug ist eine Wissenschaft für sich. Wird manchmal sogar zur Leidenschaft, zu einer Sammler-Leidenschaft. Denn ein Werkzeugkasten oder eine Werkstatt ist nie komplett. Immer fehlt was. Vielleicht noch dieses eine Teil kaufen, das jetzt ganz praktisch wäre. Oder das ein-
fach nur toll aussieht. Meine Güte, andere geben ein Vermögen für Familien-Porzellan aus. Oder kaufen
sich Rolex-Uhren. Na und? Fehlt das Geld fürs anständiges Werkzeug, kann man ja immer noch das Motorrad in die Zeitung setzen.
Anzeige

Werkzeug-Report: Beratung (Archivversion)

Voller Hobbykeller oder kompakte Werkzeugkiste?
Wer noch nichts hat, sollte sich Stück für Stück
an eine vernünftige Grundausstattung herantasten,
um sich später nicht über unnützes Werkzeug
zu ärgern. MOTORRAD sagt, was in die gute Hobbyschrauber-Stube gehört und empfiehlt Produkte,
die sich jeder leisten und mit denen man bedenken-
los arbeiten kann.

Werkzeug-Report: Beratung (Archivversion)

Als Einsteiger ist die Versuchung groß, zu einem kompakten Komplettkasten
zu greifen. Alles schön beieinander und zudem oftmals schön günstig. Auch als Geschenk macht er was her. Spricht
eigentlich nichts dagegen. Oder doch?
Transportable Komplettsets sind praktisch, besonders
außer Haus, etwa bei einem Renntraining. Vorausgesetzt, die Quali-
tät stimmt. Sich jedoch nur auf
sein Fertigsortiment zu verlassen ist keine Ideallösung. Sind einzelne Stecknüsse oder Schraubenschlüssel in anderen Größen zusätzlich vonnöten, müssen diese getrennt aufbewahrt werden – die schöne Ordnung ist dann dahin. Schlimmer: Manche Hersteller bieten für ihre Sets keine Nachrüstmöglichkeit von Einzelteilen. Davon lieber Abstand nehmen! Unter Umständen bezahlt man außerdem ungewollt nicht benötigtes Werkzeug mit. Besser ist deshalb der gezielte
Kauf von Einzelteilen, bis eine dem
Motorrad entsprechende Grundausstattung vorhanden ist. Für diese sollte man sich nach einem geeigneten Aufbewahrungssystem (Koffer, Kasten, Wagen mit Ablage-
fächern für Kleinteile) umschauen. Auch für Bordwerkzeug gilt: über-
legen, was auf Tour wirklich wichtig ist, erst dann die Tasche packen.

Werkzeug-Report: Beratung (Archivversion)

Hersteller
Bahco Belzer, Telefon 0202/4797-0, www.bahco.com/DE/; Beta Utensili, Sovico/I, über mobil-tech, Telefon 07424/
6140, www.beta-tools.com; Carolus, siehe Gedore; Elora, 02191/56270, www.elora.de;
Facom, Telefon 0202/270630, www.
facom.de; Felo, Telefon 06692/88-0, www. felo.com; Gedore, Telefon 02191/596-0, www.gedore.de; Hazet, Telefon 02191/792-0, www.hazet.de; Heyco, Telefon 02191/205-0, www.heyco.de; Knipex, Telefon 0202/
4794-0, www.knipex.de; KS tools, Telefon
06104/4974-0, www.kstools.de; Lux-
Werkzeuge, Telefon 02196/76-4000,
www.lux-werkzeuge.de; Matador, Telefon 02191/9743-0, www.matador-germany.com; Metrinch Sereno, Utrecht/NL, Telefon
0031/302415011 www.metrinch-tools.com; Moto Detail über Louis, Telefon 040/
73419360, www.louis.de; Proxxon, Telefon
06575/78-0, www.proxxon.com; Rahsol Dremotec, siehe Gedore; Snap-on, Telefon 02104/9509-0, www.snapon.de; Stahlwille, Telefon 0202/4791-0, www. stahlwille.de; Stanley Bostitsch, Telefon 0421/
59877-7, www. stanleyworks.com; Wera, Telefon 0202/4045-0, www.wera.de; Wiha, Telefon 07722/9590, www.wiha.com

Versandhändler
HDL Stützpunkthandel, Telefon 02206/902472, www.hdl-shop.de; mobil-tech, Telefon 07424/6140, www.mobil-tech.de; Westfalia Werkzeug, Telefon
01805/303132, www.westfalia.de

Sonstiges
Deutsches Werkzeugmuseum in Remscheid, Telefon 02191/162519, www. werkzeugmuseum.org; Fachverband Werkzeugindustrie e. V., Telefon 02191/438-31, www.werkzeug.org; Werkzeugforum (Internetportal),
www.werkzeugforum.de

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote