100 Jahre MOTORRAD: Peter Limmert (Archivversion)

Die Dialektik der Aufklärung

Peter Limmert bei MOTORRAD. Jetzt geht er. arbeitete, Ducati fuhr und auch bei MOTORRAD

Kündigung 1Nach der zweiten Flasche Rotwein haben sie sich angebrüllt und gegenseitig gekündigt. Nicht immer, aber immer öfter. Luckner mochte das. Helmut Luckner, der Chefredakteur. Nicht dass er sadomasochistisch gepolt gewesen wäre, nein, Luckner brauchte einfach einen wie den Limmert, der nicht so poliert war wie er selbst, ein Original eben neben den Kollegen, die Luckner, 1976 war’s, neu eingestellt hatte. Um aus MOTORRAD »ein modernes und leserfreundliches Magazin« zu machen. »Wir müssen die Geschichten besser verpacken«, tobte Luckner durch die Redaktion. »Quatsch«, knurrte Limmert, »ein Journalist muss nicht ver-, sondern auspacken.« Und Limmert, der Sturkopf, packte aus, erst im Ressort Test, sodann im Magazin und schließlich im Service.Limmert und JamesEinmal war Limmert mit Luckner in Wien. Dienstlich und samt Zwölfzylinder-Jaguar. Luckner sah aus wie immer – todschicke Feine-Leute-Uniform mit noch tödlicherer Krawatte. Limmert bürgte für Kontraste. Mit T-Shirt, Lederjacke, Haaren lang und wirr sowie dezent gezeichnet von durchzechter Wiener Nacht. In diesen Zuständlichkeiten also luxuskarossten die zwei einem »österreichischen Faschisten«, sagt Limmert, und dessen Grenzerkelle entgegen. Luckner am Steuer, Limmert hatte nie den Autoschein gemacht. Dem Grenzer kam diese Fahrgemeinschaft von Herr und Penner arg verdächtig vor, hob darob so eifrig wie dämlich zu investigieren an. Bis Limmert befand: »James, es reicht, fahren Sie!« Es war einer dieser Momente, da bewies sogar Luckner Humor, dienerte »Sehr wohl, der Herr«, gab fürchterlich Gas. So verblüfft war er, der Zöllner, dass er sie davonbrausen ließ.Limmert und die E-SaiteLimmerts Gehör war so gut, dass er es nicht ertrug, sich selbst auf der Geige kratzen zu hören. »Diese E-Saite aus Stahl, die hat mich zur Verzweiflung gebracht.« Und in der Folge auch Limmerts Vater, Musikkritiker bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Ausgerechnet. »Aber Ihr Sohn kam doch gar nicht mehr zum Unterricht«, bekam er von Fräulein Lapsch, der Limmert’schen Musiklehrerin, zu hören, als die Limmert senior Geld für nie erteilte Geigenstunden zurückbrachte. Statt des Instruments hatte Limmert junior, der Schein und Termine zu wahren wusste, Angelzeug in den Kasten gepackt. Forellen ja, Quintett nein. Und lernte Trompete, spielte in einer Jazzband. Bebop. Avantgarde-Getröte. Vater schüttelte den Kopf und war, eines denkwürdigen Tags, dann doch heilfroh ob der kakophonen, wie er meinte, Obsessionen seines Sohnes. Miles Davis und John Coltrane nämlich kamen 1960 nach Hannover, und er, der Kritikus, hätte was schreiben sollen. Wozu der Freund klassischer Harmonien sich schlichtweg außerstande sah. Also schickte er Junior hin, und der lieferte ihm eine Konzertkritik, unter die Senior ebenso treulich wie erfreut seinen Servus setzte. War, wenngleich in Vaters Namen, Limmerts erste journalistische Tat.Kündigung 2Bevor Limmert zu MOTORRAD kam, schaffte er für Honda in Offenbach. Technische Abteilung. Garantiegeschichten. Sowie dies und das. Zu Letzterem gehörte auch die Verpflichtung, die Ehre von Honda Deutschland beim internationalen Fußballturnier der Marke zu verteidigen. Völlig überrascht ob des Einzugs ins Finale beim Meeting in London gaben sich rechter Läufer Limmert und der Rest der Kicker derart die Kannen Guinness, dass sie beim Showdown gegen die belgischen Hondarianer regelrecht vom Platz gefegt wurden. Verkatert. Schmählich. 3:8. Die Spieler nahmen’s locker. Nicht so die japanischen Bosse. Gedachten, die komplette Mannschaft zu entlassen. »Mich schon zur Halbzeit«, erinnert sich Limmert. Und als er dann noch mit seiner 350er-Königswellen-Ducati die Chefs erboste – »Sie wissen doch, Sie können von uns jede Honda haben« –, war es an der Zeit zu gehen. Zu MOTORRAD.Limmert in AustralienNach dem Abi, dem vermaledeit humanistischen, zog Limmert gen Innsbruck. Zum Studieren. Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte. Und um dem Barras zu entgehen. »Austria« hatte er dem Kreiswehrersatzamt als neues Domizil hinterlassen. Weil dort nicht nur die hellsten Typen die Ärmelschoner überziehen, hat der Amtsschimmel Austria subito nach Australien verlegt. Und da das so weit weg liegt, Limmert zur Karteileiche erklärt. Seelenruhig konnte er also nach ein paar Semestern nach Hamburg wechseln, wo ihm in einem Antiquariat die Erstausgabe von Horkheimers und Adornos »Dialektik der Aufklärung« in die Hände fiel. Danach war klar: »Ich muss zu meinen zwei alten Juden.« Nach Frankfurt also, an die Uni. Wo er Adorno, der Jazz für Schnickschnack hielt, anmachte: »Ich möchte nicht wissen, was für Scheißbands Sie während Ihres Exils in New York gehört haben.« Wo Limmert Samuel Beckett übersetzte, seinen Lieblingsautor. »Watt« – den Roman gab’s damals nicht auf Deutsch. Wo er mit Leuten vom SDS rauchte, trank, diskutierte, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Dessen Sektion Hannover er mit gründete. Und aus der Limmert austrat, als er die Texte einer Songgruppe aus der DDR coram publico so unbarmherzig kritisierte, dass man ihn zu einem »ernsten Gespräch« lud. »Ich wollte was ver-ändern, keinem Spießerverein beitreten«, sagt Limmert. Auch, dass dort ein Typ das Maul noch weiter aufgerissen habe als er selbst. »Mit dem war ich danach Guinness vernichten.« Mit dem Franz Josef Degenhard. Irgendwie befindet sich Limmert immer in bester Gesellschaft. Und demnächst noch öfter unter dem Nussbaum in Freundin Elfies Garten.
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100 Jahre MOTORRAD: Peter Limmert geht nach 30 Jahren in den Ruhestand (Archivversion) - Schiesser-Feinripp

Franz Josef Schermer, einst Redakteur bei MOTORRAD, später Chef von MO, besorgte Freund Limmert einen Job in der Redaktion.
1973 im Sommer. Ich rief bei Honda an, bestellte Zündkerzen für eine CB 350 Four. »Wann brauchen Sie die?« »Übermorgen am Ring.« »Bringe ich hoch!« sagte der Technikus. Kam also einer auf einer Ducati herangepoltert, stellte sich als »Limmert von Honda« vor. Abends quatschten wir uns fest. Und weil es ruck, zuck richtig spät geworden war, nahm ich Limmert mit auf mein Einzelzimmer, und er legte sich auf den Fußboden. Limmert musste mal, ging nach draußen. Als er wieder ins Hotel wollte, war die Tür ins Schloss gefallen. Also hämmerte er so lange dagegen, bis der Nachtwächter kam und mit Limmert einen Streit anfing. Er, in Schiesser-Feinripp korrekt gekleidet, wolle ja nur zum Schermer ins Zimmer, sagte er. Peinlicher Auftritt. Vielleicht. Dennoch sagte ich am nächsten Tag zum Chef: »Schau dir mal den Limmert an! Ich glaub’, der passt zu uns.“

100 Jahre MOTORRAD: Peter Limmert geht nach 30 Jahren in den Ruhestand (Archivversion) - Wenn die Kamele brüllen

Als Volontär lernte Andreas Schulz, heute MOTORRAD online, vom Limmert die ehernen Regeln des Journalistenwesens.
Limmert hatte noch ein Manuskript über Afrika zu redigieren. Scheinbar ziellos schlich er durch die Gänge der Redaktion, eigentlich nicht ansprechbar und dennoch dankbar für jede Ablenkung. Bis er plötzlich vor Produktionschef Paul stand. »Peter, was ist denn mit der Afrika-Geschichte?« Limmert erstarrte und benötigte drei Sekunden, um sich zu sammeln. Dann durfte ich ein Lehrstück aus dem Kapitel »Wie stelle ich einen Produktioner ruhig« erleben: »Du, ich sach dir mal was«, fauchte er, »Texttermin ist morgen. Heute abend gehe ich nach Hause und mach‘ mir ‘ne Flasche Rotwein auf. Und dann noch eine. Und wenn ich die Kamele brüllen höre, dann fange ich an zu schreiben.« Meine Erkenntnis: Wer den Weg zur Schreibmaschine nicht findet, braucht Termindruck. Und die kürzeste Route von Stuttgart nach Timbuktu führt durch den Weinkeller. Danke, Peter.

100 Jahre MOTORRAD: Peter Limmert geht nach 30 Jahren in den Ruhestand (Archivversion) - Schlimmert geht’s nimmert

Peter Rosenberger, in den 80er Jahren bei MOTORRAD, weiß noch, wie Limmert einmal Eric Burdon wieder zum Rauchen verführte.
Von wegen Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Nach einem Interview mit Eric Burdon begleiteten Limmert und ich den Sänger, der auf dem Gesundheitstripp war, in einen Supermarkt, um ihn bei der Auswahl von Magermilch-joghurt und Halbfettmargarine zu beraten. Beim Festival auf der Loreley ein paar Wochen später war ich mit Peter und unserem neuen Freund Eric am Backstage-Eingang verabredet. Doch Peter kam nicht, deshalb klopfte ich irgendwann allein an Burdons Wohnmobil – innerlich vorbereitet auf ein wildes Gelage mit grünem Tee und Müsliriegeln. »Hey, you are late.” Dichte Nebelschwaden waberten. Irgendjemand schmiss sich da hinten weg vor Lachen. Niemand anders als mein Kollege Peter Limmert. Schade eigentlich, dass aus Erics Idee, Peter solle mit ihm auf die Bühne gehen und »When I was young« im Duett singen, dann doch nichts wurde.

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