125er-Vergleich mit Referenz Suzuki SV 650 S (Archivversion)

Richard war der Erste. Stand um 8.30 Uhr in der Redaktion. Der erste von fünf Gasttestern, die MOTORRAD unter www.youngbiker.de aus dem Netz gefischt hatte, um zu erfahren, was junge Biker wirklich bewegt. Wie sie drauf sind, worauf sie abfahren. Die Versuchsanordnung: sieben 125er sämtlicher Couleur, eine 34-PS-Maschine. 150 Kilometer Landstraße, drei Stunden Hockenheim, eine Runde schlafen und zurück. Adrenalin direkt.Über 200 Bewerbungen gingen ein. Gegen die Wahl eines repräsentativen Querschnitts aus Sportfan, Rollerfahrer, holder Weiblichkeit und Crosscrack war die Zusammenstellung des Testfelds ein Kinderspiel: Aprilia RS 125 Replica, claro, weil seit Menschengedenken 125er-Klassensprecherin. Cagiva Mito, logo, wegen Weltklasse-Design. Ihr nacktes, technisch nahezu identisches Pendant Planet war eigentlich nur als Begleitfahrzeug gedacht, aber egal – man kann den jungen Leuten ja nix abschlagen.Drei Zweitakter bis hierher. Den enduristischen Part sollte die Husqvarna WRE 125 übernehmen: rattenscharf, ebenfalls zweitaktend, nur momentan leider aus. Gierig reißt sich die WRE-Fangemeinde um die lieferbaren Exemplare. Also Honda Varadero, auch schön – und der großen Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Trend-Kategorie Supermoto deckt die MZ 125 SM ab, und den Easy Rider mimt der dritte Viertakter im Bunde: Yamaha XVS 125 Drag Star. Nach Ansicht der Redaktion bestaussehender Achtelliter-Cruiser überhaupt. Long and low, dazu ein stilechter V2-Motor, mächtige Kotflügel und diese wunderbare Shotgun-Auspuffanlage.Wie daneben solche Einschätzungen mitunter jedoch sind, stellt sich spätestens beim Auftritt des nagelneuen Peugeot Jet Force heraus: Bremskraftverstärker, ABS, Perimeter-Rahmen – »pah!« – sagen die Youngster doch einfach, dass sie Roller nicht leiden können. Selbst Gasttester Matthias, im echten Leben auf Peugeot Speedfight unterwegs, wirkt allenfalls zwangsinteressiert. »Keinen Cent würde ich für so einen Fahrstuhl ausgeben«, erklärt Patricia, wurscht, was draufstehe oder drinstecke. Peugeot, Honda, Yamaha, piepenhagen: Wer gerade für teures Geld die Lizenz zum Motorradeln erworben habe, würde ’nen Teufel tun und freiwillig Plastik-Bomber fahren. Ach so. Und wir dachten, der Jet Force sei geil.Zweites Gruftie-Beispiel gefällig? Okay, bestellt schon mal den Grappa, Freunde italienischen Schicks. Ja, ja, auch die Cagiva Planet, unsererseits als pfiffiges Einstiegsmotorrad deklariert, landet knapp daneben. »Schon der Schalldämpfer sieht völlig panne aus«, platzt es aus Sebastian K. heraus. Beim MOTORRAD-Top-Tipp in Sachen 34 PS, namentlich Suzuki SV 650 S, herrscht – Schwein gehabt – wieder Einigkeit: »Wenn sie sich nur halb so schnittig fährt wie sie aussieht...« Design also. Davor und danach kommt lange nichts.Um 10.30 Uhr sind wir startklar: Patricia, Matthias, Richard, Sebastian G. und Sebastian K. plus eine Hand voll rüstiger Ü30 aus den Reihen der Redaktion. Auf nach Hockenheim, wo alle mit allem fahren dürfen. Bis dahin sind die offene Aprilia RS, Cagiva Planet und Suzuki SV für die Gäste leider gesperrt. Und jetzt gilt es erst mal, möglichst vollzählig aus Stuttgart rauszukommen. Scooterpilot Matthias muss trotz Murrens auf den Jet, was am sichersten scheint, da er als Einziger intus hat, dass so ein Automatikroller keinen Kupplungs-, sondern zwei Bremshebel am Lenker trägt.Per MZ möchten gleich drei Youngster die Stadtflucht antreten, klares Indiz fürs unproblematisch erscheinende Wesen der Supermoto. Patricia darf zuerst. Während sich Enduro-Freak Richard auf die Varadero rettet, Sebastian K. glücklich zur Mito greift – in der Hoffnung, seine 1,83 Meter zwischen den Lenkerhälften und Fußrasten der Mikro-Rennsemmel unterzubringen – und Sebastian G., ganz Gentleman, sich der vorzeitig abgestempelten Yamaha erbarmt. Arme kleine Drag Star: »Wäre sie kein Cruiser geworden, würde ich sie vielleicht mögen«, gibt der andere Sebastian zu Protokoll.Bis zur ersten Umleitung – Sebastian G. klagt bereits über Rückenschmerzen und derbe Schläge der Yamaha-Hinterhand – geht alles glatt. Danach fehlen Begleit-Bulli und Fotografen-Auto. Haben wohl etwas zu wenig Respekt bei diversen Wendemanövern walten lassen, vor lauter »die sind ja eh langsamer als wir«. Von wegen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: dass wir tatsächlich zu schnell unterwegs sind. MZ und Jet Force sind bar jeder Drosselung, der kleine Korso also streng genommen illegal. Wegen der dussligen 80-km/h-Regelung für 16-Jährige. An die sich im echten Leben – wie wir erfahren – kaum jemand hält. Nicht aus purer Lust an Bastelarbeiten, sondern um des nackten Überlebens und der Fahrfreude Willen.Wer jetzt die Nase rümpft und von früher faselt, als 65 km/h das Maß aller Dinge und die Erde noch eine Scheibe war, möge gerne mal mit Strich 80 vor einem 40-Tonner herrollen. Oder versuchen, das tolle Gefühl von Freiheit am Gasgriff einer Cagiva Mito zu beschreiben. Grob zwei Zentimeter Spielraum bleiben nach der wenig subtilen Drosselung per Schieberanschlag übrig. Fühlt sich verdammt nach Verarschung an.Dennoch rappelt sich die Mito zu gemessenen 105 km/h Topspeed auf. Sind lediglich drei weniger als bei der offenen MZ. Und ziemlich genau das, was man zum Leben braucht. Nur Honda und Yamaha halten sich wie abgemacht an die Spielregeln, riegeln die V2-Motoren ihrer Kandidaten rigoros ab. Egal, mit welcher List, egal, in welchem Gang: Bei 80 Sachen ist Zapfenstreich. Psychologisch schwierig, denn beide Motoren signalisieren deutlich, dass sie könnten, wenn »du« dürftest und eben keine 16 wärst.Beim Mittagessen Thema Nummer eins. Richard, der die 80-km/h-Nummer »schon irgendwie« versteht, weil er schon mal ’nen überforderten Kumpel in die Hecken fliegen sah, wendet ein, er hätte gar kein Problem mit dem Gesetz, wenn ihm die Maschinen wenigstens suggerierten, das Letzte an Leistungsfähigkeit aus sich herausgeholt zu haben. Aktiv ins Geschehen eingreifen, darum geht’s. Und darum bevorzugt die 125er-Community das Zweitaktprinzip: schalten und drehen, was das Zeug hält, aggressive Leistungscharakteristik, scharfer Sound.Nichtsdestotrotz heißt der Favorit zwischen Maultaschen und Kässpätzle MZ 125 SM. Klasse Design, prima Fahrverhalten, Motor, weil frei drehend und kernig vibrierend, okay. Hat sich der Aufwand der Zschopauer also gelohnt: Vier Ventile, zwei obenliegende Nockenwellen und Wasserkühlung bietet kein anderer 125er-Einzylinder. Dass die Federelemente der Supermoto zu weich sind, die Maschine bei Topspeed pendelt und beim Beschleunigen auf Bodenwellen zuweilen sogar mit dem Lenker schlägt, stört anscheinend nicht weiter.Mangels Alternativen sind sie nicht verwöhnt, die Teens. Nehmen das überdämpfte Fahrwerk der topstabilen Mito genauso hin wie die verwurmte italienische Elektrik, die Anlasserstreiks plus unkontrolliert vor sich hinleuchtende Kontrolllämpchen provoziert. Unzulänglichkeiten, die in krassem Widerspruch zur hochwertigen Ausstattung stehen: Alubrückenrahmen, Bananenschwinge, Upside-down-Gabel, 320er-Bremsscheibe – wie an der Aprilia RS, nur noch schöner und besser verarbeitet. Für umme gibt’s das freilich nicht. Mit 5000 Euro (ohne Nebenkosten!) reißt die Mito einen katastrophalen Krater ins Konto. An der gut 500 Euro günstigeren Honda schätzen die Gasttester vor allem das Platzangebot, da könne man doch endlich an eine ernsthafte Ich-und-du-gerne-mit-Kind-AG denken. Moniert wird der laue Motor, die lasche Gabel, das synthetische Design.Vorm Neustart nach dem Mittagsbreak laufen zähe Verhandlungen, wer Roller fahren muss. Abermals erbarmt sich Sebastian G. Mit 19 Jahren und einer Ducati Monster in petto hat er den ausgeprägtesten Sinn fürs Experimentelle. Und beginnt sich tatsächlich für den Jet Force zu erwärmen. »Geht doch ganz ordentlich – und das Fahrwerk: topstabil.« Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, Scooter taumelten auf ihren kleinen Rädchen völlig orientierungslos durch die Gegend, vermittelt der neue Peugeot ein vages Gefühl von Federungskomfort, Lenkpräzision und Zielgenauigkeit. Motorrad fahren ist allerdings anders.Vor allem in Hockenheim. Dort stehen Drag Star und Jet Force endgültig wie Blei, die Aktien der Planet dafür plötzlich hoch im Kurs: Echte 16 PS bei 8000/min machen sämtliche Design-Diskussionen vorübergehend vergessen. Befreit Gas geben. Endlich. Unsere Testcrew gibt alles, lässt sich nicht einmal von der eingebauten Handicapstufe an der nominell 29 PS starken Aprilia schrecken: »Umgedrehtes Schaltschema – okay, wie geht das?« Erster Gang oben, den Rest nach unten treten, wie bei einem echten Rennmotorrad. »Alles klar.« Mit schleifender Kupplung und minimal 6000 Umdrehungen in die Umlaufbahn: So muss 125er fahren sein! Fahrwerk, Motor, klasse. Aprilia RS forever. Begeistert vom Sound, von der aggressiven Leistungsentfaltung und den überraschend komfortablen Platzverhältnissen, krönen Matthias, Richard und Sebastian K. die RS zu ihrer persönlichen Testsiegerin.Patricia und Sebastian G. finden in der SV ihre große Liebe. »So leicht kann also 650er fahren sein«, erwägt Sebastian bereits den Tausch mit seiner Monster. Und Patricia erlebt endlich das Gefühl, »auf einem richtigen Motorrad« zu sitzen. Ein Motorrad, das allen A-Lizenzlern empfohlen sei, da es wohl kaum einen attraktiveren Start ins 34-PS-Leben gibt – komfortabel, agil, ausreichend stabil, gut gedrosselt und überhaupt: für 6330 Euro ein astreines Angebot. Pfiffiges Design und V2-Feeling inklusive. Und die Zukunft bringt stolze 70 PS.Was die Zukunft für den 125er-Markt bringen mag, weiß der Henker. Zumal die verschärfte Emissionsnorm Euro 2 (siehe MOTORRAD 10/2003) für Zweitakter das Schlimmste befürchten lässt. Also liebe Damen und Herren Industrie, mehr Sprudel bitte! Mehr Engagement in Sachen Achtelliter-Bikes. Sonst ist’s mit eurer Zukunft auch nicht mehr weit her. Wer heute keine Patricias und Sebastians subventioniert, ist morgen vielleicht schon von vorgestern.

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