20 Jahre Yamaha Ténéré Der Fernwehsessel

Nur 1495 Exemplare vom Typ 34L verließen vor rund 20 Jahren die deutschen Importeurshallen. Es hat gereicht. Für Ruhm.
Für Legenden. Und dafür, dass unerschütterliche Fans noch heute von einer Neuauflage der Ur-Ténéré träumen.

Foto: Künstle
Erfolgsmodell: Yamaha Ténéré
Erfolgsmodell: Yamaha Ténéré
Wir schreiben das Jahr 1983. Die USA besetzt die Karibik-
insel Grenada, der polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa erhält den Friedensnobelpreis, der STERN veröffentlicht die verschollenen Tagebücher Adolf Hitlers, und ich lerne, wie man eine XT 500 ankickt. Im selben Jahr stehe ich neben Motocross-Weltmeister Hakan Carlqvist und seiner Yamaha YZ 490. Ein Mörderteil. Luftgekühlt. 490 cm3. Rund 60 PS, scheinbar zwei Meter Sitzhöhe. Nicht zu vergessen: die Mono-Cross-Federung. Genial. Aluminium-Schwinge, Hebelsystem, nur ein Federbein. Riesig.
Als eingefleischter XT- und Yamaha-Fan war man anderes
gewohnt. Die 500er kargte mit 36er-Standrohren, Rasenmäher-
üblichen Federwegen und Low-Tech-Flair. Die 250er fiel durchs Macho-Raster, die ein Jahr zuvor präsentierte XT 550 war weder Fisch noch Fleisch. In der Reiseszene war der 25-Liter-Tank von
ES angesagt. Stahlblech, 2,5 Millimeter stark, Leergewicht um die zehn Kilo. Das Design erinnerte stark an einen Schuhkarton für Springerstiefel, Größe 49. Fast jeder Fernreisefreak hatte ihn
montiert, saß breitbeinig wie auf einem Gynäkologenstuhl und klagte demzufolge über Druckstellen am Oberschenkel. Gebannt blickten wir von Paris nach Dakar. Verfolgten die auf ungeheuerliche 600 cm3 aufgebohrten »Tanklaster«, wie sie mit ihren abnormen Federwegen die Unwegbarkeiten der Sahara ignorierten. Schlicht ein Traum.
Er sollte im Frühjahr 1983 in Erfüllung gehen. Sie kam wie
Paul aus dem Pool. Wurde einfach so präsentiert. Yamaha Ténéré stand in roten Lettern auf dem weißen, wunderschön
geformten 29-Liter-Tank. XT 600 auf den Seitendeckeln. 34L war im Lenkkopfrohr eingeschlagen, die Sitzhöhe gigantisch: 90 Zentimeter. Die Gabel ebenfalls. 41er-Standrohre, 255 Millimeter Federweg. Die 34L schien zu schön, um wahr zu sein. Eine Fata Morgana.
Allein diese Schwinge. Aus Aluminium, offene Achsaufnahme, Mono-Federbein wie bei den Crossern angelenkt, Federweg 235 Millimeter. Zum ersten Mal in der XT-Historie wurde vorn eine Scheibenbremse verbaut, Durchmesser 270 Millimeter, Stahlflexleitung obligatorisch. Mit 44 PS protzten die Werbeprospekte.
Absolute Geländetauglichkeit, Sitzkomfort wie ein Fernsehsessel und bis zu 700 Kilometer Reichweite sollten Kontinentdurchquerungen zum Wochenend-Projekt degradieren. Ehrfurcht. Unbeschreibliche Freude. Adrenalinexplosionen allein beim Anblick der ersten Fotos. Die kleine Postersammlung meines Dachzimmers bekam einen Star mehr. Umzingelt von BAP in Concert,
Bruce Lee im Sprung und Rolf Dieffenbach im Drift, erhielt der
Ténéré-Prospekt einen Ehrenplatz. Aus den Testberichten der 34L zitierten Fans wie Pastoren aus der Bibel. Die Ténéré schien heilig, bevor sie sich beweisen musste.
Im April 1983 war es dann soweit. Mein Kumpel Piewi wandelte Kredit in Traum, blätterte 6665 Mark auf den Yamaha-Tresen und nahm SIE in Empfang. Es war ein Freitagabend, 17:55 Uhr, leichter Schneeregen, als er um die Ecke bog. Und stürzte.
»Wär mit ’ner 500er nicht passiert«, unkte die XT-Gemeinde und monierte die Sitzhöhe, den hohen Schwerpunkt sowie die für
XT-Verhältnisse giftige Bremse. »Alles Bullshit«, dröhnte Piewi, »die 34L ist eben was für echte Männer.« Wir blickten zu Boden. Verbargen neidische Gesichter. Es würde drei Jahre dauern,
bis ich meine 34L besitzen sollte.
Genauer gesagt 41 Monate. Herbstlaub pflasterte die Straßen. Scharenweise hatten 34L-Modelle bei den Paris–Dakar-Rallyes 1985 und 1986 das Ziel erstürmt, Honda war mit einem Abklatsch, der schwungmassenarmen XL 600 LM auf Kundenfang, und der gute Ruf der Ténéré war beschädigter, als ein Softeis nach der Hitzewelle. Den Einbruch hatten die Yamaha-Techniker jedoch selbst auf dem Gewissen. Typ 1VJ, Sie erinnern sich. Oder etwa nicht? Nach drei Jahren Existenz wurde die Ur-Ténéré 1986 grundrenoviert. Verschlimmbessert. Der
ehemals für Wüstentrips konstruierten Maschine
wurde eine permanente Saunakur verordnet. Die Techniker hatten den Ölkühler aus dem frischen Fahrtwind über der linken Fußraste gerissen, ihn zwischen Tankflanke und Rahmen geschraubt und zusammen mit dem ebenfalls unter den Tank
gezwängten Luftfilterkasten genötigt, zeitlebens Motorabwärme einzuatmen. Damit dies auch
gelang, verpasste man dem neuen Modell extra tief gezogene Tankflanken. Im Innern eines Heißluftballons war’s kühler.
Die 1VJ-Modelle des Jahrgangs 1986 verreckten trotz stärkerer Ölpumpe beinahe alle. Starben
den Hitzetod. Durchgeblasene Zylinderkopfdichtungen, Kolbenfresser, ausgerissene Stehbolzen. Egal, was Yamaha danach auch unternahm, um den Ruf des havarierten Wüstenschiffs zu retten,
es scheiterte. So mutierte die Großmutter aller Extrem-Reiseenduros zur Legende. Aber wer konnte das damals, im Herbst 1986, schon wissen. Ich stand mit meiner 34L am Gipfel des andalusischen Mulhacen, in knapp über 3000 Meter Höhe, und
inhalierte Fernsicht. Dort drüben im Süden, scheinbar zum Greifen nahe, lauerte der schwarze
Kontinent. Und verbarg jene Dünenlandschaft der
Sahara, die als Namensgeber für mein Motorrad Pate stand. Ténéré. Übersetzt aus der Sprache der Tuareg: Land da draußen.
An jenem Tag, der andalusische Herbstwind rieb seine Feile an meine Wangen, schwor ich mir, mein Motorrad seiner Bestimmung zu übergeben. Eine rastlose Reise begann. Die Ténéré trug mich über vier Kontinente. Durch zehn Jahre. Und verkraftete
unter mir weit über 200000 Kilometer. Schnee.
Steine. Felsen. Flüsse. Schlamm. Sand. Verschliss vier Paarungen des fünften Gangs. Drei Kolben, sieben Kettensätze. Reifen, die ich nie gezählt habe. Seit Oktober 1998 wartet meine »erste Ehe« unter einem Laken in der Waschküche meiner Mutter. Der Grund: Hauptlagerschaden, nicht ohne ein neues, teures Gehäuse reparabel.
Fünf Sommer sind seitdem vergangen. Etliche Tausend Kilometer bin ich fremdgefahren. Auf über hundert verschiedenen Bikes. Und doch stellt sie sich sofort wieder ein, diese einstige Vertrautheit. Ich nähere mich IHR wie ein Cowboy, der flüsternd versucht, einem Wildpferd das Seil überzustreifen. Strahlend schön wie eh und je steht sie da. Eine 34L. Originalzustand. Knapp 22000 Kilometer. Der Lack jungfräulich, der Schalldämpfer rostfrei. Ein Kick genügt. Sofort schlittert der 95er-Kolben durch den Schacht, surrt die Schwungmasse in ihrer Umlaufbahn,
blubbert es aus dem Schalldämpfer. Und dann dieser Sitz. Breit. Weich. Hoch. Hinter diesem göttlich geformten Tank. Nie hat
jemand 29 Liter eleganter verpackt. Gang rein, Kupplung raus. Der Untergrund, ein Mix aus Kohlenstaub und Lehm, wirft sich wellenförmig vor die Räder. Federwege, euer Auftritt.
Springen. Wheelen. Driften. Anliegern. Enttäuschung. Ernüchterung. Sie greift nach mir, schüttelt meine Euphorie aus den
Knochen. Die Gabel: Schlaff wie ein Todgeweihter kämpft die Front gegen Bodenwellen. Die 44 Pferde: Völlig lustlos dribbeln sie hohen Drehzahlen entgegen. Versenden Vibrationen. Dazu das mechanisch-luftgekühlte Heavy-Metal-Konzert. Hart, klapprig, hell. Jede Verbrennung ein Hammerschlag. Ungeschützt und über Kühlrippen hinausposaunt. Und damit hast du Kontinente durchquert, denke ich mir. Umrunde die Schöne, und krame in meiner Erinnerung. Potzblitz, na klar. 15er-Gabelöl, stärkere Federn vorn und hinten, das war’s. Hier, dieser Steilhang. Stampfend wie ein Traktor erklimmt sie ihn, lupft auf Gasbefehl sogar ihr Rad über
tiefe Gräben oder Felsen. Trialt sich ganz nach oben. Wir finden den Rhythmus, gleiten über die Gemeinheiten dieses Terrains.
Zackig, beharrlich, meditativ. Genießen stille Pausen und harren letztlich vom höchsten Punkt dem Sonnenuntergang entgegen.
Goldenes Licht. Liebevoll fährt mein Zeigefinger über den breiten, komfortablen Sitz. Dem einzig echten Fernweh-
sessel, der jemals gebaut wurde. 2003 feiert die 34L ihr 20-jähriges
Jubiläum. Sie wird immer Legende bleiben. Ein extrem geländegängiges Motorrad mit 700 Kilometer Reichweite. Mit einem
für aktuelle Verhältnisse fast utopisch geringen Gewicht von 169
Kilogramm. Vollgetankt. Selbst wenn es 172 wären – heutzutage
wär’s egal. In der hintersten Ecke meiner Fantasie hat sich ein Traum manifestiert: Neuauflage. Gleiches Design, E-Starter, verstärkter fünfter Gang. Ich würde sofort kaufen. Mich draufsetzen, losfahren. Und auf das hören, was die 34L stetig haucht: Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens. Genieß ihn. Fahr.

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