200 Meilen von Daytona––––– (Archivversion) Voll die Härte–––––

Harley-Davidson-Star Scott Russell mußte nach einem Faustkampf auf die 200 Meilen von Daytona verzichten. Der verletzte Miguel Duhamel biß die Zähne zusammen und gewann.

Scott Russell liebt das Abenteuer. Von Yamaha entlassen und von Ducati verschmäht, unterschrieb der lebenslustige Amerikaner bei Harley-Davidson für die US-Meisterschaft - und soll jener Marke, die für die große Freiheit auf zwei Rädern steht, nun auch den sportlichen Erfolg bescheren.Mit ihrer rundlichen, altmodisch horizontal geteilten Verkleidung, dem wuchtigen, überlang bauenden 60 Grad-V2-Motor und dem kompliziert unter dem Benzintank verborgenen Ansaug- und Einspritzsystem wirkt die Harley VR 1000 keineswegs wie eine Siegermaschine. Trotzdem ließ sich Russell nicht lange bitten. »Letztes Jahr haßte ich das Rennfahren. Dieses Motorrad nahm mir jeden Spaß an meinem Sport, denn Siege blieben unerreichbar«, rechnet Russell mit der Zeit im Yamaha-Team ab. »Jetzt fühle ich mich wie neugeboren. Der Zweizylinder vibriert kräftig, doch wer vermutet, daß er schlecht läuft, irrt. In den Steilkurven kann ich ohne Mühe im Windschatten bleiben. Mit dem breiten Drehzahlband und dem satten Durchzug ist das Motorrad leichter zu kontrollieren als ein japanischer Vierzylinder und macht jede Menge Spaß. Die nötige Power ist da, wir müssen sie jetzt nur noch auf den Boden bringen.«Das freilich war das Hauptproblem. Das Team hinkte der Saisonvorbereitung in Daytona noch hoffnungslos hinterher, hatte Schwierigkeiten mit der neuen Einspritzanlage und verbrachte die meiste Zeit schraubend in der Box. Im ersten freien Training am Mittwoch drehte Russell nur vier Runden. Am Donnerstag, der offiziellen Qualifikation für die erste Startreihe, war Russell zunächst Dritter, rutschte dann aber unerbittlich ins Mittelfeld zurück - sein Team kämpfte abermals mit den Tücken der Technik.Vielleicht wäre ja alles noch gut geworden und ein Achtungserfolg im Rennen geglückt. Doch Scott Russell liebt auch andere Abenteuer, und das wurde ihm in der Nacht zum Freitag zum Verhängnis. Auf der Suche nach ein bißchen Spaß trieb sich Scott mit Freunden in der Stadt herum und landete im »Razzles«, einer Bar, in der es hübsche Mädchen, aber auch »Rednecks« gibt. Von Indianern einst wegen ihrer sonnenverbrannten Hälse so genannt, steht der Begriff heutzutage für Bleichgesichter mit fragwürdigem sozialem und intellektuellem Hintergrund, die Konflikte ungern mit Worten führen.Schon im letzten Jahr machte der damalige Suzuki-Pilot Aaron Yates schmerzhaft Bekanntschaft mit einem Redneck und mußte sich nach dem Besuch des Razzles einen Kieferbruch verdrahten lassen.Jetzt erwischte es Scott Russell: Ein unidentifiziert gebliebener Zeitgenosse hämmerte Russell die Faust an die Schläfe und hinterließ drei gebrochene Wangenknochen und eine beschädigte Retina am linken Auge. »Tut mir leid, daß das passiert ist. Ich habe den Zwischenfall in keiner Weise provoziert«, ließ Russell wissen.Mußte der Partylöwe wegen eines unnötigen Faustkampfs auf die 200 Meilen von Daytona verzichten, so biß eine andere Rennlegende trotz schwerer Verletzung die Zähne zusammen - und sorgte für eine Sensation nach der anderen. Im Juni 1988 war der kanadische Honda-Werkspilot Miguel Duhamel bei einem amerikanischen Meisterschaftslauf in Loudon, New Hampshire, auf feuchter Piste gestürzt und geradewegs in die Betonmauer der Steilwand gerutscht. Der linke Oberschenkel wurde zertrümmert, und weil Teile des Knochens vom Asphalt abgeraspelt wurden, wollten die amerikanischen Ärzte das Bein amputieren. Duhamel flüchtete nach Montreal, wo ein anderes Ärzteteam mit der Rekonstruktion des Knochens begann.Neun Monate und vier Operationen später tauchte der Kanadier auf eigenen Beinen in Daytona auf, humpelte aber immer noch am Stock und sah nicht wie ein Rennteilnehmer, geschweige denn wie ein möglicher Sieger aus.Doch schon am Freitag gelang dem 32jährigen die erste Überraschung, als er Kurtis Roberts den Sieg im 600er-Rennen mit einem gelungenen Angriff aus dem Windschatten vor der Nase wegschnappte. »Dank der schlagkräftigen neuen Honda war es leicht, nach vorn zu fahren, und ich dachte wirklich, ich hätte alles unter Kontrolle«, erklärte King Kennys zweiter Sohn. »Bis ich auf dem Weg zum Zielstrich plötzlich dieses rote Ding neben mir auftauchen sah!«Das »rote Ding« gehörte Duhamel, der sich mit dem unerwarteten Triumph selbst überraschte. »Ich bin erstaunt! Realistischerweise hatte ich gehofft, nicht aus den ersten Zehn abzurutschen. Mit einem Sieg hatte ich ehrlich zu keiner Sekunde gerechnet!«Das 600er Sprintrennen war eine Sache, zwei Stunden Schwerstarbeit bei den Daytona 200 aber eine andere. Jeder, der ihm einen Sieg prophezeit hätte, wäre von Duhamel »in die nächste Nervenheilanstalt verwiesen worden«.Doch gleich nach dem Start führte Duhamel schon wieder und lieferte Herausforderer Mat Mladin auf Suzuki einen Zweikampf, wie es ihn in der 58jährigen Geschichte des Klassikers noch nie gegeben hatte. Von der Startrunde bis zum Zieleinlauf waren die beiden selten mehr als zwei Motorradlängen voneinander getrennt. Duhamel hatte Schmerzen, genoß aber die überlegene Motorleistung seiner Honda, mit der er im Hochgeschwindigkeitsoval immer wieder um ein paar Meter davonziehen konnte. Obwohl Mat Mladins im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte war, hatte er mit seiner Yoshimura-Suzuki am Ende keine Chance. »Auf den letzten Metern versuchte ich, aus dem Windschatten anzugreifen. Vielleicht bin ich zu früh ausgeschert. Miguel schwenkte ab, und ich wurde in meinem eigenen Fahrtwind begraben!«Der Schlußspurt erinnerte an das Finale von 1996 mit anders verteilten Rollen. Hatte Duhamel den Windschatten Scott Russels damals zum Sieg genutzt, so scheiterte Mladin nun mit einem ähnlichen Manöver. »1996 steckte ich in Mats Schuhen und hatte Glück bei meinem Angriff. Heute war es anders, denn in Wirklichkeit hatte ich wenig zu befürchten. Mein Motorrad war schnell, und ich mußte nur ein paar Haken schlagen, um Mladin unter Kontrolle zu halten.«Duhamel gewann um 0,014 Sekunden oder eine halbe Motorradlänge. Nur 1996 ging es noch enger zu, als er Russell um 0,010 Sekunden besiegte. Das Rennen war nicht nur eines der engsten, sondern auch das schnellste der Daytona-Geschichte: Duhamel erzielte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 113,469 Meilen pro Stunde und löschte endlich den 113,143 Meilen-Rekord von Kenny Roberts, den King Kenny 1984 auf einem Zweitakt-Prototypen erzielt hatte.Das Tempo des Tandems war so hoch, daß Yamaha-Star Rich Oliver und der US-Meister Ben Bostrom mit seiner Ducati im Kampf um Platz drei um über eine Minute zurückfielen. Oliver, bis dato mehr für 250er Seriensiege in Daytona berühmt, sauste schließlich aus dem Windschatten an Bostrom vorbei und sicherte sich um zwei Tausendstelsekunden Platz drei.War ein Podestplatz mit der alten YZF 750 ein unerwarteter Erfolg für Yamaha, so erlebte der mit Siegambitionen angetretene Anthony Gobert eine herbe Enttäuschung. Im Training sicherte sich der wilde Australier die Rolex-Uhr für die Pole Position, im Rennen warf sein Hinterreifen aber frühzeitig Blasen und zwang ihn zu einem außerplanmäßigen Boxenstopp. »Solche Dinge passieren mir in Daytona immer wieder. Vielleicht ist mein Fahrstil zu aggressiv«, überlegte der Ducati-Star, der im Juni 1998 wegen Marihuanagenuß aufgefallen war und als Sühne zwei Monate Sozialdienst mit Aids-Kranken hinter sich gebracht hatte. »Natürlich bin ich enttäuscht, denn ich will Ducati ins neue Jahrtausend führen - und dann versuchen, die Halbliterklasse zu gewinnen, bevor sie auf Viertakter umgestellt wird.«Kam Gobert wenigstens noch als Elfter ins Ziel, so mußte Harley-Davidson ab Runde elf auch auf den Nummer zwei- Piloten Pascal Picotte verzichten. »Beim Herunterschalten ist der Gasschieber steckengeblieben«, begründete Picotte seinen Sturz. »Diesen Defekt gibt es bei uns öfters...“

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