24 Stunden von Le Mans/F (Archivversion) Deutsch-Französische Freundschaft

Max Neukirchner gewinnt auf der Werks-Suzuki die 24 Stunden von Le Mans, und das BMW-Werksteam zeigt sich zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder auf einer Straßen-Rennstrecke.

Annähernd 100000 französische Motorrad-Freaks pfiffen bei der Eröffnungszeremonie der 24 Stunden von Le Mans die italienische und die US-Hymne gnadenlos nieder, einmal wohl eine Nachwirkung der Fußball-WM und einmal grundsätzlich. Das Deutschlandlied kam unbeschadet davon. Mit dem Fallen der Zielflagge wurden unsere gallischen Nachbarn sogar vollends unsere besten Freunde.
Verantwortlich dafür waren ein junger Mann aus Sachsen und ein großes bay-
erisches Motorenwerk. Max Neukirchner (Foto oben, links), hauptberuflich im Team Suzuki Deutschland aufstrebend in der
Superbike-WM unterwegs, wird nämlich
in dieser Saison für die drei 24-Stunden-Rennen der Langstrecken-WM – Le Mans, Oschersleben, Bol d’Or – an das Suzuki-Werksteam ausgeliehen. Unter anderem auch, um mit der Langstrecken-Gage den angespannten Team-Etat in der Superbike-WM zu entlasten.
Max nahm diese Aufgabe ernst. Mit Top-Zeiten im Qualifikationstraining trug er dazu bei, dass die Suzuki mit der Startnummer zwei auf der Pole Position stand, und dies, obwohl ihm das Motorrad nicht gerade perfekt taugte. »Ein Langstrecken-Motorrad muss natürlich ein Kompromiss sein zwischen den drei Fahrern«, lernte
der Endurance-Novize schnell, »auch auf einen eventuellen Wetterwechsel muss mit wenig Aufwand reagiert werden können. So ist unsere GSX-R 1000 hier eigentlich viel zu weich abgestimmt.«
Aber Neukirchner surfte auch auf der weichen Welle perfekt. Unterstützt wurde er von William Costes, 2004 Langstrecken-Weltmeister und bislang vierfacher Sieger bei verschiedenen 24-Stunden-Rennen, sowie vom Elsässer Guillaume Dietrich.
Das Trio hielt sich, für Suzuki-Werksfahrer standesgemäß, während der ge-samten 24 Stunden auf einem der vorderen beiden Plätze auf – im Wechsel mit ihren Teamgefährten auf der GSX-R 1000 mit der Startnummer eins, Vincent Philippe, Julien da Costa, Matthieu Lagrive. Als gegen sechs Uhr morgens an der Nummer eins der defekte rechte Auspuff gewechselt werden musste, war die Team-interne Hierarchie hergestellt. Costes, Dietrich und Neukirchner hatten fortan, Boxenstopp-bereinigt, einen stabilen Vorsprung von rund einer Minute und fuhren den Le-Mans-Sieg 2007 souverän und ohne jegliche
Probleme nach Hause. Max Neukirchner hatte dabei die besondere Ehre, das Motorrad über die Ziellinie fahren zu dürfen,
eine weitere große französisch-deutsche Freundschaftsgeste. »Es ist unglaublich, vor ein paar Monaten hätte ich noch nicht mal im Traum gedacht, jemals ein 24-Stunden-Rennen zu fahren«, freute sich der erste deutsche Motorrad-Le-Mans-Sieger überhaupt, »und jetzt gewinne ich gleich mein erstes Langstrecken-Rennen.«
Genauso bester Stimmung war das nach 50 Jahren erstmals wieder bei einem Straßen-Rennen auftauchende BMW-Werksteam nach der Hatz rund um die Uhr. Der in Grundzügen auf der R 1200 S basierende Rennboxer hatte zwar mit seinen 140 PS rund 50 PS weniger als die 1000er-Vierzylinder-Konkurrenz, spielte seine Rolle als Underdog aber perfekt. Das noch
aus den Zeiten des BMW-Boxer-Cups mit der etwas anderen Art, ein Motorrad im Renntempo zu bewegen, bestens vertraute
Fahrertrio aus dem Österreicher Thomas Hinterreiter sowie den beiden Deutschen Rico Penzkofer und Markus Barth dirigierte die Renn-Kuh vom 37. Startplatz ohne jegliche Probleme als 16. durchs Ziel. Hernach ging’s in der BMW-Box zu wie nach einem Formel-1-Sieg. »Das Ergebnis ist so viel besser, als wir erwartet hätten«, jubel-te BMW-Motorrad-Motorsport-Chef Berti Hauser, »abgesehen von unserem Leistungsdefizit, das halt in unserem Grundkonzept – luftgekühlter Zweizylinder-Boxer mit Kardanantrieb – begründet ist, waren unser Motorrad, die drei Fahrer und auch die Boxencrew absolut konkurrenzfähig.«
BMW wird in diesem Jahr noch bei
den 24-Stunden-Rennen in Barcelona (kein WM-Lauf), Oschersleben und Magny-Cours starten und muss sich nach dem
ermutigenden Start in Le Mans schon jetzt die Frage stellen lassen, wie ein BMW-Rennmotorrad der näheren Zukunft aus-sehen könnte, das eben nicht mehr als
Underdog antritt. Kurzfristigen Brachialmethoden wie etwa dem Überstülpen eines Kompressors über den bestehenden Boxer oder – die Open-Klasse der WM kennt ja keine Limits – gar 1400 cm3 erteilt Hauser eine Absage: »Dies würde den bestehenden Motor deutlich überlasten und auf Kosten der Haltbarkeit gehen.«
Fragen nach etwas längerfristigen Konzepten, etwa mit höheren Zylinderzahlen, einem Kettenantrieb, also einem »echten« Superbike, beantwortete BMW-Motorrad-Entwicklungschef Peter Müller in Le Mans nur wenig abwehrend: »Zunächst ist das Rennboxer-Projekt auf zwei Jahre angelegt. 2008 können wir uns eine Ausweitung des Programms etwa mit den 200 Meilen in Daytona und den Acht Stunden von
Suzuka vorstellen. 2009 aber könnte es auch ein völlig anderes Projekt geben.“

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