25000 Kilometer mit dem Kymco Grand Dink 125 (Archivversion) Barockengel

Nicht nur die Crème de la crème des Zweiradbaus muss ihre Qualitäten in Langstreckentests unter Beweis stellen, sondern auch Modelle am unteren Ende der Leistungs-, Preis- und Prestigeskala. Gelegentlich sogar ein Roller. Warum gerade der Kymco Grand Dink 125? Zum einen wurde noch nie die Dauerhaltbarkeit eines taiwanesischen Produkts getestet, zum anderen werden die Kymco-Roller aufgrund der attraktiven Preise und guten Testergebnisse recht viel gekauft.
Der Grand Dink ist mit 3195 Euro Einstandspreis einer der günstigsten Vertreter seiner Klasse, reichhaltig ausgestattet und ordentlich verarbeitet. Wenn man sich mit dem eigenwilligen Design anfreunden kann, gibt es nur noch eine Hürde zu überwinden, um mit dem Dink glücklich zu werden: die Ergonomie. Die Sitzbank ist hoch und mit einer ausgeprägten Stufe versehen, der Fußraum kurz, dazu liegt der Lenker tief und weit hinten. So ergibt sich eine Sitzposition, die auf Dauer nur für kleinere Piloten komfortabel ist. Größere Menschen würde gern etwas zurückrutschen, was wegen der Stufe nicht möglich ist. Dafür hat der Sozius eine gute Aussicht über den Fahrer hinweg.
Wer mit der Ergonomie zurechtkommt, findet im Grand Dink aufgrund seines guten Wetterschutzes und des vibrationsarmen, sparsamen, wenngleich nicht sonderlich spritzigen Antriebs auch auf langen Strecken einen angenehmem Begleiter. Mit 11,3 PS lassen sich zwar nur kleine Bäume ausreißen, dafür verbraucht der Kymco beim geruhsamen Gleiten über Landstraßen deutlich unter drei Liter Normalbenzin, bei Vollgas-Autobahnetappen sind’s knapp vier. Im Durchschnitt liefen während des Dauertests exakt drei Liter pro 100 Kilometer durch den Vergaser.
Der Antrieb steckte die 25000 Kilometer locker weg, die Fahrleistungen lagen am Anfang und Ende auf demselben Niveau. Ein Ölverbrauch war nicht messbar. Weniger begeistern konnte das Fahrwerk. Die ohnehin schwache Dämpfung ließ weiter nach, die hinteren Federbeine konnten nur noch mit Gewalt vorgespannt werden.
Der Auslegung als Sofaroller entspricht die Fahrwerksabstimmung. Weich gefedert und sanft gedämpft rollt der Kymco durchs Land. Mit der Maxxis-Originalbereifung ist das Handling hart an der Grenze zur Kippeligkeit, der Geradeauslauf dementsprechend nervös. Nach 12500 Kilometern waren neue Pneus fällig. Der Umstieg auf Conti Twist verbesserte das Fahrverhalten. Der Hinterreifen musste kurz vor Testende noch einmal ersetzt werden, der vordere hielt die restlichen 12500 Kilometer durch. Die Scheibenbremsen gingen ihrer Aufgabe im besten Sinne unauffällig nach.
Über die Distanz erfreute das Sofa mit Zuverlässigkeit, unfreiwillige Aufenthalte in der Werkstatt oder am Straßenrand gab
es nicht. Der bei Halbzeit aufgetretene
Ölnebel an der Wasserpumpe lag an einem
defekten O-Ring. Einmal musste eine H4-Lampe getauscht werden. Trotz Halogenlampe ist die Lichtausbeute nicht überzeugend. Während viele Schraubenköpfe angerostet sind, glänzt die Karosserie nach 25000 Kilometern in anderthalb
Jahren wie am ersten Tag. Dennoch schätzte der Gutachter den Restwert des Grand Dink nur auf 1200 Euro, das entspricht 38 Prozent des Neupreises – ein hoher Wertverlust. Vielleicht liegt es an der Optik, vielleicht am Image. An der Qualität liegt es jedenfalls nicht. sgl

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