50 Jahre Puch-Besitzer In Treue fest

Vor 50 Jahren hat sie ihn samt Gattin in alpine Urlaubslandschaften getragen, heute gondelt Hubertus Fabich mit seiner 250er-Puch durchs Weserbergland. Sein Motto: Was man hat, das hat man.

Foto: Siemer
Vielleicht muss einer zuerst alles verlieren, damit er nichts mehr wegschmeißen kann: In der Werkstatt von Hubertus Fabich werden die Schrauben noch in Käseschachteln verwahrt oder in Wurstdosen. Vielleicht muss einer seine gesamte Existenz Stück für Stück selber aufbauen, damit die Dinge ihren Wert bekommen: 1954, ein paar Jahre nach Vertreibung und Krieg, erwarb Fabich sein erstes Neu-Motorrad. Auf Raten, klar, aber doch mit sicherer Arbeit im Rücken und prima Aussichten auf Überstunden. Es steht bis heute in der kleinen Werkstatt.
Das neue Motorrad! Eine Puch 250 TF für 1963 Mark. Inklusive Extras! Modische Doppelsitzbank und verchromte Auspuffrohre. Gekauft bei Lilje in Hannover, wohin es den gebürtigen Schlesier verschlagen hatte. Gerda war auf das schicke Alpenkrad aufmerksam geworden, »der Mann einer Arbeitskollegin kam da immer
mit vorgefahren«. Guck mal, die ist doch schick, hatte die frisch Verlobte ihrem Hubert zugeraunt, und der – noch ganz im Gedenken an das Geschnaufe der alten Zündapp beim Anstieg zur Loreley – hatte sich in Schulden gestürzt. Um zu gefallen.
Was gelang, denn diese Puch vereinte Tugenden, die bei den Frauen zählten: Erstens war sie nicht schwarz und allein deshalb schon schick. Zweitens galt die 250er – von einer leisen Neigung zu Kolbenklemmern bei Ebbe im Tank mal abgesehen – als höchst zuverlässig. Drittens war sie geräumig, was angesichts einer damals sehr bodenständigen Reisekultur zu begrüßen war. »Zeltgepäck rauf, Koffer festgeschnallt – und ab in die Alpen.« Die Träume von der großen Freiheit muten heute fast rührend an, dabei verlangte ihre Realisierung mehr Entschlossenheit, als der Outdoor-Pauschalist unserer Tage je aufbringen könnte.
»Zeit war ja knapp«, berichtet Hubertus Fabich. Er meint
Urlaubszeit. Deshalb ging’s meist schon auf Abend zu, wenn
die Puch in Springe, nahe Hannover gelegen, losknatterte. Geschlafen werden musste trotzdem, und weil Geld noch knapper war als Zeit, wurde das Zelt schon mal nahe einem Parkplatz aufgeschlagen. An der A 7! Woraus folgt, dass Verkehr am knappsten war. Wie sonst hätte Fabich im späten Dämmerlicht auf die kühne Idee kommen können, fürs Nachtlager noch schnell etwas Heu von der anderen Autobahnseite zu stibitzen? Früh weiter, knappe 100 km/h rannte die bepackte Puch, der Verbrauch pendelte um die vier Liter, drei, vier Tankpausen, schon tauchten die Alpen auf. »In einer Woche haben meine Frau und ich die ganze Alpenstraße von Berchtesgaden bis zum Bodensee abgereist und sind dann am Rhein entlang zurück.«
Montags wieder zur Arbeit, mit der Puch, sowieso. Später fand Fabich eine Stelle vor Ort. Ein Haus, Kinder, ein Auto. »1968 habe ich den Käfer gekauft. Und da gab’s ja nichts mehr für die Puch.« Andere Wertvorstellungen: Dem braven Zimmermann war sein Motorrad lieber als die Verschrottungsprämie. »Lief doch noch wie neu.« Was für Fabich kein Wunder war, denn nur sieben Jahre vorher hatte das brave Gefährt Übermaßkolben und neue Kurbelwellenlager bekommen. Bei einem wie ihm geht nichts kaputt. Bei einem wie ihm blitzt die Mitgliedsplakette des Puch-Clubs Hannover noch nach 50 Jahren, und auf dem vorderen
Kotflügel schwingt die kleine Schwalbe – Symbol der Reiselust – unverdrossen ihre verchromten Flügel.
Freilich darf nicht verschwiegen werden, was die Puch-Ingenieure zu dieser langjährigen Liaison beitrugen: Ihr herausragend robuster Doppelkolben-Zweitakter verweigerte sich mit zwölf PS bei 4500/min zwar dem schon damals entbrannten Leistungswettkampf, ließ sich dafür aber wundervoll kraftvoll in niedrigen Drehzahlen bewegen. Zwei Kolben auf einem Hubzapfen, darüber ein gemeinsamer Brennraum. Und zwei Zündkerzen, denn Hubertus Fabich hat – »irgendwann mal, weil sie es im Puch-Club empfahlen« – den Kopf des leistungsstärkeren SGS-Modells montiert.
Den Club, einst 15 Mitglieder stark, gibt es seit rund 40 Jahren nicht mehr. Seine Ausfahrten organisiert sich Hubertus Fabich mit ein, zwei Freunden nun selber. Zur Weser rüber. Oder Richtung Hildesheim. Manchmal wünscht er sich einen E-Starter, doch auf immer bleibt ihm unvergesslich, wie die Puch nach Jahrzehnten wieder an- und der Funke zu ihm übersprang: »So 1994 rum,
da war hier im Ort eine kleine Oldtimer-Ausstellung, und ein
Nachbar hat gemeint, mein Motorrad müsste dort auch stehen. Na, hab’ ich gedacht, in Ordnung ist sie ja.« Einige Tritte
genügten, klar, doch zuvor musste Fabich lernen, dass man nicht alles aufbewahren kann: »Der Tank war leer. Dabei hatte ich sie 1968 randvoll abgestellt.“

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