50 Jahre Velosolex (Archivversion) In Velo veritas

Das Velosolex kommt seit 50 Jahren daher wie Francois’ provencalischer Landwein - einfach aufgebaut, mit holprigem Charme und trocken im Abgang.

Eine filterlose Gauloise im Mundwinkel, die Baskenmütze auf dem Kopf und auf dem Gepäckträger ein Weidenkorb mit Baguette, Käse und Rotwein - Francois, Winzer aus Vaison la Romaine im Luberon, tuckert seinem Tagewerk entgegen. Augenzwinkernd grüßt er seine Copains, als er vor der »Bar du Midi« anhält und den Motor hochklappt. Die Augen lachen zwischen den feinen Fältchen seines von Wind und Sonne gegerbten Gesichtes noch immer, als er an der Bar gemütlich einen Café schlürft und den Wettzettel fürs »Tiercé«, die tägliche Pferdewette, ausfüllt. Dabei unterhält er sich mit seinen Copains über den auffrischenden Mistral und die Weinernte, die seit zwei Wochen vollends im Keller lagert. Der Jahrgang wird nur mittelmäßig, aber gerade recht zum Abendessen, der Sommer war eben nicht sonnig genug - tant pis, was soll’s. Jetzt müssen Francois und die anderen Winzer ihre Reben zurechtstutzen, damit die nächstes Jahr wieder sauber austreiben. Also an die Arbeit. Francois wirft Laurent hinter der Bar ein Fünffrancstück zu und geht nach draußen, wo er auf dem breiten Sattel seines Velosolex Platz nimmt. Er klappt den Motor auf den Vorderreifen herunter, tritt kräftig in die Pedale, und der Motor surrt los. Auf der Fahrt Richtung Mont Ventoux, an dessen Ausläufern seine Weinfelder liegen, beutelt ihn der Mistral kräftig durch. Es ist herbstlich kühl, und die Landschaft leuchtet in sämtlichen Ockertönen im Kontrast zum tiefblauen Provencehimmel. Da macht es ihm nichts aus, daß er dem Motörchen seines Velosolex per Muskelkraft helfen muß, die Weinberge zu erklimmen. Kritischer wird’s, wenn Francois am Abend die Flanken des Hausbergs herabrollt. Das Fahrverhalten des kopflastigen Solex mit dem Motor überm Vorderrad hat ihm in den letzten zwanzig Jahren schon drei unfreiwillige Ausflüge in die Reben beschert. Als 1946 die ersten Velosolexe durch Frankreich rollten, hatte Francois noch ein altes Fahrrad. Das Solex wurde zwar für den kleinen Mann angepriesen, aber der arme Francois hatte andere Sorgen, als auf ein Motorfahrrad zu sparen. Erst als in den fünfziger Jahren Brigitte Bardot im Film auf dem Solex durch Paris schnurrte, war’s um ihn geschehen. Nicht nur die üppige Dame, sondern auch ihr Gefährt hatten Francois’ Herz erobert. Als er zum ersten Mal auf dem bequemen Sattel seines eigenen Velosolex Platz nahm, fühlte er sich wie ein König. Das Solex sah damals aus wie ein buckliges Damenrad und fuhr sich auch entsprechend, aber immerhin hatte es einen Motor, und Francois mußte in der Ebene nichts tun als Gas geben, lenken und gelegentlich bremsen. An einem Sommerabend 1978 klappte das mit dem Bremsen bergab nicht so richtig - der erste Ausflug in die Reben kostete ihn sein heißgeliebtes Gefährt. Nachdem er am nächsten Tag das alte Solex mit verbogenem Rahmen aus dem Weinberg geborgen hatte, ging er direkt in die Stadt zum Motobecane-Händler und kaufte sich ein neues. Das war mit seinem geschraubten Stahlrahmen um einiges stabiler als das alte und verkraftete zwei weitere Ausrutscher ohne ernsthafte Schäden. 1988 wurde die Produktion des »Nasenwärmers«, so nennt Francois liebevoll sein Solex, bei Motobecane eingestellt. Glücklicherweise ließ Jacques Grenier, der Patron des MBK-Werks, die Fertigungsmaschinen fein säuberlich verpacken, denn fünf Jahre später kaufte die ungarischer Firma Impex die komplette Anlage auf und startete im Frühjahr 1995 erneut die Produktion. Das neue Velosolex heißt - entsprechend seiner ursprünglichen Bezeichnung - S 3800 und ist abgesehen von kleinen Details ein originalgetreuer Nachbau der letzten Velosolex-Baureihe französischer Herkunft. Zum 50jährigen Jubiläum 1996 gibt’s das Gefährt in vielen Farben: In Rot, Blau oder Grün, selbst in Weiß oder Gelb schnurrt es nun über die Straßen. Francois und anderen Solexfahrern entlockt das S 3800 nur ein müdes Lächeln: Immerhin kostet es umgerechnet fast 1500 Mark. 1978 mußte Francois nicht mal 600 Mark für seinen neuen Nasenwärmer hinblättern, und der trug noch dazu das Prädikat »Made in France«.

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