50. Tesch-Treffen (Archivversion) Coming home

Globetrotter sind gemeinhin Einzelgänger. Szene-Guru Bernd Tesch bringt sie trotzdem immer wieder als Familie zusammen.

Man kennt sich. Hat sich irgendwo schon mal getroffen. In Alice Springs an der Tanke, auf dem nigerianischen Konsulat in Kamerun oder am thailändischen Traumstrand. Was für Reise-Neulinge wie die Verwirklichung eines Wunschtraums anmutet, ist für knapp die Hälfte aller Besucher des Tesch-Treffens nebensächliche Plauderei.

Zum 50. Mal lud der mittlerweile 66-jährige Gottvater aller Fernreisenden zum Treffen. Termin-Ankündigungen in diversen Motorradzeitschriften locken jedes Mal aufs Neue Greenhörner in das Refugium nahe der belgischen Stadt Malmedy. Hier, auf einer Wiese am Waldrand, die sich bereits bei geringen Niederschlägen in einen Sumpf zu verwandeln droht, werden 48 Stunden lang Reiseweisheiten, Routenvorschläge und Insiderwissen gehandelt wie Gewürze auf dem Markt in Marakesch. Mit dem Unterschied, dass die Tipps umsonst sind. Jedenfalls abgesehen von den 30 Euro Gebühren, die Bernd Tesch für sein Treffen verlangt.

Ab Freitagmittag steht „der Bernd“ – wie ihn seine Fans nennen – auf der Wiese parat, um seine Jünger persönlich per Handschlag zu begrüßen oder sie flugs herzlich in seinen Rauschebart zu zerren. Rund 350 Motorradreisende waren zu seinem Jubiläumstreffen in diesem Jahr angereist. Für Novizen ist allein die Anfahrt zur Wiese ein Abenteuer. Denn zuvor muss, nein: sollte ein kleiner Bach namens Warche durchquert werden. 15 Meter ist der breit, 20 Zentimeter tief. Eine echte Herausforderung für so manche Fahrer. Die nämlich – so scheint’s – haben ihre Gefährte weltreisetauglich bepackt. Vom Katadynfilter bis zum Bündel Holz ist alles an Bord. Und das wiegt.

Gegen Abend schnappt sich der Meister ein paar dicht um den Bierverkauf Herumstehende und verteilt seine mittlerweile schon legendären Anweisungen: „Du, du und du – ihr geht schnell mal in den Wald, um Lagerfeuerholz zu sammeln. Und ihr da – ihr schichtet mit auf.“ Familiär geht’s zu, in der Tat. Bernd Tesch, optisch der große Bruder vom Räuber Hotzenplotz, ist ein Unikum. Er ist schrullig. Raubauzig. Dominant. Und auf seine Art unvergleichlich charmant. Sein erstes Treffen für Fernreisende im Jahr 1978 lockte noch wesentlich mehr Bulli- und Unimogfahrer als Biker in die Eifel. Heute sind Autos die Ausnahme, Tesch hat sich längst ganz den welten-bummelnden Bikern zugewandt. Er selbst hat sich den Fernreise-Bazillus auf seiner Afrika-Durchquerung 1970 eingefangen und ist seitdem unheilbar infiziert. Tesch lebt den Abenteurer auch daheim. Und überlebt vom Bücherverkauf, von Beratungsgesprächen, dem Zusammenstellen von Ausrüstungen für jedwede Reise und als Survival-Trainer. Ein Mann wie ein Fels.

Ein Mann, der ab Samstagmittag im Saal eines Gasthofs eine One-man-Mode-rator-Show par excellence auf der Bühne abzieht. Knapp ein Drittel seiner Gäste schleift er ins Rampenlicht: weiteste Anreise, mehr als zehn Mal dabei, Buchautoren, Journalisten, Weltumrunder, Weitreisende, Schnellreisende... Das ist vor allem für jene Anwesenden interessant, die gerade mit einer Afrika-Durchquerung oder ähnlich Abenteuerlichem liebäugeln. Es reicht, sich die Gesichter zu merken und die Betreffenden abends am Lagerfeuer anzusprechen – bessere Erste-Hand-Infos gibts nirgendwo. Dia-Shows mit fotografischen Leckerbissen aus den hintersten Winkeln der Erde runden den Samstagnachmittag ab. Im Anschluss fährt der Tross aus rund 300 Bikes zurück auf die Wiese. Und natürlich wieder durch den Bach.

Zweifelsfrei ist die vertraute Atmosphäre des Treffens das Besondere der Veranstaltung. Die entsteht zum einen dadurch, dass Teilnehmer, Reisende sich oft nach Jahren hier zum ersten Mal wieder sehen. Zum anderen hat Tesch für jeden Besucher ein offenes Ohr und sucht ständig nach Menschen, die wie er selbst eine extreme Passion für Fernreisen haben.

In den letzten 35 Jahren hat er mehr als 800 Bücher über dieses Thema katalogisiert und in einer Datenbank (www.tukutuku.de) zusammengestellt. Ans Aufhören denkt er nicht. „Solange ich noch den Fuß über die Sitzbank bekomme, wird es auch ein Tesch-Treffen geben.“

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