999 Euro-Bikes und die Folgen (Teil 1) (Archivversion)

Logisch: Für 1000 Euro bekommt
man eine Harley nicht mal als Unfall- Schrotthaufen. Zum lässigen Cruisen hät-te ich dennoch gerne einen hubraumstarken Vau-Zwo. Wunsch und Ebay-Realität liegen bei diesem Preislimit leider weit auseinander. In der übersichtlichen Suchmaschine finden sich über 1000
Kubikzentimeter keine und erst bei »501 bis 750 ccm« vereinzelte Offerten wie Kawa-saki Z 550 LTD oder Honda CB 650 Custom. Na ja, nicht besonders groovy, diese Vierzylinder. Also, – klick, klick – ein weiterer Versuch wohl oder übel in der Liga darunter. Treffer! Honda CX 500 C in Nachtblau. Nicht unbedingt meine Traummaschine, aber hey, auf so einem Bock habe ich damals meine Einser-Pappe gemacht. Fahrschule Niehoff, für 350 Mark. Waren das Zeiten, mir kommen fast die Tränen!
Den Softchopper gibt’s jetzt für 995 Euro zum »Sofort-kaufen«-Tarif, beim Steigern liegt das Mindestgebot bei 850 Euro. Und der Verkäufer wirbt, dass beim Sofortkauf die Zustellkosten bis vor die Haustür lediglich 70 Euro betragen. Sofortkauf ist mir ohnehin lieber, denn bei
Versteigerungen bin ich wohl mit einem Fluch belegt. Alle Artikel, bei denen ich
in letzter Zeit mitgemischt habe, wurden
in letzter Sekunde barsch überboten.
(Ein scheußlich lackiertes 80er-Jahre-Rennrad, ein antiquierter dänischer Kinderwagen, ein zerfleddertes Reisehandbuch – verdammt, wer außer mir will so etwas eigentlich haben?) Also jetzt auf Nummer sicher: Die Spontan-Liaison mit der Honda ist so gut wie geschlossen. Eine innere Stimme warnt indes: Ruhig, so schnell klicken die Preußen nicht! Lieber zunächst die Maschine virtuell genau inspizieren: Auf den Digitalfotos sieht sie einigermaßen gepflegt aus, 26 Jahre alt, knapp 63000 Kilometer, fahrbereit mit Tüv, kein Unfall, aber Gebrauchsspuren. Der Verkäufer aus dem Ruhrgebiet hat 100 Prozent positive Bewertungen. Das lässt hoffen.
Ich schicke eine Mail mit Fragen zum Zustand des Motorrads sowie zur Lieferung und erbete mir seine Telefonnummer, um weitere Details zu klären.
Die Antworten kommen prompt, allerdings telegrafisch knapp. Am Telefon ist der Anbieter aufgeschlossener und erzählt, dass er alte Stücke aus den Siebzigern und Achtzigern sammele und dann wieder losschlage, wenn’s zu voll werden würde im Stall. Die Frage, ob er ein Händler sei, verneint er: »Nee, alles privat und so.« Der angebotene Kardan-Chopper sei, soweit er das überblicke, im Originalzustand. »Vielleicht musst du beim Starten etwas orgeln, ist ja normal bei alten Motorrädern. Das Ding läuft, da mache ich mir keine Sorgen«, versichert er – und die Stimme klingt kumpelig. In zwei Tagen habe er wieder einen Transport gen Süden, folglich könne ich die CX schon am Wochenende haben, wenn das Geld sofort überwiesen würde. Das klingt geschäftig.
Nach dem Telefonat überprüfe ich noch mal vergleichbare Angebote im Internet. Eine steht für 1000 Euro zum Selbstabholen 400 Kilometer entfernt, die an-dere für 1300 Euro noch weiter weg bei
einem Händler – zu teuer, zu stressig.
Also dann: Risikokauf ohne Probefahrt
und der Ebay-Verkäuferbewertung vertrauen. Sekundenbruchteile später ist die 500er-Honda meine. Noch flugs in die Bank, um eine Eilüberweisung zu tätigen,
und hoffen, dass die Maschine tatsächlich wie verabredet bei
mir vor der Haustüre abgeliefert wird.
Sie wird. Der Überbringer – nach eigenen Angaben ein Bekannter des Verkäufers, der als Hobby-Spediteur mit einem VW-Transporter samt Anhänger agiert – kommt nach einer staubedingten Verspätung (die er telefonisch von unterwegs mitgeteilt hatte) mit zwei Alteisen, eins davon die CX, im Schlepptau. Abladen, Kaufvertrag auf dem Beifahrersitz unterschreiben, Fahrgestellnummern mit Papieren abgleichen, Schlüsselübergabe, ein paar unverbindliche Worte, Viel-Spaß-damit-Wünsche – und dann: tschüs. Uups, das ging schnell. Zu schnell?
Prüfend umrunde ich das Motorrad, beäuge kritisch das Äußere. Etwas Rost, ein paar Kratzer, aber insgesamt so wie beschrieben. Ein Blick in den Tank: wow, fast voll! Ich setze mich aufs Motorrad, steige wieder ab, betrachte es aus einem gewissen Abstand, gehe wieder näher ran. Und kann mich nicht erwehren: Ich freue mich auf diesen Bock, den ich schon in den Tiefen meines Unterbewusstseins verloren meinte. Für die erste Fahrt liegt eine rote Nummer parat. Schlüssel nach rechts, mein Daumen fummelt aufgeregt am Starterknopf. Der Motor lebt, ab geht’s! Ich cruise auf einer kleinen Landstraße dem Sonnenuntergang entgegen. Es ist kalt, und die 27 PS reißen nicht vom Hocker. Doch unter meinem Helm, da muss ich kichern und kichern und kichern, als hätte mir jemand was in den Tee getan. Und ich fühl’ mich sauwohl.

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