ABS – eine Frage der Zeit (Archivversion)

Der Schritt, für einige Mittelklasse-Bikes ABS einzuführen, sollte nicht der letzte auf dem Weg zur Verbreitung der Blockierverhinderer sein. Doch es muss Ausnahmen geben, meint MOTORRAD-Redakteur Werner »Mini« Koch.

Über tausend Testkilometer mit den ABS-Mit-
telklässlern machen klar, dass die Sache auch in der unteren Preisklasse super funktioniert. Talwärts über lehmverschmierte Pass-Sträßchen inklusive Schmelzwasserbächen, da ist’s mit dem Heldentum rasch vorbei. Mit ABS muss man dagegen nur ein bisschen den Hintern zusammenkneifen und rein in die Eisen. Wahnsinn, wie die beiden bremsen, wo ansonsten schon beim seichten Griff zur Vorderradbremse das Adrenalin aus den Ohren schießt. Oder der berühmte Reibwertsprung: Mit vollem Anker von Asphalt auf Gras und wieder zurück. Kostet Überwindung – geht aber. Heute. Vor zehn Jahren bin ich bei dieser Prüfung dem ABS-Entwicklungschef direkt vor die Füße geschlittert.
Klare Sache: ABS muss zum Standard bei bestimmten Motorrädern werden. Doch bitte mit entsprechenden Trainingsmöglichkeiten. Denn kein Mensch traut sich ohne Übung in brenzligen Situationen, wenn Sekundenbruchteile über Weiterfahren oder Stürzen entscheiden, einfach den Stachel reinzuhauen. Nicht mal die Testprofis. Deshalb, liebe Händler und Importeure, anstatt verführerischer Rabatte lieber mit einem soliden ABS-Training
locken, sonst nützt das Ganze nichts. Wohl kann ABS nicht nur einen Sturz übers blockierte Vorderrad verhindern, sondern verschafft einem auch die Sicherheit, auf allen Straßenbelägen den kürzestmöglichen Bremsweg zu realisieren. Doch auch der hat Grenzen. Zum Beispiel bei einer Vollbremsung aus mächtig viel Tempo. Steht ein Motorrad aus 100 km/h nach rund 40 Metern, hat MOTORRAD aus 140 km/h, also normalem Reisetempo, haarige 79 Meter gemessen. Fast doppelt so lang bei nicht mal anderthalbfacher Geschwindigkeit, das muss der Mensch erst mal gespeichert haben, sonst glaubt er’s nicht. Also: üben!
Und bitte die ABS-Sache nicht pauschalisieren. An meinem Supersport-Kracher will ich nix davon
sehen. Auf Wunsch gegen Aufpreis – von mir aus. Aber nicht serienmäßig von der Stange. Weil Supersportler auf jedes Gramm und jedes Kabelbäumchen gerne verzichten. Und weil Bremsen
auf der letzte Rille, mit rauchenden Gummis im leichten Drift, auch eine Herausforderung ist. Eine Schulung der Sinne und der Intuition. Und die ist beim Sport unverzichtbar.
Das Gleiche gilt für meine Hard-Enduro – kein
halbes Gramm mehr als unbedingt notwendig.
Und bitte schön, komm’ mir niemand mit der
glorreichen Idee, ABS per Gesetz durchzudrücken.

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