Alkohol und Führerschein (Archivversion) Schritt fur Schritt

Der erste Schritt ist schnell getan: vom Alkoholgenuss zum Führerschein-Entzug, vom Motorradfahrer zum Fußgänger. Die folgenden Etappen sind mühsam und langwierig. Außerdem bergen sie Überraschungen vielfältiger Art. Auch freudige.

Nach einer Woche kaufte sich Werner neue Schuhe. Sportliche Treter. Für die langen Wege hatten sich die Büroschlappen als ungeeignet erwiesen. Werner hatte seinen Führerschein abgeben müssen nach einer dieser Betriebsfeiern, bei denen alkoholfreie Getränke eher verpönt sind.
Werner erlitt eine Zeit der ungeahnten Erkenntnisse. Zum Beispiel, als er im Streifenwagen saß und sich fragte, warum er so auskunftsfreudig war. Ohne seine dämlichen Antworten hätten die Grünen erst mal gar nichts gegen ihn in der Hand
gehabt. Sein Rechtsanwalt erklärte ihm später: Angaben zu Ihrer Person: ja. Zur Sache: nein. Die können nämlich alles
gegen Sie verwenden.
Die »Sache« war ein ungeschicktes Ausweichmanöver. Fahrer unverletzt, Motorrad kaputt. Auf den Pannendienst wartend, hatte Werner neben seiner Maschine gesessen, als eine Polizeistreife ihre Tour für ein kleines Abenteuer unterbrach: Mal sehen, wie der in den Graben geraten ist.
Werner hätte nicht blasen sollen, die Dinger sind ungenau und der Weg zur Blutprobe zieht sich mitunter und den
Promillegehalt runter. Das Röhrchen zeigte 1,6 – Blutprobe, Krankenhaus, wo Werner den nächsten Fehler machte: Er zelebrierte widerstandslos die vom Arzt ange-
ordneten Faxen zur Feststellung seiner Gesamtverfassung: um die eigene Achse kreiseln, Finger blind vor der Nase zusammenführen, auf dem Strich gehen...
Stolz, wie gut er das alles hinbrachte, ahnte er nicht, was alle anderen wussten: Mit so viel Alkohol im Blut kriegt das nur einer hin, der ausreichend Übung hat. Übung im Trinken. Die Polizisten behielten den Führerschein.
Danach wartete er. Sechs lange Wochen auf den Strafbefehl, einen Monat auf die Strafvollstreckung. Ein Rechtsanwalt hätte ihm den Rat gegeben, sofort mit den Vorbereitungen auf eine Gerichtsverhandlung beziehungsweise die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) zu beginnen. Jene 1,6 Promille, die der
Polizist bei Werner gemessen hatte, sind
nämlich genau die Grenze, ab der eine MPU unumgänglich ist. Da kann es auf Richter und Sachverständige einen nachhaltig guten Eindruck machen, wenn der Delinquent unmittelbar nach der Tat damit beginnt, die Weichen anders zu stellen.
Auf dass eine Alkoholfahrt für die Zukunft glaubwürdig auszuschließen ist.
Zum Schlimmsten kam es dann doch nicht, weil der Arzt lediglich 1,4 Promille ermitteln konnte. Also Führerscheinentzug, keine MPU. Noch besser war: Ein dem Vollstreckungsbescheid beigefügtes Merkblatt informierte über die Möglichkeit einer Sperrfristverkürzung.
Nun endlich geriet Werner, der Fuß-
gänger, in Bewegung. Von der Sperrfristverkürzung wussten selbst die versier-
ten Kumpel seines Motorradstammtischs nichts. Dabei gilt diese Möglichkeit nicht nur unterhalb der 1,6-Promille-Grenze, sondern generell. Ein Führerschein-Entzug wird nämlich angeordnet, wenn Fahrerlaubnisbehörde oder Richter annehmen, dass dessen Inhaber zum Führen eines Kraftfahrzeugs nicht geeignet ist. Kann der Betroffene bereits vor Ablauf der Sperrfrist glaubhaft machen, dass keine Gründe mehr für diese Annahme sprechen, er sich zum Beispiel von der Freundin, die ihn in den Suff trieb, getrennt hat, ist ihm die Fahrerlaubnis wieder zu erteilen.
So weit brauchte Werner nicht zu gehen, für seinen Fall gibt’s eine einfache
Lösung: Durch den Besuch eines speziellen Aufbauseminars lässt sich die Sperrfrist um drei Monate verkürzen, und zwar ohne Prüfung. Diese Seminare kosten 350 bis 400 Euro und werden je nach Bundesland von unterschiedlichen Firmen (darunter dem TÜV) angeboten. Informationen gibt’s bei der Führerscheinbehörde.
Jetzt liefen bei Werner nicht nur die Schuhsohlen, sondern auch die Telefone heiß. Erstens war er durch seine Bummelei spät dran, zweitens musste er sich von
einem Irrglauben befreien, den er mit den meisten Bürgern teilt: dass nach Ablauf der Sperrfrist die Behörde den Führerschein automatisch wieder rausrücke. Von wegen: Es muss ein neuer Führerschein beantragt werden, ganz so, als sei es das erste Mal. Mit einer Ausnahme: Bis maximal zwei Jahre Führerscheinentzug wird keine Fahrprüfung verlangt. Darüber darf auch die noch mal abgelegt werden.
Das erfuhr Werner, als er sich zu
einem Aufbauseminar anmelden wollte. Die freundliche Dame erklärte ihm zwar, dass bei ihrem Unternehmen alles längst ausgebucht sei, fragte ihn aber auch, ob er überhaupt schon einen neuen Führerschein beantragt habe. Werner spürte Panik aufkeimen, die in der Folge geschürt wurde durch überforderte und überlastete Angestellte der Führerscheinbehörde. Erst nach beharrlichem Nachhaken fand er einen Sachbearbeiter, der ihm den Ablauf erklärte (siehe Kasten), und einen Seminaranbieter, der noch Plätze frei hatte. Er meldete
sich sofort an, absolvierte auf den letzten Drücker das nötige Vorgespräch (zehn
Minuten für 26 Euro), in dem ihm eröffnet
wurde, dass er eine Unbedenklichkeitsbescheinigung beibringen müsste, die ließe sich jedoch – Werner atmete auf – später nachreichen.
Nun galt es, drei Sonntage lang von morgens bis abends wilde Spekulationen eines Diplompsychologen über das In-
nenleben der sechs Seminarteilnehmer und die Gründe für deren Affinität zum
Alkohol zu ertragen, dann endlich war der Weg zum neuen Führerschein frei.
Ein entsprechender Antrag an das
zuständige Gericht ging zur Post. Dann wieder warten auf die Bestätigung der Sperrfristverkürzung. Der geplante Motorradurlaub rückte näher, Tag um Tag. Keine Post vom Gericht. Schließlich doch ein Schreiben: mit dem falschen Datum. Das Ende der Sperrfrist war um einen Monat nach hinten verlegt worden. Wieder Panik. Waren alle Kosten und Mühen umsonst?
Ein schriftlicher Einspruch, warten auf Antwort. Nichts. Ein Anruf bei Gericht.
Die Richterin: »Ein Versehen. Das kann ich nicht selbst korrigieren. Ich habe es zur nächst höheren Instanz geleitet.« Panik. Das Schreiben kommt letztlich doch. Exakt an dem Tag, ab dem der neue Führerschein bereit liegt.
»Die Sehtestbescheinigung?« »Hab’ ich dabei.« »Die hätten Sie uns vorher bringen müssen.« »Und jetzt?« »Sie bekommen
einen provisorischen Führerschein. Der gilt aber nur in Deutschland.«
Ab nach Hause. Rauf aufs Moped. Auch in Deutschland gibt’s schöne Strecken. Sie sind schöner als je zuvor.

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