Alpen-Masters 2006, 1. Teil (Archivversion) Operation Gipfelstürmer

Zwanzig Maschinen treten in fünf Kategorien zum ultimativen Wettkampf in den Alpen an. Wer kann in diesem Jahr am Fuße des Ortlers den Titel König der Alpen einfahren und die letztjährige Siegerin, die Suzuki V-Strom 650, beerben? Im ersten Teil zeigen die Allrounder, Tourer und Sportler ihr Können.

Es ist wie ein Tanz, ein Pas de Deux zwischen Mensch und Maschine. Anbremsen, einlenken, umlegen, ein wenig mit der Fußbremse korrigieren, wieder aufrichten, beschleunigen. Ein ästhetisch fließender Bewegungsablauf, der sich ständig wiederholt, fünf Mal, dreißig Mal. Wenn’s richtig läuft, stellt sich eine wunderbare Harmonie mit der atemberaubenden Bergwelt ein. Eine abwechslungsreiche Natur, im Tal eine überbordende Blütenpracht, in der Höhe gewaltig, schroff, manchmal fast unwirtlich. Gestein, Geröll und Fels, doch nicht kalt und tot, sondern voller Leben. Selbst wenn die Baumgrenze bereits weit unter uns liegt. Und über uns strahlt gleißende Sonne.
Kehre um Kehre, Rampe um Rampe schrauben sich die Motorräder empor. Wie ein dunkelgraues, flatterndes Band windet sich die Passstraße dem Zenit entgegen. Dem Reiz des Motorradfahrens in den Alpen muss man einfach erliegen. Hunderttausende Biker kommen jedes Jahr, aus gutem Grund. Hier komprimieren sich die Eindrücke und Erlebnisse, Kurven und Kehren folgen wie im Rausch, so rasch aufeinander, so abwechslungsreich. Das fordert Mensch wie Material. Schließlich kennen die alpinen Straßen jede Menge Unwägbarkeiten und Überraschungen wie unaufmerksame Autofahrer, Radfahrer am körperlichen Limit, überforderte Wohnmobilisten, Steinschlag, Erdrutsche, Kuhfladen oder Murmeltiere.
Gut, wenn man mental vorbereitet ist, rechtzeitig ahnt, wo man weshalb auf
der Hut sein sollte. Und weiß, wie man Haarnadelkurven richtig nimmt, damit man nicht – wie mehrfach beobachtet – stumpf im Kurvenscheitel umfällt oder in die Felswand getragen wird. Doch nicht nur fahrerisch, auch technisch trennt sich in den
Alpen die Spreu vom Weizen. Deswegen lohnt es sich dort ganz besonders, verschiedenen Motorradkonzepten auf den Zahn zu fühlen. Auf Alpenpässen wird jede Schwäche, ob von Fahrwerk, Motor oder Ergonomie, gnadenlos aufgedeckt.

Die Idee
2005 veranstaltete MOTORRAD zum ers-
ten Mal das große Alpen-Masters. Das Ziel: das optimale Motorrad für die besonderen alpinen Bedingungen zu finden. Ein Motorrad, das möglichst universell einsetzbar ist, dabei jedoch anspruchslos und einfach zu fahren. Eine Maschine, mit der man
lange Strecken komfortabel zurücklegen kann, die aber auch auf holperigen
Bergsträßchen unter voller Beladung nicht gleich kapituliert.
Im letzten Jahr stellten sich 20 Maschinen aus allen Kategorien diesem Test – und am Ende gab es eine faustdicke Über-
raschung. Es siegte kein PS-Protz, keine Groß-Enduro, kein Supertourer. Stattdessen kürte das Testteam 2005 die eher unscheinbare Suzuki V-Strom 650 zur
Königin der Alpen. Ein Beweis, dass unter solch harten Bedingungen nicht immer
die Stärksten, Größten und Teuersten die Nase vorn haben.

Die Motorräder
Auch in diesem Jahr traten wieder 20 Modelle zum alpinen Sommersport an. Klar, dass die Titelverteidigerin, die V-Strom, dabei sein musste. Trotz erstarkter Konkurrenz sicher mit aussichtsreichen Chancen, zumal sie mit einem renovierten Motor und ABS an den Start geht. Außerdem wählte die Redaktion 19 weitere Maschinen des Jahrgangs 2006, die in den Augen der Tester die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Die Maschinen verteilen sich auf fünf Kategorien: kleine, handliche Allrounder mit BMW F 800 S und Ducati Monster 695, Big Bikes und Naked Bikes ab einem Liter Hubraum, darunter Honda CBF 1000 und Yamaha FZ1, Sportler von der quirligen Triumph Daytona 675 bis zur kraftvollen Honda Fireblade, Funbikes und Enduros wie die spritzige KTM 950 Supermoto oder die mächtige BMW R 1200 GS Adventure und schließlich Tourer und Sporttourer zwischen der vielseitigen Honda Deauville und dem PS-Monster Kawasaki ZZR 1400.

Der Test
Neben der erfahrenen MOTORRAD-Testcrew beteiligten sich erstmals führende internationale Magazine, nämlich Moto Sprint aus Italien sowie Motociclismo aus Spanien. Die Regularien blieben gegenüber dem Vorjahr unverändert. Die Teststrecke war also wiederum die gut 60 Kilo-
meter lange Runde mit dem legendären Stilfser Joch als Höhepunkt und dem teils geschotterten Umbrail-Pass. Vorher jedoch mussten alle Maschinen noch Teile des MOTORRAD-Testparcours bewältigen. Und für das Alpen-Masters entwarf das Testteam eine eigene Punktewertung.
Ausgangspunkt in Südtirol war erneut das Biker-Hotel Tannenheim in Trafoi, wo am Ende eines langen Testtages quasi als Belohnung der berühmte »Vollgasteller« nebst einem kühlen Bier auf die ermattete Testgruppe wartete.

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